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Politische und soziale Geschichte des Islams

Dieser Artikel gibt einen Überblick über die politische, kulturelle und soziale Geschichte des Islams und leitet zu weiteren Hauptartikeln. Die …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Gegenstand und historische Grundlagen
  2. 2. Entstehung, Expansion und religiöse Spaltung
  3. 3. Gesellschaft, Recht und mittelalterliche Reiche
  4. 4. Großreiche, Kolonialismus und Reformbewegungen
  5. 5. Nationalstaaten, Islamismus und Konflikte im 20. Jahrhundert
  6. 6. 21. Jahrhundert: Protest, Medien und aktuelle Konflikte

Gegenstand und historische Grundlagen

Der Artikel stellt die Geschichte des Islams aus politischer, kultur- und sozialgeschichtlicher Sicht dar. Wegen der über 1300-jährigen Entwicklung und der großen geografischen Ausdehnung werden vor allem Grundzüge behandelt. Die islamische Welt wird zeitlich gegliedert und häufig in einen westlichen Teil, den Maghreb, und einen östlichen Teil, den Maschrek, unterschieden.

Ausgehend von der islamischen Urgemeinde in Arabien breitete sich der Islam in den ersten zwei Jahrhunderten über große Teile der Welt aus. Die Religion und die gemeinsame arabische Bildungssprache wirkten zunächst stark verbindend. Die Aneignung und Umformung antiker Kulturen führte zu einer frühen kulturellen Blüte. Islamische Gelehrte, besonders Ärzte, beeinflussten Europa bis zum Aufschwung der modernen Naturwissenschaften im Gefolge der europäischen Aufklärung.

Die Einheit der islamischen Welt verlor sich religiös durch die Trennung von Sunniten und Schiiten und politisch mit dem Ende der Umayyadenherrschaft sowie der Gründung des Emirats von Córdoba. Handel und Migration verbanden die Regionen weiterhin, doch entstanden unter unterschiedlichen Dynastien eigene politische und kulturelle Traditionen. Im 13. Jahrhundert veränderte der Mongolensturm, im 14. Jahrhundert veränderten schwere Epidemien die politischen Verhältnisse grundlegend. Arabisch blieb die Sprache des religiösen und rechtswissenschaftlichen Diskurses, während Persisch in weiten Teilen des Ostens zur wichtigsten Sprache der weltlichen Kultur wurde. In vielen östlichen Gebieten bildeten Türken die herrschende Elite.

Die islamische Geschichtsschreibung entwickelte Methoden zur Prüfung von Überlieferungen. Die Hadith-Wissenschaft untersucht die Aussprüche und Handlungen Mohammeds; die Bewertung der Überlieferungskette heißt Isnād, die Prüfung der Zuverlässigkeit der Überlieferer ʿIlm ar-ridschāl. At-Tabarī (839–923) wurde durch seine annalistische Universalgeschichte bekannt. Ibn Chaldūn (1332–1406) entwickelte in der Muqaddima eine historisch-kritische Geschichtsphilosophie und forderte, Überlieferungen nach ihrer Vereinbarkeit mit dem Gesamtbild einer Epoche zu prüfen.

Die moderne Islamwissenschaft hinterfragt Teile der traditionellen Darstellung, besonders für die Frühzeit. Die revisionistische Schule bezweifelt teilweise die historische Zuverlässigkeit später Prophetenbiografien und untersucht Entstehung und Überlieferung des Korans. Umstritten sind unter anderem die Thesen, der Islam sei zunächst eine Bewegung von Gläubigen einschließlich Juden und Christen gewesen, der Koran beruhe auf einer älteren syrisch-christlichen Schriftfassung oder Mohammed habe für die Entstehung des Islams eine andere Rolle gespielt als traditionell angenommen. Diese Positionen sind wissenschaftlich umstritten. Einigkeit besteht darin, dass die arabischen Eroberungen durch die Schwäche des Byzantinischen und des Sasanidenreichs erleichtert wurden und dass die neuen Herrscher zunächst vorhandene Verwaltungs- und Wirtschaftsstrukturen übernahmen.

