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Ostdeutschland seit 1990
Ostdeutschland seit 1990 umfasst das Gebiet der seit der deutschen Wiedervereinigung bestehenden neuen Länder und die zugehörige Bevölkerung.
Inhalt6 Abschnitte
Begriff, Wiedervereinigung und Systemwechsel
„Ostdeutschland seit 1990“ bezeichnet vor allem die fünf nach der Wiedervereinigung neu gebildeten Länder Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen sowie die dort lebenden oder durch die dortigen Verhältnisse geprägten Menschen. Berlin nimmt wegen seiner früheren Teilung und der starken Zu- und Umzüge eine Sonderstellung ein. „Ostdeutschland“ ist weniger eine geografische oder kulturgeschichtliche Einheit als ein politisch und zeitgeschichtlich entstandener Raum: Das Gebiet gehörte von 1949 bis 1990 zur DDR und trat anschließend der Bundesrepublik bei. Die Begriffe „Neue Länder“ und „Neue Bundesländer“ werden weiterhin verwendet.
Wer als ostdeutsch gilt, ist zunehmend schwer eindeutig festzulegen. Seit 1990 haben sich Ost- und Westdeutsche durch Wanderungen vermischt. Nach 1990 Geborene kennen die DDR nicht aus eigener Erfahrung, werden aber teilweise durch Familie und Herkunftsort geprägt.
Nach dem Wahlsieg der Allianz für Deutschland bei der ersten freien Volkskammerwahl am 18. März 1990 wurde eine schnelle Vereinigung angestrebt. Am 1. Juli 1990 trat die Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion in Kraft. Der Einigungsvertrag wurde am 20. und 21. September ratifiziert; am 3. Oktober 1990 erfolgte der Beitritt der DDR zur Bundesrepublik. Damit wurden deren Wirtschafts-, Gesellschafts- und Rechtsordnung auf die neuen Länder übertragen. Dieser rasche und umfassende Systemwechsel wird als Transformation bezeichnet.
Die neue offene Gesellschaft brachte Reisefreiheit, demokratische Beteiligungsmöglichkeiten, eine modernisierte Infrastruktur und einen durch Transfers gestützten höheren Lebensstandard. Zugleich entstanden Massenarbeitslosigkeit, Unsicherheit und Abwanderung. Die Besetzung vieler Führungspositionen durch Westdeutsche und die unvollständige Angleichung der Lebensverhältnisse förderten bei vielen das Gefühl, abgehängt oder „Bürger zweiter Klasse“ zu sein. Helmut Kohls Versprechen „blühender Landschaften“ und seine Aussage, niemand müsse wegen der Wiedervereinigung verzichten, erfüllten sich nicht in der angekündigten Weise.
Wirtschaftlicher Einbruch und langsame Erholung
Die Wirtschaftsunion verschärfte die mangelnde Wettbewerbsfähigkeit vieler DDR-Betriebe. Durch den Umstellungskurs von 1:1 mussten sie Löhne, Rechnungen und Schulden in D-Mark tragen. Zuvor waren beim inoffiziellen Tausch Kurse von 4:1 oder 5 DDR-Mark zu 1 DM üblich gewesen. Zugleich bevorzugten Ostdeutsche westliche Waren, während frühere Absatzmärkte im Ostblock die nun in D-Mark zu bezahlenden Produkte kaum noch kauften.
Im Oktober 1990 war die industrielle Erzeugung nur noch halb so hoch wie ein Jahr zuvor. Bis Mitte 1992 sank sie in jedem der beiden Folgejahre nochmals um jeweils ein Drittel. Die Bruttowertschöpfung des verarbeitenden Gewerbes lag 1995 noch 25 % unter dem Stand von 1989 und erreichte diesen erst 24 Jahre nach dem Mauerfall wieder. Anders verlief die Entwicklung in der Landwirtschaft: Die Zahl der Beschäftigten sank zwar von etwa 800.000 im Jahr 1989 auf 171.000 im Jahr 1995, doch viele Großbetriebe blieben in veränderter Rechtsform in ostdeutscher Hand und profitierten früh von europäischen Agrarsubventionen.
