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Pio Monte della Misericordia

Der Pio Monte della Misericordia (italienisch wörtlich: „Frommer Berg der Barmherzigkeit“) ist eine wohltätige Institution und ein historischer …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Institution und Bedeutung
  2. 2. Gründung und soziale Aufgaben
  3. 3. Baugeschichte
  4. 4. Architektur und Kirchenraum
  5. 5. Sammlungen, Bibliothek und Archiv

Institution und Bedeutung

Der Pio Monte della Misericordia ist eine wohltätige Institution und zugleich ein historischer Gebäudekomplex aus dem 17. Jahrhundert in Neapel. Er liegt an der Piazza Riario Sforza am Decumano maggiore. Die Einrichtung verbindet bis heute soziale Hilfe, religiöse Aufgaben und die Bewahrung bedeutender Kunst- und Archivbestände.

Besonders bekannt ist die weiterhin geweihte Kirche durch Caravaggios Gemälde „Die sieben Werke der Barmherzigkeit“ von 1607. Im ersten Stock befinden sich außerdem das historische Archiv und die Quadreria del Pio Monte della Misericordia, eine der bedeutendsten Gemäldesammlungen Neapels. Seit 2005 führt ein Museumsrundgang durch die Kirche sowie durch die Räume mit Archiv und Kunstsammlung.

Gründung und soziale Aufgaben

Ausgangspunkt war eine Gruppe von sieben Neapolitanern, die sich ab 1601 regelmäßig im Ospedale degli Incurabili traf. Auf eigene Kosten organisierten sie die Speisung von Kranken. Mit der Ausweitung der Hilfsaufgaben wuchs das verfügbare Kapital bald auf 6.328 Dukaten.

1602 entstand daraus der Pio Monte della Misericordia. Die Institution verwaltete und verteilte die Mittel und organisierte unter anderem Hilfe für Arme, Bedürftige und Kranke, Besuche bei Gefangenen, die Befreiung von Schuldgefangenen, die Unterbringung von Pilgern sowie die Befreiung christlicher Sklaven aus der Gefangenschaft islamischer Berber oder ähnlicher Gruppen.

Die 1603 erlassenen Statuten wurden vom Vizekönig Giovanni Alfonso Pimentel de Herrera bewilligt; 1605 folgte die offizielle Unterstützung durch Papst Paul V. Die Statuten bestanden aus 33 Artikeln, den sogenannten Capitolazioni. Die Finanzierung blieb von Anfang an ausschließlich in den Händen von Laien.

Alle dreieinhalb Jahre wurden sieben mindestens 25 Jahre alte Governatori aus dem Adel gewählt. Governatori waren die Leiter der Einrichtung. In einem Rollsystem wechselten sie jedes halbe Jahr ihr Aufgabengebiet. Diese Bereiche entsprachen den sieben leiblichen Werken der Barmherzigkeit, etwa Tote begraben, Gefangene besuchen oder auslösen, Armen helfen und Fremden beziehungsweise Pilgern Unterkunft geben. Hinzu kam die Verwaltung des Kapitalfonds. Nach einem vollständigen Umlauf hatte jeder Leiter alle Aufgaben übernommen.

Der historische Versammlungsraum besaß einen siebeneckigen Tisch mit Darstellungen der sieben Werke der Barmherzigkeit. Auf jeder Seite stand das biblische Motto „Fluent ad eum omnes gentes“ aus Jesaja. Trotz seines Ursprungs als Laienbewegung arbeitete der Pio Monte auch mit den Jesuiten zusammen. In den 1620er Jahren ließ er in Casamicciola auf Ischia unter Leitung von Giovan Giacomo di Conforto ein Hospiz errichten, das jährlich bis zu 300 Arme aufnehmen konnte. Der Pio Monte unterstützt auch heute verschiedene örtliche Einrichtungen.

Baugeschichte

Der erste Sitz war eine von Giovan Giacomo di Conforto zwischen 1607 und 1621 errichtete Kirche. Er erhielt dafür 25 Dukaten. Ihr genaues Aussehen ist unbekannt; ein Stadtplan Alessandro Barattas aus der Mitte des 17. Jahrhunderts zeigt jedoch einen rechteckigen Bau, der deutlich kleiner war als der heutige Palazzo.

1607 beauftragte der Pio Monte Caravaggio mit dem Gemälde „Die sieben Werke der Barmherzigkeit“ für das Presbyterium, also den Bereich um den Hauptaltar. Caravaggio erhielt 400 Dukaten. Die Governatori beschlossen 1613, dass das Werk dauerhaft in der vorgesehenen Kapelle bleiben und weder verkauft noch kopiert oder reproduziert werden dürfe. Weitere Altarbilder schufen unter anderem Fabrizio Santafede, Battistello Caracciolo und Giovanni Bernardo Azzolino.

Weil der erste Bau den wachsenden Anforderungen nicht mehr genügte, wurde die Kirche 1653 abgerissen. Nach dem Ankauf benachbarter Grundstücke entstand zwischen 1658 und 1678 ein größerer Neubau. Cosimo Fanzago war zunächst als Architekt vorgesehen, lehnte aber wegen anderer Verpflichtungen ab. Deshalb übernahm Francesco Antonio Picchiatti, auf den das heutige Erscheinungsbild zurückgeht.

