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Paul Watzlawick
Axiome der Theorie · „Man kann nicht nicht kommunizieren! · „Jede Kommunikation hat einen Inhalts- und einen Beziehungsaspekt, wobei Letzterer den Ersteren …
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Bedeutung und Lebensweg
Paul Anton Watzlawick (* 25. Juli 1921 in Villach, Kärnten; † 31. März 2007 in Palo Alto, Kalifornien) war ein österreichisch-US-amerikanischer Philosoph, Psychotherapeut und Kommunikationswissenschaftler. Er wurde besonders wichtig für die Familientherapie, die allgemeine Psychotherapie, die Kommunikationstheorie, die Wahrnehmungspsychologie und den radikalen Konstruktivismus. Im deutschsprachigen Raum wurde er auch durch sein populärwissenschaftliches Buch Anleitung zum Unglücklichsein bekannt.
Watzlawick machte 1939 am Peraugymnasium in Villach die Matura. Nach dem Anschluss Österreichs an das nationalsozialistische Deutschland wurde er zum Reichsarbeitsdienst und dann zur Wehrmacht eingezogen. Er qualifizierte sich als Wehrmachtsdolmetscher für Englisch. Bei Verhören englischsprachiger Gefangener übersetzte er aus Mitgefühl unvollständig, was gegen Kriegsende entdeckt wurde. Anfang Februar 1945 kam er deshalb in das Untersuchungsgefängnis Stuttgart, überstand die Haft aber durch Hilfe von Vorgesetzten und wegen des nahen Kriegsendes. Nach dem Krieg arbeitete er als Dolmetscher für die Briten.
Ab 1946 studierte Watzlawick am Institut für Ökonomie und Handel der Universität Venedig Philosophie und neue Sprachen; 1949 wurde er in Philosophie promoviert. Von 1951 bis 1954 absolvierte er am Carl-Gustav-Jung-Institut in Zürich eine Ausbildung in Psychotherapie und schloss sie mit dem Analytikerdiplom ab. Danach ging er nach Indien, lernte den Philosophen Jiddu Krishnamurti und Yoga kennen und entwickelte zunehmend Distanz zur Psychoanalyse. Daraus entstand bei ihm eine gegenwartsbezogene konstruktivistische Sicht: Entscheidend war für ihn weniger die Vergangenheit eines Menschen als das gegenwärtige Beziehungssystem, in dem ein Problem auftritt.
1957 erhielt er einen Lehrstuhl für Psychotherapie an der Universität El Salvador, den er bis 1960 innehatte. 1960 holte ihn Don D. Jackson in die Palo-Alto-Gruppe nach Kalifornien. Dort arbeitete Watzlawick am Mental Research Institute in Palo Alto, später auch mit einem Lehrauftrag im Fachbereich Psychiatrie an der Stanford University ab 1976. Er veröffentlichte 18 Bücher, die in 85 Sprachen übersetzt wurden, schrieb über 150 Artikel und hielt zahlreiche Vorträge.
Grundidee der Kommunikationstheorie
Watzlawicks Kommunikationstheorie entstand aus mehreren Einflüssen: aus der Palo-Alto-Gruppe, seiner psychotherapeutischen Ausbildung am Jung-Institut, seinem Austausch mit Krishnamurti und Dürckheim, seiner umfangreichen Lektüre und seiner therapeutischen Praxis. Im Mittelpunkt steht die Idee, dass Menschen immer in Kommunikation eingebunden sind. Watzlawick formulierte: „Wir sind wie eingesponnen in Kommunikation; selbst unser Ichbewusstsein hängt ... von Kommunikation ab.“
Anders als die klassische Psychoanalyse, die stark auf das Unbewusste und die Vergangenheit blickte, betonte Watzlawicks konstruktivistischer Ansatz die Gegenwart. Eine Person wird nicht isoliert betrachtet, sondern als Teil eines Systems von Beziehungen, in dem sich die Beteiligten gegenseitig beeinflussen. Dieses System ist nicht statisch, sondern durch „Werden“ und „Wachsen“ geprägt.
Für die Therapie bedeutete das: Nicht allein der sogenannte Patient steht im Mittelpunkt, sondern das Beziehungs- und Kommunikationssystem, in dem ein Symptom eine Funktion hat. Watzlawick erklärte dies am Beispiel der Ehe-Therapie: Der Patient sei dann nicht der Mann oder die Frau, sondern die Beziehung zwischen beiden. An dieser Beziehung wolle er arbeiten. Diese Sicht ist grundlegend für systemische Familientherapie, also eine Therapieform, die Probleme als Teil von Beziehungen und Kommunikationsmustern versteht.
