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Zigeuner

Zigeuner ist eine historische Fremdbezeichnung für Sinti und Roma. Sie gilt aufgrund ihrer oftmals diskriminierenden Konnotation jedoch als problematisch.

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Kernbedeutung und Problem des Begriffs
  2. 2. Herkunft und ältere Bezeichnungen
  3. 3. Zuschreibungen durch die Mehrheitsgesellschaft
  4. 4. Vom 19. Jahrhundert bis zum Nationalsozialismus
  5. 5. Selbstbezeichnungen und unterschiedliche Positionen
  6. 6. Heutiger öffentlicher Sprachgebrauch

Kernbedeutung und Problem des Begriffs

„Zigeuner“ ist eine historische Fremdbezeichnung für Sinti und Roma. Eine Fremdbezeichnung ist ein Name, den eine Gruppe von außen erhält, nicht unbedingt selbst wählt. Der Begriff wurde außerdem auf andere ethnische oder soziale Randgruppen übertragen, die wegen Herkunft, Kultur oder Lebensweise von der Mehrheitsgesellschaft ausgegrenzt wurden.

Heute gilt die Bezeichnung in Deutschland und Österreich meist als problematisch, weil sie häufig diskriminierende Bedeutungen trägt und durch die nationalsozialistische Verfolgung besonders belastet ist. Viele Sinti und Roma sowie Jenische lehnen das Wort als sprachlichen Ausdruck einer Verfolgungsgeschichte ab, die im Völkermord an den Sinti und Roma im Nationalsozialismus gipfelte. Einzelne Angehörige der Minderheiten verwenden oder akzeptieren es dagegen als Selbstbezeichnung oder Oberbegriff. Der heutige Streit dreht sich daher nicht nur um ein Wort, sondern um Anerkennung, Diskriminierung, Selbstbezeichnung und den Umgang mit historischer Gewalt.

Herkunft und ältere Bezeichnungen

Die Herkunft des Wortes „Zigeuner“ ist ungeklärt. Es wurde aus italienisch „zingaro“ und ungarisch „czigány“ ins Deutsche entlehnt und ist in vielen europäischen Sprachen verbreitet, etwa französisch „tziganes“. Im Deutschen ist „Zigeuner“ erstmals 1418 in München nachweisbar; 1422 erscheint die Form „Cigäwnär“ in einer handschriftlichen Notiz im Tagebuch des Andreas von Regensburg.

In der Fachliteratur gibt es mehrere Erklärungsversuche. Eine Vermutung leitet das Wort von mittelgriechisch „athingany“ ab, einer Bezeichnung für Anhänger einer gnostischen Sekte. Später wurde „Athinganoi“ auch für Gruppen wie Schlangenbeschwörer und Wahrsager verwendet; ob frühe Belege bereits Roma in Byzanz meinen, ist umstritten. Eine andere Herleitung führt zu alttürkisch „čïγay“ mit Varianten wie „čïγan“ und „čïγany“ in der Bedeutung „arm, elend“, vermittelt über ungarisch „cigány“. Elmar Seebold nennt diese Erklärung „semantisch ansprechend, formal problematisch“.

Historisch gab es weitere Bezeichnungen. In frühneuhochdeutscher Zeit wurden auch „Tatern“ oder „Tattare“ verwendet, eigentlich Bezeichnungen für Tataren. Auch „Heidenen“ oder „Heider“ kamen vor. Ein anderer europäischer Namenskreis leitet sich von „Ägypten“ ab. Romagruppen bezogen sich in der frühen Phase ihres Auftretens in Europa auf einen Herkunftsmythos als ägyptische Pilger und erhielten als solche Almosen und Schutzbriefe. Daraus entstanden Bezeichnungen wie spanisch „Gitano“, französisch „Gitan“, englisch „Gypsy“ und griechisch „gyftos“. Französische und spanische Wörter wie „bohémiens“ und „bohemios“ bedeuteten ursprünglich „Böhmen“ und wurden später auch auf ein künstlerisches, bürgerlichen Normen fernes Leben bezogen.

Zuschreibungen durch die Mehrheitsgesellschaft

In der Mehrheitsgesellschaft wurde „Zigeuner“ häufig mit einer angeblich „zigeunerischen Lebensform“ verbunden. Besonders wichtig ist die Zuschreibung von Nomadentum, also einer nicht ortsfesten Lebensweise. Der Artikel betont jedoch, dass die Mehrheit der Roma in Südosteuropa seit Jahrhunderten und in Mitteleuropa spätestens seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts sesshaft lebt. Die Lebensweise einer Minderheit wurde verallgemeinert und der Mehrheit zugeschrieben.

