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Papiamentu

Papiamentu oder Papiamento ist eine Kreolsprache mit circa 263.000 Sprechern, die in der Karibik auf den zum Königreich der Niederlande gehörigen ABC-Inseln …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Überblick und Sprachbezeichnung
  2. 2. Entstehung und Entwicklung
  3. 3. Wortschatz und typische Ausdrücke
  4. 4. Grammatische Grundmerkmale
  5. 5. Religion, Kultur und Medien
  6. 6. Schule, Standardisierung und Zukunft

Überblick und Sprachbezeichnung

Papiamentu beziehungsweise Papiamento ist eine Kreolsprache der ABC-Inseln Aruba, Bonaire und Curaçao in der Karibik. Dort leben etwa 263.000 Sprecher. Die Sprache gehört zu den Kreolsprachen und gilt heute als Ausdruck kultureller Identität und des Stolzes der Bevölkerung. Beide Schreibweisen sind legitim: „Papiamentu“ und „Papiamento“. Die Endung -o der ursprünglich portugiesischen Form wird genauso ausgesprochen.

Der Wortschatz besteht überwiegend aus iberoromanischen Bestandteilen: etwa 60–65 % stammen aus dem Spanischen und 15–20 % aus dem Portugiesischen. Hinzu kommen 10–15 % niederländische Wörter. Papiamentu wurde standardisiert und ist auf Curaçao und Aruba als Amtssprache anerkannt. An anderer Stelle des Artikels wird jedoch angegeben, dass Niederländisch weiterhin die einzige offizielle Sprache sei; Papiamentu ist jedenfalls in den Inselparlamenten als Amtssprache zugelassen.

Entstehung und Entwicklung

Papiamentu entstand auf Curaçao während der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts und wurde erst 1700 nach Bonaire und Aruba übertragen. Seine Entwicklung setzte mit der niederländischen Besiedelung Curaçaos und der Einrichtung des größten Marktes für aus Afrika entführte Sklaven im karibischen Gebiet ein. Die niederländische Kolonialverwaltung verhinderte die Ausbreitung des Niederländischen: Die Sklaven durften diese Sprache nicht lernen, während die Plantagenbesitzer relativ isoliert von ihnen lebten. Da die versklavten Menschen aus verschiedenen Regionen Westafrikas stammten, bestand ein großer Bedarf an einer gemeinsamen Sprache.

An der Entstehung waren mehrere Gruppen beteiligt: afrikanische Sklaven mit afrikanischen Sprachen und möglicherweise einem afroportugiesischen Pidgin, Niederländer und andere Europäer sowie sephardische Juden mit Ladino, Portugiesisch, Spanisch und anderen iberoromanischen Dialekten. Später wurde Papiamentu auch zur Verkehrssprache zwischen europäischen Protestanten und Juden und verdrängte Niederländisch im öffentlichen Leben weitgehend. Im 19. Jahrhundert wurde der Wortschatz stärker hispanisiert, weil katholische Mission, lateinamerikanische Einwanderung und die Nähe zum spanischsprachigen Festland an Bedeutung gewannen; der portugiesische Einfluss nahm dagegen ab.

Der Jesuit Michael Schabel erwähnte die Sprache zuerst. Er wartete vom 3. bis 6. August 1698 auf Curaçao auf ein Schiff und bezeichnete die Sprache der schwarzen Bevölkerung als „eine Art verballhorntes Spanisch“. 1705 wurde er der erste jesuitische Seelsorger der Insel. Erst ungefähr 30 Jahre später wurde das entstehende Papiamentu als eigene Sprache wahrgenommen. Über seine Entstehung besteht unter Forschern weiterhin große Uneinigkeit. Die monogenetische Hypothese führt Papiamentu wie andere Kreolsprachen auf ein afroportugiesisches Protokreol zurück, das durch Handelskontakte zwischen Portugiesen und Afrikanern in Westafrika entstand. Die polygenetische Hypothese nimmt dagegen eine unabhängige Entwicklung aus dem Spanischen, Portugiesischen oder anderen iberischen Sprachen an. Eine dritte Theorie sieht eine spanische Grundlage mit portugiesischem Substrat. Gegenwärtig gewinnt außerdem die Hypothese an Popularität, Papiamentu sei ein relexifizierter Ableger einer frühen Varietät der Kreolsprache Oberguineas, wie sie auf den Kapverdischen Inseln sowie in Guinea-Bissau und Casamance gesprochen wird.