Die fünf Axiome
Watzlawick, Janet H. Beavin und Don D. Jackson formulierten fünf pragmatische Axiome. Ein Axiom ist eine Grundannahme, auf der eine Theorie aufbaut. Diese Axiome gelten für Situationen mit kommunikativem Charakter.
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„Man kann nicht nicht kommunizieren!“ Damit ist gemeint: Auch Schweigen, Wegsehen oder Nicht-Reagieren hat für andere eine Bedeutung und wirkt als Verhalten.
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„Jede Kommunikation hat einen Inhalts- und einen Beziehungsaspekt, wobei Letzterer den Ersteren bestimmt und daher eine Metakommunikation ist.“ Der Inhaltsaspekt meint, worüber gesprochen wird. Der Beziehungsaspekt meint, wie die Beteiligten zueinander stehen. Metakommunikation bedeutet Kommunikation über Kommunikation.
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„Die Natur einer Beziehung ist durch die Interpunktionen der Kommunikationsabläufe seitens der Partner bestimmt.“ Interpunktion bedeutet hier: Die Beteiligten setzen unterschiedliche Anfangs- und Endpunkte in einer Kommunikationsfolge. Dadurch kann jede Seite glauben, sie reagiere nur auf das Verhalten der anderen.
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„Menschliche Kommunikation bedient sich digitaler und analoger Modalitäten.“ Digital meint in diesem Zusammenhang sprachliche Zeichen wie Wörter und Sätze. Analog meint Ausdrucksformen wie Gestik, Mimik, Tonfall oder andere nichtsprachliche Signale. Digitale Kommunikation hat eine komplexe logische Struktur, ist aber für Beziehungen oft weniger eindeutig. Analoge Kommunikation kann Beziehungen ausdrücken, besitzt aber nicht dieselbe klare logische Struktur.
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„Zwischenmenschliche Kommunikationsabläufe sind entweder symmetrisch oder komplementär, je nachdem, ob die Beziehungen zwischen den Partnern auf Gleichheit oder Unterschiedlichkeit basieren.“ Symmetrisch bedeutet, dass die Beteiligten auf Gleichheit ausgerichtet sind. Komplementär bedeutet, dass sie unterschiedliche Rollen einnehmen, zum Beispiel eine führende und eine folgende Rolle.
Kommunikation als Verhalten und Kontext
Watzlawick verstand Kommunikation sehr weit: Sie umfasst nicht nur gesprochene Worte, sondern Verhalten insgesamt. Deshalb müssen bei der Deutung einer Situation immer der Kontext und die Beziehungen zwischen den Beteiligten berücksichtigt werden. Wird ein Verhalten isoliert betrachtet, kann es falsch verstanden werden.
Ein Beispiel aus der Kulturanthropologie verdeutlicht das. Während des Zweiten Weltkriegs hielten in England stationierte amerikanische Soldaten englische Mädchen für „leicht zu haben“. Englische Frauen wiederum fanden amerikanische Soldaten übertrieben stürmisch. Der Widerspruch löste sich, als man das in England und Amerika übliche Paarungsverhalten verglich. In beiden Ländern gab es ungefähr 30 Stufen vom Kennenlernen bis zum Geschlechtsverkehr, aber die Reihenfolge war verschieden. Küssen kam bei Amerikanern schon etwa auf Stufe 5 vor, bei Engländerinnen erst viel später, etwa auf Stufe 25. Dadurch verstanden beide Seiten dasselbe Verhalten unterschiedlich und bewerteten einander negativ.
Für Watzlawick zeigt dieses Beispiel: Bestimmte Phänomene bleiben unerklärlich, wenn man sie nicht in einem ausreichend weiten Kontext sieht. Wissenschaftlich geht es darum, die „beobachtbaren Manifestationen menschlicher Beziehungen“ zu untersuchen. Das Medium dieser Manifestationen ist die menschliche Kommunikation.
Dabei unterschied Watzlawick drei Aspekte: Syntaktik fragt, wie sprachliche Zeichen wie Wörter und Sätze verknüpft werden. Semantik fragt, was diese Zeichen bedeuten. Pragmatik fragt, wie sich die Teilnehmer verhalten. In seiner Theorie ist die Pragmatik besonders wichtig, weil sie Sprache, Bedeutung, Beziehung und nonverbale Begleiterscheinungen miteinander verbindet.
