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Pascalsche Wette
Die pascalsche (oder Pascal'sche) Wette ist Blaise Pascals berühmtes Argument für den Glauben an Gott. Pascal argumentiert, es sei stets eine bessere …
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Grundidee und Entscheidungsmodell
Die pascalsche Wette ist Blaise Pascals Argument dafür, an Gott zu glauben. Sie soll nicht beweisen, dass Gott existiert. Stattdessen fragt sie, welche Entscheidung angesichts der unsicheren Gottesexistenz den günstigeren erwarteten Ausgang hat. Sie richtet sich besonders an Menschen, die traditionelle Gottesbeweise nicht überzeugen.
Pascal betrachtet die Entscheidung als unvermeidbare Wette: Gott existiert entweder oder existiert nicht; ein Drittes gebe es nicht. Da man sein Leben gläubig oder ungläubig führen müsse, bedeute auch der Verzicht auf eine bewusste Entscheidung praktisch eine Wette gegen Gottes Existenz.
Sein Modell enthält vier Möglichkeiten:
- Man glaubt an Gott, und Gott existiert: Man wird mit dem Himmel belohnt und gewinnt alles.
- Man glaubt an Gott, und Gott existiert nicht: Man gewinnt nichts, verliert nach Pascals ursprünglicher Darstellung aber auch nichts.
- Man glaubt nicht an Gott, und Gott existiert nicht: Man gewinnt und verliert ebenfalls nichts.
- Man glaubt nicht an Gott, und Gott existiert: Man wird mit der Hölle bestraft und verliert.
Der Erwartungswert bezeichnet hier den möglichen Gewinn oder Verlust unter Berücksichtigung seiner Wahrscheinlichkeit. Weil Pascal den Gewinn des Himmels als unendlich ansieht, soll bereits jede Wahrscheinlichkeit der Gottesexistenz größer als 0 dem Glauben einen unendlichen Erwartungswert geben. Daraus folgert er, dass der Glaube die bessere Wahl sei: „Wenn du gewinnst, gewinnst du alles, wenn du verlierst, verlierst du nichts.“
Kosten und möglicher Lohn des Glaubens
Ein wichtiger Einwand lautet, dass der Glaube keineswegs kostenlos ist. Ein religiöses Leben kann direkte Kosten an Zeit, Gesundheit oder Wohlstand verursachen. Hinzu kommen Opportunitätskosten, also entgangene Möglichkeiten: Glaubende verzichten möglicherweise auf irdische Freuden oder auf Aktivitäten, die religiöse Dogmen verbieten.
Pascal räumt solche Opfer ein, hält sie aber für endlich und von kurzer Dauer. Ihnen stehe nach seiner Annahme „eine Unzahl von unendlich glücklichen Leben“ gegenüber. Selbst bei einer sehr kleinen positiven Wahrscheinlichkeit der Gottesexistenz soll deshalb der unendliche mögliche Gewinn die endlichen Kosten überwiegen. Außerdem muss Glaube nicht zwingend einen irdischen Verlust darstellen; im Artikel wird als Möglichkeit erwähnt, dass Glaube und Gebet medizinische oder sozio-kulturelle Vorteile besitzen könnten.
Die Rechnung hängt jedoch entscheidend davon ab, wie der Lohn bewertet wird. Ist das versprochene Leben weder ewig noch besonders glücklich, fällt der Erwartungswert deutlich geringer aus. Die traditionelle Religionskritik kehrt die Wette daher um: Der sichere Wert des irdischen Lebens könne zu hoch sein, um ihn für ein vages und vielleicht nur mäßig erfreuliches Jenseits zu opfern. Selbst wenn Gott existiert, könnte ein Mensch sein Leben erfolglos darauf verwenden, Anforderungen zu erfüllen, an denen er schließlich scheitert; auch der tatsächliche Lohn könnte enttäuschend ausfallen.
Kann man sich zum Glauben entschließen?
Die Wette setzt voraus, dass ein Mensch aufgrund ihrer Rechnung gläubig werden kann. Echter Glaube verlangt jedoch eine feste Überzeugung von Gottes Existenz. Eine solche Überzeugung lässt sich nicht einfach willentlich herstellen, wenn die Ausgangslage gerade darin besteht, dass Gottes Existenz unsicher ist.
Pascal empfiehlt, zunächst die Freuden eines gottlosen Lebens aufzugeben und religiös zu leben; dann werde sich der Glaube einstellen. In der Interpretation von John Leslie Mackie soll der Mensch seinen Willen durch religiöse Praktiken so beeinflussen, bis wirklicher Glaube entsteht. Der mögliche Verlust irdischen Glücks wäre dabei bereits als Kostenfaktor in die Wette einbezogen.
William James bezweifelt in „The Will to Believe“, dass daraus ernsthafter Glaube entstehen kann. Eine Person könne eine Hypothese zwar nachdrücklich behaupten, aber nicht allein durch Willenskraft aufrichtig an sie glauben, wenn sie zuvor keine Neigung hatte, sie ernsthaft in Betracht zu ziehen. Ein durch mechanische Berechnung angenommener Glaube würde nach James „the inner soul of faith’s reality“ vermissen, also nicht die innere Wirklichkeit echten Glaubens besitzen.
