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Matthäus-Passion (J. S. Bach)
Accompagnato-Rezitativ: Das instrumental begleitete Accompagnato-Rezitativ nimmt eine Mittelstellung zwischen Rezitativ und Arie ein, steht dem Arioso sehr …
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Werk und Bedeutung
Die Matthäus-Passion, BWV 244, ist eine oratorische Passion von Johann Sebastian Bach. Sie vertont den Bericht über Leiden und Sterben Jesu Christi aus dem Evangelium nach Matthäus; dieser Bibeltext bildet das erzählerische Rückgrat. Eingestreut sind Passionschoräle sowie freie, erbauliche Texte von Picander in Chören und Arien. Neben der Johannes-Passion ist sie eines der zwei einzigen vollständig erhaltenen authentischen Passionswerke Bachs.
Mit mehr als 150 Minuten Aufführungsdauer, Solisten, zwei Chören und zwei Orchestern ist sie Bachs umfangreichstes und am stärksten besetztes Werk. Sie gilt als Höhepunkt protestantischer Kirchenmusik. Ursprünglich war sie Teil eines vier- bis fünfstündigen Vespergottesdienstes am Karfreitag und keine Konzertmusik.
Entstehung, Fassungen und Wiederentdeckung
Die Uraufführung fand nach heutigem Forschungskonsens am Karfreitag, dem 11. April 1727, in der Thomaskirche Leipzig statt. Eine weitere Aufführung erfolgte 1729, danach 1736 und möglicherweise 1740 oder 1742 in überarbeiteter Form. Die Matthäus-Passion ist etwa ein Drittel länger als die Johannes-Passion und durch ihre doppelchörige Anlage besonders groß angelegt.
Die meist aufgeführte Fassung stammt von 1736. Ihre Reinschrift gilt als Bachs schönstes und sorgfältigstes Autograph. Bach schrieb darin das reine Bibelwort und den Eingangschoral „O Lamm Gottes unschuldig“ mit roter Tinte. Eine Frühfassung, BWV 244b, ist für 1729 belegt: Dort teilen sich die beiden Chöre noch eine Continuopartie mit Orgel. Außerdem endete der erste Teil ursprünglich mit dem schlichten Choral „Jesum lass ich nicht von mir“ statt mit „O Mensch, bewein dein Sünde groß“. Eine noch frühere Urfassung ist nur unvollständig überliefert.
Nach Bachs Tod geriet das Werk in Vergessenheit. Felix Mendelssohn Bartholdy dirigierte am 11. März 1829 in Berlin eine auf etwa die Hälfte gekürzte Wiederaufführung. Sie leitete die Bach-Renaissance ein. Erst 1912 wurde die Matthäus-Passion wieder ungekürzt aufgeführt; heute ist dies die Regel.
Handlung, Texte und Gesamtanlage
Das Werk hat zwei Teile, zwischen denen zu Bachs Zeit eine etwa einstündige Predigt gehalten wurde. Teil I erzählt die Mordpläne des jüdischen Synhedrions, Jesu Salbung in Bethanien, das letzte Passahmahl und die Gefangennahme in Gethsemane. Teil II behandelt das Verhör vor dem jüdischen Rat, die Verleugnung des Petrus, das Verfahren vor Pilatus, Verspottung, Kreuzigung, Tod und Begräbnis Jesu.
Der fortlaufende Bibeltext wird in 28 Abschnitte gegliedert und durch Choräle und freie Dichtungen unterbrochen. Dadurch wird das vergangene Geschehen auf die Gegenwart der Zuhörer bezogen. Der Choral „O Haupt voll Blut und Wunden“ von Paul Gerhardt erklingt mit unterschiedlichen Strophen und Harmonisierungen insgesamt fünfmal und schafft Zusammenhalt. Die Teile werden von groß angelegten Chören gerahmt: Der erste beginnt mit „Kommt, ihr Töchter, helft mir klagen“, der Schlusschor lautet „Wir setzen uns mit Tränen nieder“.
