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Politische Theorie
Die Positive Politische Theorie (auch empirisch-analytische politische Theorie genannt) versucht rein deskriptiv und wertneutral die positive (gesetzte) …
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Gegenstand und Aufbau des Fachs
Die Politische Theorie ist neben der Vergleichenden Politikwissenschaft und den Internationalen Beziehungen eines der drei zentralen Lehrfächer der Politikwissenschaft und gehört damit zu den Sozialwissenschaften. Sie untersucht grundlegende Begriffe und Zusammenhänge des politischen Lebens, darunter Politik, Staat, Recht, Regierung, Legitimität, Gesetz, Macht, Gerechtigkeit, Herrschaft, Freiheit und Demokratie.
Das Fach gliedert sich in zwei große Bereiche. Der klassische Bereich umfasst erstens die Politische Philosophie, die wertende Fragen nach einer guten und gerechten Ordnung stellt, und zweitens die politische Ideengeschichte, die politische Ideen und Konzepte seit der griechischen Antike untersucht. Der moderne Bereich umfasst die Positive Politische Theorie, die politische Wirklichkeit möglichst wertneutral beschreiben, erklären und vorhersagen will, sowie die Wissenschaftstheorie, die Methoden, Gegenstände und Reichweite politikwissenschaftlicher Forschung reflektiert.
Politische Theorie ist eine Integrationswissenschaft des menschlichen Handelns. Sie verbindet Beiträge aus Philosophie, Geschichte, Rechtswissenschaft, Soziologie und Psychologie; die Grenzen zwischen diesen Disziplinen sind häufig fließend.
Werte, Ordnung und politische Ideen
Die Politische Philosophie, auch Normative Politische Theorie genannt, fragt danach, wie Politik sein soll. Die Staatsphilosophie sucht nach einer guten und gerechten politischen Ordnung. Die Sozialphilosophie untersucht die Gesellschaftsstruktur und die Beziehungen der Bürger untereinander und zum sozialen System. Die Rechtsphilosophie fragt nach der Legitimation von Rechten und Rechtsnormen. Die politische Anthropologie beschäftigt sich mit dem Wesen des Menschen, während die politische Ethik moralische Maßstäbe wie Chancengleichheit, Fairness und Gerechtigkeit für Regierte und Regierende entwickelt.
Moderne Vertragstheorien gehen unter anderem von John Rawls, Robert Nozick und James M. Buchanan aus. Wohlfahrtsstaatliche, utilitaristische und sozialwahltheoretische Ansätze haben ebenfalls das Individuum als Ausgangspunkt. Der Kommunitarismus wendet sich gegen diese individualistische Grundlage, weil ihr eine gesellschaftlich desintegrierende Wirkung zugeschrieben wird. Feministische Forschung fragt außerdem, inwieweit grundlegende Kategorien politischer Theorie durch traditionelle Geschlechterordnungen geprägt sind. Als Beispiel gilt die Unterscheidung zwischen öffentlicher und privater Sphäre, die mit der Vorstellung des öffentlich handelnden Mannes und der auf Familie und Inneres beschränkten Frau verbunden wurde.
Die politische Ideengeschichte rekonstruiert, wie Vorstellungen von Verfassung, Regierung, Staat und Gesellschaft entstanden und verändert wurden. Sie bildet damit gewissermaßen die Wissenschaftsgeschichte der Politischen Philosophie und der Politikwissenschaft.
Entwicklung des politischen Denkens
In der griechischen Antike entstanden politische Theorien im Umfeld von Stadtstaaten mit Monarchie, Tyrannei, Aristokratie, Oligarchie, Demokratie und Ochlokratie. Platon erklärte in der Politeia eine Ordnung für gerecht, wenn jeder Teil des Staates „das seine tue“, und lehnte die Demokratie ab. Aristoteles bevorzugte in der Politika die Politie, eine Verbindung aristokratischer und demokratischer Herrschaft. Er stützte seine Überlegungen auf eine frühe empirische Untersuchung von Verfassungen. In Rom entwickelten besonders Ciceros de re publica und de legibus republikanisches Staatsdenken; die Kaiserzeit beruhte dagegen auf dem von Augustus begründeten Prinzipat.
Im Mittelalter stand das Verhältnis von Kirche und Staat im Mittelpunkt. Augustinus unterschied in De civitate Dei zwischen civitas Dei und civitas terrena. Seit dem Investiturstreit des 11. Jahrhunderts wurde über den Vorrang von Papsttum oder Kaisertum gestritten. Thomas von Aquin nahm eine vermittelnde Position ein, gab der geistlichen Herrschaft aber Vorrang. Später verteidigten etwa Johannes von Paris eine Trennung geistlicher und weltlicher Gewalt und Marsilius von Padua die Unabhängigkeit des Kaisertums vom Papsttum.
