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Passion (Musik)

Die musikalische Passion oder Passionsmusik stellt die Vertonung des biblischen Passionstextes dar, wie er in einem der Evangelien überliefert ist.

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Begriff und liturgischer Ort
  2. 2. Haupttypen der Passion
  3. 3. Oratorische Passion und Passionsoratorium
  4. 4. Entwicklung seit dem 19. Jahrhundert
  5. 5. Besondere Formen und verwandte Gattungen

Begriff und liturgischer Ort

Die musikalische Passion oder Passionsmusik ist die Vertonung des biblischen Berichts über das Leiden und Sterben Jesu Christi, wie er in einem der vier Evangelien überliefert ist. Sie verbindet biblischen Text, Gesang und je nach Typ mehrstimmige Chorsätze, Solostimmen sowie Instrumentalmusik. Ursprünglich war sie Bestandteil der Passionsliturgie und wurde vor allem in der Karwoche aufgeführt.

Der Vortrag der Leidensgeschichte ist bereits seit dem 5. Jahrhundert belegt. Zunächst rezitierte ein einzelner Geistlicher den Evangelientext auf dem liturgischen Passionston. Spätestens im 13. Jahrhundert wurde der Vortrag auf mehrere Personen verteilt. In der Regel übernahmen drei Geistliche verschiedene Rollen: Eine tiefe Stimme sang die Worte Christi als vox Christi, eine mittlere Stimme den Erzähler beziehungsweise Evangelisten als vox evangelista und eine hohe Stimme die übrigen Einzelpersonen, die Soliloquenten. Größere Gruppen wie Jünger, Juden, Hohepriester, Mägde, falsche Zeugen und Soldaten wurden als Turbae bezeichnet.

Im 15. Jahrhundert kamen häufig eine Einleitung, der Introitus oder die Praefatio, und ein abschließendes Dankgebet, die Conclusio oder Gratiarum agimus, hinzu. Schon vor der Reformation wurden die Turbae teilweise mehrstimmig gestaltet, um sie von den Einzelrollen abzuheben. Ab Mitte des 15. Jahrhunderts traten auch die Stimmen der drei Geistlichen im Quint-Quartabstand zusammen; die beiden falschen Zeugen sangen zweistimmig.

In der mittelalterlichen und katholischen Liturgie wurden die Passionsevangelien auf verschiedene Tage der Karwoche verteilt: am Palmsonntag das Matthäusevangelium, am Dienstag das Markusevangelium, am Mittwoch das Lukasevangelium und am Karfreitag das Johannesevangelium. In der evangelischen Tradition verlagerte sich der Schwerpunkt zunehmend auf den Karfreitag. Für Heinrich Schütz’ Aufführungen in der Dresdner Schlosskirche sind eine Lukaspassion von 1653 sowie eine Johannespassion von 1666 genannt. In Leipzig führte Johann Sebastian Bach am Karfreitag die Johannes-Passion (1724), die Matthäus-Passion (1727) und die Markus-Passion (1731) auf.

Martin Luther übernahm die traditionelle Praxis weitgehend, wollte den Vortrag langfristig aber auf zwei oder eine Passion beschränken. Johann Bugenhagen schuf 1526 eine Passionsharmonie, also eine gekürzte Zusammenstellung von Texten aus den Evangelien. Johann Walter passte im Auftrag Luthers die traditionelle Singweise an die deutsche Sprache an. Dabei ging es zunächst nicht um eine individuelle Komposition, sondern um die Übertragung der alten lateinischen Passion ins Deutsche. Evangelische und katholische Passionsvertonungen blieben im 16. und frühen 17. Jahrhundert trotz konfessioneller Unterschiede eng miteinander verbunden.

Haupttypen der Passion

Die wichtigsten Typen unterscheiden sich danach, wie eng sie am biblischen Text und am traditionellen liturgischen Passionston bleiben und ob zusätzliche Texte oder Instrumentalteile vorkommen.

Die Choralpassion, heute meist responsoriale Passion genannt, geht aus der protestantischen Tradition nach der Reformation hervor. Sie bleibt dem gregorianischen Passionston verpflichtet. Die biblische Erzählung wird in wechselnden Rollen vorgetragen; Chöre oder Gruppen antworten an den entsprechenden Stellen. Weitere Bezeichnungen sind dramatische oder szenische Passion. Die responsoriale Passion vertont ausschließlich den reinen Bibeltext und enthält normalerweise keine freien Betrachtungen, Arien oder zusätzlichen Gedichte.

