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Hans-Georg Gadamer

Hans-Georg Gadamer (* 11. Februar 1900 in Marburg; † 13. März 2002 in Heidelberg) war ein deutscher Philosoph. International bekannt wurde er durch sein für …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Philosoph und Hauptwerk
  2. 2. Verstehen als sprachlicher und geschichtlicher Prozess
  3. 3. Hermeneutischer Zirkel und Imperativ
  4. 4. Ausbildung, akademischer Weg und Zeit des Nationalsozialismus
  5. 5. Wirkung, spätere Jahre und Erinnerung

Philosoph und Hauptwerk

Hans-Georg Gadamer (* 11. Februar 1900 in Marburg; † 13. März 2002 in Heidelberg) war ein deutscher Philosoph und einer der prominentesten deutschen Philosophen des 20. Jahrhunderts. International bekannt wurde er durch Wahrheit und Methode (1960), ein grundlegendes Werk der philosophischen Hermeneutik.

Hermeneutik bedeutet bei Gadamer nicht bloß eine Technik zum Auslegen von Texten. Sie untersucht das Verstehen selbst: wie Menschen Texte, Kunst- und Bauwerke sowie Gesprächspartner verstehen. Gadamer gilt als Begründer einer universalen Hermeneutik, weil Verstehen für ihn eine Grundlage des menschlichen Lebens und nicht nur eine Erkenntnisart neben anderen ist. Sein Werk fragt auch, was Philosophie angesichts der Dominanz der Naturwissenschaften ausmacht.

Verstehen als sprachlicher und geschichtlicher Prozess

Gadamer entwickelt seine Hermeneutik in der Nachfolge Martin Heideggers und kritisiert den Methodologismus der traditionellen Hermeneutik von Friedrich Schleiermacher und Wilhelm Dilthey. Methodologismus bezeichnet das Vertrauen, dass richtige Erkenntnis vor allem durch eine festgelegte Methode erreicht werde.

Für Gadamer ist alles Verstehen an die Sprachlichkeit des Seins und an den Horizont der Zeit gebunden. Menschen verstehen also immer durch Sprache und aus ihrer geschichtlichen Situation heraus. Heidegger zufolge ist das menschliche Dasein in der Welt so, „daß es je verstanden bzw. nicht verstanden hat“ (SZ 144). Gadamer übernimmt diesen Gedanken und wendet ihn auf die Geisteswissenschaften an.

Beim Interpretieren braucht es Offenheit für das Werk oder Gegenüber, das Bewusstsein der eigenen Vorurteilsstruktur und die Bereitschaft zum Gespräch beziehungsweise zur reflexiven Auseinandersetzung. Vorurteile sind hier zunächst nicht einfach falsche Urteile, sondern vorgängige Annahmen, die jedes Verstehen mitbestimmen. Aller Methodik geht bereits ein Verstehen voraus; eine Methode kann diese geschichtlich bedingte Vorurteilsstruktur nicht aufheben. Gadamer wollte daher weniger eine Methode ausarbeiten, sondern beschreiben, wie Verstehen „immer geschieht“ (WM II 394).

Hermeneutischer Zirkel und Imperativ

Wer einen Text auslegt, entwirft nach Gadamer stets zunächst einen möglichen Sinn des Ganzen. Sobald sich ein erster Sinn zeigt, wird der Text mit Erwartungen auf einen bestimmten Sinn hin gelesen. Dieses anfängliche, vortheoretische Auslegen kann beim weiteren Lesen ständig revidiert werden.

Dieser Vorgang heißt Zirkularität des Verstehens: Das Vorverständnis ist der Ausgangspunkt jeder Interpretation; zugleich entscheidet die Begegnung mit dem Text darüber, ob die an ihn herangetragene Vormeinung tragfähig ist. Texte sind Objektivationen des geschichtlichen Lebens, also gegenständliche Ausdrucksformen menschlicher Erfahrung. Mit wachsendem Textverständnis verändert sich das Verhältnis von Vor- und Nachverständnis wie eine aufwärts oszillierende Spirale, die auf jeweils höherer Ebene erneut beginnt.

Objektivität bedeutet dabei nicht völlige Unvoreingenommenheit, sondern Bewährung: Eine Vormeinung ist bewährt, wenn sie auf ihre Legitimität geprüft wurde. Die hermeneutische Aufgabe besteht darin, das eigene Vorverständnis zu reflektieren und die hermeneutische Distanz zwischen Text und interpretierender Person zu bestimmen.

