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Panafrikanismus

Panafrikanismus (griechische Vorsilbe πᾶν pan ‚alles') bedeutet „die Einheit aller afrikanischen Menschen weltweit, unabhängig von ihrer Ethnie oder …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Grundidee und Bedeutung
  2. 2. Entstehung und frühe Entwicklung
  3. 3. Panafrikanismus in Afrika
  4. 4. Symbole und spätere Bewegungen
  5. 5. Kultur und Kritik

Grundidee und Bedeutung

Panafrikanismus bezeichnet die Vorstellung von der Einheit aller afrikanischen Menschen weltweit, unabhängig von Ethnie oder Nationalität. Gemeint sind Menschen in Afrika und Menschen afrikanischer Abstammung, deren Vorfahren durch die atlantische und arabische Versklavung gewaltsam aus Afrika verschleppt wurden und heute unter anderem in den USA, in der Karibik, in Lateinamerika sowie in Teilen des Mittleren Ostens und Südasiens leben.

Eine einheitliche, präzise Definition gibt es nicht, weil Panafrikanismus in verschiedenen Zeiten, Regionen und politischen Zusammenhängen sehr unterschiedliche Formen angenommen hat. Der Historiker Imanuel Geiss fasste ihn weit: Er verstand darunter erstens intellektuelle oder politische Strömungen unter Afrikanern und Afro-Amerikanern, die Afrika, Afrikaner und Menschen afrikanischer Abstammung als zusammengehörig betrachteten. Daraus entstanden Rassensolidarität und ein neues Selbstbewusstsein. Zweitens meinte Panafrikanismus Ideen, die die kulturelle Einheit und politische Unabhängigkeit Afrikas betonten oder anstrebten, verbunden mit dem Ziel, Afrika gleichberechtigt an die moderne Entwicklung anzuschließen. Drittens umfasst der Begriff Bewegungen, die politische Einheit Afrikas oder zumindest enge politische Zusammenarbeit befürworteten.

Wichtige Leitbegriffe waren die „Erlösung“ Afrikas, englisch „Redemption“, und „Africa for the Africans“, also „Afrika den Afrikanern“. Die bedeutendsten Zentren des Panafrikanismus lagen zunächst nicht in Afrika, sondern in London, New York und Paris. Von dort wurden „Colonial Bulletins“ an afrikanische Zeitungen geschickt, um über europäische und seltener amerikanische Ereignisse und Gesetze zu informieren.

Entstehung und frühe Entwicklung

Nach der Berliner Konferenz von 1884 bis 1885 wurde Panafrikanismus zu einer wichtigen Bewegung der Dekolonialisierungsgeschichte. Er verband viele afrikanische Befreiungsbewegungen miteinander. Grundlage war der Widerstand schwarzer Arbeiter und Soldaten der afrikanischen Diaspora in Europa und Übersee gegen Rassenhierarchien und Ausbeutung.

Die Ziele waren die Dekolonialisierung afrikanischer Länder und nach dem Ende der Kolonialzeit die Vereinigung von Völkern, die durch koloniale Grenzen getrennt worden waren. Das von den Kolonialmächten aufgezwungene Modell einzelner Nationalstaaten sollte nach manchen Vorstellungen durch einen afrikanischen Kontinentalstaat ersetzt werden. 1893 fand in Chicago ein erster Kongress von Panafrikanisten statt.

Als politische Bewegung begann der Panafrikanismus nicht in Afrika, sondern auf den Westindischen Inseln. Henry Sylvester Williams aus Trinidad prägte den Begriff im Zusammenhang mit der ersten panafrikanischen Konferenz 1900. Westindische und amerikanische Schwarze spielten beim Entstehen eines neuen Selbstbewusstseins eine wichtige Rolle. Auch Menschen aus Sierra Leone wirkten am frühen Modernisierungsprozess Westafrikas mit, und zahlreiche afrikanische Führungspersonen studierten in Amerika.

Der Erste Weltkrieg gab dem Panafrikanismus neuen Schwung, weil Kolonialmächte wie England und Frankreich in großem Umfang militärische und wirtschaftliche Ressourcen ihrer Imperien nutzten. Viele schwarze Soldaten aus den USA erlebten nach der Rückkehr von der Front Enttäuschung. W. E. B. Du Bois hatte junge Afroamerikaner aufgefordert, freiwillig in Europa für Freiheit zu kämpfen, damit sie danach in Nordamerika entschiedener Rechte einfordern könnten.

