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Palace of Westminster
Der Westminster-Palast (englisch Palace of Westminster) ist der Sitz des britischen Parlaments in London. Der monumentale, zwischen 1840 und 1870 …
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Bedeutung, Funktion und Aufbau
Der Westminster-Palast (Palace of Westminster), auch Houses of Parliament genannt, ist der Sitz des britischen Parlaments in London. Er liegt in der City of Westminster am Parliament Square und steht sinnbildlich für den britischen Parlamentsbetrieb: „Westminster“ wird häufig als Metonym, also als stellvertretender Ausdruck, für das Parlament verwendet. Gemeinsam mit Westminster Abbey und St Margaret’s Church gehört der Palast seit 1987 zum UNESCO-Weltkulturerbe; English Heritage führt ihn als Grade-I-Gebäude von außergewöhnlichem Interesse.
Der heutige monumentale Gebäudekomplex entstand überwiegend zwischen 1840 und 1870 im neugotischen Perpendicular Style. Die wichtigsten Räume sind die Plenarsäle des House of Commons, des gewählten Unterhauses, und des House of Lords, des Oberhauses. Insgesamt besitzt das fünfstöckige Gebäude ungefähr 1100 Räume, 100 Treppen und 4,8 Kilometer Flure. Im Erdgeschoss liegen unter anderem Büros, Speisesäle und Bars. Das erste Stockwerk, der principal floor, enthält die wichtigsten Säle, Lobbys und Bibliotheken. Im dritten und vierten Stock befinden sich Ausschussräume.
Die zentralen Räume liegen von Süden nach Norden in einer weitgehend geraden Folge: Robing Room, Royal Gallery, Prince’s Chamber, Lords Chamber, Central Lobby, Members’ Lobby und Commons Chamber. Die Westminster Hall liegt etwas seitlich davon. Seit 1965 verwalten beide Parlamentskammern ihre Bereiche grundsätzlich selbst; Speaker und Lordkanzler tragen dafür Verantwortung. Der Lord Great Chamberlain bleibt für einige zeremonielle Räume zuständig.
Vom Königspalast zum Parlamentsgebäude
Im Mittelalter hieß das sumpfige Gelände Thorney Island. Knut der Große, König von 1016 bis 1035, ließ dort eine kleine Residenz errichten. Unter Eduard dem Bekenner entstand gleichzeitig mit der benachbarten Westminster Abbey, die zwischen 1045 und 1050 gebaut wurde, ein größerer Palast. Nach der normannischen Eroberung von 1066 nutzte auch Wilhelm I. Westminster. Die älteren angelsächsischen und normannischen Gebäude sind nicht erhalten.
Unter Wilhelm II. wurde 1097 die Westminster Hall errichtet, damals die größte Halle Europas. Im späten Mittelalter war der Palast die wichtigste königliche Residenz. Dadurch siedelten sich dort zentrale Regierungsorgane an. Die Curia Regis, der königliche Rat, tagte in der Westminster Hall; 1295 trat hier erstmals das Model Parliament als erstes offizielles Parlament Englands zusammen. Seitdem war der Palast mit wenigen Ausnahmen Versammlungsort der englischen und später britischen Parlamente.
Das Oberhaus nutzte unter anderem die White Chamber, während das Unterhaus zunächst keinen festen Sitzungssaal hatte. Nach einem Brand im Jahr 1529 zog Heinrich VIII. aus. Seitdem lebte kein Monarch mehr im Palast, obwohl dieser formal weiterhin eine königliche Residenz ist. Ab 1550 diente die frühere St Stephen’s Chapel fast drei Jahrhunderte lang als fester Versammlungsort des Unterhauses.
Am 16. Oktober 1834 vernichtete ein Großbrand fast den gesamten Palast. Ursache war das Verbrennen zweier Wagenladungen überflüssig gewordener Kerbhölzer in ungeeigneten Öfen. Erhalten blieben Westminster Hall, Jewel Tower, die Krypta der St Stephen’s Chapel und der Kreuzgang. Eine Kommission entschied 1835, den Palast am selben Ort im gotischen oder Tudorstil neu zu errichten. Unter 97 Entwürfen gewann 1836 der neugotische Plan von Charles Barry, unterstützt vom Gotik-Spezialisten Augustus Pugin. Der Grundstein wurde am 27. April 1840 gelegt, die Lords Chamber 1847 und die Commons Chamber 1852 fertiggestellt. Bis 1870 folgten Detailarbeiten.
Im Zweiten Weltkrieg wurde der Palast mehrfach bombardiert. Am 10. Mai 1941 trafen ihn zwölf Bomben; drei Menschen starben und die Commons Chamber brannte aus. Giles Gilbert Scott leitete den Wiederaufbau unter weitgehender Bewahrung von Barrys Entwurf. Die neue Commons Chamber wurde am 26. Oktober 1950 eingeweiht. Der bauliche Zustand gilt inzwischen als schlecht; 2017 wurden die Kosten einer umfassenden Renovierung und Modernisierung auf 3,5 bis 6 Milliarden Pfund geschätzt.