Unvollständige Auswahl möglicher Ergebnisse
Der prominenteste Einwand lautet, Pascal stelle eine falsche Disjunktion auf, also eine unvollständige Auswahl angeblich allein möglicher Alternativen. Sein Modell berücksichtigt hauptsächlich einen Gott, der Glaubende belohnt, sowie die Möglichkeit, dass kein Gott existiert. Denkbar seien aber weitere Fälle:
- Gott existiert, belohnt jedoch niemanden.
- Gott belohnt Menschen, macht dies aber nicht oder nicht allein vom Glauben abhängig.
- Gott existiert nicht, dennoch gibt es nach dem Tod eine Belohnung.
- Ein nichtchristlicher Gott bestraft Christen wegen Götzendienstes.
- Ein christlicher allwissender Gott bewertet nur das Handeln und bestraft bloße Lippenbekenntnisse.
- Gott belohnt Glaubende, doch der Lohn fällt enttäuschend gering aus.
Besonders wichtig ist die Möglichkeit eines Gottes, der kritischen Agnostizismus oder ehrliches Denken belohnt und blinden oder vorgespiegelten Glauben bestraft. Damit stellt sich die Frage, ob Gott Glauben an ihn oder vielmehr gute Entscheidungen und Taten verlangt. Auch innerhalb des Christentums wird vertreten, dass weder Reue allein noch Glaube allein gute Werke überflüssig machen; der Artikel verweist dazu auf Jak 2,18 und als Gegenposition auf Römer 3,24–28. Ähnliche Varianten gibt es im Hinduismus und im Islam.
William James argumentiert, ein allein aus Berechnung angenommener Glaube könne gerade keinen unendlichen Lohn verdienen. Richard Carrier entwirft einen Gott, der moralisch gute Menschen auswählt und deshalb diejenigen bevorzugen könnte, die ernsthaft nach Wahrheit suchen, ihre Überzeugungen prüfen und auch die Frage „Existiert Gott?“ verantwortungsvoll untersuchen.
Auch Pascals angenommener unendlicher Lohn ist nicht eindeutig bestimmt. Als Beispiel eines aus menschlicher Sicht enttäuschenden Lohns nennt der Artikel das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg in Mt 20,1–16: Der dort erwähnte „Silbergroschen“ entsprach dem Existenzminimum für einen einzigen Tag. Dieser Einwand darf das Gleichnis allerdings nicht wörtlich als genaue Beschreibung des jenseitigen Lohns verstehen. Wie das ewige Leben aussieht, ist innerhalb des Christentums umstritten; die grundsätzliche Aussage des Gleichnisses bleibt davon unberührt.
Viele Religionen und ein spätes Bekenntnis
Das „Viele-Götter“-Argument verschärft die Kritik am einfachen Ja-nein-Modell. Belohnung und Bestrafung könnten von beliebig vielen anderen Kriterien abhängen. Nichtchristliche Götter könnten beispielsweise alle bestrafen, die nicht an sie glaubten, einschließlich der Christen. Eine unbekannte Macht könnte sogar Glaubende bestrafen und Ungläubige belohnen. Die Wette könnte deshalb scheinbar dazu auffordern, an viele oder alle Götter zu glauben. Das ist bei exklusiven Religionen, deren Wahrheitsansprüche einander ausschließen, nicht widerspruchsfrei. Das Argument der einander widersprechenden Offenbarungen folgert daraus, dass angesichts vieler widersprüchlicher Offenbarungen wahrscheinlich keine ohne Weiteres Glauben verdient.
Schon innerhalb des Christentums bestehen unterschiedliche Auffassungen darüber, was Gott verlangt und wie ein göttlicher Lohn erreicht wird. Im Alten Testament erscheint der Lohn häufig als diesseitige Gesundheit, materieller Reichtum oder zahlreiche Nachkommen. Im Neuen Testament finden sich dagegen Beispiele von Menschen, die an Gott glauben und sich für gehorsam halten, aber keine Gnade finden, sowie von Menschen, die wegen ihrer Taten aufgenommen werden, ohne deren Bedeutung erkannt zu haben. Genannt werden unter anderem das Gleichnis vom Weltgericht und Matthäus 7,21–23. Es gibt auch Aussagen, nach denen Gott selbst Menschen am Glauben hindert. Diese Vielfalt widerspricht Pascals Voraussetzung, aus einer einfachen Entscheidung für oder gegen den Glauben ergebe sich alles Weitere.
Die Kritik trifft Religionen unterschiedlich. Nicht-exklusive Religionen wie Sanatana Dharma oder Pantheismus bleiben vom Widerspruch exklusiver Glaubensansprüche unberührt. Im Judentum müssen Nicht-Juden nur bestimmte Gesetze beachten, zu denen allerdings das Verbot der Götzenanbetung gehört. Der Buddhismus erfordert keinen Bezug auf eine Gottheit. Pascals Wette richtet sich jedoch an Menschen, die vom Monotheismus überzeugt sind.
Eine weitere Überlegung versucht, die Wette durch eine Bekehrung auf dem Sterbebett auszutricksen. Nach einer verbreiteten christlichen Vorstellung könnte jemand fast sein ganzes Leben ohne Religionsausübung verbringen und sich kurz vor dem Tod bekehren. Dagegen sprechen das Risiko eines plötzlichen Todes und Glaubensauslegungen, nach denen eine Bekehrung nicht jederzeit willentlich möglich ist: Das Innerste eines Menschen könne verstockt und dadurch unfähig geworden sein, sich Gott zuzuwenden.