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Paul Celan
Paul Celan gilt als einer der bedeutendsten deutschsprachigen Dichter des 20. Jahrhunderts (außerdem betätigte er sich auch als Übersetzer von fremdsprachiger …
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Wer Paul Celan war
Paul Celan, geboren am 23. November 1920 in Czernowitz und gestorben im Frühjahr 1970 in Paris, vermutlich am 20. April, war ein deutschsprachiger Lyriker rumänischer, später französischer Staatsangehörigkeit. Er wurde als Paul Antschel geboren; später wurde der Name zu Ancel rumänisiert, woraus das Anagramm Celan entstand.
Celan gilt als einer der bedeutendsten deutschsprachigen Dichter des 20. Jahrhunderts. Er arbeitete auch als Übersetzer fremdsprachiger Lyrik ins Deutsche. Sein Werk kreist besonders um Sprache und Kommunikation: Es fragt danach, ob Sprache Erlebtes bewahren und bezeugen kann. Zentral ist außerdem die Verarbeitung von Grenzerfahrungen, vor allem der Erfahrung des Holocaust. Ein bekanntes Beispiel ist das Gedicht Todesfuge, das den Mord an den europäischen Juden durch die Nationalsozialisten thematisiert.
Seine Dichtung entwickelte sich deutlich: Am Anfang stehen auch relativ traditionelle Gedichtformen; die späte Phase wird im Artikel mit Hans-Georg Gadamer als „atemlose Stille des Verstummens im kryptisch gewordenen Wort“ beschrieben. Damit ist gemeint, dass Celans spätere Gedichte knapper, dunkler und sprachlich stärker verdichtet wurden.
Kindheit, Holocaust und frühe Jahre
Celan wurde in Czernowitz, der Hauptstadt der Bukowina, in eine deutschsprachige jüdische Familie geboren. Seine Eltern waren Leo Antschel-Teitler und Friederike, genannt „Fritzi“, geborene Schrager. Celan besuchte verschiedene Schulen: 1926–1927 eine deutsche Grundschule, 1927–1930 eine hebräische Grundschule, danach fünf Jahre ein rumänisches Staatsgymnasium und schließlich das rumänischsprachige Gymnasium „Marele Voievod Mihai“, wo er am 3. Juni 1938 das Abitur ablegte. 1938 begann er ein Medizinstudium in Tours, kehrte aber nach einem Jahr nach Czernowitz zurück, um Romanistik zu studieren.
Mitte 1940 wurde die nördliche Bukowina mit Czernowitz nach dem Deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt von der Sowjetunion besetzt. Zunächst konnte Celan weiter studieren. Im Juni 1941 besetzten rumänische und deutsche Truppen Czernowitz; die jüdische Bevölkerung wurde in ein Ghetto gezwungen. Celans Eltern wurden im Juni 1942 zunächst in einen Steinbruch und dann in das Zwangsarbeiterlager an der Durchgangsstraße IV in Michailowka nahe Hajssyn deportiert. Sein Vater starb dort wenige Monate später an Typhus, seine Mutter wurde erschossen.
Diese Ereignisse prägten Celan dauerhaft. Der Artikel betont, dass die Deportation und der Tod der Eltern tiefe Spuren hinterließen und dass Celan lebenslang unter dem Gefühl litt, seine Eltern im Stich gelassen zu haben. In seinen Gedichten finden sich zahlreiche Hinweise auf dieses Trauma der Überlebensschuld. Celan selbst entging der Deportation, indem er sich im Juli 1942 auf Anraten seiner Freundin Ruth Lackner zum Arbeitsdienst meldete. Bis Februar 1944 wurde er im Arbeitslager Tăbărăști festgehalten und musste Zwangsarbeit im Straßenbau leisten. Nach der Einnahme von Czernowitz durch die Rote Armee kehrte er im Dezember 1944 zurück, nahm ein Anglistikstudium auf und arbeitete als Helfer in einer psychiatrischen Klinik. Im April 1945 ging er nach Bukarest, studierte weiter und arbeitete als Übersetzer und Lektor des Verlags Cartea rusă.