Entstehung, Expansion und religiöse Spaltung

Vor dem Islam war Arabien politisch und gesellschaftlich nicht geeint. Die Halbinsel lag zwischen dem Byzantinischen Reich und dem Perserreich; wichtige Randstaaten waren die byzantinischen Ghassaniden und die persisch verbundenen Lachmiden. Mekka entwickelte sich an der Weihrauchstraße zur Handelsmetropole der Quraisch. In Arabien lebten Juden und Christen, die Mehrheit verehrte nach islamischer Überlieferung jedoch verschiedene Stammesgötter. Die Kaaba war schon vor dem Islam ein bedeutender Wallfahrtsort.

Mohammed wurde um 570 in Mekka geboren und hatte 609 in der Höhle von Hira erste Visionen. Nach Konflikten mit den Quraisch zog er im September 622 mit seinen Anhängern von Mekka nach Yathrib, später Medina. Diese Hidschra markiert den Beginn der islamischen Zeitrechnung. In Medina wurde Mohammed Schlichter und Oberhaupt der Umma, der Gemeinschaft der Gläubigen. Die Gemeindeordnung von Medina regelte Rechte und Pflichten der Gemeinschaft. Nach mehreren Auseinandersetzungen mit Mekka, darunter Badr 624, Uhud 625 und die Grabenschlacht 627, wurde 628 ein Waffenstillstand geschlossen. 630 übergaben die Führer Mekkas die Stadt an Mohammed. Bis zu seinem Tod am 8. Juni 632 dehnte sich sein Einfluss auf die gesamte Arabische Halbinsel aus.

Die vier „rechtgeleiteten Kalifen“ waren Abū Bakr (632–634), ʿUmar ibn al-Chattāb (634–644), ʿUthmān ibn ʿAffān (644–655) und ʿAlī ibn Abī Tālib (656–661). Unter ʿUmar wurden Syrien, Palästina, Ägypten, Teile Mesopotamiens und Irans erobert. Byzanz und Persien waren durch lange Kriege und die Justinianische Pest geschwächt. ʿUthmān ließ etwa zwanzig Jahre nach Mohammeds Tod den bis heute maßgeblichen Korantext redigieren. Unter ʿAlī führten Nachfolgestreitigkeiten zur Kamelschlacht 656 und zur Schlacht von Siffin 657. Mit seiner Ermordung 661 endete die Reihe der rechtgeleiteten Kalifen.

Muʿāwiya gründete die Umayyadendynastie, die von Damaskus aus 661–750 herrschte. Die Expansion reichte bis zum Indus und zur Iberischen Halbinsel. Nach der Schlacht von Kerbela am 10. Oktober 680 verfestigte sich die Spaltung in Sunniten und Schiiten. Schiiten sahen Imame aus der Nachkommenschaft ʿAlīs und Fatimas als rechtmäßige Führer an. Bis zum 9. Jahrhundert entstanden die Hauptzweige der Imamiten oder Zwölfer-Schiiten, Ismailiten oder Siebener-Schiiten und Zaiditen oder Fünfer-Schiiten.

Die arabische Expansion führte nach Syrien, Ägypten, in den Maghreb und in das Sasanidenreich. 636 siegten die Araber am Jarmuk, 642–697/98 wurde der Maghreb erobert, und 674–678 sowie 717–718 wurde Konstantinopel belagert. Das Sasanidenreich verlor nach al-Qādisīya, wahrscheinlich 636, und Nehawand 642 seine Macht; Yazdegerd III. wurde 651 in Merw ermordet. Der Islam gelangte außerdem nach Indien und durch Händler und Sufi-Missionare nach Südostasien und China. 1402 wurde Malakka gegründet, 1511 von Portugal erobert.

