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Otto Ohlendorf
Otto Ohlendorf (* 4. Februar 1907 in Hoheneggelsen; † 7. Juni 1951 in Landsberg am Lech) war ein deutscher Kriegsverbrecher, SS-Gruppenführer und …
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Person und zentrale Funktionen
Otto Ohlendorf (4. Februar 1907–7. Juni 1951) war ein deutscher Kriegsverbrecher, SS-Gruppenführer und Generalleutnant der Polizei. Von 1941 bis 1942 befehligte er die Einsatzgruppe D, im Reichssicherheitshauptamt (RSHA) leitete er das Amt III, den SD-Inland, und ab November 1943 war er stellvertretender Staatssekretär sowie Ministerialdirektor im Reichswirtschaftsministerium. Seine Bedeutung ergibt sich vor allem aus der Verbindung dreier Tätigkeiten: der Überwachung und Auswertung von Stimmungsberichten im Sicherheitsdienst (SD), der Leitung einer an Massenmorden beteiligten Einsatzgruppe und der Mitwirkung an nationalsozialistischen Wirtschaftsplanungen. Im Einsatzgruppen-Prozess wurde er 1948 zum Tode verurteilt und am 7. Juni 1951 in Landsberg am Lech hingerichtet.
Ausbildung und Aufstieg im SD
Ohlendorf wuchs als Sohn eines wohlhabenden Landwirts in Hoheneggelsen auf. Nach dem Besuch des Gymnasiums Andreanum in Hildesheim studierte er Rechts- und Staatswissenschaften an den Universitäten Leipzig und Göttingen. Am 28. Mai 1925 trat er der NSDAP (Mitgliedsnummer 6.531) und im selben Jahr der SS (SS-Nummer 880) bei; 1926 folgte der Beitritt zur SA. Später erhielt er als sogenannter „Alter Kämpfer“ das Goldene Parteiabzeichen. Einen Studienaufenthalt an der Universität Pavia 1931 und eine wissenschaftliche Laufbahn schloss er mit keiner Promotion ab.
1933 arbeitete Ohlendorf am Institut für Weltwirtschaft in Kiel, 1935 an der Handelshochschule in Berlin. 1936 wurde er Wirtschaftsreferent beim Sicherheitsdienst des Reichsführers SS und leitete eine Abteilung, die Berichte über die wirtschaftliche Lage auswertete. 1937 übernahm er die Leitung der Hauptabteilung II „Deutsche Lebensgebiete“. Nach der Neuordnung des RSHA im September 1939 wurde er Leiter des Amtes III, SD-Inland/Deutsche Lebensgebiete, und blieb dies bis 1945.
Zu seinen Aufgaben gehörte die Erstellung der „Meldungen aus dem Reich“. Diese Lageberichte sollten einen ausgewählten Kreis der Staatsführung – vor allem Reichsminister, Reichsleiter der NSDAP sowie das Wehrwirtschafts- und Rüstungsamt im OKW – über die Stimmung der Bevölkerung und wichtige Entwicklungen informieren. Grundlage waren Meldungen von etwa 30.000 freiwilligen Mitarbeitern und V-Leuten, also Personen, die Informationen für den SD beschafften.
Leitung der Einsatzgruppe D
Nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion 1941 übernahm Ohlendorf auf Anweisung Heinrich Himmlers zusätzlich das Kommando über die Einsatzgruppe D. Sie operierte in der Südukraine und im Kaukasus und stand bis Juni 1942 unter seiner Führung.
Die SS-Einsatzgruppen hatten den Auftrag, die in den eroberten Gebieten lebenden Juden, Roma und Sinti sowie Führungskader der Kommunistischen Partei der Sowjetunion zu vernichten. Ohlendorf war damit für die Ermordung von ungefähr 90.000 Menschen verantwortlich. Am 1. August 1941 bestätigte er den Exekutionsbefehl für die Einsatzgruppen erneut. Nach seiner Darstellung beziehungsweise dem im Artikel zitierten Inhalt bedeutete dieser Befehl, dass künftig alle erfassten Juden „aus rassischen Gründen zu erschießen seien“.
