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Internationale Beziehungen
Themen der internationalen Politik sind Außenpolitik, Diplomatie, Entwicklungspolitik, Friedensforschung, globale Umweltpolitik, Globalisierung, internationale …
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Gegenstand und Bedeutung
Internationale Beziehungen (IB; englisch International Relations, IR) beziehungsweise Internationale Angelegenheiten (IA), Global Studies (GS) oder International Studies (IS) untersuchen Politik, Ökonomie und Jurisprudenz auf globaler Ebene. Das Fach ist eine interdisziplinäre Teildisziplin der Politikwissenschaft und verbindet politikwissenschaftliche, wirtschaftswissenschaftliche und rechtswissenschaftliche Perspektiven. Traditionell stehen die Beziehungen zwischen Staaten im Mittelpunkt; inzwischen werden auch die Beziehungen staatlicher und nichtstaatlicher Akteure untersucht, etwa von Staaten, transnationalen Unternehmen und Organisationen.
Die IB haben einen hohen theoretischen Gehalt und sind außerdem mit der Geschichtswissenschaft, Psychologie und Anthropologie verbunden. Die Forschung befasst sich sowohl mit den verwendeten Interpretationsansätzen, also Theorien, als auch mit den behandelten Politikfeldern, den Policies. Ihr Politikverständnis lässt sich nach Czempiel (2004) als „autoritative Zuteilung von Werten in den Bereichen Sicherheit, Wohlfahrt und Herrschaft“ beschreiben.
Entstehung und zentrale Denkschulen
Als wissenschaftliche Disziplin entstanden die IB nach dem Ersten Weltkrieg. Am 30. Mai 1919 vereinbarten die amerikanische und die britische Delegation auf der Pariser Friedenskonferenz die Gründung wissenschaftlicher Institute zur Erforschung internationaler Beziehungen. 1919 wurde an der walisischen Aberystwyth University der weltweit erste Lehrstuhl für Internationale Beziehungen eingerichtet. 1920 entstanden das British Institute of International Affairs, das ab 1926 Royal Institute of International Affairs hieß, und das American Institute of International Affairs, das bald mit dem Council on Foreign Relations zusammengelegt wurde. Weitere Institutionen widmeten sich besonders der Erforschung von Kriegsursachen.
Zunächst war der später so bezeichnete Idealismus, auch Liberalismus oder liberaler Internationalismus genannt, die einzige Denkrichtung. Woodrow Wilsons 14-Punkte-Programm forderte unter anderem das Ende der Geheimdiplomatie, die Freiheit der Meere, Freihandel, Abrüstung, die friedliche Schlichtung von Kolonialkonflikten und die Gründung eines Völkerbundes als Instrument kollektiver Sicherheit. Der Idealismus beruht auf Fortschritts- und Vernunftglauben. Konflikte und Interessengegensätze sollen langfristig durch Kooperation, Kompromiss und Ausgleich lösbar sein.
Edward Hallett Carr kritisierte diesen Ansatz 1939 in The Twenty Years’ Crisis. Die krisenhaften Jahre von 1919 bis 1939 hätten trotz Völkerbund, idealistischer Politikberatung und Appeasement-Politik keine friedliche Welt geschaffen. Carr bemängelte vor allem, dass der Faktor Macht fehlte, und gilt deshalb als einer der Gründerväter des Realismus.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden UNO, Weltbank und Weltwährungsfonds noch weitgehend im Geist des Idealismus gegründet. Im Ost-West-Konflikt dominierte jedoch der Realismus, der damit zur „faktischen Neugründung“ der akademischen Disziplin beitrug. Hans Morgenthaus Politics Among Nations von 1948 erhielt Lehrbuchcharakter. Der Realismus geht davon aus, dass internationale Politik durch Kooperationen oder Konflikte von Gruppen geprägt ist, die im Wesentlichen ihre eigenen Interessen verfolgen („Egoismus“). Ihre Interaktion findet vor dem Hintergrund möglicher materieller Macht statt, mit der Zwang ausgeübt werden kann („Machtzentrismus“).