Der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma kritisiert die pauschale Bezeichnung als „Nomaden“. Sie könne Heimatrechte infrage stellen und den Eindruck erzeugen, „Zigeuner“ seien eine archaische „Stammesgesellschaft“, die nicht in moderne Gesellschaften integrierbar sei. Dem setzt der Zentralrat entgegen, dass Angehörige der Minderheit realer Teil der Gesellschaft seien und an ihrer Entwicklung teilnähmen.

Der Begriff konnte auch als Schimpfwort gegen Menschen verwendet werden, die gar nicht zu Sinti, Roma oder anderen Minderheiten gehören, deren Aussehen, privates Umfeld oder Lebensstil aber mit stereotypen Merkmalen verbunden wurde. Karola Fings und Ulrich F. Opfermann sprechen von einem „doppelten Zigeunerbegriff“: Er könne ethnisch gemeint sein, also Roma oder Sinti bezeichnen, oder soziografisch, also Menschen nach einer zugeschriebenen Lebensweise einordnen. Beides ist problematisch, weil die Zuschreibungen nicht mit der tatsächlichen Identität oder Lebensweise der Betroffenen übereinstimmen müssen.

Vom 19. Jahrhundert bis zum Nationalsozialismus

Im 19. Jahrhundert verlor das Wort in Künstlerkreisen, bei einigen Intellektuellen und in Teilen des Bildungsbürgertums zeitweise einen Teil seiner negativen Bedeutung. In der sogenannten „Zigeunermode“ und „Zigeunerromantik“ wurde ein angeblich freies, fröhliches und ungebundenes Leben idealisiert. Begriffe wie „Zigeunermusik“ oder „Zigeunermoll“ konnten positiv gemeint sein. Diese romantisierende Sicht änderte aber wenig an den tatsächlichen Lebensbedingungen der so bezeichneten Gruppen.

Gleichzeitig blieb die Bezeichnung zwischen ethnischen, rassistischen und sozialen Bedeutungen beweglich. Seit dem 19. Jahrhundert wurden etwa „weiße Zigeuner“ für aus mehrheitsgesellschaftlicher Sicht „nach Zigeunerart lebende Landfahrer“ verwendet. Um 1900 tauchte „Kulturzigeuner“ für nonkonformistische Künstler oder „Bohemiens“ auf. Auch solche scheinbar kulturellen Zuschreibungen konnten Menschen als „gemeinschaftsschädlich“ oder „entartet“ typisieren.

Im Nationalsozialismus wurde der Begriff rassistisch aufgeladen. Die Nationalsozialisten kategorisierten Menschen nach angeblichen Graden der „Blutsmischung“ als „stammechte Zigeuner“, „Zigeunermischlinge“ und „Nichtzigeuner“. Die nationalsozialistische „Rassenforschung“ und Verfolgungsbehörden verwendeten „Zigeuner“ spätestens seit den späten 1930er Jahren als ethnische Kategorie. Darauf beruhten diskriminierende Vorschriften bis hin zu Deportationslisten für Auschwitz. Deshalb ist der Begriff heute stark diskreditiert. Viele Angehörige der Minderheit verstehen ihn als Überschrift über eine lange Verfolgungsgeschichte, die im Völkermord an den Sinti und Roma endete.

Selbstbezeichnungen und unterschiedliche Positionen

Innerhalb der Minderheiten ist der Sprachgebrauch nicht völlig einheitlich. In einer Studie von 2007 bis 2011 gaben 95 % der Befragten an, die Bezeichnungen „Sinti“ und „Roma“ zu verwenden. 7 % verwendeten „Zigeuner“ für sich selbst. Zur Fremdbezeichnung als „Zigeuner“ sagten 57 %, dies sei immer ein Problem, 26 %, es komme darauf an, und 15 %, dies sei kein Problem.

Wichtige Interessenvertretungen lehnen die Fremdbezeichnung ab. 1978 erklärte Vincent Rose, Vorsitzender des damaligen Verbandes der Cinti Deutschlands, er wolle „Cinto“ genannt werden, weil „Zigeuner“ diskriminierend sei. In den 1980er Jahren wurden Organisationen wie der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma, die Rom und Cinti Union und Amaro Drom gegründet, die die Fremdbezeichnung ebenfalls als rassistisch ablehnen.