Besonders wichtig wurden die fünf Pan-Afrikanischen Kongresse, die seit 1919 von W. E. B. Du Bois organisiert wurden. Ihre Resolutionen forderten Chancengleichheit und wandten sich gegen Rassismus und Imperialismus. Sie fanden auch in der Presse von Kolonialländern Beachtung. Viele spätere Akteure afrikanischer Unabhängigkeitsbewegungen nahmen daran teil. Du Bois’ Initiative wurde dadurch zu einem philosophischen und politischen Ausgangspunkt der beginnenden Dekolonisation Afrikas.

Eine andere wichtige Strömung prägte Marcus Garvey aus Jamaika. Er leitete bis 1928 die Universal Negro Improvement Association and African Communities League (UNIA-ACL), die er 1912 in Kingston gegründet hatte. Der „Garveyismus“ verbreitete sich schnell, auch in den USA. Garvey verlegte 1914 sein Hauptquartier nach Harlem, veröffentlichte die Wochenzeitung Negro World und versuchte Anfang der 1920er Jahre, neue Siedlungen für Afroamerikaner in Afrika aufzubauen. Dazu kaufte er einen Passagierdampfer und gründete die Black Star Line, um Transporte nach Liberia und Südafrika zu ermöglichen. Seine Pläne scheiterten unter anderem am Widerstand der liberianischen King-Regierung.

Panafrikanismus in Afrika

In Afrika wurde Panafrikanismus besonders nach der Unabhängigkeit vieler Staaten politisch wichtig. Am 7. Januar 1961 beschloss eine radikale Staatengruppe in Casablanca eine „Afrikanische Charta“, die sogenannte Casablanca-Gruppe. Die Mehrheit der bereits unabhängigen Staaten folgte diesem Weg nicht und entwarf vom 8. bis 12. Mai 1961 in Monrovia ein Gegenpapier. Am 25. Mai 1963 wurde in Addis Abeba eine gemeinsame „Charta der Organisation für Afrikanische Einheit“ verabschiedet. Damit entstand die Organisation für Afrikanische Einheit, kurz OAU, die politisch jedoch nur begrenzte Durchschlagskraft entwickelte.

Die Gründer der OAU bekannten sich zu mehreren Prinzipien: Solidarität und Zusammenarbeit auf dem Kontinent sollten in allen Bereichen verbessert werden. Befreiungskämpfe in den portugiesischen Kolonien, in Südafrika, Südwestafrika, dem heutigen Namibia, und Südrhodesien, dem heutigen Simbabwe, sollten aktiv unterstützt werden. Gleichzeitig sollten die aus der Kolonialzeit übernommenen Grenzen nicht in Frage gestellt werden. Modibo Keita, der marxistisch orientierte Präsident Malis, begründete dies in Addis Abeba mit der Warnung, man solle nicht „die Geburt eines schwarzen Imperialismus erleben“.

Bald entstand ein Richtungsstreit zwischen radikaleren Vertretern und sogenannten „Gradualisten“, also Befürwortern einer schrittweisen Annäherung. Kwame Nkrumah forderte die sofortige Bildung der „Vereinigten Staaten von Afrika“, einschließlich des arabisch geprägten Nordafrikas. Gemäßigtere Vertreter wie Gamal Abdel Nasser, Julius Nyerere oder Cheikh Anta Diop wollten sich diesem Ziel über Regionalunionen annähern. Sie betonten zunächst den Ausbau innerer Verwaltungs- und Wachstumsstrukturen. Viele Gradualisten sahen eher die Notwendigkeit kultureller Einheit als die sofortige politische Einheit.

Die Gründung der Afrikanischen Union im Jahr 2002 kann als Ergebnis beider Richtungen verstanden werden. Einerseits baut sie auf vielen einzelnen Regionalorganisationen auf, andererseits ist sie als supranationale Organisation ein Schritt in Richtung der Vision von „Vereinigten Staaten von Afrika“. Bis heute gibt es einen politischen und philosophischen Diskurs über die ideologische Ausrichtung des afrikanischen Einigungsprozesses.

Während der Apartheid in Südafrika kämpften viele Organisationen, Gruppen und Einzelpersonen gegen die Unterdrückung nichteuropäischstämmiger Südafrikaner und Südwestafrikaner, darunter der Pan Africanist Congress. Neben Garveys UNIA-ACL werden auch Organisationen wie TransAfrica und The Internal Peoples Democratic Uhuru Movement genannt.