In Renaissance und früher Neuzeit wurde das politische Denken stärker weltlich. Niccolò Machiavelli analysierte im 16. Jahrhundert Macht und Politik nüchtern; Thomas Morus entwarf in Utopia ein fiktives Gemeinwesen ohne Privateigentum. Thomas Hobbes begründete staatliche Herrschaft mit der Sicherung der öffentlichen Ordnung und hielt die Staatsmacht grundsätzlich für unbegrenzt. John Locke setzte dem die Rechte jedes Bürgers auf Leben, Freiheit und Eigentum entgegen. Der Staat müsse diese Güter schützen; gegen unbillige Eingriffe bestehe ein Widerstandsrecht. Montesquieu forderte die Teilung der Gewalt in Legislative, Exekutive und Judikative. Jean-Jacques Rousseau leitete alle Staatsgewalt vom Volk und dessen Volonté générale ab und betrachtete die direkte Demokratie als einzig angemessene Regierungsform; diese Position ist bis heute umstritten.
Seit dem späten 18. Jahrhundert reagierte politische Theorie auf Revolution, Kapitalismus sowie Forderungen nach politischer Repräsentation und wirtschaftlicher Teilhabe. Immanuel Kant verband die republikanische Staatsform mit der These vom demokratischen Frieden, nach der Demokratien nicht geneigt seien, gegeneinander Krieg zu führen. Liberalismus, Konservatismus, Sozialismus, Anarchismus und Nationalismus entwickelten unterschiedliche Antworten. Im 20. Jahrhundert kamen soziologische Ansätze hinzu; liberale, konservative, marxistische und kritisch-dialektische Denkrichtungen wurden weiterentwickelt.
Erklärung politischer Wirklichkeit
Die positive beziehungsweise empirisch-analytische politische Theorie will bestehende politische Verhältnisse deskriptiv, also beschreibend, und wertneutral untersuchen. Ihre Theorien sollen sich durch Erklärungs- und Vorhersagekraft bewähren. Sie können durch Tatsachen widerlegt, also falsifiziert, aber niemals endgültig als wahr bestätigt werden. Eine gültige Theorie ist daher eine Theorie, die noch nicht grundlegend falsifiziert worden ist. Bei der rationalen Rekonstruktion älterer politischer Ideen werden Wertungen möglichst entfernt und logische Lücken geschlossen.
Der Behavioralismus entstand in den 1940er Jahren in den USA und untersucht Politik konsequent vom Verhalten einzelner Menschen aus. Unterschieden werden ein empirischer, auf Verhalten und Handeln gerichteter, sowie ein theoretisch orientierter Behavioralismus.
Die Neue Politische Ökonomie überträgt ökonomische Methoden auf rationales politisches Verhalten. Grundlage ist der homo oeconomicus, ein rationaler, seinen Nutzen maximierender Mensch. Joseph Schumpeter bestimmte Demokratie als Methode politischer Entscheidung, „bei der einzelne die Entscheidungsbefugnis vermittels eines Konkurrenzkampfes um die Stimmen des Volkes erwerben.“ Anthony Downs wandte diesen Ansatz 1957 in An Economic Theory of Democracy auf rationales Wahlverhalten an. Die Theorie kollektiven Handelns erklärt mithilfe des Kollektivgut-Konzeptes, warum politische Organisationen entstehen und weshalb kleine Gruppen mit homogenen Interessen ihre Ziele häufig besser durchsetzen als große oder uneinheitliche Gruppen. Die Theorie der budgetmaximierenden Bürokratie führt das Wachstum von Behördenbudgets auf Profilierungsinteressen ihrer Mitarbeiter zurück. Die Sozialwahltheorie untersucht, wie individuelle Präferenzen durch Wahlen und Abstimmungen zu kollektiven Entscheidungen zusammengeführt werden und welche Paradoxien dabei auftreten.
Systemtheorien betrachten größere soziale Zusammenhänge. Talcott Parsons erklärte mit dem AGIL-Schema vier Funktionen, die jedes Handlungssystem zur Selbststabilisierung ausbilden müsse. Im Modell David Eastons erhält das politische System aus der Gesellschaft Input in Form von Unterstützung, Forderungen und Bedürfnissen und sichert durch entsprechenden Output seine Akzeptanz. Niklas Luhmann entwickelte auf Grundlage der Autopoiese eine andere Systemtheorie. Ihre Bedeutung für empirische Forschung ist umstritten: Kritiker halten sie für zu unklar und schwer operationalisierbar, Anhänger führen ihre geringe Verbreitung auf sachfremde Gründe zurück.
Wissenschaftliche Grundlagen und Schulen
Die Wissenschaftstheorie untersucht Wissenschaft auf einer Metaebene und überträgt ihre Erkenntnisse auf die Erforschung politischer Phänomene. Das Rationalitätspostulat verlangt drei Dinge: sprachliche und logische Präzision durch klar definierte Begriffe und widerspruchsfreie Deduktion; Intersubjektivität, sodass andere mit denselben Methoden Ergebnisse überprüfen können; und Begründbarkeit durch nachvollziehbare Argumente statt bloßer Meinung, Offenbarung oder Glauben.