Die Abbasiden regierten 749/750–1258. Sie gründeten Bagdad als Zentrum und förderten Wissenschaft, Philosophie und Theologie. Im 9. und 10. Jahrhundert lösten sich zahlreiche Lokaldynastien, darunter Idrisiden, Aghlabiden, Tuluniden, Ichschididen, Tahiriden und Samaniden, zunehmend von der Zentralherrschaft. Die politische Einheit war damit faktisch verloren, auch wenn das Kalifenamt weiterhin als Legitimationsquelle diente.

Gesellschaft, Recht und mittelalterliche Reiche

Die islamische Gesellschaft war durch die Spannung zwischen der Einheit des Glaubens und großer kultureller Vielfalt geprägt. Grundlagen der Normenfindung sind der Koran und die Sunna, also die in Hadith überlieferten Aussprüche und Handlungen Mohammeds. Weitere Quellen sind der Konsens qualifizierter Gelehrter, Idschmāʿ, und der Analogieschluss, Qiyās. Eigenständiges Urteil heißt Idschtihād. Die islamische Rechtstheorie, Usūl al-fiqh, untersucht diese Quellen. Das daraus entstandene Regelwerk für den gottgefälligen Lebensweg, die Scharia, umfasst religiöse und säkulare Lebensbereiche.

Neben den Rechtsgelehrten, den ʿUlamā', und den Herrschern prägten die Sufis, also islamische Mystiker, die Gesellschaft. Die ʿUlamā' legten religiöse Gebote aus, waren aber nicht zentral organisiert wie eine christliche Kirche. Sufi-Meister und Bruderschaften boten einen emotionalen Zugang zur Religion und verbreiteten den Islam unter anderem in Nordindien, im Senegal und in Kasachstan. Herrscher stützten ihre Macht auf Militär und Verwaltung; das Sultanat machte die politische Macht zunehmend von der religiösen Autorität des Kalifen unabhängig. Daraus entstanden dauerhafte Spannungen zwischen politischer und religiöser Autorität.

Ibn Chaldūn erklärte den Aufstieg und Fall von Dynastien mit der ʿAsabīya, also innerer Bindung, Sippenloyalität und Solidarität. Nomadische Gruppen besäßen eine starke ʿAsabīya, während der Zusammenhalt städtischer Dynastien über mehrere Generationen schwächer werde. Dann könne ein Stamm vom Land die Stadt erobern und eine neue Dynastie gründen. Ab dem 10. Jahrhundert verband sich dieser Gegensatz mit dem Eindringen turkischer Völker und dem Aufeinandertreffen persischer Erbmonarchie und nomadischer Nachfolgeregeln.

Im Westen bestand al-Andalus von 711 bis 1492 unter islamischer Herrschaft. Córdoba wurde besonders im Kalifat von Córdoba (929–1031) ein bedeutendes Zentrum von Wissenschaft, Kultur und Wirtschaft. Nach der Eroberung Toledos 1085 und dem Vordringen der Reconquista blieb zuletzt das Emirat Granada, das am 2. Januar 1492 an Ferdinand II. von Aragón und Isabella von Kastilien übergeben wurde. Im Maghreb folgten auf Aghlabiden und Fatimiden die Almoraviden, Almohaden, Meriniden, Abdalwadiden und Hafsiden. In Ägypten herrschten unter anderem Tuluniden, Ichschididen, Fatimiden, Ayyubiden und Mamluken. Saladin gründete die Ayyubidendynastie und eroberte 1187 Jerusalem zurück. Die Mamluken regierten Ägypten ab 1250 und schlugen 1260 die Mongolen bei ʿAin Dschālūt.

Im Osten begründeten die Seldschuken die Dominanz turkstämmiger Herrscher. 1071 besiegte Alp Arslan Byzanz bei Manzikert. Nizām al-Mulk führte persische Verwaltungsstrukturen, Dīwāne und Nizāmīya-Universitäten ein. Das Reich zerfiel nach 1092. Die Choresm-Schahs errichteten im 12. und frühen 13. Jahrhundert ein mächtiges Reich, das ab 1219 durch die Mongolen zerstört wurde. 1258 eroberten die Mongolen Bagdad und beendeten das Abbasidenkalifat. Das Ilchanat übernahm große Teile Irans; unter Ghazan konvertierte ein großer Teil der mongolischen Oberschicht zum sunnitischen Islam. Nach dem Zerfall des Ilchanats eroberte Timur ab 1360 große Gebiete. Unter den Timuriden wurde Samarkand ein bedeutendes Kulturzentrum.

