Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Medizin in der mittelalterlichen islamischen Welt
Die Medizin in der mittelalterlichen islamischen Welt beschreibt die Heilkunde des Mittelalters (etwa 600 bis 1492) im Nahen Osten, Nordafrika und …
Inhalt5 Abschnitte
Kern und Bedeutung
Die Medizin in der mittelalterlichen islamischen Welt bezeichnet die Heilkunde etwa von 600 bis 1492 im Nahen Osten, in Nordafrika und in Andalusien, besonders vom 7. bis zum 13. Jahrhundert. Sie wurde vor allem auf Arabisch überliefert und wird deshalb auch arabische, arabisch-persische oder arabisch-islamische Medizin genannt. Viele wichtige Gelehrte stammten aus dem persischen Kulturraum; Arabisch war aber die gemeinsame Wissenschaftssprache, auch für jüdische, christliche und andere Ärzte.
Diese Medizin beruhte vor allem auf der antiken griechisch-römischen und später byzantinischen Medizin. Sie übernahm besonders die Lehren von Hippokrates und Galenos von Pergamon, ordnete sie systematisch, kommentierte sie und entwickelte sie in einzelnen Bereichen weiter. Zentral war lange die Humoralpathologie, also die Vorstellung, dass Gesundheit vom Gleichgewicht der vier Körpersäfte abhänge und Krankheit durch deren Ungleichgewicht entstehe.
Ihre Bedeutung liegt auch in der Vermittlung von Wissen: Ärzte des westlichen Mittelalters lernten viele Werke der griechisch-römischen Medizin zunächst über arabische Übersetzungen kennen. Ab dem 12. Jahrhundert wurden diese Schriften ins Lateinische übertragen. Werke jüdischer und muslimischer Ärzte, besonders Avicennas Kanon der Medizin, blieben über Jahrhunderte Standard-Lehrbücher. Erst mit dem Aufschwung naturwissenschaftlicher Forschung nach der Aufklärung verlor die Autorität dieser Ärzte stark an Gewicht.
Entstehung und Übersetzungen
Die Entstehung der islamischen Medizin war eng mit älteren Wissenszentren verbunden. Im Vorderen Orient blieb die hippokratisch-galenische Tradition ohne Unterbrechung erhalten. Die Akademie von Gondeschapur, an der um 555 unter Chosrau Anuschirwān eine medizinische Fakultät entstand, spielte dabei eine wichtige Rolle. Auch christliche Nestorianer, syrische und persische Schulen, jüdische Gelehrte sowie später indische und ägyptische Einflüsse trugen zur Weitergabe medizinischen Wissens bei.
Um 700 begann eine starke Rezeption griechischer Medizin, die bis etwa 900 dauerte. Wichtige Zentren der Übersetzung und Forschung waren Bagdad, Damaskus, Antiochia, Basra, Kairo, Kufa und Harran. 825 gründete der Abbasiden-Kalif al-Ma'mūn in Bagdad das Haus der Weisheit, arabisch Bayt al-Hikma. Unter der Leitung des christlichen Arztes Hunain ibn Ishāq wurden dort viele antike Werke übersetzt, darunter Schriften von Galen, Hippokrates, Platon, Aristoteles, Ptolemäus und Archimedes. Dem Haus war auch ein Krankenhaus angeschlossen.
Die frühen islamischen Ärzte griffen besonders auf griechische Quellen aus der Schule von Alexandria zurück. Galens Werke wurden übersetzt, geordnet und kommentiert, aber auch zunehmend kritisiert. Hippokrates blieb ebenfalls wichtig; Rhazes war einer der ersten, der hippokratische Schriften zum Aufbau eines eigenen medizinischen Systems nutzte. Daneben wirkten syrische, persische und indische Quellen. Indische Medizin beeinflusste vor allem die Arzneimittellehre, weil viele indische Pflanzen- und Drogennamen in die arabische Fachsprache eingingen.
Blütezeit und Lehrwerke
Im 10. Jahrhundert erreichte die arabische Medizin eine erste Blüte. Wichtige Ärzte waren Rhazes (864–925), Haly Abbas, Isaak Judaeus, Abulcasis (936–1013) und Avicenna (980–1037). Im 11. und 12. Jahrhundert entwickelte sich besonders in al-Andalus, dem islamisch beherrschten Spanien, eine eigenständigere Medizin in Theorie und Praxis. Wichtige Bereiche waren Medizintheorie, Botanik, Diätetik, Drogenkunde, Materia medica und Chirurgie.