Der normativ-ontologische Zugang geht auf Platon und Aristoteles zurück. Er nimmt an, dass es eine erkennbare Realität, Wahrheit und Moral sowie einen politischen Idealzustand gibt. Forschung soll deshalb nicht nur Tatsachen analysieren, sondern auch Wertfragen beantworten und Handlungsanweisungen geben. Normen werden aus einer vorausgesetzten Seinsordnung und einem bestimmten Wesen des Menschen abgeleitet. Empirische Verfahren sind möglich, bleiben aber auf eine Norm wie das gute Leben, die ideale Polis, Frieden oder freiheitliche Demokratie bezogen. Wichtige Methoden sind historisch-genetisches Verfahren, Hermeneutik, Phänomenologie und Topik. Kritisiert wird besonders die Nähe zur Utopie.
Der kritisch-dialektische Zugang knüpft an Hegel, Karl Marx und Friedrich Engels sowie an die Frankfurter Schule an. Wahrheit und Moral gelten als von gesellschaftlichen und geschichtlichen Bedingungen abhängig und werden vollständig erst auf der letzten Entwicklungsstufe erreichbar. Bei Marx ist dies die klassenlose kommunistische Gesellschaft, in der der Staat überflüssig geworden ist; in der Kritischen Theorie sind der emanzipierte Mensch und bei Jürgen Habermas der herrschaftsfreie Diskurs zentrale Ziele. Politische Phänomene sollen als Teile eines dynamischen Ganzen untersucht werden. Empirische und hermeneutische Methoden werden mit normativer Kritik verbunden, um gesellschaftliche Verhältnisse zu verändern.
Der empirisch-analytische Zugang strebt wertfreie Beschreibungen und Prognosen an. Er unterscheidet empirische Sätze über die angenommene Realität von analytischen Sätzen, deren Richtigkeit allein logisch geprüft wird. Empirische Sätze werden durch Vergleich mit der Realität, analytische durch logische Kohärenz beurteilt. Aus Beobachtungen werden induktiv allgemeine Hypothesen gebildet; anschließend werden daraus deduktiv prüfbare Aussagen abgeleitet. Nicht widerlegte Hypothesen gelten als bewährt oder vorläufig verifiziert. Zusammenhängende bewährte Hypothesen heißen Theorie, langfristig bestätigte Zusammenhänge Gesetz. Kritiker bezweifeln die beanspruchte Wertneutralität und befürchten eine Stabilisierung bestehender Herrschaft.
Alle drei Schulen suchen Strukturen politischer Wirklichkeit, beanspruchen praktische Bedeutung und empirische Wahrheit. Sie unterscheiden sich jedoch in Ziel und Methode: normatives Verstehen und qualitative Interpretation, wertfreie Analyse mit Statistik und Empirie oder dialektische Gesellschaftskritik, die Widersprüche und Parteilichkeit zulässt.
Staatsverständnisse und heutige Lage
Die Frage nach dem Staat prägt die neuere politische Theorie besonders stark. Der Staat wurde teils als Selbstzweck verstanden, etwa bei Hobbes als Leviathan und bei Hegel als Sittlichkeit. Andere Theorien betrachten ihn als Instrument: Marx erwartete sein Verschwinden nach Entstehung der klassenlosen Gesellschaft, während der Anarchismus seine Abschaffung fordert. Carl Schmitt sah ihn vor allem als Ordnungsfaktor, der Recht schafft.
Pluralistische Ansätze begrenzen die herausgehobene Stellung des Staates. Hannah Arendt verbindet Politik mit Pluralität sowie möglicher Freiheit und Gleichheit zwischen Menschen. Politisch Beteiligte sollen die Perspektive anderer einnehmen können; Arendt bevorzugt Rätesysteme oder direkte Demokratie gegenüber rein repräsentativen Formen. Harold Laski behandelt den Staat als eine von mehreren gesellschaftlichen Kräften, nicht als alleinigen Vertreter der Gesamtheit. Im Liberalismus verband sich diese Sicht mit der Vorstellung eines staatsarmen, polemisch „Nachtwächterstaat“ genannten Systems.
Nach den Erfolgen der Naturwissenschaften im 20. Jahrhundert setzte sich auch in den Sozialwissenschaften zunehmend das empirisch-analytische Wissenschaftsverständnis durch. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts waren die Sozialwissenschaften meist der Philosophie zugeordnet und arbeiteten überwiegend philosophisch-spekulativ. Seit der Etablierung der Politikwissenschaft verlagerte sich die neuere Theoriebildung vor allem auf Systemtheorie und Neue Politische Ökonomie. Bedeutende Ausnahmen der normativen Philosophie sind John Rawls’ A Theory of Justice und Political Liberalism sowie Robert Nozicks Anarchy, State, and Utopia. Offen bleibt, ob der empirisch-analytische Schwerpunkt anhält oder ob die Abwertung traditioneller Werte und stärker eigennutzorientierte Einstellungen in liberal-demokratischen Systemen eine erneute Belebung normativer Debatten auslösen.