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Politikdidaktik

Die Politikdidaktik ist eine wissenschaftliche Disziplin, die als Fachdidaktik die Lehr- und Lernprozesse für die schulische und außerschulische Politische …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Gegenstand, Aufgabe und Bildungsziel
  2. 2. Kompetenzen und didaktische Prinzipien
  3. 3. Entwicklung bis zum Beutelsbacher Konsens
  4. 4. Pluralisierung und heutige Institutionen
  5. 5. Aktuelle Kontroversen und Modelle
  6. 6. Situation im internationalen Vergleich

Gegenstand, Aufgabe und Bildungsziel

Politikdidaktik ist die eigenständige wissenschaftliche Disziplin, die Lehr- und Lernprozesse der schulischen und außerschulischen politischen Bildung untersucht und gestaltet. Sie ist weder eine Unterdisziplin der Pädagogik noch der Politikwissenschaft. Dennoch bestehen enge Bezüge zur Politikwissenschaft sowie zur Geschichtsdidaktik und Wirtschaftspädagogik.

Ihre zentralen Aufgaben sind die Förderung von Politikkompetenz sowie die Auswahl und Umwandlung politischer Gegenstände in geeignete Lerninhalte. Politische Lehr- und Lernprozesse sollen nicht nur durch Unterrichtsmethoden bestimmt, sondern theoretisch begründet und empirisch, also anhand von Beobachtungen und Daten, erforscht werden.

Das zentrale Bildungsziel ist die politische Mündigkeit: Lernende sollen ihr Leben selbst bestimmen und politische Zusammenhänge beurteilen sowie mitgestalten können. Dafür benötigen sie fachliche und überfachliche Kompetenzen.

Kompetenzen und didaktische Prinzipien

Die Gesellschaft für Politikdidaktik und politische Jugend- und Erwachsenenbildung (GPJE) beschloss 2004 mehrheitlich ein Kompetenzmodell mit drei Bereichen:

  • politische Urteilsfähigkeit
  • politische Handlungsfähigkeit
  • methodische Fähigkeit

Spätere wissenschaftliche Modelle beziehen außerdem Fachwissen sowie politische Einstellungen und Motivationen ein. Das Modell von Joachim Detjen et al. aus dem Jahr 2012 unterscheidet Fachwissen, politische Urteilsfähigkeit, politische Handlungsfähigkeit sowie politische Einstellung und Motivation. Handlungsfähigkeit zeigt sich unter anderem im Argumentieren, Urteilen, Bewerten, Vergleichen und Problemlösen. Urteilsfähigkeit benötigt Fachwissen und beruht vor allem auf dem fachlichen Abwägen von Fakten und Positionen. Empirische Kompetenzforschung soll die zugrunde liegenden Annahmen bestätigen oder widerlegen. Georg Weißeno formulierte das Modell 2024 praxisorientiert für die Planung des Politikunterrichts aus.

Die kategoriale Politikdidaktik überführt politische Gegenstände mithilfe grundlegender Prinzipien in Lerninhalte:

  • Schülerorientierung richtet den Unterricht an den Lernenden aus.
  • Konfliktorientierung nutzt politische Konflikte als Lerngegenstände.
  • Problemorientierung stellt politische Probleme in den Mittelpunkt.
  • Handlungsorientierung fördert eigenes Tätigwerden.
  • Fallorientierung arbeitet mit konkreten Einzelfällen als Material.

Entwicklung bis zum Beutelsbacher Konsens

In den 1950er Jahren wurde politische Bildung in der Bundesrepublik zunächst der Pädagogik zugeordnet. Ausgangspunkt war unter anderem die von der US-amerikanischen Besatzungsmacht geforderte Demokratisierung des Schullebens. Eine „Erziehung zum Staat“ nach dem Vorbild des Nationalsozialismus war nicht mehr möglich. Theodor Wilhelm entwickelte die „Partnerschaftserziehung“: Im alltäglichen menschlichen Umgang sollten Verhaltensweisen zur Lösung politischer Probleme erlernt werden, etwa Fairness im Sport. Theodor Litt wandte ein, Politik sei wesentlich auch von Macht und Kampf geprägt.

Seit den 1960er Jahren befasste sich auch die Politikwissenschaft mit politischer Bildung. Dabei entstanden unterschiedliche, stark normative Konzeptionen. Wolfgang Hilligen, Kurt Gerhard Fischer und Hermann Giesecke orientierten sich vor allem an der politischen Wirklichkeit. Rolf Schmiederer wollte Lernende gesellschaftlich aufklären, ihre „objektiven Interessen“ erkennen lassen und sie zur Veränderung gesellschaftlicher Verhältnisse befähigen. Bernhard Sutor konzentrierte sich dagegen auf konkrete Lerninhalte und deren Benennung.

Die durch die 68er-Bewegung verstärkte politische Polarisierung führte auch innerhalb der Disziplin zu heftigen Auseinandersetzungen, beispielsweise um die Hessischen Rahmenrichtlinien für Gesellschaftskunde. Der Beutelsbacher Konsens von 1976 trug dazu bei, diese Konflikte abzubauen.