Großreiche, Kolonialismus und Reformbewegungen

Im 15. und 16. Jahrhundert entstanden drei langlebige Großreiche: das Osmanische Reich, das Safawidenreich und das Mogulreich. Wegen ihrer Feuerwaffen werden sie auch „Schießpulvermächte“ genannt. Im Osmanischen Reich herrschte der Sunnismus, während die Safawiden den schiitischen Islam zur Staatsreligion machten.

Das Osmanische Reich entstand um 1299 aus einem Beylik in Kleinasien und bestand bis 1922. Es beherrschte zeitweise Kleinasien, den Balkan, große Teile des Nahen Ostens und Nordafrikas. Hauptstadt waren nacheinander Bursa, Adrianopel und ab 1453 Konstantinopel. Im 18. und 19. Jahrhundert verlor das Reich durch europäische Mächte und nationale Unabhängigkeitsbewegungen große Gebiete. 1923 entstand nach dem Türkischen Befreiungskrieg die Republik Türkei. Das Safawidenreich bestand 1501–1722. Schah Ismail I. etablierte den schiitischen Islam als Staatsreligion; Abbas I. konsolidierte das Reich und machte Isfahan zu einem bedeutenden Zentrum. 1722 wurde Isfahan von aufständischen Ghilzai erobert, 1736 stürzte Nader Schah die Dynastie. Das Mogulreich bestand 1526–1858. Babur eroberte das Sultanat von Delhi, Akbar und Aurangzeb erweiterten das Reich. 1858 setzten die Briten den letzten Großmogul ab.

Seit dem 18. Jahrhundert entstanden regionale Reformbewegungen. Im Sufismus verbreiteten sich unter anderem die Idrisiyya, Sanūsīya, Chatmiyya und Raschidiyya. Muhammad ibn ʿAlī asch-Schaukānī (1760–1834) bevorzugte den Idschtihād gegenüber der Nachahmung, Taqlid. Muhammad ibn ʿAbd al-Wahhāb verband seit 1744 seine puristische Lehre mit dem politischen und militärischen Bündnis Muhammad ibn Saud. Usman dan Fodio gründete nach dem Dschihad von 1804 das Kalifat von Sokoto in Nordnigeria.

Im 19. Jahrhundert führten Ägypten, das Osmanische Reich und Iran Reformen durch. Die Tanzimat-Reformen ab 1839 modernisierten Verwaltung, Militär, Justiz und Wirtschaft; 1839, 1856 und 1876 wurden schrittweise Gleichheit und Gleichbehandlung der Untertanen unabhängig von ihrer Religion eingeführt. Finanzkrisen, der Staatsbankrott von 1875 und europäische Schuldenverwaltung verstärkten die Abhängigkeit. Kolonialmächte teilten große Teile der islamischen Welt untereinander auf. Verkehrswege, Suezkanal, Eisenbahn, Telegrafie und Buchdruck intensivierten zugleich die Kommunikation und erleichterten Reformdiskussionen.

Reformdenker verbanden moderne Institutionen unterschiedlich mit islamischen Normen. Rifāʿa at-Tahtāwī befürwortete vor allem moderne Verwaltung und Wirtschaft. Hayreddin Pascha begründete Reformen religiös mit dem Gemeinwohl, maṣlaḥa, und dem Idschtihād. Muhammad ʿAbduh und Raschīd Ridā entwickelten die Idee des Islāh und der Salafiyya, die moderne Lebensbereiche aus dem Islam heraus verstehen und rechtfertigen wollte. In Indonesien verbanden Muhammadiyah und Nahdlatul Ulama Bildung und Wohlfahrt; die Ahmadiyya entstand als eigenständige Reformgemeinschaft, wird aber von den meisten Muslimen als Häresie abgelehnt.

