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Politische Bildung
Ihr Ziel ist, Zusammenhänge im politischen Geschehen zu erkennen, Toleranz und Kritikfähigkeit zu vermitteln und zu stärken, damit zur Herausbildung und …
Inhalt6 Abschnitte
Wesen und historische Zielrichtungen
Politische Bildung hat ihre Wurzeln in der Politikwissenschaft, Geschichtswissenschaft und Pädagogik. Sie soll politische Zusammenhänge verständlich machen, Toleranz und Kritikfähigkeit stärken und zur aktiven Bürgerschaft, gesellschaftlichen Partizipation und politischen Beteiligung beitragen. In Schulen heißt das Fach je nach Bundesland und Schulform unter anderem Politik, Gemeinschaftskunde, Staatsbürgerkunde, Sozialkunde, Sozialwissenschaften oder Politische Bildung; die zugehörige Fachdidziplin ist die Politikdidaktik.
Historisch lassen sich nach Wolfgang Sander drei Grundmuster unterscheiden: Herrschaftslegitimation, also die Rechtfertigung bestehender Macht- und Ordnungsverhältnisse; Mission, also die politische Erziehung mit dem Ziel einer Veränderung oder eines Umsturzes der Gesellschaft; und „Erziehung zur Freiheit“, die Reflexion und Mündigkeit fördern soll.
Politische Erziehung ist in Europa seit dem 5. Jh. v. Chr. belegt. In der Aufklärung entstanden durch Zeitungen, Theater und Klubs öffentliche Meinungen und neue Möglichkeiten, politische Fragen unter Bürgern zu diskutieren. Seit der Französischen Revolution prägten unterschiedliche politische Richtungen verschiedene Bildungsziele: Konservative betonen Ordnung, Hierarchie, Staatsautorität, Tradition und Gemeinsinn. Liberale stellen Rechtsstaat, parlamentarische Verantwortung, Menschen- und Grundrechte sowie soziale Tugenden in den Mittelpunkt. Liberal-sozialdemokratische Positionen zielen auf Pluralität, Urteilsvermögen, kritische Loyalität, Partizipation und die Verteidigung demokratischer Errungenschaften. Linksdemokratische Sozialisten betonen Herrschafts- und Ideologiekritik sowie die kollektive Emanzipation Benachteiligter. Marxisten oder Marxisten zielten beziehungsweise zielen auf die revolutionäre Aufhebung der politisch-ökonomischen Grundstruktur des Kapitalismus, Klassenbewusstsein und solidarische Handlungsformen.
Entwicklung in Deutschland
Politische Bildung im heutigen Sinn ist eng mit Demokratie und offenen Debatten verbunden. Oskar Negt bezeichnet Demokratie als „die einzige politisch verfasste Gesellschaftsordnung [ist], die gelernt werden muss“. Politische Bildung gab es jedoch auch in undemokratischen Systemen, etwa als staatsbürgerliche Erziehung im Kaiserreich, als nationalsozialistische Erziehung und als Staatsbürgerkunde in der DDR. Paul Rühlmann verwendete 1908 zuerst den Begriff „politische Bildung“ und forderte ein eigenes Unterrichtsfach.
In der Weimarer Republik 1918–1933 entstanden zahlreiche neue Bildungsangebote. Volkshochschulen, Heimvolkshochschulen, Gewerkschaften, Parteien und unabhängige Institutionen schulten Funktionäre, Mitglieder und Staatsbürger. Die „Reichszentrale für Heimatdienst“ bildete Redner aus und unterstützte republikfreundliche Kräfte. Das Fach „Staatsbürgerkunde“ erhielt durch Art. 148 der Weimarer Verfassung einen Verfassungsauftrag, wurde aber weitgehend nicht eingerichtet. Richtlinien von 1923 verlangten unter anderem „Opferwilligkeit für den Staat“ und die Vorbereitung auf eine „kommende geistige Führerschaft“. Auch in Geschichte und Deutsch wurde teilweise antidemokratische politische Bildung vermittelt.
