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Kontrapunkt
„Kontrapunkt ist nichts anderes, als einen Punkt [sprich: eine Note] gegen einen Punkt zu setzen oder zu machen, und er ist das Fundament des Discantus.“ – Anon …
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Grundidee und Bedeutung
Kontrapunkt bezeichnet eine Lehre und Kompositionstechnik, mit der zu einer vorhandenen Melodie oder einem Thema eine weitere, musikalisch passende Stimme erfunden wird. Die vorgegebene Melodie heißt Cantus firmus („fester Gesang“) oder Cantus prius factus, die ergänzte Stimme Gegenstimme. Als Kontrapunkt kann außerdem das Ergebnis dieses Verfahrens bezeichnet werden: eine einzelne Gegenstimme oder ein nach den Regeln gestalteter mehrstimmiger Satz.
Die Kontrapunktlehre organisiert das Verhältnis gleichzeitig erklingender Stimmen. Sie wurde seit dem 14. Jahrhundert ausgehend von Frankreich und Italien überliefert und weiterentwickelt. Kontrapunkt kann beim Improvisieren und beim Komponieren angewendet werden. Obwohl der Begriff heute häufig mit Polyphonie gleichgesetzt wird, sind beide nicht völlig gleichbedeutend: Polyphonie bezeichnet die Verbindung mehrerer melodisch selbstständiger Stimmen. Der ursprünglich vom Note-gegen-Note-Satz ausgehende Kontrapunkt schließt homophone Satzweisen, bei denen die Stimmen rhythmisch weitgehend gemeinsam verlaufen, nicht grundsätzlich aus.
Bis ins 18. Jahrhundert wurde Kontrapunkt weitgehend als Synonym für Satzlehre verwendet. Dazu gehörten neben den Grundregeln auch Techniken wie Imitation, Fuge, Kanon sowie doppelter und mehrfacher Kontrapunkt. Mit der Entstehung der Dur-Moll-Tonalität mussten die Intervallfolgen zusätzlich eine Dur- oder Molltonart deutlich machen.
Grundregeln des Note-gegen-Note-Satzes
Die ältesten Kontrapunktlehren behandeln vor allem den Note-gegen-Note-Satz: Zu jeder Note des Cantus firmus erklingt genau eine Note der Gegenstimme. Grundlage ist die Einteilung der gleichzeitig erklingenden Intervalle in vollkommene Konsonanzen, unvollkommene Konsonanzen und Dissonanzen. Konsonanzen gelten als klanglich stabile Zusammenklänge, Dissonanzen als spannungsreiche und besonders regelbedürftige Zusammenklänge. In den ältesten Regeln sind Dissonanzen vollständig ausgeschlossen.
Der Johannes de Muris zugeschriebene Traktat Quilibet affectans von etwa 1330 nennt zentrale Regeln:
• Ein Abschnitt soll mit einer vollkommenen Konsonanz beginnen und enden.
• Vollkommene Konsonanzen dürfen nicht in paralleler Bewegung aufeinanderfolgen.
• Wird eine vollkommene Konsonanz in gerader Bewegung erreicht, also bewegen sich beide Stimmen in dieselbe Richtung, muss eine Stimme dabei einen Sekundschritt ausführen. Eine solche Fortschreitung wurde später als verdeckte Parallele bezeichnet.
• Unvollkommene Konsonanzen sollen nicht öfter als viermal unmittelbar nacheinander parallel geführt werden.
Besonders empfohlen werden Fortschreitungen zur nächstgelegenen Konsonanz, Gegenbewegung und Sekundschritte in beiden Stimmen. Bei der Gegenbewegung steigt eine Stimme, während die andere fällt. Zur musikalischen Abwechslung können jedoch nicht immer alle Empfehlungen zugleich erfüllt werden. Ein von Ludovico Zacconi 1622 veröffentlichtes Beispiel zeigt einen solchen Satz mit dem Cantus firmus in der Unterstimme.
Dissonanzen und Gattungskontrapunkt
Eine beweglichere Gegenstimme entsteht durch kürzere Notenwerte und überwiegend schrittweise Bewegung. Sprünge können ausgefüllt und einzelne Töne umspielt werden; dadurch treten auch Dissonanzen auf. Johannes Tinctoris behandelte sie 1477 ausdrücklich. Er unterschied den contrapunctus simplex, den einfachen Note-gegen-Note-Satz, vom contrapunctus diminutus, einem „verkleinerten“ Kontrapunkt mit kleineren Notenwerten.
Dissonanzen sollen nach Tinctoris „maßvoll“ verwendet werden. Sie können auf einer unbetonten Taktposition stehen und schrittweise erreicht sowie verlassen werden; dann wirken sie als Durchgangsnote oder Wechselnote. Eine Durchgangsnote verbindet zwei andere Töne schrittweise, eine Wechselnote verlässt einen Ton schrittweise und kehrt zu ihm zurück. Möglich ist außerdem die Synkopendissonanz, besonders unmittelbar vor einer Kadenz, also einer musikalischen Schlusswendung. Eine Synkope verschiebt dabei einen Ton über eine metrische Grenze, sodass eine Spannung entsteht. Abspringende Nebennoten sollen von einem Terzsprung gefolgt und sparsam verwendet werden; sie werden später Fuxsche Wechselnoten genannt.
Johann Joseph Fux ordnete die Kontrapunktübungen in Gradus ad Parnassum von 1725 zu fünf „species“ oder Gattungen. Dadurch werden rhythmische Gestaltung und Dissonanzbehandlung schrittweise eingeführt:
• 1. Gattung: eine Note gegen eine Note.