Architektur, Fassade und Türme
Charles Barry verband einen grundsätzlich symmetrischen Grundriss mit neugotischen Formen. Pugin kritisierte das Ergebnis als klassisches Gebäude mit Tudor-Verzierungen. Die mittelalterliche Westminster Hall wurde in den Neubau einbezogen.
Die Fassade bestand zunächst aus sandfarbenem Anston-Kalkstein. Wegen schlechter Steinqualität und zunehmender Luftverschmutzung waren bereits 1849 Schäden sichtbar. Ab 1928 wurde die Außenhaut durch honigfarbenen Clipsham Stone ersetzt; die Arbeiten dauerten mit einer Unterbrechung im Zweiten Weltkrieg bis Anfang der 1950er Jahre. Eine weitere Restaurierung erfolgte von 1981 bis 1994.
Der höchste Turm ist der 98,45 Meter beziehungsweise 323 Fuß hohe Victoria Tower. Er enthält das Parlamentsarchiv. Ist der Monarch anwesend, weht dort der Royal Standard, sonst die Union Flag. Durch den Sovereign’s Entrance am Fuß des Turms betritt der Monarch den Palast zu wichtigen Zeremonien. Der 91,44 Meter oder genau 300 Fuß hohe Central Tower dient als Luftschacht.
Der bekannteste Turm ist der 96,32 Meter beziehungsweise 316 Fuß hohe Uhrturm, der seit 2012 offiziell Elizabeth Tower heißt. Die Great Clock of Westminster besitzt vier Zifferblätter. Fünf Glocken spielen jede Viertelstunde die Westminster Chimes. Die größte Glocke, Big Ben beziehungsweise Great Bell of Westminster, wiegt 13,8 Tonnen und schlägt zur vollen Stunde. Der Name Big Ben bezeichnet korrekt nur diese Glocke, wird umgangssprachlich aber für den gesamten Turm verwendet.
Weitere Bauteile sind St Stephen’s Tower über dem Haupteingang zum Unterhaus sowie Speaker’s Tower und Chancellor’s Tower. Der 1365/1366 errichtete Jewel Tower diente ursprünglich zur Aufbewahrung der Juwelen und Roben Eduards III. Er blieb 1834 erhalten, ist heute durch die Abingdon Street vom Palast getrennt und beherbergt ein Museum.
Mehrere kleine Grünanlagen umgeben den Palast. Die Victoria Tower Gardens am Themseufer sind öffentlich zugänglich; andere Bereiche wie Black Rod’s Garden, Cromwell Green, New Palace Yard und Speaker’s Green sind gesperrt oder eingezäunt. College Green wird häufig für Fernsehinterviews mit Politikern genutzt.
Die beiden Parlamentskammern
Die Lords Chamber im südlichen Gebäudeteil ist der 24,38 Meter lange und 13,72 Meter breite Sitzungssaal des Oberhauses. Ausstattung und Sitzbänke sind rot. Am Südende steht der goldverzierte Thron, den der Monarch bei der feierlichen Parlamentseröffnung nutzt. Davor liegt der Woolsack, ein großes rotes Wollkissen als Symbol für die historische Bedeutung des Wollhandels. Dort sitzt seit 2006 der Lord Speaker; der zeremonielle Amtsstab als Zeichen königlicher Autorität wird auf den hinteren Teil des Kissens gelegt.
Rechts vom Woolsack liegt die spiritual side mit den Bischöfen und Erzbischöfen der Church of England sowie den Mitgliedern der Regierungspartei. Auf der temporal side links sitzt die Opposition. Parteilose Peers sitzen gegenüber auf den Querbänken und heißen cross-benchers. Bei der Parlamentseröffnung verliest der Monarch vom Thron aus das Regierungsprogramm. Die Unterhausmitglieder betreten den Saal dabei nicht, sondern stehen an seiner Schranke.
Die Commons Chamber am nördlichen Ende ist 20,73 Meter lang und 14,02 Meter breit. Sie ist schlichter eingerichtet und verwendet Grün als Farbe des Unterhauses. Die Regierung sitzt rechts, die Opposition links vom Speaker; Querbänke gibt es nicht. Der Amtsstab liegt auf dem table of the house vor dem Speakerstuhl. Obwohl das Unterhaus laut Artikel 646 Mitglieder umfasst, bietet der Saal nur 427 Sitzplätze. Bei den Prime Minister’s Questions und anderen wichtigen Beratungen müssen daher Abgeordnete stehen.
Der Monarch betritt traditionsgemäß niemals die Commons Chamber. Zuletzt tat dies Karl I. am 4. Januar 1642, als er fünf Abgeordnete wegen Hochverrats festnehmen wollte. Speaker William Lenthall verweigerte die Auslieferung; der Vorfall gilt als einer der Auslöser des Englischen Bürgerkriegs.