Die Treuhandanstalt sollte zunächst das DDR-„Volksvermögen“ bewahren und später an die Bevölkerung verteilen. Durch das Volkskammergesetz vom 17. Juni 1990 wurde ihr Auftrag jedoch auf die „Privatisierung und Verwertung des volkseigenen Vermögens nach den Prinzipien der sozialen Marktwirtschaft“ ausgerichtet. Von 12.354 Betrieben mit etwa vier Millionen Beschäftigten wurde gut die Hälfte privatisiert, 13 % wurden Alteigentümern zurückgegeben, 2,5 % kommunalisiert und die übrigen geschlossen. Rund 85 % der mittleren und großen Betriebe gingen an westdeutsche, 10 % an ausländische Käufer und nur 5 % blieben bei Ostdeutschen. Statt erwarteter Verkaufserlöse von umgerechnet 300 Milliarden Euro wurden 1994 nur 35 Milliarden Euro erreicht; das Gesamtdefizit betrug über 250 Milliarden DM. Für viele wurde die Treuhand deshalb zum Sinnbild für Arbeitsplatzverlust, Deindustrialisierung, Korruption und Ungerechtigkeit.
Die Beschäftigtenzahl sank von 9,8 Millionen im Jahr 1989 auf 6,3 Millionen 1994 und rund fünf Millionen 1999. In den Treuhandbetrieben blieben bis Ende 1994 von vier Millionen Arbeitsplätzen noch 1,5 Millionen. Arbeitslosigkeit oder die Angst davor wurde zu einer zentralen Erfahrung. Sie betraf Frauen besonders stark.
Seit Mitte 1992 setzte eine Erholung ein, zunächst vor allem durch die Bauwirtschaft. Städte, Landschaften, Verkehrswege und technische Infrastruktur wurden umfassend saniert. Der Aufholprozess verlangsamte sich jedoch ab etwa 1997. Im Jahr 2020 erreichte die ostdeutsche Produktivität je Arbeitsstunde ungefähr vier Fünftel des westdeutschen Niveaus. 2019 lagen die Löhne durchschnittlich noch 17 % niedriger; 2017 betrug die Arbeitslosenquote 8,1 % gegenüber 5,7 % im Westen. Als weitere Nachteile gelten geringe Eigenkapitalausstattung, wenig industrielle Forschung und fehlende Unternehmenszentralen: 2016 lagen 464 der 500 umsatzstärksten deutschen Unternehmen im Westen und nur 36 einschließlich Berlin im Osten.
Abwanderung und demografischer Wandel
Ostdeutschland verlor seit der DDR-Zeit dauerhaft Bevölkerung. Von 1989 bis 1990 wanderten 700.000 Menschen ab; von 1991 bis 2015 betrug der Wanderungsverlust rund 1,2 Millionen. 2017 lebten ohne Berlin etwa zwei Millionen Menschen weniger im Osten als 1991. Besonders häufig gingen jüngere Menschen im Erwerbsalter und überproportional viele Frauen, die im Westen bessere Ausbildungs-, Arbeits- und Verdienstmöglichkeiten fanden.
Dies veränderte die Alters- und Geschlechterstruktur. 2007 wurde bei den 18- bis 34-Jährigen insbesondere in wirtschaftsschwachen, abgelegenen Regionen ein europaweit außergewöhnliches Frauendefizit festgestellt. Zu Beginn der 1990er Jahre fiel die Zahl der Geburten auf fast ein Drittel des Werts von 1989; später näherte sie sich dem westdeutschen Niveau an. Das durchschnittliche Alter bei der ersten Geburt stieg von 23 Jahren in der DDR auf 30 Jahre. Der Altenquotient – das Verhältnis der über 65-Jährigen zu den 20- bis 65-Jährigen – lag 2015 bundesweit bei 34,7, in allen ostdeutschen Ländern jedoch höher, zwischen 37,9 in Mecklenburg-Vorpommern und 43 in Sachsen.
Abwanderung entzieht betroffenen Regionen Arbeitskräfte, Steuer- und Sozialversicherungseinnahmen. Besonders im ländlichen Raum entstanden überalterte Gebiete mit schlechterer medizinischer Versorgung, schwächerer Verkehrsanbindung und Wohnungsleerstand. Einige Städte entwickelten sich dagegen zu Zuzugsgebieten, darunter Leipzig, Potsdam, Dresden, Erfurt, Jena, Rostock, Halle und Magdeburg. Für Leipzig wurde bis 2035 der bundesweit größte Bevölkerungszuwachs prognostiziert.