Textgrundlage sind das 26. und 27. Kapitel des Matthäus-Evangeliums in Martin Luthers Übersetzung, freie Texte von Christian Friedrich Henrici, genannt Picander, sowie Kirchenlieder aus dem 16. und 17. Jahrhundert. Acht der insgesamt 15 verwendeten Liedstrophen stammen von Paul Gerhardt. Bach hatte nach Forschungskonsens Einfluss auf die Textgestalt und wählte vermutlich selbst die Choräle aus.
Musikalische Formen und Besetzung
Die Bibeltexte erscheinen vor allem in Rezitativen und Bibelwort-Chören. Das Secco-Rezitativ, nur von der Continuo-Gruppe begleitet, wird meist vom Tenor als Evangelist gesungen und trägt die Erzählung. Wörtliche Reden übernehmen Solisten als handelnde Personen. Jesu Worte werden dagegen als Arioso von einem vierstimmigen Streichersatz begleitet; dieser Klang hebt seine göttliche Präsenz hervor.
Turba-Chöre stellen Gruppen wie Jünger, Soldaten, Priester oder Volksmenge dar. Sie unterbrechen das Rezitativ 19-mal, davon 13-mal achtstimmig. Accompagnato-Rezitative sind instrumentell begleitet, vertonen freie Dichtungen und führen meist zu einer Arie. Die 15 Arien bilden musikalisch und theologisch die Herzstücke: Die Handlung hält an, damit die Zuhörer das Geschehen betrachten und auf sich beziehen können. Die 14 vierstimmigen Choräle fassen Glaubensaussagen zusammen und geben eine vorformulierte Antwort der Gemeinde. Sechs freie Chöre lassen Chor I als „Tochter Zion“ und Chor II als Gemeinschaft der Gläubigen miteinander dialogisieren.
Vorgesehen sind zwei vierstimmige Chöre und zwei Orchester sowie Sopran-, Alt-, Tenor- und Basssolisten. Der Evangelist ist Tenor, Jesus Bass. Hinzu kommen Rollen etwa für Petrus, Judas, Pilatus, Hohepriester, Zeugen, Mägde und die Frau des Pilatus. Die Instrumentierung umfasst unter anderem Traversflöten, Oboen, Streicher, Viola da gamba, Cello, Violone und Orgel als Basso continuo. Blechbläser setzt Bach nicht ein. Ob ein Fagott zum Continuo gehörte, ist umstritten.
Deutung und musikalische Symbolik
Bach verbindet Musik und Text nach Prinzipien der musikalischen Rhetorik und der barocken Affektenlehre: Form, Tempo, Tonart, Rhythmus und Besetzung prägen den Grundcharakter; einzelne Wörter werden durch musikalische Figuren ausgedeutet. So stehen dissonante Intervallsprünge in „Buß und Reu“ für Zerknirschung. In Nr. 71 verstummen bei Jesu Worten der Gottverlassenheit die begleitenden Streicher.
Die Passion wird als „klingende Predigt“ verstanden. Sie weist die Schuld am Leiden Jesu nicht den Juden oder einzelnen Personen zu. Jünger, Judas und Petrus sind vielmehr Symbolgestalten für allgemeinmenschliches Verhalten: Alle Menschen gelten als Sünder. Choräle und freie Texte fordern daher die Zuhörer auf, das berichtete Geschehen auf sich selbst zu beziehen; auf „Herr, bin ich’s?“ antwortet der Choral Nr. 16 beispielsweise: „Ich bin’s, ich sollte büßen“.
Besonders zentral ist die Arie Nr. 58 „Aus Liebe will mein Heiland sterben“. Ihre Besetzung mit Traversflöte und zwei Oboen da caccia ohne Continuo sowie die Tonart a-Moll sollen Liebe, Unschuld und einen engelhaften Charakter ausdrücken. Der anschließende Chor „Laß ihn kreuzigen!“ bildet dazu einen scharfen Kontrast. Zahlenmystische Deutungen, etwa zu 365 Worten Jesu oder zur Zahl 14 als Buchstabenwert von BACH, werden zwar diskutiert; zumindest ein Teil dieser Beobachtungen könnte jedoch zufällig sein.