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Zungenrede

Unter Zungenrede, auch „in Zungen reden“, „Glossolalie“, einem Lehnwort aus altgriechisch γλῶσσα glōssa („Zunge“, „Sprache“) und λαλεῖν lalein, („reden“, …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Begriff und Merkmale
  2. 2. Vorkommen außerhalb des Christentums
  3. 3. Biblische Zeugnisse
  4. 4. Christliche Entwicklung und heutige Praxis
  5. 5. Humanwissenschaftliche Deutungen
  6. 6. Theologische Bewertungen

Begriff und Merkmale

Zungenrede, auch Glossolalie, Zungengebet oder Sprachengebet, bezeichnet ein unartikuliertes Sprechen, das besonders aus christlicher charismatischer und pfingstlerischer Gebetspraxis bekannt ist. Sie kann privat, gemeinsam im Gebet oder als Orakelspruch vorkommen.

Für Außenstehende klingt sie oft wie eine unbekannte Sprache. Es lassen sich jedoch weder ein Vokabular noch eine Syntax, also feste Regeln für Wörter und Satzbau, erkennen. Nach Untersuchungen von William J. Samarin (1972) besitzt sie dennoch sprachähnliche Merkmale: Akzent, Rhythmus, Intonation und Pausen gliedern die Rede; die Silben bestehen aus Konsonanten und Vokalen, die dem Sprecher offenbar aus bekannten Sprachen vertraut sind. Felicitas Goodman stellte ebenfalls fest, dass sich Muster der Muttersprache widerspiegeln.

Betende sind nach eigenen Angaben bei Bewusstsein und können beginnen, enden sowie laut oder leise sprechen. Meist wissen sie aber nicht, was sie sagen; manchmal beanspruchen andere, die Rede deuten zu können. Zum Verständnis gehören neben Lauten auch sozialer Zusammenhang und Körperausdruck. Weil Glossolalie mehrdeutig ist, wird sie in allen Kulturen institutionell begrenzt und geregelt.

Von Xenoglossie ist sie zu unterscheiden: Damit ist die als Gottesgabe verstandene Fähigkeit gemeint, unvermittelt in tatsächlichen fremden Sprachen zu sprechen. Ob einzelne biblische Berichte Glossolalie oder Xenoglossie meinen, ist umstritten.

Vorkommen außerhalb des Christentums

Ähnliche Formen sind aus der Antike und aus vielen Religionen bekannt. In griechisch-römischen Texten finden sich Hinweise auf esoterische Rede, die als Engels- oder Göttersprache verstanden wurde, etwa beim Orakel von Delphi. Im Frühjudentum beschreibt das pseudepigraphische Testament des Hiob aus dem 1. oder 2. Jahrhundert Töchter Hiobs, die „entsprechend dem Gesang der Engel“ beten und deren Rede gedeutet werden kann. Ob Jesaja 28,7–13 ein Beleg für Zungenrede ist, bleibt strittig.

Glossolalie wird besonders im Schamanismus und in medialen Praktiken beobachtet, die Kontakt zu einer jenseitigen Welt herstellen sollen. Goodman verglich christliche Beispiele mit Ritualen aus Afrika, der Karibik, Borneo und Indonesien. Häufig steht sie im Zusammenhang mit Initiation oder Besessenheit. Dabei kann die Stimme, das Verhalten oder bei sibirischen Schamanen auch die Lautform – etwa Tierstimmen – deutlich verändert sein.

Beispiele nennt der Artikel außerdem für Hinduismus, darunter die Veden (ca. 1000 v. Chr.), die Yoga-Sutras von Pacaiijali und tibetische tantrische Schriften. Im Islam werden vor allem im Sufismus ekstatische Praktiken berichtet, nicht jedoch Glossolalie; Elisabeth Goodman sieht mögliche Spuren in Dhikrs einiger Sufi-Orden. Als besondere Bewegung des 20. Jahrhunderts wird der australische Vailala-Wahn genannt, dessen Name auf unartikulierte Rede verweist.

Biblische Zeugnisse

Drei neutestamentliche Schriften enthalten Bezüge zur Zungenrede. Außer beim 1. Korintherbrief ist jeweils umstritten, ob tatsächlich Glossolalie oder das Sprechen bisher unbekannter Fremdsprachen gemeint ist.