Wien, Paris und wichtige Begegnungen
Im Dezember 1947 floh Celan aus Rumänien über Ungarn nach Wien, nachdem das Land unter sowjetische Kontrolle geraten war und die Kommunisten Staat und Gesellschaft nach stalinistischem Vorbild umgestalteten. In Wien veröffentlichte er erstmals einzelne Gedichte. Dort wurde auch sein erster Gedichtband Der Sand aus den Urnen gedruckt. Wegen zahlreicher Satzfehler ließ Celan jedoch die gesamte Auflage einstampfen. Ab dieser Zeit verwendete er das Pseudonym Celan; seinen ursprünglichen Namen nutzte er nur noch in familiären und amtlichen Zusammenhängen. Im Juli 1948 zog er über Innsbruck nach Paris.
In Paris lernte Celan den surrealistischen Maler Edgar Jené kennen, der ihn zum Prosatext Edgar Jené und der Traum vom Traume anregte. Das Verhältnis verschlechterte sich später, und Celan wandte sich auch vom Surrealismus ab. Er immatrikulierte sich an der Sorbonne, erwarb eine Licence in Deutsch und gab 1952 den Plan auf, mit einer Arbeit über Kafka das Diplôme d’Études Supérieures zu erlangen.
Eine wichtige persönliche Beziehung verband Celan mit Ingeborg Bachmann. Er begegnete ihr am 16. Mai 1948 in Wien; es begann eine Liebesbeziehung, die von Schwierigkeiten geprägt war. Sie wurde 1952 für vier Jahre unterbrochen und von Oktober 1957 bis Juli 1958 wieder aufgenommen. Der Briefwechsel erschien 2008 unter dem Titel Herzzeit. Etwa 20 Gedichte aus Mohn und Gedächtnis, darunter Corona, widmete Celan ihr nachträglich handschriftlich.
Im November 1951 lernte Celan die Künstlerin Gisèle Lestrange kennen. Er heiratete sie am 23. Dezember 1952. Sie arbeitete zeitweise künstlerisch mit ihm zusammen, etwa 1965 mit Radierungen zum Gedichtzyklus Atemkristall. 1952 erschien Mohn und Gedächtnis mit der Todesfuge. 1955 erhielt Celan die französische Staatsbürgerschaft; am 6. Juni 1955 wurde sein Sohn Eric geboren. 1959 wurde Celan Lecteur d’allemand an der École Normale Supérieure in Paris. Im Mai 1960 traf er Nelly Sachs in Zürich.
Rezeption, Konflikte und Tod
Einer der ersten öffentlichen Auftritte Celans fand im Mai 1952 bei einer Tagung der Gruppe 47 in Niendorf statt. Die Lesung wurde als Misserfolg wahrgenommen. Einige Mitglieder reagierten ablehnend oder spöttisch auf seine pathetische Vortragsweise und auf die Todesfuge. Zugleich wurde durch diese Lesung der Cheflektor der Deutschen Verlags-Anstalt auf Celan aufmerksam; der Verlag veröffentlichte im Dezember 1952 Mohn und Gedächtnis. Trotz späterer Einladungen nahm Celan an keinem Treffen der Gruppe 47 mehr teil. Der Artikel erwähnt auch eine andere Einschätzung: Helmut Böttiger weist darauf hin, dass Celan bei der Abstimmung über den Preisträger auf dem dritten Platz unter 21 Teilnehmern landete.
In den 1950er Jahren beschäftigte sich Celan mit der Philosophie Martin Heideggers; Heidegger las umgekehrt Celans Werke. Beide interessierten sich stark für Hölderlin. Am 24. Juli 1967 begegneten sie sich in Freiburg, am nächsten Tag besuchten sie Heideggers Hütte in Todtnauberg. Celan schrieb am 1. August 1967 das Gedicht Todtnauberg. Das Verhältnis zu Heidegger wird als ambivalent, aber freundschaftlich beschrieben.
Ab 1960 verschärften sich schwere, aber unbegründete Plagiatsvorwürfe von Claire Goll, der Witwe des Dichters Yvan Goll. Ausgelöst wurden sie durch Ähnlichkeiten zwischen Versen Celans und Golls. Die sogenannte Goll-Affäre wurde in westdeutschen Feuilletons intensiv diskutiert, teils mit antisemitischen Untertönen. Die Vorwürfe verletzten Celan tief und verfolgten ihn bis an sein Lebensende.