Wortschatz und typische Ausdrücke

Als gesichert gilt, dass etwa zwei Drittel des Wortschatzes iberoromanischen Ursprungs sind. Nach einer genaueren Aufteilung bestehen 28 % aus niederländischen Wörtern und 6 % aus Wörtern anderer Herkunft, etwa aus dem Englischen oder Französischen. Vereinzelt gibt es afrikanisches Wortmaterial und Wörter indigener Sprachen. Afrikanische Bestandteile beziehen sich häufig auf Ernährung, Fauna und afrikanische Kultur.

Die sprachlichen Einflüsse unterscheiden sich zwischen den Inseln: Auf Curaçao ist der niederländische Einfluss am stärksten, auf Aruba der spanische. Bei iberoromanischen Wörtern lässt sich die genaue Herkunft oft nicht bestimmen, weil die Sprachen der Iberischen Halbinsel im 17. Jahrhundert enger miteinander verwandt waren als heute. Von den iberoromanischen Wörtern sind etwa 60 % entweder spanisch oder portugiesisch, 25 % eindeutig spanisch und 4 % eindeutig portugiesisch; ein kleiner Anteil stammt aus dem Galicischen oder könnte aus allen drei Sprachen kommen.

Typische Vergleiche zeigen die Nähe zu Portugiesisch, Spanisch und den Kreolsprachen Guineas und der Kapverden: „Guten Tag“ heißt auf Papiamentu „Bon dia“, „Danke“ „Danki“, „Wie geht’s dir?“ „Kon ta bai?“, „Brot“ „Pan“ und „Essen“ „Kuminda“. „Ich liebe Curaçao“ lautet „Mi stima Kòrsou“.

Grammatische Grundmerkmale

Die Grammatik weist typische Merkmale von Kreolsprachen auf: Sie ist einfach und konsequent und enthält nur selten Unregelmäßigkeiten. Subjekt und Prädikat bleiben unverändert. So bedeutet „Mi ta lesa“ sowohl „Ich lese“ als auch in der Frageform „Lese ich?“; „Awe mi ta lesa“ heißt „Heute lese ich“.

Verben werden nicht konjugiert. Zeit und Aspekt, also zeitliche Einordnung und Verlauf einer Handlung, werden durch Partikeln ausgedrückt. In „Mi ta lesa“, „Bo ta lesa“ und „Nos ta lesa“ bleibt „lesa“ gleich; die Sätze bedeuten „Ich lese“, „Du liest“ und „Wir lesen“.

Das grammatische Geschlecht wird nicht unterschieden: Femininum, Maskulinum und Neutrum fallen zusammen. Der Plural wird normalerweise durch Anhängen des Pronomens der dritten Person Plural „nan“ gebildet: „kos“ – „kosnan“ und „yu“ – „yunan“. Nach Zahlwörtern entfällt diese Pluralmarkierung, etwa in „4 kos“ und „2 yu“.

Papiamentu ist außerdem eine tonale Sprache. Tonhöhe und Akzentuierung können die Bedeutung unterscheiden. „Brua“ mit tief-hohem Ton bedeutet „verwirren“, „Brua“ mit hoch-tiefem Ton „schwarze Magie“, während „Bruá“ mit tief-hohem Ton „verwirrt“ oder „verrückt“ als Partizip Perfekt bedeutet.

Religion, Kultur und Medien

Papiamentu war und ist die Sprache der katholischen Kirche. Die niederländische Westindien-Kompanie benötigte katholische Geistliche, um Sklaven zu taufen und christliche Gehorsamkeit zu vermitteln. Missionare, darunter zunächst Jesuiten, lernten die Landessprache. Der erste Missionar, der Papiamentu sprach, war der Jesuit Cornelis Cloots, der von 1728 bis zu seinem Tod 1734 Seelsorger auf Curaçao war. Missionare übersetzten Katechismen, Bibelkapitel und religiöse Schulbücher. Auf diese Weise wurden 88 % der Bevölkerung der ABC-Inseln katholisch; heute verwenden auch andere Glaubensgemeinschaften hauptsächlich Papiamentu.