Wichtige Strömungen entwickelten sich in folgenden Zeiträumen: Idealismus seit dem Ersten Weltkrieg, Realismus seit dem Zweiten Weltkrieg, Funktionalismus in den 1940er Jahren, Neofunktionalismus und Transaktionalismus in den 1950er Jahren, neoliberaler Institutionalismus in den 1970er Jahren, Neorealismus in den 1980er Jahren, (Sozial-)Konstruktivismus in den 1990er Jahren und Domestic-Politics-Ansätze in den 2000er Jahren. Weitere Ansätze sind unter anderem Neogramscianismus, Staatenkartelltheorie, Englische Schule, feministische Theorien und postmoderne Ansätze. Bis zum Ende des Kalten Krieges galten die IB vor allem als US-amerikanische beziehungsweise angelsächsisch dominierte Sozialwissenschaft, in der rationalistische und behavioralistische Erklärungen überwogen.
Metatheoretische Debatten und Modelle
Metatheorie bezeichnet die grundsätzliche Diskussion darüber, wie wissenschaftliche Theorien aufgebaut sind, was sie untersuchen können und welchen Erklärungsanspruch sie besitzen. In den IB gibt es drei zentrale Konfliktachsen:
- Ontologie: Ein realistisches und ein idealistisches beziehungsweise liberales Verständnis internationaler Politik stehen sich gegenüber. Die Ontologie fragt, was in der internationalen Politik grundsätzlich als Wirklichkeit gilt.
- Epistemologie: Naturalisten und Hermeneutiker streiten darüber, wie Wissen über internationale Beziehungen gewonnen und begründet werden kann.
- Sozialtheorie sowie Positivismus und Post-Positivismus: Rationalisten und Konstruktivisten unterscheiden sich darin, wie soziale Wirklichkeit erklärt und welche Rolle Ideen, Bedeutungen und gesellschaftliche Konstruktionen spielen.
In der Fachgeschichte werden drei „Große Debatten“ genannt: in den 1940er und 1950er Jahren die Debatte zwischen Idealismus und Realismus, in den 1960er Jahren die Auseinandersetzung zwischen Szientismus und Traditionalismus und seit den 1980er Jahren die Debatte zwischen Postmodernismus und Positivismus. Zugleich richten sich Forschungsinteressen zunehmend auf internationale Zusammenarbeit und Verhalten jenseits der Nationalstaaten, etwa auf internationale Organisationen und Nichtregierungsorganisationen.
Nach der von Carl Böhret, Werner Jann und Eva Kronenwetter (1988) vorgeschlagenen Einteilung gibt es drei dominante metatheoretische Modelle:
- Das normativ-ontologische Modell setzt bestimmte Werte und Normen und formuliert Soll-Aussagen oder Ideale für eine „gute“ gesellschaftliche Ordnung. Es geht davon aus, dass objektive Wahrheiten durch Wissenschaft erkennbar sind.
- Das empirisch-analytische Modell untersucht empirisch wahrnehmbare Zusammenhänge und versucht, sie in Gesetzesaussagen zu formulieren. Die gesellschaftliche Wirklichkeit gilt als zugänglich, absolute Wahrheiten werden jedoch nicht angenommen.
- Das kritisch-dialektische Modell versteht gesellschaftliche Wirklichkeit eher als Produkt. Gesellschaftlicher Fortschritt wird durch Formen von Dialektik bewirkt; Forschung soll die Gesellschaft in ihrer Gesamtheit erfassen.
Der Rationalismus wird dem empirisch-analytischen Politikverständnis zugeordnet, der Konstruktivismus eher dem kritisch-dialektischen.
Inhalte, Konflikte und Akteure
Der Kernbereich der IB ist die Beschäftigung mit Konflikten. Analysiert werden die Konfliktparteien, der Konfliktgegenstand, die Konfliktumwelt, die Positionsdifferenz und die Form des Konfliktaustrags. Die Theorien der IB bieten unterschiedliche Analysekonzepte und Strategien zur Konfliktlösung. Im deutschsprachigen Raum ist besonders die Tübinger Schule bedeutsam. Ihre Konfliktanalyse beruht auf einem prozessualen Politikbegriff, legt den Schwerpunkt auf friedlichen Konfliktaustrag und ist stark in der Friedensforschung verankert.