Die Rezitativ-Passion ist besonders mit Heinrich Schütz verbunden. Sie löst sich weitgehend von den festen Formeln der Gregorianik und gestaltet freie Rezitative. Schütz’ einstimmige Melodik verbindet chorale Elemente mit frei erfundener Rezitativmelodik. Sie bleibt diatonisch und folgt keinem starren Formelschema. Schütz bezeichnete seine Werke als Historia, etwa als Historia des Leidens und Sterbens Jesu Christi. Seine Passions-Historien enthalten abgesehen von Einleitung und Schluss keine Unterbrechung des Bibeltextes.

Aus der Choralpassion entwickelte sich die durchkomponierte oder motettische Passion, auch Figuralpassion genannt. Hier wird der gesamte Passionstext mehrstimmig nach Art einer Motette komponiert. Auch die Stimme Christi und die des Evangelisten erklingen mehrstimmig. Abgesehen von einer Einleitung und einem Schlussgesang wird ausschließlich der Bibeltext verwendet. Diese Form hatte ihre kurze Blütezeit vor allem im Zeitalter der Gegenreformation. Beispiele stammen von Joachim a Burck, Leonhard Lechner und Christoph Demantius.

Von responsorialen beziehungsweise motettischen Passionen werden die oratorischen oder, trennschärfer, konzertanten Passionen unterschieden. Sie können neben dem Bibeltext Choräle, freie geistliche Dichtung, Instrumentalteile und weitere musikalische Abschnitte enthalten. Die Grenzen zwischen den Typen sind jedoch nicht immer eindeutig, besonders bei Werken des 20. und 21. Jahrhunderts.

Oratorische Passion und Passionsoratorium

Die oratorische Passion entwickelte sich aus der konzertanten Passion. Sie gestaltet die biblische Passionsgeschichte weiterhin als Grundlage, verarbeitet aber zusätzlich außerbiblische Texte oder geistliche Lyrik. Bereits Thomas Selle fügte 1642 in seine Johannes-Passion Intermedien ein, die eine kontemplative, also betrachtende Funktion haben, und ergänzte Instrumente. Johann Sebastiani nahm 1672 Verse aus Kirchenliedern auf; Johann Theile fügte 1673 instrumentale Ritornelle und Lied-Arien ein.

Kennzeichnend für die oratorische Passion sind freie Einschübe, die den Ablauf des Bibeltextes unterbrechen. Der Evangelist und die Soliloquenten singen häufig ein Secco-Rezitativ, also ein von wenigen Begleitinstrumenten getragenes Rezitativ. Hinzu kommen Continuo-Orgel und Streicherbass. Die Worte Christi können in einem Accompagnato-Rezitativ durch Streicher hervorgehoben werden. Betrachtende Da-capo-Arien, Ariosi, Chöre und Choräle auf der Grundlage freier Dichtung erweitern die biblische Erzählung. Der Typ wird vor allem dem Zeitalter der Orthodoxie zugeordnet. Ein besonders bekanntes Beispiel ist Johann Sebastian Bachs Johannes-Passion (1724) beziehungsweise Matthäus-Passion (1727/29).

Das Passionsoratorium gehört stärker in die Zeit des Pietismus. In ihm fehlt der Bibeltext in der Regel vollständig; stattdessen wird das Leiden Jesu in freier Dichtung dargestellt. Bedeutende Textgrundlagen stammen unter anderem von Barthold Heinrich Brockes. Sein Text Der für die Sünden der Welt gemarterte und sterbende Jesus wurde von mehreren Komponisten vertont. Ein weiteres wichtiges Beispiel ist Carl Heinrich Grauns Der Tod Jesu von 1755.

Zwischen den Kategorien bestehen zahlreiche Übergangsformen. Ein Werk kann chorale und opernhafte Elemente verbinden oder biblische, geistliche und freie poetische Texte mischen. Auch die konfessionellen Grenzen wurden gegen Ende des 18. Jahrhunderts undeutlicher. Deshalb dienen die musikwissenschaftlichen Begriffe vor allem der Einordnung von Werken des 15. bis 18. Jahrhunderts und lassen sich nicht immer problemlos auf moderne Passionen übertragen.