Pluralisierung und heutige Institutionen

Zwischen 1980 und 2000 geriet die Politikdidaktik wegen hoher Lehrerarbeitslosigkeit und sinkender Studierendenzahlen in eine Krise. Gleichzeitig entfernte sich die Politikwissenschaft zunehmend von der politischen Bildung. Die Zeit gilt dennoch als „Phase der Pluralisierung“, weil zahlreiche neue Unterrichtsmethoden und Ansätze entstanden. Zudem setzte sich eine „empirische Wende“ durch: Unterricht und Kompetenzen wurden verstärkt mit wissenschaftlichen Daten untersucht.

Die deutsche Wiedervereinigung gab der Disziplin neue Impulse und unterstützte ihre institutionelle Stabilisierung. Obwohl politischer Unterricht in der PISA-Debatte nicht im Mittelpunkt stand, wirkte diese als weiterer Anstoß. Nach der Klieme-Expertise begann ab 2003 die Debatte über Kompetenzen.

Heute ist Politikdidaktik an deutschen Hochschulen mit ungefähr 40 Lehrstühlen in der Ausbildung von Lehrkräften für allgemeinbildende und berufsbildende Schulen vertreten. Wichtige Organisationen sind die GPJE und die Deutsche Vereinigung für Politische Bildung (DVPB). Die Deutsche Vereinigung für Politikwissenschaft (DVPW) besitzt außerdem eine Sektion „Politikwissenschaft und Politische Bildung“.

Aktuelle Kontroversen und Modelle

Eine wichtige aktuelle Kontroverse besteht zwischen einer stärker lernpsychologisch begründeten Kompetenzorientierung und einer stärker pädagogisch auf politische Einstellungen ausgerichteten politischen Bildung. Besonders umstritten ist die Bedeutung politischen Wissens.

Das 2010 veröffentlichte Modell des Fachwissens wurde 2012 im Modell der Politikkompetenz von Joachim Detjen et al. weitergeführt. Dieses unterscheidet vier Kompetenzdimensionen: Fachwissen, politische Urteilsfähigkeit, politische Handlungsfähigkeit sowie politische Einstellung und Motivation. Dazu gehört das Wissensmodell „Konzepte der Politik“ von Georg Weißeno et al. aus dem Jahr 2010. Seine 30 Fachkonzepte werden durch einen Grundwortschatz von 268 Begriffen präzisiert, der die schulisch wichtigen Inhalte strukturieren und eingrenzen soll. Zentrale Basiskonzepte sind „Ordnung“, „Entscheidung“ und „Gemeinwohl“.

Eine Gruppe um Wolfgang Sander legte 2011 die „Konzepte der politischen Bildung“ vor. Ihr Ansatz soll nicht nur politikwissenschaftlich sein, sondern einen „multiperspektivischen sozialwissenschaftlichen Zugriff auf das Phänomen des Politischen“ ermöglichen. Er arbeitet mit den sechs Basiskonzepten „System“, „Wandel“, „Macht“, „Grundorientierungen“, „Akteure“ und „Bedürfnisse“. Beim „konzeptuellen Deutungslernen“ blieb umstritten, welche Rolle das Erlernen von Begriffen spielt.

Auch bei der Unterrichtsgestaltung bestehen unterschiedliche Schwerpunkte. Monika Oberle möchte wissenschaftliche Konzepte mit den Alltagsvorstellungen der Schüler verbinden, damit sie die Welt besser verstehen und differenzierter darüber sprechen können. Tilman Grammes betont dagegen die Erweiterung praktischer Erfahrungen mit gesellschaftlicher und politischer Teilhabe, etwa durch Kontakte zwischen Jugendlichen und Politikern.

Situation im internationalen Vergleich

Politische Bildung ist international unterschiedlich organisiert und lässt sich nicht einheitlich übersetzen. Verwendet werden unter anderem die englischen Begriffe political education, civic education oder civics, französisch éducation civique, italienisch educazione civica, spanisch formación cívica und niederländisch burgerschapsonderwijs.

Nur in Deutschland ist politische Bildung ein obligatorisches eigenständiges Unterrichtsfach. Deshalb gibt es außerhalb des deutschen Raums kaum eine ähnlich institutionalisierte Politikdidaktik.

In Österreich besteht politische Bildung nur an Berufsschulen als eigenes Fach. Ansonsten erscheint sie häufig in Verbindung mit Geschichte oder als allgemeines Unterrichtsprinzip. Die Disziplin ist dort akademisch kaum vertreten. 2017 wurden jedoch an der Universität Salzburg eine Universitätsprofessur für Geschichts- und Politikdidaktik und an der Universität Wien ein Arbeitsbereich Didaktik der Politischen Bildung eingerichtet. Außerdem gibt es in der Österreichischen Gesellschaft für Politikwissenschaft eine Sektion Politikdidaktik sowie die Interessengemeinschaft für Politische Bildung (IGPB). Die Schweizerische Vereinigung für politische Wissenschaft besitzt keine politikdidaktische Sektion.

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