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Pentatonik

Skalen aus fünf Tönen kennzeichnen seit etwa 3000 v. Chr. – vermutlich ausgehend von Mesopotamien – die Musik vieler indigener Völker Asiens, Afrikas, Amerikas …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Begriff und Bedeutung
  2. 2. Anhemitonische Pentatonik
  3. 3. Hemitonische Pentatonik
  4. 4. Kinder, Pädagogik und Volksmusik
  5. 5. Kunstmusik, Gospel, Blues, Rock und Pop
  6. 6. Jazz und Gitarrensystem

Begriff und Bedeutung

Pentatonik oder Fünfton-Musik bezeichnet Tonleitern und Tonsysteme, die aus fünf verschiedenen Tönen bestehen. Man unterscheidet anhemitonische Fünftonskalen ohne Halbtonschritte und hemitonische Fünftonskalen mit Halbtonschritten.

Fünftonskalen prägen seit etwa 3000 v. Chr. die Musik vieler indigener Völker Asiens, Afrikas, Amerikas und des frühen Europas. Ihr Ausgangspunkt wird vermutlich in Mesopotamien gesehen. Sie gelten außerdem als Vorläufer der aus Griechenland stammenden europäischen Heptatonik, also von Tonsystemen mit sieben verschiedenen Tönen.

Pentatonische Melodien sind häufig leicht überschaubar und eingängig. Je nach Skala können sie spannungsarm oder bewusst dissonant wirken und in Volksmusik, Kinderliedern, Kunstmusik, Gospel, Blues, Rock, Pop und Jazz unterschiedliche Aufgaben übernehmen.

Anhemitonische Pentatonik

Anhemitonische Skalen enthalten keine Halbtonschritte. Die Dur-Pentatonik auf C besteht aufwärts aus C, D, E, G und A. Ihre Intervallfolge lautet Ganzton, Ganzton, kleine Terz, Ganzton. Gegenüber der C-Dur-Tonleiter fehlen die Halbtonschritte E–F und H–C. Deshalb kommen keine kleinen Sekunden, Tritoni oder großen Septimen vor; auch die Leitton-Wirkung entfällt. Jeder Skalenton harmoniert mit jedem anderen, wodurch der Gesamtklang leicht erfassbar wird. Das tonale Zentrum bleibt jedoch mehrdeutig.

In China wurde diese Skala bereits vor Jahrhunderten aus der Schichtung von vier Quinten abgeleitet. Die dabei entstehenden Töne wurden in denselben Oktavraum übertragen. Das Verfahren wurde auf zwölf verschiedene Grundtonhöhen im Halbtonabstand angewandt. Zu jeder Grundtonstufe gehören fünf Modi, also Umkehrungen der Tonfolge. Insgesamt ergeben sich dadurch 60 verschiedene pentatonische Skalen.

In der europäischen Dur-Moll-Tonalität wird die Dur-Pentatonik als Ausgangspunkt betrachtet. Die Moll-Pentatonik gilt als davon abgeleitete Parallele: Sie beginnt mit dem fünften Ton der Dur-Pentatonik beziehungsweise eine kleine Terz unter deren Grundton. Die übrigen drei Umkehrungen werden in der klassischen Harmonielehre nicht als gleichwertige Modi behandelt.

Die anhemitonische Pentatonik bildet außerdem eine Grundlage vieler Kinder- und Volksliedmelodien sowie zahlreicher Improvisationsmodelle.

Hemitonische Pentatonik

Die hemitonische Pentatonik enthält als wesentliches Merkmal mindestens einen Halbtonschritt. Im Artikel werden verschiedene Fünftonsysteme mit ihren Intervallfolgen genannt. Bei den isländischen Zwiegesängen lautet die Folge E–F–A–H–C. Die japanische Pentatonik wird aufwärts als C–Des–F–G–B und abwärts als C–As–G–F–Des angegeben. Eine indische Pentatonik besteht beispielsweise aus C–E–F–G–B.

Weitere Beispiele sind der javanische Slendro und der indonesische Pélog. Beim Pélog wird ungefähr die Folge C–Des–Es–G–As angegeben. In den Notationen des Artikels steht ein besonderes Zeichen für einen Halbtonschritt, ein anderes für einen Ganztonschritt, ein weiteres für einen Anderthalbtonschritt und ein weiteres für einen Zweitonschritt.

