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Pikuach Nefesch
Der Begriff bezieht sich ursprünglich auf den zulässigen Bruch der Sabbatgesetze zur Lebensrettung und lässt sich bis in die hasmonäische Zeit (167 v. Chr.) …
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Grundprinzip der Lebensrettung
Pikuach Nefesch (hebräisch פִּקּוּחַ נֶפֶשׁ, Piqqūach Nefesch) ist ein Begriff der Halacha, des jüdischen Rechts. Wörtlich bedeutet er „Aufsicht/Wachen über eine Seele“, übertragen „Rettung aus Lebensgefahr“. Sein Kern ist: Die Erhaltung menschlichen Lebens hat Vorrang vor fast allen religiösen Geboten. Grundlage ist 3. Buch Moses 18,5: „Beachtet meine Gesetze und Rechtsvorschriften; wer sie lebt, wird durch sie leben.“ Die rabbinische Auslegung betont dazu: durch die Gesetze leben, nicht ihretwegen sterben.
Pikuach Nefesch gilt für das eigene Leben ebenso wie für das Leben anderer. Es erlaubt daher die Übertretung fast sämtlicher Gebote, wenn sie zur Lebensrettung nötig ist. Auch Safek Pikuach Nefesch, also der Verdacht auf eine Lebensgefahr, genügt; die Gefahr muss nicht „ohne Schatten eines Zweifels“ feststehen.
Drei Ausnahmen nennt die Halacha: Wird ein Jude zu Götzendienst, Blutvergießen (Mord) oder Beischlaf mit nahen Verwandten (Unzucht) gezwungen, soll er eher sein Leben opfern als die Halacha brechen. Die genannte Regel zum Götzendienst ist allerdings umstritten.
Sabbat und Hilfe in Notfällen
Am Sabbat verrichten orthodoxe Juden keine Tätigkeiten, die die Halacha als Arbeit einstuft; konservative Juden befolgen einige Sabbatgebote weniger streng. Das Sabbatgebot gehört zu den Zehn Geboten und ist für alle jüdischen Richtungen bindend. Die wichtigsten Verbote sind in den 39 Melachot des Babylonischen Talmuds zusammengefasst. Arbeit bedeutet dabei das Schaffen einer neuen Situation, die zuvor nicht existierte.
Dazu zählen nach rabbinischer Übertragung auf die Gegenwart unter anderem Reisen unabhängig vom Verkehrsmittel, Feuermachen und die Bedienung stromführender Geräte. Deshalb dürfen etwa Licht oder andere Geräte nicht eingeschaltet oder bedient werden; auch Kochen, Fernsehen, Telefonieren, Nähen und Waschen fallen darunter. Ähnliche, jeweils veränderte Regeln gelten auch an Jom Kippur, Rosch ha-Schana, Schawuot, Simchat Tora sowie an bestimmten Tagen von Pessach und Sukkot.
Bei Lebensgefahr werden diese Verbote zurückgestellt. Die Mischna formuliert im Traktat Yom 8,6: „Lebensgefahr verdrängt die Schabbat(gesetze)“; ebenso der Babylonische Talmud, Traktat Yom 85a-b. So darf eine Frau am Sabbat zur Entbindung ins Krankenhaus gefahren werden. Fahrverbote sind auch bei einer notwendigen Evakuierung aus einem Gefahrengebiet aufgehoben, etwa beim antisemitischen Terroranschlag in Halle (Saale) 2019, sowie bei Maßnahmen zur Verteidigung während eines militärischen Angriffs wie im Jom-Kippur-Krieg.
Rabbinische Quellen erlauben am Schabbat Hilfe bei Schiffbruch, Schlangenbiss, Schmerzen oder verschütteten Menschen. Medizinische Behandlung ist nicht nur erlaubt, sondern nach dem Schulchan Aruch eine Mitzwa, also ein Gebot. Ärzte, Zahnärzte und Rettungskräfte dürfen deshalb in Notfällen arbeiten, aber keine regulären Sprechstunden abhalten.
Weitere Folgen und Grenzen
Wenn der Gesundheitszustand es verlangt, darf ein Fasten unterbrochen oder gar nicht eingehalten werden. Nach Ansicht einiger halachischer Gelehrter ist auch Organspende ein klassischer Fall: Die Rettung eines Lebens kann das Verbot der Entweihung eines Leichnams außer Kraft setzen.
Pikuach Nefesch ist jedoch keine allgemeine Freistellung von Verboten. Orthodoxe Juden verlangen, die Übertretung möglichst gering zu halten. Muss jemand an einem Fasttag trinken und kann die Flüssigkeit ohne Schaden portionsweise aufnehmen, soll er beispielsweise alle 9 Minuten einen Schluck trinken. Dies wird mit der talmudischen Erklärung zu Jom Kippur begründet: Ein Sündopfer wird fällig, wenn man versehentlich mehr als eine „Backe voll“ („Melo Lugmaw“) Flüssigkeit innerhalb von neun Minuten trinkt. Erfordert es der Gesundheitszustand, darf das Intervall verkürzt werden.
Ultraorthodoxe Juden legen den Grundsatz besonders streng aus: Sie beschränken ihn auf tatsächliche, konkrete Lebensgefahr und nicht auf eine lediglich mögliche Gefährdung.
Anwendung bei ansteckenden Krankheiten
Während der COVID-19-Pandemie rief Israels sefardischer Oberrabbiner Yitzhak Yosef dazu auf, Telefone auch am Schabbat eingeschaltet zu lassen. Getestete Menschen sollten so Testergebnisse erhalten können; auch ungetestete Personen sollten informiert werden können, falls eine Infektion in ihrem näheren Umfeld bestätigt wird. Für diesen Katastrophenfall gelte Pikuach Nefesch. Gottesdienste in Synagogen wurden während der Krise abgesagt.
Die Zentralkonferenz der amerikanischen Rabbiner sowie Organisationen wie Orthodox Union und Agudath Israel of America appellierten, Pikuach Nefesch umzusetzen und wissenschaftlichen Ratschlägen zum Lebensschutz zu folgen. Im Sefer Chassidim, einem Rabbi Juda ben Samuel aus Regensburg zugeschriebenen halachischen Text aus dem 12. Jahrhundert, heißt es in Makor Chessed, Sefer Chassidim, 673,4, dass jemand mit einer ansteckenden Krankheit seine Mitmenschen informieren müsse. Auf die Gegenwart übertragen wird etwa die Corona-Warn-App als ethisch geboten dargestellt, weil sie vor allem andere schützen soll.