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Ostfriesische Landschaft

Als Nachfolgerin der ostfriesischen Landstände blickt die Landschaft auf eine über 500-jährige Geschichte zurück. Gestützt auf ausgeprägte ständische …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Auftrag, Gebiet und rechtliche Stellung
  2. 2. Demokratische Organisation
  3. 3. Einrichtungen und praktische Arbeit
  4. 4. Von der Friesischen Freiheit zum Verlust politischer Rechte
  5. 5. Nationalsozialismus und demokratischer Neubeginn
  6. 6. Symbole und Ehrungen

Auftrag, Gebiet und rechtliche Stellung

Die Ostfriesische Landschaft (OL) ist ein höherer Kommunalverband und eine Körperschaft des öffentlichen Rechts mit Sitz in Aurich. Als regionales Kulturparlament fördert sie Kultur, Wissenschaft und Bildung in Ostfriesland. Ihr Gebiet umfasst die kreisfreie Stadt Emden sowie die Landkreise Aurich, Leer und Wittmund. Diese vier kommunalen Gebietskörperschaften sind ihre Pflichtmitglieder und entsprechen – abgesehen von kleineren Grenzkorrekturen – dem Gebiet der ehemaligen Grafschaft Ostfriesland.

Die Landschaft ist Nachfolgerin der historischen ostfriesischen Landstände. Diese vertraten Ritterschaft, Städte und Bauern gegenüber den Grafen und späteren Fürsten. Seit der Neugründung 1949 besitzt die Landschaft keine ständische Gliederung mehr. Stattdessen entsenden die kommunalen Parlamente der drei Landkreise und der Stadt Emden die Mitglieder der Landschaftsversammlung. Dadurch vertritt die Landschaft heute demokratisch die Bevölkerung Ostfrieslands und deren Belange.

Für ihre Mitglieder übernimmt sie kommunale und für das Land Niedersachsen dezentrale staatliche Aufgaben. Sie unterstützt kulturelle, wissenschaftliche und pädagogische Anliegen und arbeitet mit Organisationen innerhalb ihres Gebiets zusammen. Zu ihren Schwerpunkten gehören historische Landesforschung, archäologische Denkmalpflege, wissenschaftliche Literaturversorgung, Museen, Orgelkultur, Schule, Unterricht und Lehrerfortbildung. Außerdem fördert sie die ostfriesische Regionalsprache und versteht sich als Hüterin der friesischen Überlieferung. Sie will die geschichtlichen und kulturellen Zusammenhänge des friesischen Küstenraums bewahren und die Verbundenheit mit Friesen innerhalb und außerhalb Europas pflegen.

Als unabhängiger Selbstverwaltungskörper ist die Landschaft durch Artikel 72 der Niedersächsischen Verfassung in ihrem Bestand, ihrer Organisation und ihren Aufgaben geschützt. Staat und kommunale Gebietskörperschaften sollen ihre autonome Arbeit nicht beeinträchtigen, sondern unterstützen und fördern. Um den 10. Mai veranstaltet sie jährlich eine Fachtagung zu einem ihrer Arbeitsgebiete. Diese erinnert an den Oll’ Mai, den früheren Landrechnungstag.

Demokratische Organisation

Die drei Organe der Ostfriesischen Landschaft sind Landschaftsversammlung, Landschaftskollegium und Landschaftsdirektor.

Die Landschaftsversammlung ist das zentrale parlamentarische Organ. Sie besteht aus 49 ordentlichen Mitgliedern. Die Kreistage von Aurich, Leer und Wittmund sowie der Rat der Stadt Emden bestimmen sie entsprechend dem Anteil ihrer Bevölkerung an der Gesamtbevölkerung Ostfrieslands. Ihre Amtszeit entspricht der Wahlperiode der niedersächsischen Kreistage. Höchstens zwei Drittel der ehrenamtlichen Versammlungsmitglieder dürfen zugleich einem Kreistag oder dem Emder Stadtrat angehören. Die Landschaftsversammlung entscheidet über Grundsatzfragen, die Ostfriesland betreffen, ist für die Finanzen verantwortlich und kann die Verfassung ändern. Sie tagt gewöhnlich zweimal im Jahr in Aurich; die Frühjahrstagung um den Oll’ Mai ist die Landrechnungsversammlung. Auf Wunsch von mindestens einem Drittel der Mitglieder kann der Landschaftspräsident eine außerordentliche Tagung einberufen.