Kinder, Pädagogik und Volksmusik

Viele Kinderlieder beruhen auf der Pentatonik. Die einfachsten Melodien verwenden eine Zweiton-Formel, die Kuckucks- oder Rufterz. Dreiton-Formeln ergänzen die Rufterz um die Sekunde darüber, wie am Anfang von „Backe, backe, Kuchen“ sowie in „Laterne, Laterne, Sonne, Mond und Sterne“. Weitere Lieder enthalten den Grundton der Dur-Pentatonik, wodurch Quintsprünge und Dreiklänge möglich werden. Fünfton-Formeln verwenden alle fünf Töne, etwa „Old Mac Donald had a farm“. Auch die Spottmelodie „Nee nee nee nee nee nee“ und der Werbespruch „Haribo macht Kinder froh und Erwachsene ebenso“ nutzen die Eingängigkeit pentatonischer Melodien. Selbst ansonsten diatonische Kinder- und Volkslieder, etwa der A-Teil von „Oh! Susanna“, können pentatonische Abschnitte enthalten.

In der Musikpädagogik werden Pentatonik und ihre einfache, kindgemäße Struktur für Improvisation und Melodieentwicklung genutzt. In der seit 1919 entstandenen anthroposophischen Waldorfpädagogik gibt es eigenes pentatonisches Liedgut und Instrumentarium, etwa Choroiflöten und Kinderharfen. Charakteristisch ist eine die Oktave überschreitende Skala d¹–e¹–g¹–a¹–h¹–d²–e². Sie bildet einen doppelten Quintraum um den Zentralton a¹; deshalb wird häufig der Ausdruck „Quintenstimmung“ verwendet.

Carl Orff entwickelte ein Instrumentarium für Kinder zur pentatonischen Improvisation, darunter das „Spielbuch für Xylophon“. Lucy Gelber entwickelte in den 1970er Jahren ein entsprechendes System. Nach ihrer groß angelegten Studie „kristallisieren“ sich Intervallverständnisse bei Kindern: Sie können zuerst Grundtöne, dann Quinten und anschließend große Sekunden identifizieren und intonieren. Ihr Melodieempfinden entwickelt sich nach und nach bis zur Dur-Pentatonik. Auch Klavierschulen, etwa die von Peter Heilbut, beginnen Improvisationsaufgaben teilweise auf den schwarzen Tasten. Eine Zweier- und eine Dreiergruppe schwarzer Tasten bilden zusammen eine pentatonische Skala. Pentatonik wird außerdem in der Musiktherapie verwendet.

Pentatonik kommt laut Artikel in Gesang, Liedgut und Instrumentalintonation vieler Regionen und Völker Afrikas, Amerikas, Asiens und Europas vor, unter anderem in China, Japan, Indien, Indonesien, Korea, der Mongolei, auf dem Balkan, in den Appalachen, bei den Samen, in der Bretagne, auf Bali und in der Karibik. Verbreitete pentatonisch gestimmte Instrumente sind beispielsweise die äthiopische Krar, die finnische Kantele, die griechische Kithara, der indonesische Gamelan, die japanische Shakuhachi, der philippinische Kulintang und der schottische Dudelsack. Der Artikel weist darauf hin, dass dieser Abschnitt nicht ausreichend belegt ist.

Kunstmusik, Gospel, Blues, Rock und Pop

In der europäischen Kunstmusik wurde Pentatonik lange nicht als eigenes System behandelt, sondern als Bestandteil der heptatonischen Kirchentonarten verwendet. Mit der Durchsetzung der Dur-Moll-Tonalität trat sie zunächst weitgehend zurück. In der Romantik wurde sie durch das neue Interesse an Volksmusik sowie an außereuropäischer und archaischer Musik wieder stärker beachtet. Komponisten übernahmen oder imitierten pentatonische Themen, etwa Edvard Grieg im Kopfmotiv der „Morgenstimmung“ aus der „Peer-Gynt-Suite“ und Antonín Dvořák im Largo-Satz der Sinfonie Nr. 9 „Aus der Neuen Welt“ sowie im Streichquartett Nr. 12.