Die Kuppel wurde 1666 fertiggestellt. Andrea Falcone schuf den Skulpturenschmuck an Fassade und Treppenhaus sowie die Weihwasserbecken. Gemeinsam mit Pietro Pelliccia führte er von 1668 bis 1671 auch die Balustraden und den Marmordekor der Altäre aus. Luca Giordano erhielt 1671 für seine „Grablegung Christi“ 200 Dukaten. Von 1678 bis 1680 vollendete Bonaventura Presti, ein Schüler Picchiattis, die Säle des dritten Stocks. Giovanni Battista Manni restaurierte den Komplex vom Beginn des 18. Jahrhunderts bis etwa 1720; weitere Arbeiten folgten 1763.

1914 verbot der Pio Monte jede Veräußerung seiner Kunstwerke. 1973 wurde unter dem Oberintendanten Tommaso Leonetti, Graf von Santo Janni, die Gemäldegalerie eingerichtet.

Architektur und Kirchenraum

Die Kirche besitzt keine eigene, nach außen erkennbare Fassade, sondern liegt innerhalb des dreigeschossigen Palazzos. Dessen Erdgeschoss zeigt einen von Salomone Rapi geschaffenen Portikus aus Piperno, einem vulkanischen Gestein, mit fünf Arkaden und ionischen Pilastern. Auf der Höhe des ersten Stocks steht auf einem Fries das Motto „Fluent ad eum omnes gentes“. Dort sind die Pilaster korinthisch, im Obergeschoss besitzen sie Kompositkapitelle.

In der mittleren Arkade steht Andrea Falcones „Madonna der Barmherzigkeit“. Zwei allegorische Figuren in den äußeren Nischen stellen Werke der Nächstenliebe dar und stammen ebenfalls von Falcone, möglicherweise nach Entwürfen Cosimo Fanzagos. Der Kircheneingang liegt hinter der vierten Arkade von links. Durch die zweite Arkade gelangt man in das Atrium und den Innenhof mit einem Brunnen aus dem 17. Jahrhundert. Am ersten Treppenabsatz steht Falcones Statue „König David“.

Der Kirchenraum ist ein Oktogon, also ein achteckiger Raum, mit einer hellen Kuppel, einem Hauptaltar und sechs Seitenkapellen. Weiß und Grau bestimmen die Farbgestaltung; Marmor und Stuck schmücken die Wände zurückhaltend. Balustraden trennen das Presbyterium und die Seitenkapellen vom Hauptraum. Drei größere Hauptkapellen und vier kleinere, niedrigere Eckkapellen bilden eine kreuzförmige Ordnung. Über den kleineren Kapellen liegen vergitterte Balkone, von denen aus man aus dem ersten Stock in die Kirche sehen kann. Die Raumform erinnert an die nahe Cappella del Tesoro di San Gennaro, die 1608 nach Plänen Francesco Grimaldis entstand. Besonders dekorativ ist der Boden aus Kacheln und polychromem, also mehrfarbigem Marmor.

Caravaggios „Die sieben Werke der Barmherzigkeit“ beherrscht das Presbyterium. An den Seitenwänden hängen „Heilige Anna“ von Giacomo Di Castro, etwa 1665, und „Madonna della Purità“ von Andrea Malinconico aus dem Jahr 1670. Über dem Eingang befindet sich eine getreue Kopie von Luca Giordanos „Christus und die Ehebrecherin“ von etwa 1660.

Die Altarbilder der Seitenkapellen verbinden Evangelien- und Heiligenszenen mit Werken der Barmherzigkeit. Rechts stehen „San Paolino befreit einen Sklaven“ von Giovanni Bernardino Azzolino, 1626–1630, für die Befreiung von Gefangenen; „Christus im Haus von Marta und Maria“ von Fabrizio Santafede, 1612, für die Gastfreundschaft; und „Der gute Samariter“ von Giovanni Vincenzo Forlì, 1607–1608, für die Krankenhilfe. Links folgen Battistello Caracciolos „Befreiung des heiligen Petrus“ von 1615, Luca Giordanos „Grablegung Christi“ von 1671 und Santafedes „Petrus erweckt Tabita von den Toten“ von 1611. Das letzte Bild steht für Speisung, Tränkung und Bekleidung Bedürftiger.

Sammlungen, Bibliothek und Archiv

Die Quadreria besitzt 140 Gemälde, von denen etwa 122 ausgestellt sind. Die Werke stammen aus dem 16. bis 19. Jahrhundert und gelangten überwiegend durch Schenkungen an den Pio Monte. Francesco De Mura vermachte der Institution ursprünglich 180 Bilder. Der Erlös aus ihrem Verkauf sollte wohltätige Tätigkeiten finanzieren. Weitere bedeutende Schenkungen kamen 1802 von Gennaro Marciano und 1933 von Maria Sofia Capece Galeota.

Das Museum zeigt außerdem Paramente, also liturgische Textilien und Gewänder, aus dem 17. und 18. Jahrhundert, angewandte Kunst, Archivdokumente und Originalmöbel. Dazu gehört der siebeneckige Tisch der Governatori. In der Sala del coretto verbirgt sich hinter einem „Schein-Schrank“ eine Öffnung, durch die die Leiter ungesehen Caravaggios Gemälde am Hauptaltar betrachten konnten.

Die Bibliothek entstand gleichzeitig mit der Institution und wuchs durch Schenkungen und testamentarische Hinterlassenschaften. Sie umfasst 17.000 Bände, vor allem zu Geschichte, Heraldik – der Wappenkunde – und Kunstgeschichte.

Das historische Archiv gehört zu den bedeutendsten Archiven Neapels. Es bewahrt die Dokumente zur Gründung und Geschichte des Pio Monte sowie die Verträge mit den Künstlern und Architekten der Kirche. Zu seinen Beständen zählt auch Francesco De Muras Testament von 1782, in dem er dem Pio Monte seine Gemäldesammlung vermachte.

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