Das Landschaftskollegium bereitet alle Entscheidungen der Landschaftsversammlung vor. Es ist oberste Dienstbehörde der Beschäftigten und Dienstvorgesetzter des Landschaftsdirektors. Es besteht aus sieben Landschaftsräten und dem Landschaftspräsidenten. Die Landschaftsräte werden für vier Jahre mit einer Zweidrittelmehrheit der anwesenden Mitglieder gewählt. Drei stammen aus dem Landkreis Aurich, zwei aus dem Landkreis Leer und je einer aus dem Landkreis Wittmund und der Stadt Emden. Das Kollegium soll mindestens sechsmal jährlich zusammentreten.

Der Landschaftspräsident wird von der Landschaftsversammlung mit Zweidrittelmehrheit für sechs Jahre gewählt. Seit 2014 ist Rico Mecklenburg der sechste Nachkriegspräsident; 2020 wurde er wiedergewählt. Der wissenschaftlich qualifizierte Landschaftsdirektor wird vom Landschaftskollegium gewählt. Er bereitet dessen Beschlüsse vor, setzt die Entscheidungen von Versammlung und Kollegium um, leitet die laufende Verwaltung und vertritt die Landschaft in Rechtsgeschäften und Gerichtsverfahren. Seit dem 1. Januar 2021 ist Matthias Stenger Landschaftsdirektor.

Einrichtungen und praktische Arbeit

Bei der Landschaft und ihren Einrichtungen arbeiten etwa 60 Angestellte sowie zahlreiche freiwillige und ehrenamtliche Helfer. Das Haushaltsvolumen betrug 2024 rund 5,7 Millionen Euro. Die Organisation umfasst sieben Abteilungen: Archäologische Forschungsstelle, Landschaftsbibliothek, Regionales Pädagogisches Zentrum, Regionale Kulturagentur, Regionalsprachliche Fachstelle Plattdüütskbüro, Landschaftsforum sowie Fachstelle Museen und Volkskunde. Hinzu kommen unter anderem der Kostümfundus, das Steinhaus Bunderhee, das Organeum in Weener und das Wallhecken-Schutzprogramm Ostfriesland.

Die Archäologische Forschungsstelle betreut die archäologischen Denkmäler der Region. Sie beobachtet Baustellen, führt Ausgrabungen durch, wertet Funde wissenschaftlich aus und veröffentlicht die Ergebnisse. Außerdem erstellt sie Stellungnahmen und Gutachten und informiert durch Vorträge, Ausstellungen sowie Angebote für Jugendliche und Erwachsene.

Die Landschaftsbibliothek ist die größte wissenschaftliche Bibliothek Ostfrieslands und zugleich eine der kleinsten geisteswissenschaftlichen Bibliotheken Niedersachsens. Einen Schwerpunkt bilden Ostfrisica, also Veröffentlichungen aus und über Ostfriesland. Weitere Bestände behandeln unter anderem Geschichte, Geistes- und Kulturgeschichte, Pädagogik und einzelne Schulfächer. Das Ostfriesische Zeitungsarchiv enthält für den Raum Aurich Zeitungen seit etwa 1750 und für das übrige Ostfriesland überwiegend Ausgaben aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg.

Das 1975 gegründete Regionale Pädagogische Zentrum gehört seit 1979 zur Landschaft. Seit 1993 organisiert es die regionale Fortbildung für Lehrkräfte an 200 ostfriesischen Schulen. Seine Angebote richten sich auch an Schulsozialarbeiter, pädagogische Mitarbeiter und KiTa-Personal. Jährlich nehmen 3500 bis 4000 Menschen an Fortbildungen und Netzwerken teil oder nutzen Unterrichtsmaterialien.