Entwicklung seit dem 19. Jahrhundert

Im 19. Jahrhundert entstanden weiterhin Passionsoratorien und verwandte Werke, darunter Louis Spohrs Des Heilands letzte Stunden (1834/1835), Friedrich Schneiders Gethsemane und Golgatha (1838), Carl Loewes Das Sühnopfer des neuen Bundes (1847) und César Francks Les Sept Paroles du Christ sur la Croix (1859). Auch Heinrich von Herzogenbergs Die Passion von 1896 ist wichtig, weil sie ausdrücklich für den Gottesdienst bestimmt war.

Am Übergang zum 20. Jahrhundert erhielt die Passion dadurch erneut eine gottesdienstliche Funktion. Herzogenbergs Werk gilt auf diesem Gebiet als erstes Werk mit betont gottesdienstlicher Bestimmung; weitere Kompositionen trugen dazu bei, die Passion als musikalische Gattung in die Gottesdienste der Passionszeit zurückzuführen. Es gab jedoch auch Werke, die den liturgischen Rahmen verließen. Hermann Wolfgang von Waltershausens Passions- und Auferstehungsmusik op. 27 (1932) ist für Cembalo und Kammerorchester geschrieben, verzichtet auf Vokalmusik und ist nicht zwingend für den Gottesdienst bestimmt.

Im 20. Jahrhundert wurde die Gattung stilistisch stark erweitert. Es entstanden weiterhin traditionelle Chor- und Solopassionen, aber auch Orgelwerke, symphonische Werke, Passionen für getrennte Chöre, a-cappella-Kompositionen und Werke mit Orchester, Kammerensemble oder elektronisch beziehungsweise modern geprägter Klangsprache. Beispiele sind Hugo Distlers Choralpassion nach den vier Evangelien op. 7 (1932/1933), Frank Martins Golgotha (1945–1948), Rudolf Mauersbergers Passionsmusik nach dem Lukasevangelium für zwei getrennt aufgestellte Chöre (1947), Krzysztof Pendereckis Lukas-Passion (1962–1965) und Arvo Pärts Passio nach Johannes (1982). Auch die sieben Kreuzesworte wurden mehrfach eigenständig vertont, etwa von Heinrich Schütz 1645 und Joseph Haydn 1796.

Im 21. Jahrhundert reicht das Spektrum von Sofia Gubaidulinas Johannespassion in russischer Sprache (2000), Wolfgang Rihms Deus passus nach ausgewählten Texten des Lukasevangeliums (2000) und Tan Duns Water Passion After St. Matthew (2002) bis zu James MacMillans St John Passion (2008), Sven-David Sandströms Johannes-Passion (2016) und Beate Rux-Voss’ Matthäuspassion für Sopran, Tenor, Bariton und Orgel, uraufgeführt am 2. April 2021.

Besondere Formen und verwandte Gattungen

Die Passion kann auch in Formen erscheinen, die sich deutlich von der traditionellen Kirchenmusik entfernen. Andrew Lloyd Webbers Jesus Christ Superstar (1971) stellt die Passionsgeschichte mit Stilmitteln des Musicals dar. Für Kinder gibt es religionspädagogisch ausgerichtete Bearbeitungen, zum Beispiel Margret Birkenfelds Kommt und seht: Das Grab ist leer – Kleine Passion für Kinder von 1980.

Zu den verwandten Gattungen gehören das Oratorium, die Vertonung der Sieben letzten Worte Jesu, das Stabat mater und die musikalische Historie. Als zentrale Untertypen und Vergleichsbegriffe bleiben besonders die responsoriale beziehungsweise Choralpassion, die motettische beziehungsweise Figuralpassion, die oratorische Passion und das Passionsoratorium wichtig. Der entscheidende Unterschied liegt jeweils darin, ob ausschließlich der Bibeltext verwendet wird, ob er mehrstimmig durchkomponiert oder rezitativisch gestaltet wird und ob freie Texte, Choräle, Arien und Instrumentalmusik hinzutreten.

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