Symbole und spätere Bewegungen

Panafrikanische Symbolik zeigt sich besonders in Flaggenfarben. Marcus Garvey gab der Bewegung eine rote, schwarze und grüne Flagge. Rot steht für das Blut, das Menschen für Erlösung und Freiheit vergießen müssen. Grün steht für die Vegetation des afrikanischen Mutterlandes. Schwarz steht für die Menschen afrikanischer Herkunft selbst.

Daneben wird in der panafrikanischen Bewegung die äthiopische Flagge mit Grün, Gelb und Rot verwendet. Grün und Rot haben ähnliche Bedeutungen wie bei Garvey; Gelb steht für die mineralischen Reichtümer Äthiopiens. Die Flagge hat besondere symbolische Bedeutung, weil Äthiopien, mit Ausnahme von Liberia, als einziges Land nicht unter europäische Herrschaft gefallen war. Die Italiener wurden in der Schlacht von Adua besiegt. Viele Flaggen afrikanischer Staaten lehnen sich an Garveys Farben oder an die äthiopische Flagge an.

Aus dem Panafrikanismus gingen oder entwickelten sich weitere Bewegungen. Die Rastafari-Bewegung in Jamaika entstand aus der panafrikanischen Bewegung. Eine Marcus Garvey zugeschriebene Aussage, „look to Africa for the crowning of a Black king“, wurde auf Haile Selassie bezogen. Der Artikel weist aber darauf hin, dass diese Erklärung tatsächlich nicht von Garvey stammt und Garvey Selassie in vielen Punkten kritisierte.

Auch die Black-Athena-Bewegung wird aus dem Umfeld des Panafrikanismus genannt. Zu ihren Hauptvertretern gehören Cheikh Anta Diop und Molefi Kete Asante. Ihr Ziel ist es, afrikanische Geschichte aus einer pro-afrikanischen statt eurozentrischen Perspektive zu betrachten und an traditionelle afrikanische Vorstellungen und afrikanische Kultur anzuknüpfen. Häufig vertritt diese Bewegung die Ansicht, der schwarzafrikanische Ursprung der ägyptischen und einiger anderer Zivilisationen solle anerkannt werden. Panafrikanismus wird außerdem mit Black Nationalism verbunden.

Kultur und Kritik

Panafrikanismus wirkte auch in Kunst, Literatur und Musik. Im Vereinigten Königreich ermöglichte der frühe Parlamentarismus schwarzen Bürgern ein selbstbewussteres Auftreten als in anderen europäischen Staaten. In britischen Kolonien und Freiheitsbewegungen entwickelten sich nach 1900 entsprechende Bewegungen. In französisch geprägten Gebieten begann erst um 1920 die Négritude, ähnliche Anliegen zu vertreten; sie legte jedoch stärkeres Gewicht auf Literatur und Philosophie als der angelsächsische Panafrikanismus.

In der jamaikanischen Reggae- und Ragga-Musik ist Panafrikanismus stark präsent. Bob Marley wird im Artikel als wohl bekanntester Panafrikanist genannt; auch Peter Tosh behandelte panafrikanische Themen. Fela Kuti, der Erfinder des Afrobeat, wird ebenfalls genannt. Hip-Hop wird bisweilen als panafrikanisches Produkt betrachtet. Joseph Ephraim Casely Hayfords Roman Ethiopia Unbound beeinflusste Marcus Garvey, der wiederum die Rastafari beeinflusste.

Nach der Dekolonisation Afrikas in den 1960er Jahren fanden mehrere große internationale panafrikanische Kulturfestivals statt: 1966 in Dakar, 1969 in Algiers, 1974 in Kinshasa, 1977 in Lagos und 2010 erneut in Dakar. Seit 1969 findet das Panafrikanische Filmfestival als Biennale in Burkina Faso statt.

Kritik am Panafrikanismus richtet sich vor allem gegen Verallgemeinerungen. Imanuel Geiss beschrieb ihn 1969 als „verspäteten Bumerang der Sklaverei“ im Zusammenhang von Sklavenhandel und Antisklavereibewegung zwischen Westindien/Amerika, dem Vereinigten Königreich und Westafrika. Marcus Garveys Ideologie nannte er „imperialen Panafrikanismus“. Du Bois und Padmore beurteilte Geiss kritisch, weil ihnen seiner Meinung nach Kenntnisse über Afrika, klare Ziele und Organisationstalent gefehlt hätten. Du Bois nannte er einen „hoffnungslosen Romantiker“.

Allgemein wird Panafrikanismus oft dafür kritisiert, kulturelle und ethnische Unterschiede zwischen Menschen afrikanischer Herkunft sowie soziale und politische Unterschiede zwischen den Ländern, in denen Schwarze leben, zu wenig zu beachten.

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