Zu den Themenfeldern gehören Außenpolitik, Diplomatie, Entwicklungspolitik, Friedensforschung, globale Umweltpolitik, Globalisierung, internationale Handelspolitik, internationale Nuklearpolitik, Konfliktforschung, Nahostkonflikt, Nord-Süd-Konflikt, Ost-West-Konflikt, Strategische Studien und Völkerrecht.
Als Akteure der IB werden genannt:
- Einzelpersonen;
- international anerkannte Staaten;
- internationale Organisationen und internationale Regimes. Internationale Organisationen heißen auch International Governmental Organisations (IGOs), zum Beispiel UNO, OSZE und NATO;
- transnationale Unternehmen, auch Business International Non-Governmental Organisations (BINGOs), multinationale Unternehmen, Konzerne, „Multis“, TransNational Corporations (TNCs) oder „Global Player“;
- gesellschaftliche transnationale Akteure und Netzwerke, also International Non-Governmental Organisations (INGOs) beziehungsweise NGOs; im Deutschen auch Nichtregierungsorganisationen (NRO), zum Beispiel Amnesty International, Attac, Greenpeace, Erklärung von Bern und Freedom House.
Nicht jede Theorie erkennt alle diese Gruppen als tatsächliche Akteure an. Der Realismus konzentriert sich beispielsweise stark auf Staaten.
Kritik und Studium
Ein zentraler Kritikpunkt an den vorherrschenden Paradigmen ist ihre Staatsfixierung, besonders die Annahme einer zentralen Rolle des Staates im politischen Realismus. Feministische Ansätze kritisieren das im „Malestream“ verbreitete Sicherheitsverständnis, das Sicherheit vor allem staatsbezogen definiert und dadurch die Lebensrealität vieler Frauen nicht erfasst. Die Feminist International Relations (FIR), deren Hauptbegründerin Cynthia Enloe (Enloe 1989) ist, untersucht deshalb nicht nur die diplomatische Ebene, sondern auch die Lebenswelten von Frauen in konkreten lokalen Räumen. So können Sicherheitsbedürfnisse unabhängig von fragiler oder autoritärer Staatlichkeit betrachtet werden. Damit verbunden ist der Gedanke: „Das Private ist international.“
Das Studium der IB hat besonders im anglo-amerikanischen Raum eine lange Tradition. Bedeutende Einrichtungen sind unter anderem die School of International Service der American University, die School of Advanced International Studies der Johns Hopkins University, Georgetown University, Columbia University, die Fletcher School of Law and Diplomacy, die London School of Economics und die University of St Andrews. Viele US-amerikanische Einrichtungen sind Professional Schools oder Policy Schools für Graduierte und bilden praxisnah aus, etwa mit Schwerpunkten in Ökonomie, Völkerrecht oder Politikwissenschaft. Die London School of Economics und die University of St Andrews bieten grundständige Studiengänge an.
In Kontinentaleuropa werden unter anderem das IBEI in Barcelona, das Bologna Center, das Institut d’Etudes Politiques in Paris und das Genfer Hochschulinstitut für internationale Studien und Entwicklung genannt. Im deutschsprachigen Raum bestehen spezielle Studiengänge unter anderem an der Universität St. Gallen, der Freien Universität Berlin, der Humboldt-Universität zu Berlin, der Universität Potsdam, der Technischen Universität Dresden, der Universität Erfurt, der Universität Bremen, der Constructor University in Bremen, der Ostbayerischen Technischen Hochschule Regensburg, der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel und der Hochschule Rhein-Waal. Internationale Beziehungen sind außerdem Bestandteil jedes regulären Politikwissenschaftsstudiums und können je nach Hochschule als Schwerpunkt gewählt werden.
Das Foreign Policy Ranking bewertet regelmäßig Masterstudiengänge der IB weltweit. Führende Schulen sind in der Association of Professional Schools of International Affairs (APSIA) organisiert; eine Mitgliedschaft gilt als Qualitätssiegel. Die Universität St. Gallen ist das einzige APSIA-Mitglied im deutschsprachigen Raum. Die Zeitschrift The International History Review erscheint seit 1979 und ist speziell der Geschichte der internationalen Beziehungen gewidmet.
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