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Sekunde (Musik)
In den verschiedenen Stimmungssystemen der Musik kann die Sekunde sehr unterschiedliche Frequenzverhältnisse annehmen (siehe Ganzton und Halbton). Kleine …
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Definition und Wirkung
Eine Sekunde ist in der Musik das Intervall zwischen zwei benachbarten Tonstufen, zum Beispiel c–d. Im engeren Sinn bezeichnet sie auch die zweite Stufe einer diatonischen Tonleiter. Ihr Komplementärintervall, das sie zur Oktave ergänzt, ist die Septime.
Sekunden gelten als dissonante Intervalle: Ihr Klang erzeugt häufig eine starke harmonische oder melodische Spannung. In einigen Harmonielehren werden die kleine Sekunde und die kleine None – eine kleine Sekunde plus Oktave – als stärkste Dissonanzen bezeichnet. Auch die große Septime als Komplementärintervall der kleinen Sekunde wirkt ähnlich spannungsreich.
In verschiedenen Stimmungssystemen können Sekunden unterschiedliche Frequenzverhältnisse besitzen. Kleine und große Sekunden gehören zu den häufigsten melodischen Intervallen, weil die meisten Tonleitern überwiegend aus Sekundschritten bestehen. Die große Sekunde tritt häufiger auf; die kleine Sekunde kommt in einer Tonleiter meist nur zweimal pro Oktave vor.
Vier Varianten
Die große Sekunde umfasst zwei Halbtöne und entspricht einem Ganzton. Beispiele sind C–D und E–Fis; ihr Umkehrintervall ist die kleine Septime. Als bekanntes Melodiebeispiel wird „Alle meine Entchen“ genannt.
Die kleine Sekunde umfasst einen Halbton, etwa C–Des oder E–F. Ihr Umkehrintervall ist die große Septime. Ein Melodiebeispiel ist „Kommt ein Vogel geflogen“.
Die übermäßige Sekunde umfasst drei Halbtöne, etwa C–Dis oder B–Cis; ihr Umkehrintervall ist die verminderte Septime. Als melodischer übermäßiger Ganztonschritt ist sie charakteristisch für sogenannte Zigeunertonleitern. In der harmonischen Moll-Tonleiter gilt sie als „totes Intervall“: Der untere Ton wird als fallender, der obere als steigender Leitton behandelt. Dadurch erfüllen beide Töne getrennte Funktionen und bilden eine satztechnische Bruchstelle, die Hiatus („Kluft“) genannt wird.
Die verminderte Sekunde umfasst null Halbtöne und entsteht nur mithilfe von Vorzeichen, beispielsweise Cis–Des oder H–Ces. Sie ist eine enharmonische Verwechslung: In gleichstufiger Stimmung klingen beide Töne akustisch identisch, haben harmonisch jedoch verschiedene Funktionen. Ihr Umkehrintervall ist die übermäßige Septime.
Melodische Verwendung
Mehrere aufeinanderfolgende Sekunden ergeben auf- oder absteigende Tonleitern. Solche Tonleiterfiguren wurden in Kompositionen von der Renaissance bis zur Romantik als musikalische Sinnbilder eingesetzt oder sollten bestimmte Affekte auslösen. Eine besondere Rolle spielte der passus duriusculus.
Sekundschritte sind außerdem Grundelemente wichtiger Verzierungen des Barock und der Klassik, darunter Triller, Pralltriller und Mordent. Auch der markante Beginn des ständig wiederkehrenden Hauptmotivs, des sogenannten Ritornells, in Ludwig van Beethovens Klavierwerk „Für Elise“ beruht auf der Sekunde.
Harmonische Funktion
Besonders beim gleichzeitigen Erklingen zweier Töne im Sekundabstand gilt die Sekunde in der klassischen abendländischen Musik als stark dissonant. Kleine Sekunden werden dabei als besonders unangenehm empfunden. In bestimmten Stilen mussten solche Dissonanzen stets in konsonante, also spannungsärmere Intervalle aufgelöst werden.
Mit der Vierklangharmonik ab dem Ende des 17. Jahrhunderts wurden Sekunddissonanzen als akkordeigenes Phänomen etabliert. Sie übernahmen vor allem in Kadenzen, also harmonischen Schlusswendungen, eine markante Funktion.
Mit der zunehmenden Auflösung des tonalen Systems in der modernen Musik verlor die Sekunde ihre frühere emotionale Bedeutung. Mehrere Sekunden können dort zu Clustern zusammengefügt werden, also zu dicht nebeneinanderliegenden, gleichzeitig erklingenden Tönen. Damit sollen Assoziationen mit dem tonalen System vermieden werden; Beispiele finden sich bei Henry Cowell, Charles Ives und Krzysztof Penderecki.
Bedeutung für Kompositionen
In kontrapunktischen Kompositionen erscheint seit dem Ende des 15. Jahrhunderts am Schluss häufig eine Diskantklausel mit Vorhalt in der Stimmführung. Allgemein kann die Sekunde als Intervall der Emphase und Spannung wirken. In der klassischen Vokalmusik ist sie oft mit Schmerz, Leid, Tod und Bedrohung verbunden.
Don Carlo Gesualdo da Venosa (um 1566–1613) verwendete in seinen Madrigalen besonders viele dissonante Harmonien und Fortschreitungen mit kleinen Sekunden beziehungsweise übermäßigen Primen. Genannt wird sein Madrigal „Moro lasso“.
Die Sekunde kann auch das durchgehende Gestaltungsprinzip eines ganzen Werkes bilden. Beispiele dafür sind Claude Debussys Klavieretüde „Pour les degrés chromatiques“ und Béla Bartóks „Chromatische Invention“ aus dem „Mikrokosmos“.
Hörbare Grundformen
Die kleine Sekunde ist als Halbton aufwärts etwa von C nach Des und abwärts von C nach H zu hören. Die große Sekunde entspricht einem Ganzton: aufwärts beispielsweise C–D, abwärts C–B.