Westminster Hall und weitere Räume
Die 1097 errichtete Westminster Hall ist der älteste erhaltene Teil des Palastes. Sie misst 73,2 mal 20,7 Meter und gehört zu den größten europäischen Hallen mit ungestütztem Dach. Unter Richard II. wurde sie zu einer einschiffigen gotischen Halle umgestaltet. Der königliche Zimmermann Hugh Herland schuf ein offenes, stützenfreies Hammerbalken-Gewölbe; Henry Yevele verkleidete die Wände neu und ergänzte 15 lebensgroße Königsstatuen, von denen sechs erhalten sind.
Die Halle war jahrhundertelang ein bedeutender Gerichtsort. Hier tagten Court of King’s Bench, Court of Common Pleas und Court of Chancery, bis sie 1875 im High Court of Justice zusammengefasst wurden. In Westminster Hall fanden außerdem Staatsprozesse statt, etwa gegen William Wallace 1305, Thomas Moore 1535, die Verschwörer des Gunpowder Plot 1606 und König Karl I. 1649.
Vom 12. bis zum 19. Jahrhundert wurden hier Krönungsbankette veranstaltet; das letzte fand 1821 für Georg IV. statt. Die Halle dient außerdem der Aufbahrung vor Staatsbegräbnissen. Königin Elisabeth II. lag dort vom 14. bis 19. September 2022 aufgebahrt. Seit 1999 nutzt das Unterhaus einen angrenzenden, als Teil der Halle betrachteten Raum dreimal wöchentlich für informelle, überparteiliche Sitzungen ohne wichtige oder kontroverse Themen.
Zu den weiteren bedeutenden Räumen gehören der Robing Room, in dem der Monarch vor der Parlamentseröffnung Roben und Imperial State Crown anlegt, sowie Royal Gallery und Prince’s Chamber. Die achteckige Central Lobby zeigt Mosaike der Schutzheiligen Englands, Schottlands, Wales’ und Nordirlands. Dort können Bürger ihren Wahlkreisabgeordneten treffen. Peers’ Lobby und Members’ Lobby dienen informellen Gesprächen und politischen Verhandlungen.
Sicherheit, Zwischenfälle und Besichtigung
Die heutigen Sicherheitsmaßnahmen liegen vor allem bei der Palace of Westminster Division der Metropolitan Police. Betonblöcke schützen seit 2003 die Zufahrt gegen Fahrzeuganschläge; auf der Themse gilt eine 70 Meter breite Ausschlusszone vor dem Ufer. Besucher der Strangers Gallery müssen Metalldetektoren passieren. Der Gentleman Usher of the Black Rod und der Serjeant-at-Arms haben bei der Sicherheit des Ober- beziehungsweise Unterhauses hauptsächlich zeremonielle Aufgaben.
Der bekannteste historische Anschlagsplan war der Gunpowder Plot vom 5. November 1605. Katholische Adelige wollten während der Parlamentseröffnung König Jakob I., seine Familie und große Teile der Aristokratie mit mehreren Tonnen Schießpulver töten. Nach einem anonymen Warnbrief fanden die Behörden Guy Fawkes und den Sprengstoff im Keller. Seitdem wird der Keller jährlich vor der Parlamentseröffnung zeremoniell durchsucht.
Am 11. Mai 1812 erschoss John Bellingham Premierminister Spencer Perceval im Palast; es blieb der einzige erfolgreiche Mordanschlag auf einen britischen Premierminister. 1974 explodierte in der Westminster Hall eine 9 Kilogramm schwere Bombe der Provisional IRA. 1979 starb der konservative Politiker Airey Neave durch eine Autobombe. Nach mehreren Protestaktionen wurde 2004 eine Glastrennwand vor Teilen der Besuchergalerie errichtet. Am 22. März 2017 überfuhr Khalid Masood auf der Westminster Bridge mehrere Menschen, fuhr gegen eine Palastabsperrung und erstach einen Polizisten, bevor Einsatzkräfte ihn erschossen. Insgesamt starben fünf Menschen; etwa 40 wurden teils schwer verletzt.
Das Innere ist nicht frei zugänglich. Besucher können in begrenzter Zahl Debatten von den Galerien aus verfolgen. Britische Staatsbürger und Bildungseinrichtungen können über Abgeordnete oder Peers Führungen vereinbaren. Während der meist im August und September liegenden Sommerpause werden auch für ausländische Gäste Führungen angeboten; der Rundgang dauert 75 Minuten. Der Elizabeth Tower kann nur von Einwohnern Großbritanniens nach Anmeldung über ihren Abgeordneten besichtigt werden. Der Palast ist über die U-Bahn-Station Westminster, mehrere Buslinien und den nahe gelegenen Bahnhof Waterloo erreichbar.