• 2. Gattung: zwei Noten gegen eine; Einführung der Durchgangsnote.
• 3. Gattung: vier Noten gegen eine; Einführung der Fuxschen Wechselnote und der halbschweren Durchgangsnote.
• 4. Gattung: durchgängige Synkopen; Einführung der Synkopendissonanz.
• 5. Gattung: gemischte Notenwerte; sie heißt contrapunctus floridus, „blühender Kontrapunkt“.
Der Cantus firmus besteht in diesen Übungen immer aus ganzen Noten. Das Verfahren wird von der Zwei- bis zur Vierstimmigkeit gesteigert, und der Cantus firmus kann in jeder Stimme liegen. In der Regel ist jedoch nur eine Stimme nach dem Muster einer bestimmten Gattung gestaltet. Fux’ System beeinflusst die Kontrapunktdidaktik bis heute.
Kontrapunkt als Satztechnik und Stil
Tinctoris und spätere Autoren übertrugen die Regeln des zweistimmigen contrapunctus diminutus auf Sätze mit mehr als zwei Stimmen. Der einfache Note-gegen-Note-Satz blieb dabei die systematische und didaktische Grundlage der gesamten Kompositionslehre. Eine besonders einflussreiche Darstellung war der dritte Teil von Gioseffo Zarlinos Le istitutioni harmoniche aus dem Jahr 1558. Die Regeln änderten sich teilweise mit neuen musikalischen Stilen, vor allem bei der Behandlung von Dissonanzen und durch die Entwicklung der Dur-Moll-Tonalität.
Als Stilbegriff wurde Kontrapunkt bereits seit der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts auf die Kirchenmusik des späten 16. Jahrhunderts bezogen, besonders auf Giovanni Pierluigi da Palestrina. Fux’ Gradus ad Parnassum von 1725 verstärkte diese Orientierung, weil das Lehrwerk diesen Stil pflegen sollte.
Im 19. Jahrhundert setzte sich die Verwendung von „kontrapunktisch“ im Sinne von „polyphon“ durch. Neben dem „strengen“ Palestrina-Stil galt nun Johann Sebastian Bachs „harmonischer“ Stil als Gipfel des Kontrapunkts. Ernst Kurth beschrieb Bachs Musik als Verwirklichung eines „linearen Kontrapunkts“: Die Gestaltung der einzelnen melodischen Linien und damit der horizontale Verlauf gelten hier als Grundlage des Satzes. Fugen von Bach, etwa aus Das Wohltemperierte Klavier, sind typische Beispiele kontrapunktischer Polyphonie.
Umkehrbarer und beibehaltener Kontrapunkt
Doppelter Kontrapunkt bezeichnet allgemein einen zweistimmigen Satz, aus dem durch Versetzung einer Stimme ein weiterer regelgerechter Satz entsteht. Beim doppelten Kontrapunkt der Sexte kann beispielsweise eine Stimme um eine Sexte versetzt werden. Meist meint der Ausdruck jedoch umkehrbaren Kontrapunkt: Die bisherige Oberstimme wird zur Unterstimme und umgekehrt. Die häufigsten Formen sind der doppelte Kontrapunkt der Oktave, der Duodezime und der Dezime.
Die Regeln ergeben sich daraus, wie sich die Intervalle beim Versetzen verändern. Im doppelten Kontrapunkt der Oktave werden die Intervalle 1 bis 8 in umgekehrter Reihenfolge zu 8 bis 1: Aus einer Quinte wird eine Quarte. Daher muss die Quinte im Ausgangssatz so behandelt werden, als wäre sie eine Dissonanz; insbesondere dürfen keine Quartparallelen entstehen. Beim doppelten Kontrapunkt der Duodezime werden entsprechend die Intervalle 1 bis 12 zu 12 bis 1. Eine Sexte wird dadurch zur Septime und muss deshalb im Ausgangssatz wie eine Dissonanz behandelt werden.
Ein Beispiel bietet Wolfgang Amadeus Mozarts Requiem, Kyrie: Gegenüber den Takten 49 f. erscheint ab Takt 64 die Bassmelodie eine Dezime höher im Sopran, während die Melodie der Altstimme eine Dezime tiefer im Bass erklingt. Die vertikalen Intervalle verändern sich dabei so, als wäre nur der Bass um eine Duodezime nach oben oder nur die Oberstimme um eine Duodezime nach unten versetzt worden.
Mehrfacher Kontrapunkt erweitert dieses Prinzip auf drei, vier oder mehr Stimmen. Dreifacher, vierfacher oder weiterer mehrfacher Kontrapunkt der Oktave liegt vor, wenn sämtliche Stimmen durch Oktavierung beliebig vertauscht werden können und der Satz trotzdem kontrapunktisch gültig bleibt.
In einer Fuge heißt eine Gegenstimme beibehaltener Kontrapunkt oder Kontrasubjekt, wenn sie das Fugenthema bei dessen wiederholtem Auftreten immer wieder in nahezu gleicher Form begleitet. Erklingt diese Gegenstimme sowohl oberhalb als auch unterhalb des Themas, wird doppelter Kontrapunkt benötigt. In Johann Sebastian Bachs Fuge in c-Moll BWV 847 aus dem ersten Band des Wohltemperierten Klaviers bilden Thema und Kontrasubjekt beispielsweise einen doppelten Kontrapunkt der Oktave.