Es gibt aber auch andere Stimmen. Der Musiker Markus Reinhardt bezeichnet sich selbst als „deutschen Zigeuner“ und sieht das Wort als Oberbegriff für verschiedene Gruppen, nicht nur Sinti und Roma. Die Sinti Allianz Deutschland akzeptiert die Bezeichnung unter bestimmten Bedingungen und betont die Sprecherabsicht. Zugleich änderte sie ihre Selbstbeschreibung zeitweise von einem „Zusammenschluss deutscher Zigeuner“ zu Bezeichnungen wie „Sinti“, „Lovara“ und „Roma“. 2020 sprach sie sich gegen Sprachüberwachung und gegen eine Ächtung des Wortes aus, sofern es wertfrei benutzt werde.

Auch bei Jenischen gibt es unterschiedliche Entwicklungen. Die Schweizer Radgenossenschaft der Landstraße verwendete zunächst „Zigeuner“ als Selbstbezeichnung für eine gemischte Gemeinschaft von Sinti, Romani und Jenischen. Seit Mitte der 1980er Jahre grenzte sie sich stärker von Roma ab, und seit Mitte der 1990er Jahre setzte sie sich vermehrt für die Selbstbezeichnung „Jenische“ ein. 2016 wurden Jenische in der Schweiz als nationale Minderheit anerkannt.

Heutiger öffentlicher Sprachgebrauch

Bis etwa 1980 dominierte „Zigeuner“ in deutschsprachigen Titeln und Texten. Der Wandel begann mit der Bürgerrechtsbewegung der 1970er Jahre. Sie setzte ungewohnte Selbstbezeichnungen wie „Roma“ und „Sinti“ ein, um die Perspektive der Minderheiten sichtbar zu machen und eine nichtdiskriminierende Sichtweise einzufordern. Diese Selbstbezeichnungen sind keine bloßen Übersetzungen der Fremdbezeichnung, sondern ersetzen sie durch eigene Inhalte.

Bis 2010 war „Zigeuner“ weitgehend aus dem öffentlichen Sprachgebrauch von Justiz, Verwaltung, Parteien, Gewerkschaften, Kirchen, Politik und Medien verschwunden. In historischen Quellen oder bei der Behandlung von Diskriminierung wird das Wort teils nur als Quellenbegriff verwendet, in Anführungszeichen gesetzt, durchgestrichen oder als „Z-Wort“ abgekürzt.

Rechtlich und institutionell wurde Diskriminierung stärker beachtet. In Deutschland nennt der Artikel das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz von 2006 und die Antidiskriminierungsstelle des Bundes. In Österreich entschied die Gleichbehandlungskommission 2005, dass ein Schild „Kein Platz für Zigeuner“ auf einem privaten Campingplatz „sowohl diskriminierend als auch belästigend“ sei und dass „Zigeuner“ im Sinne des Gleichbehandlungsgesetzes diskriminierend sei.

Auch Institutionen änderten Namen. Die Deutsche Bischofskonferenz ersetzte die frühere Bezeichnung „Katholische Zigeuner- und Nomadenseelsorge“ durch „Katholische Seelsorge für Roma, Sinti und verwandte Gruppen“. In Polizei und Verwaltung wurden Ersatzbezeichnungen wie „Landfahrer“ oder „Mobile ethnische Minderheit“ verwendet, die wiederum vom Zentralrat Deutscher Sinti und Roma kritisiert wurden, weil sie rassistische Markierungen fortführen könnten.

In Wissenschaft und Journalismus wird die Bezeichnung meist reflektiert, selten und häufig nur zitierend verwendet. Der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma reichte Beschwerden beim Deutschen Presserat gegen diskriminierende Darstellungen ein; die Zahl solcher Beschwerden nahm laut Artikel im Laufe der Jahre ab. Seit den 2010er Jahren wurden außerdem Produkt-, Orts- und Speisenamen geändert, etwa „Zigeunersauce“ zu „Paprikasauce“ oder „Paprika Sauce“. Der Zentralrat begrüßt solche Entscheidungen, hält sie aber angesichts größerer Probleme nicht für die oberste Dringlichkeit.

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