Celan wurde mehrfach in psychiatrische Kliniken eingewiesen. Im November 1967 entschieden er und Gisèle Lestrange, getrennt zu wohnen, blieben aber in Verbindung. 1969 reiste Celan erstmals und einzig nach Israel. In Jerusalem traf er unter anderem Gershom Scholem, alte Freunde aus der Bukowina und israelische Dichter wie Jehuda Amichai und David Rokeah. Besonders wichtig war das Wiedersehen mit seiner Jugendfreundin Ilana Shmueli; Gedichte aus diesem Zusammenhang wurden später in Zeitgehöft aufgenommen und gelten als Zeugnisse von Celans schwieriger Auseinandersetzung mit seinem Judentum.
Die Umstände und das genaue Datum seines Todes sind nicht geklärt. Celans Leichnam wurde am 1. Mai 1970 bei Courbevoie aus der Seine geborgen. Vermutlich hatte er sich am 20. April 1970 am Pont Mirabeau in Paris in den Fluss gestürzt. Beigesetzt wurde er am 12. Mai 1970 auf dem Cimetière parisien de Thiais. Am selben Tag starb Nelly Sachs, mit der er freundschaftlich verbunden gewesen war.
Werk, Übersetzungen und Bedeutung
Zu Celans wichtigsten Werken zählen Der Sand aus den Urnen von 1948, Mohn und Gedächtnis von 1952, Von Schwelle zu Schwelle von 1955, Sprachgitter von 1959, Gespräch im Gebirg von 1960, Der Meridian von 1961, Die Niemandsrose von 1963, Atemwende von 1967, Fadensonnen von 1968 und Lichtzwang von 1970. Nach seinem Tod erschienen unter anderem Schneepart 1971 und Zeitgehöft 1976. Der Meridian ist eine Rede anlässlich der Verleihung des Georg-Büchner-Preises 1960 und gehört zu den wichtigen poetologischen Texten Celans, also zu Texten, in denen ein Dichter über Dichtung und Sprache nachdenkt.
Celan war auch ein bedeutender Übersetzer. Seine eigenen Gedichte beziehen sich auf jüdische Traditionen und auf ein breites europäisches Panorama verschiedener Literaturen. Er übersetzte aus dem Französischen, Russischen, Englischen, Italienischen, Rumänischen und Hebräischen, außerdem werden im Artikel auch Übersetzungen aus dem Portugiesischen genannt. Zu den von ihm übertragenen Autoren gehören unter anderem Guillaume Apollinaire, Charles Baudelaire, Arthur Rimbaud, Paul Valéry, Emily Dickinson, Robert Frost, William Shakespeare, David Rokeah, Giuseppe Ungaretti, Fernando Pessoa, Tudor Arghezi, Ossip Mandelstam und Anton Tschechow. Zu Ehren Celans als nachdichtendem Übersetzer stiftete der Deutsche Literaturfonds 1988 den Paul-Celan-Preis für herausragende Übersetzerleistungen.
Celans literarische Bedeutung liegt vor allem darin, dass seine Dichtung zeigt, wie Schreiben nach der Shoah möglich sein kann, ohne das Grauen einfach realistisch abzubilden. Im Artikel wird er ähnlich wie Goethe, Hölderlin oder Kafka als einer der „wohl am intensivsten wahrgenommenen Dichter deutschsprachiger Weltliteratur“ bezeichnet. Wolfgang Emmerich sieht ihn zusammen mit Autoren wie Primo Levi, Nelly Sachs und Imre Kertész als herausragende Stimme für Dichtung im „Angesicht der Shoah“.
Celan erhielt mehrere Auszeichnungen: 1957 den Förderpreis des Kulturkreises der deutschen Wirtschaft im Bundesverband der Deutschen Industrie, 1958 den Bremer Literaturpreis, 1960 den Georg-Büchner-Preis und 1964 den Großen Kunstpreis des Landes Nordrhein-Westfalen. Sein Nachlass liegt im Deutschen Literaturarchiv Marbach; Teile davon, insbesondere das Typoskript der Todesfuge, sind im Literaturmuseum der Moderne in Marbach zu sehen.