Das erste Werk auf Papiamentu war ein Katechismus von 1825. Seit den 1940er Jahren dominiert die Sprache auch in Tanz, Musik, Theater, Literatur und Medien. Literarische Werke werden auf Papiamentu geschrieben, Romane werden wegen des größeren Marktes jedoch meist auf Niederländisch verkauft. Seit den 1980er Jahren fördern offizielle Programme besonders Literatur für Kinder.

Obwohl Niederländisch lange als offizielle Sprache galt, erscheinen auf den drei Inseln neben drei niederländischsprachigen Zeitungen mehr als zehn Zeitungen auf Papiamentu. Es gibt rund 20 Radiostationen, von denen nur eine vollständig auf Niederländisch sendet. Die Fernsehsender senden hauptsächlich auf Papiamentu, und die Volksvertretungen verwenden die Sprache. Auch im Internet ist Papiamentu im Vergleich zu anderen Kreolsprachen überdurchschnittlich präsent. Der Artikel nennt Papiamentu als Muttersprache von rund 90 % der Bevölkerung; für Bonaire wird zugleich ein Anteil von 60,2 % angegeben. Auf Curaçao, Aruba und Bonaire ist Papiamentu die meistgesprochene Sprache. Die Tabelle nennt dafür 78,6 % auf Curaçao (2011), 69,4 % auf Aruba (2001) und 63,8 % auf Bonaire (2013).

Schule, Standardisierung und Zukunft

Die Verwendung im Bildungswesen ist durch die politisch-administrative Gliederung der Inseln kompliziert. Aruba erhielt 1986 den Status aparte, Curaçao und Sint Maarten 2010. Bonaire, Saba und Sint Eustatius wurden als besondere Gemeinden in die Karibischen Niederlande eingegliedert. Neben zentralen Stellen sind Inselräte zuständig, was wiederholt zu Unstimmigkeiten führt.

Bildungsmöglichkeiten entstanden erst im 19. Jahrhundert. In den katholischen „folk schools“ wurde vor allem auf Papiamentu unterrichtet. 1936 wurde Papiamentu als Unterrichtssprache verboten; der Unterricht sollte vollständig auf Niederländisch erfolgen. Für 95 % der Schüler war Niederländisch jedoch nicht die Familiensprache, und viele konnten beim Schuleintritt kein Wort Niederländisch. Studien stellten fest, dass sich bei niederländischem Unterricht produktive Fähigkeiten später entwickeln und sprachliche sowie kulturelle Orientierungsprobleme entstehen können. 1979 wurde die Einführung von Papiamentu in der Grundschule beschlossen, ab 1986 wurde es tatsächlich täglich unterrichtet. Der Hauptunterricht blieb niederländisch; nur zwei Schulen unterrichten ausschließlich auf Papiamentu. In mittleren und höheren Schulen wird weiterhin auf Niederländisch unterrichtet. Gründe sind unter anderem Studienmöglichkeiten in den Niederlanden und Südamerika, fehlendes Material, hohe Umstellungskosten und ein Mangel an qualifiziertem Lehrpersonal.

Eine einheitliche Orthographie gibt es bislang nicht. Aruba schreibt stärker spanisch orientiert „falsifica“, „falsificacion“, „conexion“ und „scur“; auf Curaçao lauten die Formen „falsifiká“, „falsifikashon“, „konekshon“ und „sukú“. Seit den 1980er Jahren wird die Sprache staatlich gefördert, ausgebaut, normalisiert und standardisiert. Studiengänge für Papiamentu-Lehrkräfte an der University of the Netherlands Antilles sollen den Mangel an muttersprachlich kompetenten Lehrern verringern.

Papiamentu befindet sich in einer Phase des Ausbaus und besitzt im Vergleich zu vielen anderen Kreolsprachen hohes Prestige, breite gesellschaftliche Akzeptanz und eine lange literarische Tradition. Gefahren bestehen in den unterschiedlichen Schreibweisen und in einem „niederländisch-intellektuellen“ Papiamentu, in das Sprecher und Wissenschaftler unbewusst niederländische Syntax, Grammatik und Wörter übernehmen. Zeitungen enthalten zudem „Barbarismen“, darunter Halbbildungen und Verwechslungen durch Nederlandismen, Anglizismen und Hispanismen. Das wachsende wissenschaftliche Interesse und die Unterstützung durch nationale und internationale Kreolisten verbessern nach Darstellung des Artikels die Chancen, die Standardisierung abzuschließen und Papiamentu endgültig zur Nationalsprache der ABC-Inseln zu machen.

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