Im Sommer 1942 kehrte Ohlendorf nach Berlin zurück. Walther Bierkamp wurde sein Nachfolger als Kommandeur der Einsatzgruppe D.
Wirtschaftspolitische Schlüsselstellung
Ohlendorf strebte persönlich vor allem eine wirtschaftspolitische Tätigkeit an. Seit 1939 war er Hauptgeschäftsführer der Reichsgruppe Handel. Im November 1943 wurde er zusätzlich zu seiner Funktion im RSHA ständiger Vertreter des neu ernannten Staatssekretärs Franz Hayler im Reichswirtschaftsministerium. Himmler hatte diese Übernahme einer Schlüsselstellung bereits im August 1943 mit Minister Walther Funk vereinbart. Sie sollte auch die Position Albert Speers und dessen wirtschaftspolitische Linie schwächen.
Ohlendorf verstand sich besonders als Vertreter des „Mittelstands“. Er kritisierte die kriegswirtschaftliche „Lenkungswirtschaft“, die zu zahlreichen Betriebsstilllegungen geführt habe, die Bevorzugung sogenannter „Bestbetriebe“ und den „Mammutismus“ in der Produktion. Als Leiter der Hauptabteilung II und Ministerialdirektor war er für „grundsätzliche Fragen der Wirtschaftspolitik im Reich und im europäischen Raum“ zuständig. Außerdem sollte er die Planungen für die Wirtschaft nach dem Krieg koordinieren. Deshalb wurde seine Stellung als die eines „heimlichen Ministers“, „starken Mannes“ oder einer „Schlüsselfigur“ beschrieben.
Ohlendorf wandte sich gegen die Verbindung staatlicher Autorität mit privatwirtschaftlichen Interessen, wie er sie in Speers Ausschüssen und „Ringen“ sah. Speers Konzept der „Selbstverantwortung der Wirtschaft“ habe nach Ohlendorfs späterer Aussage dazu geführt, dass einzelne Unternehmen gegenüber Konkurrenten mit staatlicher Autorität auftreten konnten. Auch die Pläne des DAF-Chefs Robert Ley für eine allgemeine Kranken- und Rentenversicherung bekämpfte Ohlendorf zusammen mit Graf Schwerin von Krosigk und Leonardo Conti als „kollektivistisch“.
Himmler lehnte Speers Wirtschaftslenkung ebenfalls ab und schützte Ohlendorfs Nachkriegsplanungen. Ohlendorf hielt die gelenkte Kriegswirtschaft für ungeeignet, endgültige Grundsätze für eine nationalsozialistische Friedensordnung der deutschen Wirtschaft zu entwickeln. Er arbeitete dabei unter anderem mit Ludwig Erhard und weiteren Wirtschaftsfachleuten zusammen. Im Frieden sollte nach seiner Vorstellung an die Stelle des bürokratischen Lenkungsapparats ein „aktives und wagemutiges Unternehmertum“ treten. In einem Vortrag am 25. Juli 1944 in Braunschweig erklärte er, die kriegsbedingt gelenkte Wirtschaft entspreche nicht der nationalsozialistischen Wirtschaftspolitik; gefordert werde eine freie Wirtschaft, auch frei von Monopolen, Kartellen und Syndikaten.
Kriegsende und Festnahme
Nach Beginn der sowjetischen Großoffensive an der Weichsel schrieb Ohlendorf in der zweiten Januarhälfte 1945 die Denkschrift „Volk und Führung“. Darin beschrieb er einen weitgehenden Vertrauensverlust: Niemand glaube mehr an den Sieg, das Volk habe kein Vertrauen zur Führung und kritisiere Partei, bestimmte Führungspersonen und die Propaganda. Im Oktober 1944 war Ohlendorf zum SS-Gruppenführer befördert worden.