Die Regionale Kulturagentur fördert die kulturelle Infrastruktur, unterstützt Initiativen und hilft Einrichtungen und Projekten bei der Suche nach Fördermitteln. Seit 1992 vergibt sie außerdem Mittel aus der regionalen Kulturförderung des Landes Niedersachsen. Das ebenfalls seit 1992 als eigene Abteilung bestehende Plattdüütskbüro erhält und fördert das ostfriesische Niederdeutsch. Es übersetzt oder korrigiert Texte und bietet unter anderem die Sprachlern-App „PlattinO“, ein plattdeutsch-hochdeutsches Online-Wörterbuch und ein Sprachlernbuch an. Die Fachstelle Museen und Volkskunde berät die ostfriesischen Museen, unterstützt Forschungen, veröffentlicht eigene Arbeiten, organisiert Veranstaltungen und führt die Geschäftsstelle des Museumsverbunds Ostfriesland.

Von der Friesischen Freiheit zum Verlust politischer Rechte

Die Ursprünge der Landschaft hängen mit der Friesischen Freiheit zusammen. Im hohen Mittelalter entstanden in Ostfriesland weder Lehnsherrschaft und Grundherrschaft noch Leibeigenschaft. Wie diese Freiheit entstand, ist nicht eindeutig geklärt. Eine Sage führte sie auf Karl den Großen zurück; heute wird sie seinem Urenkel Karl dem Dicken zugeschrieben, der sie den Ostfriesen 885 als Dank für die Vertreibung der Normannen gewährt haben soll.

Die freien Friesen organisierten sich in autonomen bäuerlichen Landesgemeinden mit gewählten Redjeven an der Spitze. Mehrere Gaue bildeten als Sieben Seelande einen lockeren Bund, der nur in Notfällen am Upstalsboom zusammentrat. Im 14. Jahrhundert zerfiel diese Ordnung. Pest, Sturmfluten und politische Instabilität begünstigten den Aufstieg mächtiger Häuptlingsfamilien. 1464 erhob Kaiser Friedrich III. die Cirksena zu Reichsgrafen. Seine Urkunde bestätigte zugleich die alten Rechte und Freiheiten der Ostfriesen und wurde zur rechtlichen Grundlage der Landstände.

1507 werden „Stände des Amtes Emden“ erstmals im Zusammenhang mit einer Deichordnung erwähnt. Spätestens seit der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts bestanden die Landstände aus Ritterschaft, Städten und Bauern. Der gleichberechtigte Bauernstand unterschied Ostfriesland von vielen anderen ständischen Ordnungen. Um 1600 gewannen die mit den Niederlanden verbündeten Stände gegenüber dem Grafen die Hoheit in Gesetzgebung, Steuererhebung und Rechtsprechung. Ostfriesland wurde damit zum Ständestaat. Am 14. Januar nach dem Julianischen beziehungsweise am 24. Januar 1678 nach dem Gregorianischen Kalender verlieh Kaiser Leopold I. der Landschaft ein eigenes Wappen und bestätigte ihre besondere Stellung.

Nach dem Übergang Ostfrieslands an Preußen 1744 blieben die Rechte zunächst weitgehend bestehen, wurden aber durch den Ausbau der preußischen Verwaltung eingeschränkt. Napoleon hob die Ständevertretung und ihre Rechte vollständig auf. Nach dem Wiener Kongress kam Ostfriesland 1815 an Hannover. Obwohl die Wiener Kongressakte Rechte und Privilegien garantierte, wurden diese zunächst nicht beachtet. Erst ab 1818 tagten die Stände wieder. Eine Verfassung von 1846 bezog auch das Harlingerland ein, stellte die alten Rechte aber nicht wieder her.

Nach der erneuten Eingliederung in Preußen verlor die Landschaft durch Änderungen von 1867 bis 1910 ihre Mitwirkung an Gesetzgebung, Steuererhebung und kommunalen Angelegenheiten. Sie blieb nur bei der Verwaltung ihres Vermögens selbstständig und suchte neue Aufgaben. 1871 gründete sie zur Vergabe langfristiger, günstiger Kleinkredite die Ostfriesische Sparkasse. Aus älteren Feuersozietäten ging 1953 die Ostfriesische Landschaftliche Brandkasse hervor.