Der hermeneutische Imperativ lautet: Wer einen Text verstehen will, muss bereit sein, sich von ihm etwas sagen zu lassen. Sachliche Neutralität oder Selbstauslöschung sind nicht möglich; absolute Neutralität ist für Gadamer eine Fiktion, weil ein Subjekt nie vollständig von sich selbst Abstand nehmen kann. Gefordert ist vielmehr, eigene Antizipationen, Vormeinungen und Vor-Urteile bewusst zu machen und zu kontrollieren, damit die Andersheit des Textes wahrgenommen werden kann.

Ausbildung, akademischer Weg und Zeit des Nationalsozialismus

Gadamer wuchs in Breslau auf und erlangte dort 1918 die Hochschulreife. Er studierte Germanistik, Geschichte, Kunstgeschichte, Philosophie und Pädagogik in Breslau, Marburg und München. 1922 wurde er in Marburg bei Paul Natorp und Nicolai Hartmann mit Das Wesen der Lust nach den platonischen Dialogen zum Dr. phil. promoviert.

Ab 1923 hörte er in Freiburg Edmund Husserl und Martin Heidegger. Heideggers Denken prägte ihn nachhaltig; 1924 nahm Gadamer zusätzlich das Studium der klassischen Philologie bei Paul Friedländer auf. 1927 absolvierte er das Staatsexamen für das Höhere Lehramt. 1929 habilitierte er sich in Marburg bei Heidegger und Friedländer mit Platos dialektische Ethik. Interpretationen zum „Philebos“ und wurde Privatdozent.

Während des Nationalsozialismus war Gadamer verstrickt, vermied es aber, sich zu stark zu exponieren. Im August 1933 trat er dem Nationalsozialistischen Lehrerbund bei und am 11. November 1933 unterzeichnete er das Bekenntnis der Professoren zu Adolf Hitler und dem nationalsozialistischen Staat. Er übernahm Vertretungen von Lehrstühlen, deren jüdischen Inhabern die Lehrbefugnis entzogen worden war, nahm 1935 freiwillig an einem Dozentenlager des NS-Dozentenbundes teil und wurde 1939 ordentlicher Professor sowie Direktor des Philosophischen Instituts der Universität Leipzig. Der Sicherheitsdienst des Reichsführers SS stufte ihn als „indifferent“ ein; während des Zweiten Weltkriegs arbeitete er am NS-Projekt „Kriegseinsatz der Geisteswissenschaften“ mit.

Nach 1945 war Gadamer Dekan und bis 1947 Rektor der Universität Leipzig. Wegen der Entwicklung in der sowjetischen Besatzungszone wechselte er 1947 an die Universität Frankfurt am Main. Bei einer Rückkehr nach Leipzig wurde er aufgrund einer Denunziation verhaftet und von einem sowjetischen Offizier verhört, jedoch wieder freigelassen. 1949 wurde er als Nachfolger von Karl Jaspers an die Universität Heidelberg berufen.

Wirkung, spätere Jahre und Erinnerung

Gadamer wurde 1951 Mitglied der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, begründete 1953 mit Helmut Kuhn die Philosophische Rundschau und unterstützte im selben Jahr die Rückkehr Karl Löwiths nach Deutschland. 1960 erschien Wahrheit und Methode. Von 1967 bis 1971 debattierte Gadamer mit Jürgen Habermas; auch Karl-Otto Apel und Jacques Derrida kritisierten beziehungsweise diskutierten seine Hermeneutik. Sein Denken wurde teils als liberal-konservativ eingeordnet und ist von einer an Heidegger angelehnten Technologieskepsis geprägt.

1968 wurde Gadamer in Heidelberg emeritiert, lehrte aber weiter. Er war von 1969 bis 1972 Präsident der Heidelberger Akademie der Wissenschaften und lehrte in den 1980er und 1990er Jahren regelmäßig in Neapel. Er starb 2002 im 103. Lebensjahr in Heidelberg-Ziegelhausen. Sein Nachlass liegt im Deutschen Literaturarchiv Marbach.

Wichtige Ausgaben sind die Gesammelten Werke (1985–1995, 10 Bände) sowie Kleine Schriften (ab 1967). Die nach ihm benannte Gadamer-Stiftungsprofessur wurde 2001 an der Universität Heidelberg eingerichtet, um die Auseinandersetzung internationaler Geisteswissenschaftler mit Hermeneutik zu fördern; seit 2007 wurden wegen ausgeschöpfter Mittel keine weiteren Professuren vergeben. Der Gadamer-Preis wurde 2021 gestiftet und wird seit 2022 alle drei Jahre für herausragende Leistungen in philosophischer oder geisteswissenschaftlicher Hermeneutik verliehen.

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