Zu den bedeutenden systematischen Lehrwerken gehörte das Paradies der Weisheit von ʿAlī ibn Sahl Rabban at-Tabarī aus dem Jahr 860. Es gilt als erstes enzyklopädisches Lehrwerk der Medizin in arabischer Sprache. Es beschrieb Kinderheilkunde und Kindesentwicklung eigenständig und betonte Verbindungen zwischen Körper und Seele.
Rhazes schrieb im 9. Jahrhundert sein wichtigstes Werk, den Traktat der Medizin. Darin hielt er klinische Fälle aus eigener Erfahrung fest. Besonders einflussreich waren seine Beschreibungen von Pocken, Masern, Appendizitis und Eklampsie während der Schwangerschaft. Auch er betonte seelische Betreuung der Kranken.
Haly Abbas verfasste um 980 das Vollständige Buch von der ärztlichen Kunst, bekannt als Liber regalis. Es umfasst 20 Diskurse: die ersten 10 zur Theorie, die weiteren 10 zur Praxis. Es behandelt unter anderem Diätetik, Arzneimittellehre, Ansätze zum Kapillarsystem und den Geburtsvorgang.
Abulcasis gilt als „Vater der modernen Chirurgie“. Sein 30-bändiges Buch der Methode, at-Tasrif, behandelte viele medizinische Themen, darunter Zahnmedizin, Geburtshilfe und Chirurgie. Es beschrieb chirurgische Instrumente, Kauterisation, das Abbinden von Blutgefäßen und die Erblichkeit der Hämophilie. Es wurde im 12. Jahrhundert von Gerhard von Cremona ins Lateinische übersetzt und etwa fünf Jahrhunderte lang in Europa benutzt.
Avicennas Kanon der Medizin, um 1020 geschrieben, wurde im 12. Jahrhundert ins Lateinische übersetzt und galt bis ins 17. Jahrhundert als wichtiges Lehrbuch. Avicenna beschrieb unter anderem 25 Zeichen zur Erkennung von Krankheiten, hygienische Regeln, eine ausführliche Materia medica, Regeln zur Arzneimittelprüfung, anatomische Notizen, Embryologie, die ansteckende Natur mancher Krankheiten wie Tuberkulose und die Quarantäne.
Weitere wichtige Werke waren al-Bīrūnīs Buch der Arzneimittel, Ibn an-Nafīs’ Gesamtwerk der Medizin aus dem 13. Jahrhundert und Sabuncuoğlu Şerefeddins Chirurgie des Reichs von 1465, das erste illustrierte Lehrbuch in osmanisch-türkischer Sprache.
Körperbild und Forschung
Die Vorstellung vom Bau und der Funktion des Körpers stand zunächst stark unter dem Einfluss Galens. In der mittelalterlichen Welt war die Sektion menschlicher Körper meist nicht üblich und aus religiösen Gründen verboten. Deshalb übernahmen viele Ärzte Galens Aussagen, obwohl sie auf Tiersektionen beruhten. Die islamische Medizin übernahm auch eine ältere Bildtradition anatomischer Darstellungen, in der der menschliche Körper frontal auf dem Rücken liegend gezeigt wurde.
Trotz dieser Autorität entstanden Zweifel. Rhazes kam durch eigene empirische Experimente zu dem Schluss, dass einzelne Theorien Galens nicht stimmen konnten. Auch seine alchemistischen Versuche führten ihn zu Zweifeln an der aristotelischen Lehre von den vier Elementen.
Avicenna führte in seinem Kanon der Medizin systematische empirische Forschung durch Experimente und genaue Messung ein. Alhazen beschrieb 1021 im Schatz der Optik erstmals korrekt Anatomie und Physiologie des Sehens. Er erkannte, dass die Augenlinse wie eine optische Linse nach Gesetzen der Lichtbrechung funktioniert. Die arabische Heilkunde verbesserte außerdem die Staroperation durch Ansaugen der Linse.