Der sekundäre Markusschluss (Mk 16,9–20 EU) nennt unter den Zeichen der Gläubigen das Reden in „neuen Sprachen“ (γλώσσαις λαλήσουσιν καιναῖς). Der Text entscheidet nicht zwischen Glossolalie und Xenoglossie.

In Apostelgeschichte 2,4–13 NGÜ werden die Jünger zu Pfingsten in Jerusalem mit dem Heiligen Geist erfüllt und beginnen in „fremden Sprachen“ beziehungsweise „Zungen“ zu reden. Pilger aus Afrika, Europa und Asien hören sie in ihren eigenen Muttersprachen von Gottes großen Taten sprechen; manche halten die Jünger dagegen für betrunken. Offen bleibt, ob das Wunder im Sprechen der Jünger oder im Hören der Pilger liegt. Pfingstgemeinden deuten es eher als Glossolalie, andere häufiger als Xenoglossie. Weitere Stellen sind Apg 10,46 EU, wo nichtjüdische Hörende „in Zungen“ sprechen und deshalb getauft werden, sowie Apg 19,6 EU, wo bereits Getaufte nach Handauflegung „in Zungen redeten und weissagten“.

Röm 8,26 EÜ spricht vom „Seufzen“ des Heiligen Geistes. Dieses wird gelegentlich auf Zungenrede bezogen, doch der Artikel bewertet diese Deutung als eher unwahrscheinlich.

Am klarsten behandelt Paulus das Thema in 1 Kor 14,2–25 EU. Zungenrede erbaut nach ihm zunächst die sprechende Person, weil andere sie nicht verstehen. Prophetische Rede erbaut dagegen die ganze Gemeinde. Zungenrede soll daher ausgelegt, also verständlich gemacht werden; sonst kann sie besonders auf Fremde abschreckend wirken. Ihr Wert für den Einzelnen wird nicht bestritten. Das entscheidende Kriterium steht im Zusammenhang mit dem Hohelied der Liebe: Geistgaben sollen in Liebe zum Nutzen der Gemeinde gebraucht werden.

Christliche Entwicklung und heutige Praxis

Kirchenväter der Antike beziehen sich meist auf die biblischen Texte, berichten aber kaum von Zungenrede in ihrer eigenen Umgebung. Irenäus von Lyon (ca. 135–200) und andere könnten sowohl Zungenrede als auch wundersames Fremdsprachensprechen gemeint haben. Johannes Chrysostomos (ca. 345–407) schrieb, die damaligen Phänomene seien in seiner Zeit nicht mehr vorhanden; Augustinus (354–430) verstand sie als zeitgebundenes Zeichen dafür, dass das Evangelium allen Sprachen der Welt verkündet werden sollte.

Ein erneutes Auftreten christlicher Glossolalie ist Ende des 17. Jahrhunderts bei den hugenottischen Kamisarden in Südfrankreich belegt. Über die Vertreibung der Hugenotten verbreiteten sich Einflüsse nach England, in die Niederlande, nach Deutschland und in die USA. Genannt werden Johann Friedrich Rock (1678–1749) in den Inspirationsgemeinden sowie Edward Irving (1792–1834) und die von ihm geprägten katholisch-apostolischen Gemeinden.

Besonders kennzeichnend ist die Zungenrede für Pfingstgemeinden. Dort gilt sie meist als äußeres Zeichen der Geistestaufe, die in manchen Gemeinden mehrfach empfangen werden kann. Die Pfingstbewegung entstand zu Beginn des 20. Jahrhunderts, ist keine einheitlich geleitete Kirche und verbreitete sich durch ihre starke Missionsorientierung weltweit; die Assemblies of God sind ein Zusammenschluss mehrerer Zweige. Heute gilt sie als größter Zweig der Kirchen reformatorischer Tradition und entwickelt sich besonders dynamisch in Brasilien.