Nationalsozialismus und demokratischer Neubeginn

Nach 1933 wurde die Landschaft nicht aufgelöst, sondern zunehmend in die nationalsozialistische Ideologie und Herrschaftsorganisation eingegliedert. Die vorhandenen Führungseliten trieben diese Nazifizierung weitgehend selbst voran. Die 1942 beschlossene Verfassung übernahm das Führerprinzip und ersetzte demokratische Wahlen durch Berufungsverfahren. Zugleich wurden Kulturarbeit und Facharbeit stärker institutionalisiert und professionalisiert. Die Landschaft entwickelte sich zu einer wichtigen Einrichtung regionaler Kulturpolitik, zahlte dafür aber den Preis der kaum diskutierten Unterordnung unter das NS-Regime. 1943 entzogen ihr die Nationalsozialisten die Ostfriesische Sparkasse. Sie arbeitete dennoch bis kurz vor Kriegsende weiter.

Nach 1945 wurde über eine unpolitische Heimatbewegung oder einen Bezirkstag zwischen Kreistag und Landtag diskutiert. Da die niedersächsische Landesverfassung keine Bezirkstage vorsah, entstand 1949 ein Kompromiss: Die Landschaft blieb mit dem Staat verbunden, wurde aber demokratisch legitimiert und parlamentarisch organisiert. Die Gebietskörperschaften ersetzten die früheren Stände und wählten die 49 ordentlichen Mitglieder der Landschaftsversammlung. Damit vollzog sich der Wandel vom ständischen Landtag zum regionalen Kulturparlament.

Zunächst wurden die Aufgaben ehrenamtlich erfüllt; 1956 stellte die Landschaft ihren ersten Wissenschaftler ein. Seit 1960 konnten auch Nicht-Ostfriesen in die Landschaftsversammlung gewählt werden, wenn sie seit zehn Jahren in Ostfriesland lebten. Nach späteren Verfassungsänderungen kann jeder gewählt werden, der für eine kommunale Vertretungskörperschaft wählbar ist. Die Aufgaben werden heute allgemein als Kultur, Wissenschaft und Bildung beschrieben.

2018 erwarb die Landschaft zwei Flügel der früheren Kleiderkammer der Blücher-Kaserne. Dort entstand ein Sammlungszentrum für historisches ostfriesisches Kulturgut mit etwa 1400 Quadratmetern zusätzlicher Depotfläche sowie knapp 700 Quadratmetern für Büros, Werkstätten und Funktionsräume. Es wurde im September 2023 eröffnet und wird schrittweise mit Beständen der archäologischen Landesaufnahme, der Landschaftsbibliothek, des Kostümfundus, der Graphothek und der kulturhistorischen Sammlung belegt.

Symbole und Ehrungen

Das 1678 verliehene Upstalsboom-Wappen zeigt in einem roten Schild einen grünen Eichenbaum auf einem grünen Hügel und daneben einen bewaffneten Mann. Über dem Schild befinden sich Helm, Königskrone und ein geharnischter Arm mit blauem Feldzeichen und gezogenem Degen. Das Wappen erinnert an die freiheitliche Tradition und die weitreichenden landesherrlichen Rechte der historischen Stände. Die Flagge besteht aus drei gleich breiten waagerechten Streifen in Schwarz, Rot und Blau. Schwarz stammt aus dem Cirksena-Wappen, Rot aus dem Wappen der Grafen von Rietberg und Blau steht für das Harlingerland. Das Dienstsiegel trägt das Wappen und die Umschrift „Ostfriesische Landschaft Aurich“.

Für besondere Verdienste um die Region vergibt die Landschaft mehrere Ehrungen. Die seit 1967 verliehene Ubbo-Emmius-Medaille aus Altsilber würdigt herausragende kulturelle und wissenschaftliche Leistungen von Ostfriesen. Das Indigenat zeichnet Nichtostfriesen aus, die sich besonders um Ostfriesland verdient gemacht haben; es entspricht heute einer Ehrenbürgerwürde. Der Upstalsboom-Taler wurde von 1982 bis 2002 für Verdienste um Geschichte, Kunst, Kultur oder Bildung vergeben. Seit 2003 dient dafür das Upstalsboom-Siegel, das auf einem mittelalterlichen Vertragssiegel der freien friesischen Länder beruht. Seit 2002 können langjährige, besonders verdiente Mitglieder der Landschaftsorgane außerdem die Goldene Ehrennadel erhalten.

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