Das Statistische Bundesamt erwartete für 2018 bis 2060 einen Rückgang der deutschen Bevölkerung auf 76,5 Millionen. Für die neuen Länder wurde ein Minus von drei Millionen Menschen beziehungsweise 23,9 % vorausgesagt, gegenüber 5,7 % in den westdeutschen Flächenländern. Der ostdeutsche Anteil an der Gesamtbevölkerung würde danach von 20,1 % im Jahr 1990 auf 12,5 % im Jahr 2060 sinken.
Alltag, Identität und gesellschaftliche Teilhabe
Der Systemwechsel löste nicht nur Betriebe und Arbeitsplätze, sondern auch vertraute soziale Zusammenhänge auf. In der DDR organisierten Arbeitskollektive zahlreiche Lebensbereiche, darunter Freizeit, Urlaub, Kultur, Gesundheits- und Kinderbetreuung sowie persönliche Beziehungen. Bis 1993 waren 40 % der staatlichen Kulturhäuser, 54 % der Jugendclubs und 70 % der Gewerkschaftskulturhäuser geschlossen oder abgewickelt. Der Verlust von Arbeit, Lebensformen, Ritualen und anerkannten Qualifikationen führte bei manchen Menschen zu psychischen Belastungen und wirkte teilweise auf deren Kinder weiter.
Mit der Wiederherstellung der Länder 1990 gewannen regionale Bindungen erneut an Bedeutung. Gleichzeitig entstand erst im Vereinigungsprozess eine gemeinsame ostdeutsche Identität, häufig in Abgrenzung zum Westen. 2014 fühlten sich 54 % der Ostdeutschen mit ihrem Bundesland und 63 % mit ihrer Gemeinde eng verbunden; mit Deutschland insgesamt fühlten sich 52 % verbunden, gegenüber 70 % der Westdeutschen. Der Anteil derjenigen, die sich als „richtige Bundesbürger“ verstanden, stieg von 16 % im Jahr 1997 auf 33 % im Jahr 2014. Zugleich betrachteten sich 2019 noch 57 % als „Bürger zweiter Klasse“.
Ein wichtiger Grund für dieses Empfinden ist die geringe Vertretung Ostdeutscher in Führungspositionen. Auf den höchsten Ebenen lag ihr Anteil je nach Untersuchung und Bereich trotz eines Bevölkerungsanteils von etwa 17 % nur bei 1 bis 4 %. Selbst in ostdeutschen Verwaltungen, wissenschaftlichen Einrichtungen und Gerichten stellten sie weniger als ein Drittel der oberen und mittleren Führungskräfte. Zwischen 1990 und 1994 wechselten 35.000 Westdeutsche in die Verwaltungen der neuen Länder. An Hochschulen verloren bis Mitte der 1990er Jahre, abgesehen von der Medizin, rund 75 % der 1989 Lehrenden ihre Stellen. Auch die zeitweise Nichtanerkennung bestimmter ostdeutscher Berufs- und Hochschulabschlüsse führte zu Benachteiligungen; diese Praxis untersagte das Bundesverwaltungsgericht 1997.
Im Vergleich zur DDR verbesserten sich Wohnverhältnisse, Einkommen, Renten, Infrastruktur, Reisemöglichkeiten und demokratische Rechte. 2020 war die Lebenszufriedenheit nur noch wenig niedriger als im Westen. Dennoch blieben unterschiedliche Erfahrungen mit Demokratie, Arbeit und sozialer Sicherheit bestehen. 2014 nannten Ostdeutsche Gerechtigkeit mit 72 % besonders häufig als wichtigen oder sehr wichtigen Wert, gefolgt von Freiheit mit 61 % und sozialer Sicherheit mit 58 %. Die Demokratiezufriedenheit lag einer Studie von 2020 zufolge im Osten bei 22 % und im Westen bei 40 %.