Seit den 1960er Jahren wird Glossolalie auch in charismatischen Gruppen anderer Kirchen und in der katholischen Gemeindeerneuerung praktiziert. Diese Gruppen sind durch gemeinsame Erfahrung stark ökumenisch geprägt, betrachten Zungenrede aber nicht als notwendigen Nachweis der Geistestaufe. Orthodoxe Kirchen kennen die biblischen Berichte, üben Zungenrede jedoch nicht im Gottesdienst; sie ist dort offenbar kein verbreitetes Phänomen.

Humanwissenschaftliche Deutungen

Andrew Newberg von der Universität von Pennsylvania untersuchte 2006 fünf Frauen während Zungenrede und beim Singen von Gospels. Bei allen fünf nahm die Aktivität im Frontallappen während der Zungenrede praktisch auf; dies weist auf verringerte Selbstkontrolle hin. Im Parietallappen nahm die Aktivität zu, anders als bei Meditation. Eine Untersuchung am Virovitica-Spital in Kroatien beschrieb einen vorübergehenden Regressionszustand als mögliche Erklärung für eine positive, fast psychotherapeutische Wirkung.

Samarin definierte die bei Pfingstlern untersuchte Glossolalie als „bedeutungslose“, aber phonologisch strukturierte menschliche Äußerung. Der Sprecher halte sie für eine echte Sprache, sie gleiche aber keiner lebenden oder toten natürlichen Sprache systematisch. Diese Definition behandelt die religiöse Bedeutung, welche Betende oder Gemeinden ihr geben, nicht als wissenschaftliche sprachliche Bedeutung. Goodman fand bei protestantischen Pfingstgemeinden und nichtchristlichen Religionen keine Unterschiede in segmentalen Merkmalen wie Lauten, Silben und Phrasen sowie suprasegmentalen Merkmalen wie Rhythmus, Akzent und Intonation.

Michel de Certeau deutete Glossolalie philosophisch als Sprechen ohne mitteilbare Aussage: Sie widerstehe dem Anspruch der Rationalität, mache den Übergang vom Schweigen zur Sprache sichtbar und verbinde diesen mit Jubel und Lobpreis.

Theologische Bewertungen

In der Pfingstbewegung gibt es verschiedene Ansätze; wichtig ist oft die leiblich erfahrbare, „somatische Geisteserfahrung“. Die Assemblies of God hielten 1916 in ihren Lehrsätzen fest und bestätigten 2010, dass Zungenrede das äußere Zeichen der Geistestaufe sei. Für diese Auffassung ist der Pfingstbericht der Apostelgeschichte ein normatives und wiederholbares Muster. Bernardo Campos (1955–2024) versteht Glossolalie als symbolisch sinnvolle Sprechweise im Gottesdienst: Sie muss für den Betenden nicht verständlich und nicht notwendig eine Sprache sein, verweist aber auf die Wirklichkeit des Heiligen und kann die Mission stärken.

In anderen evangelischen Kirchen wird sie zurückhaltender beurteilt. Liberale Theologie sieht sie eher als Fehlentwicklung der frühen Kirche. Reinhard Hempelmann bezeichnet sie als Randthema: Christliches Leben ohne Zungenrede sei nicht defizitär. Im Anschluss an Paulus seien Christusbekenntnis, Gottes- und Nächstenliebe, Auslegung, Ordnung und Nutzen für die Gemeinde maßgeblich. Auch wenn Paulus sie nicht verbiete, dürfe sie nicht überbewertet werden.

Katholische Autoren orientieren sich ebenfalls an 1 Kor 14. Die katholische Kirche kann Zungengebet in charismatischen Gemeinschaften theologisch integrieren, solange Geistgaben dem Wohl der Kirche dienen. Yves Congar (1904–1995) fordert Nutzen für andere, vernünftige und reife Unterscheidung sowie die Beachtung, dass Zungenrede auch außerhalb des Christentums vorkommt. Sie sei von dem „Seufzen“ in Röm 8,26 zu unterscheiden; die Liebe sei das höchste Charisma. Karl Rahner (1904–1984) stand ihr grundsätzlich positiv gegenüber, betonte aber, sie sei zunächst ein natürliches, auch außerhalb der Kirche beobachtbares Phänomen und kein notwendiger Beweis eines besonderen göttlichen Eingreifens. Maßgeblich bleiben Christusbezug, Dienst an der Gemeinde und rationale Reflexion.

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