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Oktogon (Architektur)
Ein Oktogon oder Oktagon (Achteck) ist in der Architektur ein Zentralbau oder -raum mit einem Grundriss in Form eines regelmäßigen Achtecks.
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Grundform und Bedeutung
Ein Oktogon oder Oktagon ist in der Architektur ein Zentralbau oder Zentralraum mit dem Grundriss eines regelmäßigen Achtecks. Ein Zentralbau ist ein Gebäude, dessen Raumordnung um eine Mitte herum angelegt ist. Das Achteck besitzt vier Symmetrieachsen und wurde seit der Antike nicht nur aus baulichen, sondern auch aus symbolischen Gründen verwendet.
Die Zahl Acht steht in vielen Zusammenhängen für Vollkommenheit und göttliche Perfektion. Im Christentum wurde sie außerdem mit der Auferstehung Jesu Christi und mit der Teilhabe an Christus in der Taufe verbunden. Deshalb sind Baptisterien, also Taufkapellen, und Taufbecken häufig achteckig. Die Form geht in ihrer symbolischen Bedeutung auf das Urbild des achtstrahligen Sterns zurück.
Frühe und mittelalterliche Nutzung
Eine der frühesten dokumentierten Anwendungen eines achteckigen Grundrisses ist der Turm der Winde in Athen. Dort diente das Achteck vor allem dazu, die acht Winde darzustellen und als Bezug für die Wetterfahne zu wirken. Später wurden viele Oktogone vor allem im sakralen Bereich gebaut, also in religiösen Gebäuden.
In frühmittelalterlichen Kirchen erscheint das Oktogon als eigenständiger Zentralbau. Vermutlich kam die Form aus der byzantinischen Architektur über Bauten wie San Vitale in Ravenna aus dem 6. Jahrhundert nach Südeuropa. Das Baptisterium des Lateran aus dem frühen 4. Jahrhundert war zur Bauzeit wahrscheinlich noch nicht achteckig, wurde aber zwischen 432 und 440 zu einem Oktogon umgebaut.
Karl der Große kannte die Kirche von Ravenna und wählte im 8. Jahrhundert die oktogonale Form für die Aachener Pfalzkapelle. Diese wurde später, im Rahmen der Verehrung Karls des Großen, Vorbild für weitere frühmittelalterliche Kirchen im Heiligen Römischen Reich, etwa die Mettlacher Grabkirche um 990 und die Abteikirche Ottmarsheim von 1020 bis 1030. Als die Basilika und ab der Ottonik auch Kirchen mit kreuzförmigem Grundriss stärker verbreitet wurden, traten Zentralbauten und damit Oktogone zurück. Sie blieben aber als Tauf- oder Grabkapellen wichtig.
Auch Kaiser Friedrich II. von Stauffen ließ mit Castel del Monte einen Bau auf oktogonalem Grundriss errichten; eine Bezugnahme auf ältere Sakralbauten wird angenommen. In Romanik und Gotik finden sich Oktogone häufig als Turmgeschosse und Vierungstürme, besonders bei Kaiserdomen. Der sogenannte Achtort wurde wohl als Proportionsschlüssel verwendet. Auch die Reichskrone des Heiligen Römischen Reichs, der Untersatz des Cappenberger Kopfes und der aus acht Segmenten bestehende Aachener Barbarossaleuchter greifen die Form auf. Der Barbarossaleuchter symbolisiert das Himmlische Jerusalem.
Wichtige Bauformen und Beispiele
Die Liste bedeutender Oktogonalbauten zeigt, dass die Form über viele Zeiten, Regionen und Bautypen hinweg genutzt wurde. Zu den frühen Beispielen gehören der Turm der Winde in Athen aus dem 2. Jahrhundert v. Chr., der Speisesaal der Domus Aurea in Rom von 64 n. Chr., das Diokletianmausoleum im Diokletianpalast in Split um 295–305 und das Planetarium der Diokletianthermen in Rom von 298–306.
Für die religiöse Architektur sind besonders die Himmelfahrtskapelle in Jerusalem von 387, San Vitale in Ravenna von 526–547, der Felsendom in Jerusalem aus dem 7. Jahrhundert und der Aachener Dom aus dem 8. Jahrhundert wichtig. Weitere mittelalterliche Beispiele sind die Heilige Kapelle zu Altötting aus dem 8.–10. Jahrhundert, die Mettlacher Grabkirche um 990, das Wieselburger Oktogon um 993/994, die Abteikirche Ottmarsheim von 1020–1030, die Nikolauskapelle in Nimwegen um 1030 und das Baptisterium des Doms von Parma von 1196–1216.