In den letzten Kriegstagen floh er mit Mitarbeitern des Amtes III und des Reichswirtschaftsministeriums als „Stab Nord“ nach Flensburg, wo sich zunächst auch Himmler aufhielt. Für die geschäftsführende Reichsregierung unter Karl Dönitz richtete Ohlendorf aus den Resten des Amtes III einen Nachrichtendienst ein. Dieses „Nachrichtenbüro“ bestand vom 13. Mai 1945 an noch einige Tage. Ohlendorf befasste sich weiterhin mit wirtschaftspolitischen Fragen und beriet am 18. Mai 1945 einen Vertreter der alliierten Kontrollkommission über Möglichkeiten, einer „explosiven Entwicklung“ unter der deutschen Bevölkerung entgegenzuwirken. Am 23. Mai 1945 wurde er zusammen mit der geschäftsführenden Reichsregierung in Flensburg festgenommen.
Aussagen, Prozess und Hinrichtung
Nach seiner Festnahme machte Ohlendorf zunächst in britischer und anschließend in amerikanischer Haft umfassende Aussagen. Offenbar wollte er dadurch seinen Wert für die Besatzungsmächte hervorheben und Straflosigkeit erreichen. Bei seiner Verhaftung hatte er einen Plan für den Aufbau eines Geheimdienstes im Dienst der Besatzungsbehörden bei sich. In Verhören wies er selbst auf ein geheimes Abkommen zwischen RSHA und OKW über den Einsatz der Einsatzgruppen im Frühjahr 1941 hin. Ab August 1945 machte er Angaben zu seiner eigenen Rolle an der Spitze der Einsatzgruppe D.
Im Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher in Nürnberg trat Ohlendorf als Anklagezeuge gegen Ernst Kaltenbrunner auf. Am 3. Januar 1946 schilderte er die Massenmorde seiner Einsatzgruppe emotionslos und detailliert. Im Nürnberger OKW-Prozess sagte er außerdem aus, die Wehrmacht sei regelmäßig über die Aufträge der Einsatzgruppen informiert gewesen und habe bei Exekutionen häufig mit ihnen zusammengearbeitet. Die angeklagten Generäle bestritten dies.
Nachdem 1946/47 Berichte der Einsatzgruppen an das RSHA gefunden worden waren, wurde ein eigener Prozess gegen die Führer der Einsatzgruppen eingeleitet. Im Herbst 1947 begann in Nürnberg der Einsatzgruppen-Prozess. Ohlendorf wurde im April 1948 zum Tode verurteilt. Die Verteidigung versuchte vergeblich, ihn als lediglich befehlsgebundenen Mittäter darzustellen, der selbst keine Morde begangen habe. Ohlendorf erklärte dagegen wie schon 1946, es sei für ihn undenkbar gewesen, Befehle der Staatsführung nicht auszuführen. Auch sein Stellvertreter Willi Seibert und sein Adjutant Heinz Schubert standen vor Gericht.
Ohlendorfs Aussagen beeinflussten die sogenannte intentionalistische Interpretation der „Endlösung“. Diese Deutung betont hierarchische Strukturen und vorsätzliches Handeln sowie Hitler, Himmler und Heydrich als Zentrum der Entscheidungsfindung. Die Mitangeklagten unterstützten dieses Bild, indem sie sich als befehlsgebundene Teile der Vernichtungsmaschinerie darstellten. Historiker wie Helmut Krausnick, Martin Broszat, Leon Poliakov und Raul Hilberg wurden von dieser Sichtweise beeinflusst.
Trotz einer Begnadigungskampagne, an der sich hohe kirchliche Würdenträger und Mitglieder des Kabinetts Adenauer I beteiligten, wurde Ohlendorf am 7. Juni 1951 im Kriegsverbrechergefängnis Landsberg durch den Strang hingerichtet. Er wurde in Hoheneggelsen beigesetzt. Briefe aus seiner Haftzeit von 1947 bis 1950 befinden sich im Stadtarchiv Hildesheim.