Im Nationalsozialismus wurde Pädagogik vor allem als politische Erziehung verstanden. Alle Fächer sollten die Ideologie verbreiten; ein eigenes Fach erschien deshalb nicht notwendig. Im Zentrum standen Rassegedanke und Antisemitismus, völkisches Nationalbewusstsein und Führerprinzip. Die militarisierte Erziehung zeigte sich besonders in der Hitlerjugend.
Nach 1945 zielte die politische Bildung unter alliierter Kontrolle auf Entnazifizierung und Reeducation, also die Demokratisierung der Deutschen. Die Direktive 54 des Alliierten Kontrollrats vom 25. Juni 1947 verlangte von Schulen die Förderung eines „bürgerlichen Verantwortungsgefühls“ und der „Auffassung einer demokratischen Lebensweise“. Die Alliierten unterstützten außerdem neue Lernorte und Bildungsprogramme, besonders für Frauen und Jugendliche.
In der Bundesrepublik 1949–1989 lag die Zuständigkeit für politische Bildung ausschließlich bei den Bundesländern. Neben dem Geschichtsunterricht wurden Gemeinschaftskunde und Sozialkunde etabliert. In den 1960er Jahren entwickelte sich die Politikdidaktik von eher erziehungsphilosophischen Theorien zu konkreten didaktischen Konzepten; viele Lehrstühle an Hochschulen wurden eingerichtet. Nach 1969 entstanden vielfältige Ansätze und neue Einrichtungen der Erwachsenenbildung. Der Beutelsbacher Konsens formulierte drei Grundsätze: das Überwältigungsverbot, das Kontroversitätsgebot und die Befähigung der Lernenden, politische Situationen und die eigene Position zu analysieren und daraus Konsequenzen zu ziehen.
Seit der Vereinigung Deutschlands ab 1990 wurden die unterschiedlichen politischen Sozialisationen in Ost und West sowie der verstärkte Rechtsextremismus zu Herausforderungen. Umstritten war, ob Unterricht eher kognitiv und reflexiv Wissen vermitteln oder stärker demokratische Einstellungen, Projekte und Schülermitverantwortung einüben sollte. Wolfgang Sander forderte in den 1990er und 2000er Jahren Ideologiefreiheit, Unparteilichkeit sowie eine Markt-, Dienstleistungs- und Kundenorientierung. Kritiker sahen darin selbst eine neoliberale Haltung und eine mögliche „Erziehung zum Markt“. Nach dem „Pisa-Schock“ entstanden Kompetenzmodelle und Bildungsstandards, besonders mit kontroverser Diskussion über die Bedeutung von Fachwissen. Weitere Themen wurden Populismus, Rechtspopulismus, Gefühle in der politischen Bildung und die Abgrenzung zur Demokratiepädagogik. 2010 gründete sich das Forum Kritische politische Bildung.
Ziele, Lernorte und Akteure
In demokratischen Gesellschaften soll politische Bildung Kenntnisse über das demokratische System vermitteln und Kompetenzen für politisches Handeln stärken. Ziel ist der mündige Staatsbürger. Die Grenzen zur Demokratieerziehung sind fließend.
In der Schule sind vor allem Lehrkräfte die Akteure. Politische Bildung findet in einem eigenen Fach, im Geschichtsunterricht, als Querschnittsaufgabe in allen Fächern und als Bestandteil demokratischer Schulentwicklung statt. In zwei Bundesländern besitzt sie als eigenes Fach Verfassungsrang; als Bildungsprinzip ist sie in den meisten Landesverfassungen verankert. Fächer, Inhalte und Stundenumfang unterscheiden sich nach Bundesland und Schulform. In der Grundschule ist politische Bildung meist Teil des Sachunterrichts, häufig beginnt der eigenständige Politikunterricht aber erst in der siebten oder achten Klasse. Er wird außerdem oft fachfremd unterrichtet.