Oktogone wurden nicht nur in Kirchen verwendet. Die Holsterburg bei Warburg von 1191 gilt als eines der frühesten oktogonalen Profanbauten, also nicht religiösen Bauten; sie wurde 1294 zerstört, ihre Ausgrabungen fanden 2010–2015 statt. Auch Castel del Monte in Apulien aus dem 13. Jahrhundert und der „Turm Friedrichs II.“ auf Sizilien gehören in diesen Zusammenhang.
Spätere Beispiele zeigen die Vielfalt der Nutzung: die Brunelleschi-Kuppel der Kathedrale Santa Maria del Fiore in Florenz ab 1418, die Empore im Jain-Tempel von Ranakpur in Indien um 1450, Santa Maria della Salute in Venedig von 1630–1687, Monticello bei Charlottesville ab 1768, die Dorfkirche Glienicke von Karl Friedrich Schinkel von 1815–1817, die St. Georgs-Kathedrale in Addis Abeba von 1896, das Max-Morlock-Stadion in Nürnberg von 1925 bis 1928, das neue Kirchenschiff der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Berlin von 1957–1961 und die Rothko Chapel in Houston von 1971. Gut erhaltene mittelalterliche Oktogonkirchen im deutschsprachigen Raum sind unter anderem die Dorfkirche Ludorf, St. Sigismund in Oberwittighausen, St. Achatius in Grünsfeldhausen und St. Ulrich in Standorf.
Barock und Türme
In der Barockzeit wurden Oktogone weiterhin häufig gebaut. Beispiele sind die Klosterkirche von Kloster Muri aus dem 17. Jahrhundert, Schloss Drakensteyn in den Niederlanden von 1640, die St. Katharinenkapelle in Mahlberg von 1666, das Riesenschloss in Kassel von 1717, die Kirche Zum Friedefürsten in Klingenthal von 1737, der zentrale Pavillon von Schloss Clemenswerth von 1737–1747, die evangelisch-lutherische Kirche von Rellingen von 1754–1756 und die evangelisch-lutherische Kirche von Seiffen im Erzgebirge von 1776.
Typisch für die Barockzeit sind außerdem oktogonale Aufsätze auf mittelalterlichen Turmgeschossen. Diese Aufsätze haben oft ein Zeltdach und enthalten Schallöffnungen für die Glockenstühle, manchmal auch Turmuhren. Auch im Festungsbau wurde das Achteck verwendet, unter anderem in Neuf-Brisach.
Sonderformen und spätere Verbreitung
Oktogonale Formen wurden auch bei Leuchttürmen eingesetzt. In der vorindustriellen Zeit waren Leuchttürme meist gemauert, oft als Rundturm, aber auch als Achteck oder als quadratischer Bau mit runder Laterne. Beispiele sind das Five Mile Point Lighthouse von 1845 in den USA, der Phare de Calais von 1848 in Frankreich, der Leuchtturm Greifswalder Oie von 1855 in Deutschland, der Faro di Punta San Cataldo von 1869 in Italien, Dondra Head Lighthouse von 1890 in Sri Lanka und Peggy’s Point Lighthouse von 1915 in Kanada.
In den USA wurde das Oktogon Mitte des 19. Jahrhunderts kurzzeitig in der bürgerlichen Wohnarchitektur beliebt. Achtseitige Modellbauten stammen von William Thornton und Thomas Jefferson. Besonders bekannt wurde die Form durch Orson Squire Fowler, einen Phrenologen, der die Achteckform als besonders ökonomische Bauweise und als ideale Wohnumgebung ansah. In den USA, vor allem an der Ostküste und im Mittleren Westen, existieren heute noch rund 500 solcher Wohngebäude aus dem 19. Jahrhundert.
Weitere spezielle Anwendungen sind die Berliner öffentlichen Bedürfnisanstalten aus Eisen, die im 19. Jahrhundert auf oktogonalem Grundriss gebaut wurden und scherzhaft „Café Achteck“ heißen. Auch in Städtebau und Gartenkunst kommen oktogonale Anlagen vor, etwa die Place Vendôme in Paris, der Leipziger Platz in Berlin und der Oktogon tér in Budapest.