Funktionen und Wahrnehmung
Watzlawick wandte sich gegen Erklärungen, die psychische Vorgänge vor allem als innere Zustände im Menschen beschreiben, zum Beispiel als Empfindung, Wahrnehmung, Gedächtnis oder Einstellung. Solche Begriffe können nach seiner Ansicht eine „Scheinwirklichkeit“ bekommen, wenn man sie lange genug verwendet, obwohl sie selbst nicht direkt beobachtbar sind.
Stattdessen richtete er den Blick auf beobachtbare Wechselwirkungen zwischen Beziehungen und Inhalten der Kommunikation. Für die Einschätzung einer Situation reichen demnach Informationen über das momentane Verhalten. Watzlawick verglich das mit einem Schachspiel: Ein Blick auf die Stellung der Figuren zeigt den Spielstand und mögliche nächste Züge, ohne dass man die ganze Vorgeschichte kennen muss.
Diese Wechselwirkungen nannte er Funktionen. Der Begriff ähnelt mathematischen Funktionen, meint hier aber vor allem Relationen, also beobachtbare Zusammenhänge in Kommunikation. Funktionen sagen nicht, was tief im Inneren eines Menschen „eigentlich“ vorhanden ist, sondern beschreiben, was aktuell zwischen Menschen geschieht.
Watzlawick verband diese Idee auch mit Wahrnehmung. Beim Sehen bewegen sich die Augen ständig unmerklich durch Mikrosakkaden; bleibt das Bild auf der Netzhaut völlig gleich, wird das Sehen unscharf. Ein gleichbleibender Ton wird nach einiger Zeit kaum noch wahrgenommen. Beim Tasten bewegt man den Finger über eine Oberfläche; hält man ihn still, spürt man außer der Temperatur wenig. Daraus leitete Watzlawick ab, dass Wahrnehmung Beziehungen und Beziehungsstrukturen herstellt. In diesem Sinn „machen Funktionen ... das Wesen unserer Wahrnehmung aus“.
Wirklichkeit, Werke und Ehrungen
Watzlawick war ein wichtiger Vertreter des radikalen Konstruktivismus. Konstruktivismus bedeutet hier: Menschen nehmen Wirklichkeit nicht einfach passiv auf, sondern konstruieren ihre Sicht der Wirklichkeit durch Wahrnehmung, Deutung und Kommunikation mit. Besonders bekannt ist ein Beispiel aus Anleitung zum Unglücklichsein: Ein Mann klatscht alle zehn Sekunden in die Hände. Auf die Frage nach dem Grund sagt er: „Um die Elefanten zu verscheuchen.“ Als man ihn darauf hinweist, dass es dort gar keine Elefanten gebe, antwortet er: „Na, also! Sehen Sie?“ Das Beispiel zeigt, wie der Versuch, ein Problem zu vermeiden, dieses gedanklich aufrechterhalten kann.
Zu Watzlawicks wichtigen Veröffentlichungen gehören mit Janet H. Beavin und Don D. Jackson Menschliche Kommunikation – Formen, Störungen, Paradoxien (Originaltitel: Pragmatics of Human Communication, 1967; deutsch 1969), Lösungen. Zur Theorie und Praxis menschlichen Wandels mit John H. Weakland und Richard Fisch (1974), Wie wirklich ist die Wirklichkeit? (1976), Die erfundene Wirklichkeit (1981), Anleitung zum Unglücklichsein (1983) und Man kann nicht nicht kommunizieren. Das Lesebuch (2011).
Watzlawick erhielt unter anderem 1990 das Goldene Ehrenzeichen für Verdienste um das Land Wien und 2001 den Ehrenpreis des Viktor-Frankl-Fonds der Stadt Wien. Nach ihm wurden der Watzlawickweg im 10. Wiener Gemeindebezirk Favoriten und ein Platz in Villach benannt. Von 2008 bis 2022 verlieh die Wiener Ärztekammer den Paul-Watzlawick-Ehrenring in Form eines Möbiusbands; zusätzlich wurde 2017 und 2021 ein Paul-Watzlawick-Ehrenpreis für das Lebenswerk vergeben. 2012 wurde Anleitung zum Unglücklichsein unter der Regie von Sherry Hormann verfilmt, mit Johanna Wokalek in der Hauptrolle.