Außerschulische politische Bildung gehört zur non-formalen Bildung. Sie findet freiwillig und meist ohne Leistungskontrollen in Bildungsstätten, Vereinen, Jugendverbänden, politischen Initiativen, internationaler Jugendarbeit, im Sport und in der kulturellen Bildung statt. Veranstaltungen sind häufig einmalig und orientieren sich an den Interessen der Teilnehmenden. Auftraggeber und Geldgeber wie Stiftungen, Verbände und private Förderer beeinflussen die Angebote. In Ganztagsschulen gibt es Kooperationen mit außerschulischen Trägern. Programme wie „Demokratie leben“ förderten die non-formale Bildung, verstärkten aber auch die Verbindung von politischer Bildung und Demokratiebildung sowie den Schwerpunkt Extremismusprävention, was kritisch diskutiert wurde.
An Hochschulen findet politische Bildung im Studium, in der universitären Selbstverwaltung, etwa in Studierendenparlamenten, in Hochschulgruppen und durch informelles Engagement statt. Sie wird unter anderem in politikdidaktischen, politikwissenschaftlichen, sozialwissenschaftlichen, erziehungswissenschaftlichen Studiengängen und in der Sozialen Arbeit vermittelt. Die Beteiligung an universitären Wahlen und der studentischen Selbstverwaltung gilt meist als gering.
In der Bundeswehr ist politische Bildung eine Säule des Führungskonzepts Innere Führung und Bestandteil des Leitbildes „Staatsbürger in Uniform“. Das Zentrum Innere Führung ist die zentrale Bildungseinrichtung; die konkrete Gestaltung liegt bei den militärischen Vorgesetzten. Die Bundeszentrale für politische Bildung koordiniert und initiiert das „Netzwerk Politische Bildung in der Bundeswehr“.
Öffentlich-rechtliche Medien haben ebenfalls einen Auftrag zur politischen Bildung. Klassische Formate werden jedoch kritisiert, weil sie sich vor allem an bereits politikinteressierte und gebildete Menschen richten und dadurch eine „Wissenskluft“ entstehen könne. Im Internet diskutieren politische Bildner und Aktivisten neue Möglichkeiten. Nach Jöran Muuß-Merholz muss politische Bildung Plattform für den Austausch über gesellschaftliche Transformationen sein und das Web 2.0 als Werkzeug nutzen.
Didaktische Prinzipien und kritische Ansätze
Die Politikdidaktik ist die zentrale Bezugsdisziplin der politischen Bildung. Basiskonzepte bezeichnen grundlegende Vorstellungen des Fachs und helfen, Wissen zu systematisieren. Weißeno et al. nannten 2011 unter anderem „Ordnung“ und „Gemeinwohl“. Die Autorengruppe Fachdidaktik stellte dem die Basiskonzepte „System“, „Wandel“, „Macht“, „Grundorientierungen“, „Akteure“ und „Bedürfnisse“ gegenüber. Die Auswahl der Konzepte bleibt umstritten.
Als zentrale didaktische Prinzipien gelten:
- Exemplarität beziehungsweise exemplarisches Lernen
- Schülerorientierung
- Problemorientierung
- Kontroversität
- Handlungsorientierung
- Wissenschaftsorientierung
Kritische politische Bildung bündelt seit 2010 herrschafts- und machtkritische Positionen für schulische und außerschulische Bildung. Dazu gehören rassismuskritische und feministische Arbeiten sowie Ansätze, die Staatlichkeit in ihrem Doppelcharakter von Herrschaft und Emanzipation untersuchen. Auch die extremismustheoretische Sichtweise vieler Positionen der politischen Bildung wird kritisch beurteilt. Der gegenwärtige Stand wurde 2023 im „Handbuch Kritische politische Bildung“ dokumentiert.
Österreich und Schweiz
In Österreich ist politische Bildung als Unterrichtsprinzip beziehungsweise übergreifendes Thema verankert, spielte historisch aber lange eine randständige Rolle. Nach der Absenkung des Wahlalters auf 16 Jahre wurde sie 2008 gestärkt. Der 2015 aktualisierte Grundsatzerlass von 1978 nennt drei Säulen:
- politische Bildung als eigenes Fach, Kombinationsfach oder Flächenfach;
- politische Bildung durch schulische Partizipation der Schülerinnen und Schüler;
- politische Bildung als fächerübergreifendes Prinzip zur Entwicklung demokratischer Kompetenzen.
