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Opium des Volkes
Die Bezeichnung von Religion als dem „Opium des Volkes“ geht auf Karl Marx zurück. Sie stammt aus der Einleitung in sein Werk Zur Kritik der Hegelschen …
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Kernaussage
Die Bezeichnung der Religion als „Opium des Volkes“ geht auf Karl Marx zurück. Sie steht in der Einleitung zu seinem Werk Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie, die Marx um die Jahreswende 1843/44 schrieb und 1844 in den Deutsch-Französischen Jahrbüchern veröffentlichte.
Gemeint ist bei Marx nicht nur, dass Religion Menschen täuscht oder betäubt. Religion ist für ihn zugleich Ausdruck wirklichen Leidens und Protest gegen dieses Leiden. Sie bietet Trost in einer ungerechten Welt, verhindert aber nach Marx auch, dass Menschen die gesellschaftlichen Zustände verändern, die diesen Trost überhaupt nötig machen.
Marx’ Verständnis von Religion
Marx knüpfte zunächst an Ludwig Feuerbach an. Feuerbach hatte Religion als menschliche Projektion verstanden: Nicht Gott schafft den Menschen, sondern der Mensch schafft Religion. Marx übernahm diesen Grundgedanken, ging aber darüber hinaus.
Schon 1842 kritisierte Marx, Feuerbach erkläre Religion zu stark aus persönlichen Erfahrungen wie Tod, Sterblichkeit und dem Wunsch nach Liebe. Marx führte Religion stärker auf politische und gesellschaftliche Zustände zurück. Für ihn entsteht Religion aus „Staat“ und „Societät“, also aus der konkreten gesellschaftlichen Welt der Menschen.
In der Einleitung von 1844 formulierte Marx: „Der Mensch macht die Religion, die Religion macht nicht den Menschen.“ Religion sei das „Selbstbewusstsein“ und „Selbstgefühl“ eines Menschen, der sich selbst noch nicht gefunden oder wieder verloren habe. Da die wirkliche Welt verkehrt sei, produziere sie ein „verkehrtes Weltbewusstsein“. Religion sei deshalb Trost, Rechtfertigung und eine „phantastische Verwirklichung“ des menschlichen Wesens, weil dieses Wesen in der Wirklichkeit keine wahre Entfaltung finde.
Die Opium-Formel bei Marx
Der zentrale Satz lautet bei Marx: „Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüth einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist. Sie ist das Opium des Volks.“
Damit beschreibt Marx Religion doppelt: Sie ist einerseits ein Zeichen wirklichen Elends, andererseits ein Mittel, dieses Elend erträglich erscheinen zu lassen. Das religiöse Elend sei „in einem der Ausdruck des wirklichen Elendes und in einem die Protestation gegen das wirkliche Elend“.
Die Kritik der Religion ist für Marx daher nicht das endgültige Ziel, sondern der Anfang einer Gesellschaftskritik. Wenn Religion „illusorisches Glück“ bietet, dann fordert ihre Aufhebung nach Marx das „wirkliche Glück“ der Menschen. Die Menschen sollen nicht nur ihre Illusionen aufgeben, sondern auch den Zustand verändern, der solche Illusionen nötig macht.
Vorgeschichte der Formulierung
Die Kritik an Religion hatte eine längere Vorgeschichte. Seit dem 17. Jahrhundert wurde Religion als Priesterbetrug kritisiert, unter anderem durch Herbert von Cherbury. Anthony Collins behauptete um die Wende zum 18. Jahrhundert, in der Religion herrsche nur Betrug, und beeinflusste damit die französische Aufklärung.
Weitere religionskritische Autoren deuteten Religion als schädlich oder täuschend. Julien Offray de La Mettrie sah im Atheismus eine Voraussetzung für das Wohlergehen der Menschheit, weil Glaubenskriege verhindert würden. Claude Adrien Helvétius beschrieb Religion als eingebildetes Interesse betrogener Völker. Paul Henri Thiry d’Holbach sprach von schädlichen „Hirngespinsten“. Voltaire sah Religionsstifter einerseits als Betrüger um der Herrschaft willen, betonte andererseits aber auch, dass der Glaube an Gott den Bestand der Gesellschaft sichern könne.
Ähnliche Verbindungen von Religion und Opium gab es schon vor Marx. In Marquis de Sades Roman Juliette von 1797 heißt es mit politischem Bezug: „Dieses Opium, das du deinem Volk gibst“. In Rousseaus Julie ou la Nouvelle Héloise von 1761 wird religiöse Andacht als „für die Seele eine Art von Opium“ beschrieben. Auch Kant, Herder, Goethe, Bruno Bauer, Moses Hess und möglicherweise Heinrich Heine verbanden Religion oder religiöse Wirkung gedanklich mit Opium, Betäubung oder Rausch.
Warum Opium als Bild nahelag
Opium war im 19. Jahrhundert ein besonders verständliches Bild für Betäubung, Rausch und scheinbare Linderung. Es rückte durch den Ersten Opiumkrieg zwischen England und China von 1839 bis 1842 stark ins europäische öffentliche Bewusstsein.
Hinzu kam die medizinische Verwendung von Opium und Narkosemitteln. 1846 wurde in der Chirurgie die Narkose für sämtliche Operationen eingeführt, nicht mehr nur für große Eingriffe. Dadurch war die Vorstellung verbreitet, dass ein Stoff Schmerzen lindern, aber auch betäuben kann.
Marx übernahm seine genaue Formulierung 1844 möglicherweise von Heinrich Heine, den er 1843 kennengelernt hatte. Heine hatte 1840 von „geistigem Opium“ gesprochen: Religion gieße dem leidenden Menschengeschlecht „einige süße, einschläfernde Tropfen“ in den bitteren Kelch, nämlich Liebe, Hoffnung und Glauben.
Spätere Verwendung
Der Ausdruck wurde später häufig wiedergegeben, auch in der Form „Opium fürs Volk“. Der Artikel weist darauf hin, dass manchmal ein Unterschied zwischen Marx und Lenin behauptet wird: Marx habe „des Volkes“ gesagt, Lenin dagegen „für das Volk“. Der russische Ausdruck Lenins, „опиум народа“, entspricht jedoch eindeutig der Marxschen Formulierung.
Wladimir Iljitsch Lenin sah im Satz „Opium des Volkes“ den Kern marxistischer Religionskritik. In Sozialismus und Religion von 1905 schrieb er, Religion lehre den Arbeitenden Demut und Geduld im Diesseits und vertröste ihn auf himmlischen Lohn. Denjenigen, die von fremder Arbeit leben, biete Religion eine billige Rechtfertigung ihrer Ausbeutung.
Heute ist die Formulierung ein geflügeltes Wort. Sie wird nicht nur auf Religion bezogen, sondern auch in anderen Zusammenhängen verwendet. Auch Religionskritiker, die keine Anhänger von Marx sind oder dem Kommunismus ablehnend gegenüberstehen, benutzen den Ausdruck.