Politische Entwicklung und aktuelle Konflikte
Die DDR-Erfahrung prägte das Verhältnis zu Parteien und politischem Engagement. Die SED besaß die staatlich vorgegebene Führungsrolle, während Blockparteien untergeordnet waren. 1988 gehörten von 12,84 Millionen Erwachsenen 2,3 Millionen der SED und knapp eine weitere Million den vier Blockparteien an. Viele oppositionelle Gruppen verstanden sich deshalb 1989 eher als Bürgerbewegungen und lose Netzwerke als als Parteien. Mit dem Ende der DDR verschwanden außerdem zahlreiche häufig als erzwungen empfundene Mitgliedschaften in Massenorganisationen, wodurch auch freiwilliges Engagement zunächst belastet wurde.
1990 wurde das westdeutsche Parteiensystem weitgehend übernommen. Die SED benannte sich in PDS um und wurde besonders für Menschen wichtig, die von der Vereinigung enttäuscht waren. 2007 vereinigte sie sich mit der westdeutschen WASG zur Partei Die Linke. 2014 stellte sie in Thüringen mit Bodo Ramelow erstmals einen Ministerpräsidenten. Die Zahl der Parteimitglieder in den neuen Ländern sank von 471.000 im Jahr 1990 auf 105.000 im Jahr 2016; auch die Wahlbeteiligung war bei allen Bundestagswahlen seit 1990 niedriger als im Westen.
Seit Mitte der 2010er Jahre wurde die AfD zur stärksten Oppositionspartei in allen ostdeutschen Landtagen. Bewegungen wie Pegida in Dresden und Legida in Leipzig richteten sich besonders seit der sogenannten Flüchtlingskrise 2015 gegen die Aufnahme und Integration von Flüchtlingen und anderen Zuwanderern. Als mögliche Hintergründe für die stärkere Ausländerfeindlichkeit werden neben sozialen und politischen Enttäuschungen auch geringe Alltagserfahrungen mit Einwanderung genannt. Anfang 1989 lebten 166.000 längerfristig aufenthaltsberechtigte Ausländer in der DDR, entsprechend 1 % der Bevölkerung; nur 34.000 beziehungsweise 0,2 % hatten eine ständige Aufenthaltserlaubnis. Drei Jahrzehnte später betrug der Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund in den neuen Ländern sechs bis sieben Prozent, in westdeutschen Flächenländern dagegen zwischen einem Viertel und einem Drittel.
Zu den bleibenden Herausforderungen gehören niedrigere Löhne, ungünstigere Arbeitsbedingungen, demografischer Rückgang und mangelnde Repräsentation. Auch persönliche Ost-West-Kontakte blieben begrenzt: Im Jahr 2000 waren im vereinigten Berlin nur 2,1 % der Ehen Ost-West-Ehen; etwa 20 Jahre nach der Vereinigung lag der Anteil bei nichtehelichen Partnerschaften bundesweit bei ungefähr 10 %. Drei Jahrzehnte nach 1990 hatte noch etwa jeder sechste Westdeutsche den Osten nie privat besucht.
Forschungsstand und Gesamtbild
Die Forschung zu Ostdeutschland verteilt sich auf zahlreiche Disziplinen und Einrichtungen, ohne dass sich eine einzelne Leitdisziplin oder ein gemeinsamer theoretischer Zugang durchgesetzt hat. Zentrale Themen sind Arbeitsmarkt und wirtschaftliche Strukturprobleme, demografischer Wandel, Geschlechterverhältnisse sowie kulturelle und politische Folgen der Transformation.
Die Forschung beschreibt kein einheitliches Ostdeutschland. Viele demografische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Kennzahlen näherten sich nach 1990 denen des Westens an, jedoch weder vollständig noch flächendeckend. Neben der Ost-West-Unterscheidung wurden Gegensätze zwischen Stadt und Umland, Wachstumsregionen und wirtschaftsschwachen Gebieten sowie alten Industriestandorten und modernen Dienstleistungszentren immer wichtiger.
Als weitgehend gefestigt gelten das politische System sowie die Wirtschafts- und Sozialordnung des vereinigten Deutschlands. Gleichzeitig bestehen dauerhafte Konfliktlagen und psychische Folgen des Umbruchs. Migration, Alterung und wirtschaftliche Krisen können die weitere Angleichung erschweren. Kritisiert wird außerdem, dass Ostdeutsche bei der wissenschaftlichen Erforschung ihrer eigenen Geschichte unterrepräsentiert seien und ihre Erfahrungen deshalb nicht immer angemessen vorkämen.