Ibn Zuhr, latinisiert Avenzoar, führte anatomische Sektionen und Obduktionen durch, beschrieb Krankheiten genau und zeigte, dass Scabies durch Parasiten verursacht wird. Er erprobte chirurgische Verfahren an Tieren, bevor er sie am Menschen anwandte. Abd al-Latif al-Baghdadi untersuchte während einer Hungersnot in Ägypten im Jahr 1200 menschliche Skelette und widersprach Galen beim Unterkiefer: Er stellte fest, dass der Unterkiefer ein einziger Knochen sei, nicht zwei.
Ibn an-Nafīs beschrieb im 13. Jahrhundert den Lungenkreislauf. Galen hatte angenommen, Blut fließe durch eine unsichtbare Öffnung in der Herzscheidewand von der rechten in die linke Herzkammer. Ibn an-Nafīs erkannte aus Sektionen, dass die Herzscheidewand undurchlässig ist, und folgerte, dass Blut aus der rechten Herzkammer in die Lunge fließen müsse. Ob spätere europäische Darstellungen des Lungenkreislaufs von seinem Werk beeinflusst wurden oder unabhängig entstanden, wird als möglich, aber nicht sicher dargestellt.
Arzneien, Schmerztherapie und Krankenhäuser
Die Pharmakologie, also die Wissenschaft von den Arzneimitteln, wurde im 9. Jahrhundert von islamischen Ärzten als eigenständige Wissenschaft etabliert. Sabur, gestorben 869, schrieb das erste Lehrbuch der Pharmakologie. Al-Bīrūnī verstand die Arzneimittellehre als wichtigen Partner der Medizin.
Avicenna formulierte im Kanon der Medizin Regeln zur Prüfung von Arzneimitteln. Ein Medikament sollte rein sein und keine zufälligen Verunreinigungen enthalten. Es sollte bei einer bestimmten Erkrankung geprüft werden, nicht nur bei einem unklaren Krankheitssyndrom. Seine Wirkung sollte bei unterschiedlichen Erkrankungen und in verschiedenen Krankheitsfällen zuverlässig auftreten. Die Zeit bis zum Wirkungseintritt musste genau beobachtet werden, damit Zufall nicht mit Wirksamkeit verwechselt wurde. Außerdem musste die Prüfung am Menschen erfolgen, weil Tierversuche an Löwen oder Pferden keine sicheren Aussagen über die Wirkung beim Menschen erlaubten.
Zur Schmerztherapie nutzten mittelalterliche islamische Ärzte Schlafmohn und Cannabis. Cannabis wurde erst im 9. Jahrhundert aus Indien eingeführt. Schlafmohn wurde unter anderem gegen Schmerzen bei Gallenkoliken, Fieber, Verdauungsstörungen, Augen-, Kopf- und Zahnschmerzen, Pleuritis sowie als Schlafmittel verwendet. Al-Tabari warnte, dass Schlafmohnextrakt tödlich sein könne und Opium als Gift gelten müsse.
Krankenhäuser hießen im Persischen Bimaristan und im Türkischen Darüşşifa oder Şifahane. Zunächst dienten sie oft der Isolation von Menschen mit ansteckenden oder psychiatrischen Krankheiten, später wurden sie öffentliche Krankenhäuser, Forschungseinrichtungen und Ausbildungsorte. Sie waren säkulare Einrichtungen und behandelten Kranke unabhängig von Herkunft oder Religion. Häufig gehörten sie zu einem Gebäudekomplex mit Moschee, Madrasa, Bibliothek, Apotheke und Küche und wurden durch eine religiöse Stiftung, Waqf, finanziert. Männer und Frauen wurden getrennt, aber gleich ausgestattet behandelt.
Die Ausbildung von Ärzten erfolgte durch Privatlehrer, eigenes Studium, Vorlesungen und praktische Arbeit im Krankenhaus. Islamische Krankenhäuser führten genaue Aufzeichnungen über Patienten und Behandlungen. Spätestens in der Abbasidenzeit wurde eine förmliche Zulassung notwendig: 931 ordnete Kalif al-Muqtadir nach einem Todesfall durch ärztlichen Kunstfehler an, dass Sinan ibn Thabit Ärzte prüfen sollte. Ohne bestandene Prüfung durfte niemand Kranke behandeln.