Nationalstaaten, Islamismus und Konflikte im 20. Jahrhundert

Nach dem Ersten Weltkrieg zerfiel das Osmanische Reich. Das Sykes-Picot-Abkommen und die Mandatsordnung schufen neue Nationalstaaten, deren Grenzen historische, ethnische und religiöse Zusammenhänge teilweise ignorierten. Großbritannien kontrollierte unter anderem Irak, Jordanien und Palästina, Frankreich Syrien und Libanon. Die neuen Staaten mussten ihre Unabhängigkeit und eigene Identitäten entwickeln. In Zentralasien unter sowjetischer Herrschaft wurden islamische Gerichte und Schulen geschlossen, Waqf-Stiftungen abgeschafft und religiöse Institutionen entislamisiert. Nach dem Zerfall der Sowjetunion entstanden Kasachstan, Kirgisistan, Tadschikistan, Usbekistan und Turkmenistan.

In der Türkei setzte Mustafa Kemal Atatürk einen laizistischen Nationalstaat durch und ersetzte die islamische Identität des Osmanischen Reiches durch einen türkischen Nationalismus. Saudi-Arabien wurde 1932 vereinigt und als absolutistische Monarchie organisiert. Jordanien ist seit 1952 eine konstitutionelle Monarchie; Marokko wurde 1956 unabhängig und blieb konstitutionelle Monarchie. Im Iran regierte die Pahlavi-Dynastie; Reza Schah führte eine vom islamischen Recht unabhängige Rechtsordnung ein. Die „Weiße Revolution“ von 1963 zielte auf Landreform, Stärkung der Frauenrechte, Privatisierung staatlicher Unternehmen und Bekämpfung des Analphabetismus.

Viele Staaten wurden im mittleren Drittel des 20. Jahrhunderts von säkularen Nationalisten und Vertretern des Arabischen Sozialismus geführt. Nasserismus, Baathismus und Panarabismus setzten auf nationale Identität, Bildung und staatliche Wohlfahrt. Die Vereinigte Arabische Republik aus Ägypten und Syrien bestand nur von 1958 bis 1961. Nach dem Sechstagekrieg 1967 verlor der arabische Nationalismus gegenüber dem islamischen Fundamentalismus an Bedeutung.

Die Weltwirtschaftskrise von 1929 traf rohstofforientierte Kolonialwirtschaften besonders stark. Preisverfall, Agrarkrise und Landflucht führten zu informellen Elendsvierteln. Muhammad Baqir as-Sadr entwickelte mit „Unsere Wirtschaft“ Grundlagen eines islamischen Bank- und Wirtschaftswesens, das sich sowohl gegen Kapitalismus als auch Sozialismus abgrenzte und öffentliches sowie privates Eigentum religiös begründete.

Der islamische Fundamentalismus verstand den Islam als politisches Ideen- und Wertesystem. Abū l-Aʿlā Maudūdī forderte einen islamischen Gottesstaat. Hasan al-Bannā gründete 1928 die Muslimbruderschaft; Sayyid Qutb deutete die Gegenwart als neue Dschāhilīya und stellte der menschlichen Volkssouveränität die göttliche Herrschaft, ḥākimiyyat Allāh, entgegen. Die Islamische Revolution im Iran 1979 errichtete unter Chomeini eine Islamische Republik. Ölreichtum und Waffenimporte stärkten seit den 1970er Jahren bestimmte islamische Bewegungen, aber auch autoritäre Militärregime. Im ersten Golfkrieg kämpfte der Irak 1980–1988 gegen Iran; im Zweiten Golfkrieg 1990–1991 wurde die Annexion Kuwaits durch eine internationale Koalition verhindert. Der Irakkrieg 2003–2011 erfolgte ohne UN-Mandat und gilt als völkerrechtswidrige Invasion; der Aufstieg des Islamischen Staates wird teilweise als Folge dieses Krieges betrachtet.