Andere Komponisten verwendeten Pentatonik als Klangfarbe zur Ergänzung, Verfremdung oder Bereicherung einer dur-moll-tonalen Harmonik, zum Beispiel Franz Liszt in „Au bord d’une source“, Frédéric Chopin in der Etude op. 10 Nr. 5 in Ges-Dur und Giacomo Puccini in „Madam Butterfly“ und „Turandot“. Im Impressionismus und bei Komponisten des 20. Jahrhunderts kann Pentatonik ganze Stücke oder längere Passagen bestimmen. Beispiele sind Claude Debussys „Arabesque Nr. 1“, Maurice Ravels „Passacaille“ und „Laideronnette“ aus „Ma Mère l’Oye“, Béla Bartóks „Der wunderbare Mandarin“ und Stücke aus dem „Mikrokosmos“, Susanne Hinkelbeins „Economia de Tahuantinsuyu“ und Igor Strawinskys „Die Nachtigall“. Lou Harrison verwendete auch neue pentatonische Skalen.

Dur-Pentatonik prägt unter anderem die Gospels „Swing Low, Sweet Chariot“ und „Amazing Grace“. Die Sprachmelodik westafrikanischer Völker ähnelt der Moll-Pentatonik, auf der die Bluestonleiter beruht. Diese enthält zusätzlich eine verminderte Quinte, die zwei gleiche Hälften der Skala durch einen chromatischen Halbtonschritt verbindet. Die Bluestonleiter kommt in fast allen Formen moderner Rock-, Pop- und Jazzmusik vor.

In Rock und Pop ist Pentatonik für Gitarrenanfänger leicht auffindbar und spielbar. Weil mögliche Spannungstöne fehlen, eignet sie sich besonders für Improvisation. Pentatonisches Material findet sich beispielsweise in berühmten Gitarrensoli der Guns-N’-Roses-Coverversion von „Knockin’ on Heaven’s Door“. Das Titelthema von Deep Purples „Perfect Strangers“ ist ein Beispiel für reine Moll-Pentatonik.

Jazz und Gitarrensystem

Im Jazz prägen Dur- oder Moll-Pentatonik teilweise die Themen von Standards wie „Afro Blue“, „Mercy, Mercy, Mercy“, „Summertime“, „Take Five“ und „Watermelon Man“. In der Improvisation hilft Pentatonik, auch bei atonal oder dissonant wirkendem Tonmaterial die Verbindung zur Konsonanz zu bewahren. In John Coltranes „Giant Steps“ kann die einfache Melodik die komplexe, schnell wechselnde Harmonik ausgleichen und die Beziehungen zwischen entfernten Kadenzklängen hörbarer machen.

In der modernen Jazzharmonik werden einem Akkord mehrere pentatonische Skalen zugeordnet. Über C6/maj9 (C, E, G, A und D) können beispielsweise C-, G- oder D-Dur-Pentatonik gespielt werden. Dadurch werden unterschiedliche Zusatztöne zum C-Dur-Dreiklang hervorgehoben. Zugleich lassen sich avoid notes, also zu vermeidende Töne der zugehörigen heptatonischen Tonleiter, umgehen; in diesem Beispiel ist F die avoid note. Dass G- und D-Dur-Pentatonik den Grundton C nicht enthalten, kann zusätzliche Spannungen und Klangfarben im Verhältnis zum Basston und Begleitakkord ermöglichen. Auch absichtlich dissonante „out“-Pentatonik wie Des–Es–F–As–B über C-Dur wird verwendet, weil die einfache Intervallfolge nachvollziehbar bleibt und die Dissonanz durch eine Verschiebung um einen Halbton nach unten aufgelöst werden kann.

Für Dominantseptakkorde wurden durch die Erniedrigung einzelner Stufen der Dur-Pentatonik um einen Halbton neue, künstliche pentatonische Modi gebildet. Über C7 können beispielsweise C-Dur-♭II, Es-Dur-♭II, Ges-Dur-♭II, A-Dur-♭II, D-Dur-♭VI oder As-Dur-♭VI gespielt werden. Diese Skalen heben jeweils unterschiedliche mögliche Zusatztöne zum C7-Akkord hervor.

Auf der Gitarre besteht das Pentatonik-System aus fünf Griffbildern, auch Pattern genannt. Sie bilden bequeme Fingersätze, sind miteinander verzahnt und überlappen sich auf dem Griffbrett. Wird das gesamte System ohne Veränderung verschoben, entsteht ein Wechsel der Tonart. Im Beispiel C-Dur beziehungsweise a-Moll wiederholt sich Pattern 1 nach einer Oktave, also am zwölften Bund.

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