Die Umsetzung wird wegen unzureichender Ausbildung und fehlender Kenntnis des Unterrichtsprinzips kritisiert. Das Fach „Geschichte und Sozialkunde/Politische Bildung“ orientiert sich seit 2008 in der 6.–8. Schulstufe und seit 2016 auch in der Oberstufe der Allgemeinbildenden Höheren Schulen, also der 9.–12. Schulstufe, am „Österreichischen Kompetenzmodell für Politische Bildung“. Es soll politisches Denken und Handeln anbahnen. 2023 wurde das Fach in der Sekundarstufe I in „Geschichte und Politische Bildung“ umbenannt. „Zentrum polis – Politik Lernen in der Schule“ ist die zentrale Serviceeinrichtung.
In der Schweiz galt politische Bildung lange als Aufgabe der Eltern. Heute ist sie im Bildungssystem verankert. In der obligatorischen Schule, die Sache der Kantone ist, gehört sie zum Lehrplan 21, aber nicht als eigenes Fach. Sie ist ein relativ kleiner Teil des Fachs „Räume – Zeiten – Gesellschaften“ und wird durch fächerübergreifende Themen unter der Leitidee Bildung für nachhaltige Entwicklung ergänzt. In der Primarstufe gehört sie zu den Perspektiven des Sachunterrichts. Monika Waldis und Béatrice Ziegler bewerten Ausbildung und Kompetenzen der Lehrkräfte wegen der fehlenden Schwerpunktsetzung in der Lehrerbildung als mangelhaft.
Politische Bildung außerhalb des deutschsprachigen Raums
Im Englischen wird politische Bildung häufig als citizenship education bezeichnet. In England ist Citizenship Education seit 2001 im National Curriculum ein Pflichtfach für alle Schülerinnen und Schüler von 11 bis 16 Jahren. Die Einführung folgte dem Crick-Report von 1998 und sollte eine politische Kultur aktiver Bürger fördern. Das 2014 eingeführte Studienprogramm umfasst vier Schlüsselgebiete: Politik, finanzielle Skills, freiwillige Dienste sowie Recht. Behandelt werden unter anderem parlamentarische Demokratie, Parlament, Wahlen, Parteien, demokratische Einflussmöglichkeiten, Geld und Steuern, freiwilliges Engagement, Freiheitsrechte, Gesetze, Justiz und Diversität.
Nach dem konservativen Wahlsieg 2010 wurde das Curriculum stärker auf Wissen statt Skills ausgerichtet; die Lehrerfortbildung entfiel. Ein Bericht des Oberhauses von 2018 kritisierte den Zustand des Fachs und forderte unter anderem eine Verlegung an das Ende der Schulzeit, eine Ofsted-Inspektion, ausgebildete Fachlehrkräfte und eine Modernisierung des Curriculums. Durch die Akademisierung des Schulsystems ist das Fach bedroht: Academies, die inzwischen drei Viertel der Sekundarschulen ausmachen, müssen dem National Curriculum nicht folgen. Die Konzentration auf Kernfächer und Prüfungsergebnisse schwächt Citizenship Education sowie Kursarbeit und experimentelles Lernen.
In Irland heißt das Pflichtfach für 12- bis 16-Jährige CSPE („Civic, Social and Political Education“); für 16- bis 18-Jährige gibt es „Society and Politics“.
In Frankreich war das Fach lange als ECJS („éducation civique, juridique et sociale“) oder als „éducation civique“ bekannt. Nach den Terrorattacken von 2015 wurde ein neuer Plan angekündigt. Seit 2015 lernen Schülerinnen und Schüler bis zum Bac „Enseignement moral et civique“ (EMC), also Moral- und Bürgerkunde. In der Grundschule unterrichtet es der Klassenlehrer, in der Sekundarschule meist der Lehrer für Histoire-Géographie. Eine spezielle Lehrerausbildung gibt es nicht. Zum Konzept gehört auch ein jährlicher Tag des Laizismus am 9. Dezember.