Nach 1989 globalisierte sich der dschihadistische Islamismus. Al-Qaida entstand als transnationale Organisation mit dem Ziel eines globalen Dschihad gegen die USA und Israel. Die Muslimbruderschaft nahm je nach Land unterschiedliche politische Rollen ein; in Ägypten wurde sie nach der Staatskrise 2013/14 verboten und als Terrororganisation eingestuft. Hasan at-Turabi verband im Sudan islamistisch-konservative mit pluralistischen Vorstellungen, unterstützte jedoch zeitweise autoritäre islamistische Regime.

21. Jahrhundert: Protest, Medien und aktuelle Konflikte

Seit den 1990er Jahren wenden sich Teile der jüngeren Generation vom politischen Islam des Islamischen Erwachens ab und verstehen den Islam eher als Grundlage eines demokratischen Verfassungsstaats. In Iran vertraten Abdolkarim Sorusch und Muḥammad Mudschtahid-Schabistari eine säkulare und pluralistische Interpretation. Präsident Mohammad Chatami sprach von einer „religiösen Demokratie“. Die umstrittene Wiederwahl Mahmud Ahmadineschads führte 2009 zu wochenlangen Protesten; 2016 erhielten Reformparteien nach vorläufigem Ergebnis 38 % der Stimmen. In Indonesien lehnte Nurcholish Madjid den islamischen Staat ab, während Nahdlatul Ulama Demokratie und bürgerlichen Pluralismus propagierte.

Das Internet verringerte die Distanz zwischen Sendern und Empfängern und ermöglichte transnationale Online-Gemeinschaften. Koran und Hadith wurden früh digital verbreitet; Regierungen, Reformbewegungen und terroristische Gruppen nutzen das Netz für Information, politische Mobilisierung oder Propaganda. Der Anteil der arabischen Bevölkerung mit Internetzugang stieg von 0,4 % im Jahr 1997 auf 42 % im Jahr 2014. Sender wie Al Jazeera, seit 1996, und al-Arabiya, seit 2003, verbreiten Nachrichten über Satellit und Internet. Regierungen reagieren teilweise mit Internetzensur.

Der Arabische Frühling begann am 17. Dezember 2010 in Tunesien nach der Selbstverbrennung Mohamed Bouazizis. Proteste führten zum Sturz oder Rücktritt mehrerer Herrscher: Ben Ali floh aus Tunesien, Husni Mubarak trat in Ägypten zurück, Ali Abdullah Salih schied 2011 aus dem Amt. In Libyen führte der Aufstand 2011 mit NATO-Unterstützung zum Sturz Muammar al-Gaddafis; in Syrien dauert der Bürgerkrieg seit 2011 an. In Ägypten folgten 2013/14 eine Staatskrise, ein Militärputsch und die Wahl Abd al-Fattah as-Sisis.

Der Zerfall staatlicher Ordnung im Nahen Osten führte nicht unmittelbar zu pluralistischen Demokratien, sondern verschärfte ethnische und religiöse Konflikte. Im Bürgerkrieg in Syrien und in der Irakkrise verloren die nach 1918 gezogenen Grenzen teilweise ihre praktische Bedeutung. Rivalitäten zwischen Saudi-Arabien, Iran und der Türkei wirken regional. Das Fehlen stabiler staatlicher Institutionen stärkt Sippen, Stammesverbände und religiöse Organisationen und kann Gruppen wie den Islamischen Staat begünstigen. Als aktuelle Entwicklungen nennt der Artikel den Bürgerkrieg in Syrien seit 2011, die Militärintervention im Jemen seit 2015 und Proteste im Iran 2017/18. Für deutschsprachige Länder, das übrige Europa sowie Afrika, China, Indien, Indonesien, Malaysia und weitere Regionen verweist der Artikel auf eigene Länder- und Regionalgeschichten.

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