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Verkorkste Wiedervereinigung - Ausverkauf des Ostens?
Das Wichtigste aus dem Video
Tipp auf eine Zeit – das Video springt genau dorthin.
Transkriptautomatisch erstellt · 157 Zeilen
- . 28 Jahre lang trennten Mauer und Stacheldraht
- die beiden deutschen Staaten DDR und Bundesrepublik. Mittlerweile sind diese beiden Staaten längere Zeit vereint,
- als die Mauer stand. Aber noch immer gibt es Unterschiede zwischen Ost und West.
- In der Wirtschaft, im normalen Leben, in der Politik. Manchmal meint man, diese Unterschiede nehmen sogar zu.
- Und viele Menschen suchen nach Fehlern, die damals bei der Vereinigung gemacht wurden.
- Und genau darum geht es in diesem Video. Bei der Wiedervereinigung geht es um Freiheit und Demokratie,
- um den Rechtsstaat, das Selbstbestimmungsrecht der Völker. Also die ganz, ganz großen Themen.
- Aber es geht auch um Fragen, die eher das persönliche Leben betreffen. Wie gesund ist die Umwelt, in der ich lebe?
- Finde ich eine Arbeit, die ich gerne mache? Kann ich mit meinem Partner oder meiner Partnerin das Leben aufbauen,
- wie wir es uns vorstellen? Und zu guter Letzt geht es auch um die konkreten Dinge des Alltags.
- Was kann ich mir leisten? Eine große Wohnung? Ein teures Auto? Das neue Sofa?
- Paradoxerweise ist es einfacher, die ganz großen Fragen zu beantworten oder zu lösen.
- Die Verfassung dafür ist ja schon da. Nämlich das Grundgesetz. Dann werden noch rechtsstaatliche Verfahren eingeführt und fertig.
- Ganz so einfach geht es natürlich nicht. Eine Demokratie ist schnell eingeführt, wenn ich Wahlen abhalte.
- Ob Kinder aber sicher und behütet aufwachsen können, das entscheidet sich an sehr vielen Faktoren.
- Wenn es also darum geht, ob die Wiedervereinigung gut gelaufen ist oder nicht,
- muss man genau hinschauen und ins Detail gehen. Sehr viele der weniger großen oder der ganz kleinen Fragen
- haben etwas mit der Wirtschaft oder Sozialpolitik zu tun. Was also nimmt man sich vor, als am 3. Oktober 1990
- das wiedervereinigte Deutschland entsteht? Das Ziel heißt: eine Angleichung der Lebensverhältnisse in Ost und West.
- Viele Ostdeutsche, die keine Perspektive, v.a. keine berufliche Perspektive für sich sehen,
- gehen in den Westen. Und das schon unmittelbar nach der Wiedervereinigung.
- Viele, v.a. auch viele leistungsbereite und leistungsstarke Menschen,
- verlassen ihre Heimat und ziehen fort. Oft setzt sich dann eine Spirale vor negativen Entwicklungen in Gang,
- die sich gegenseitig immer mehr verstärken. Geschäfte müssen schließen und das Personal entlassen,
- weil keiner mehr da ist, der die Sachen kaufen kann. Kleine Städte ohne Läden oder Gaststätten
- sind natürlich keine Orte, in die man gerne zieht oder in denen man gerne wohnt.
- Also verlassen noch mehr die Heimat. Und so weiter. Weil eher die Jüngeren Weggehen, sinkt auch die Geburtenrate.
- Es kommen also weniger Kinder zur Welt, und das verstärkt den negativen Trend noch weiter.
- Das nennt man den demografischen Wandel. Landstriche werden entvölkert
- und die verbleibende Bevölkerung wird immer älter. Mit all den Problemen.
- Keine Kinder bedeutet keine Kinder, die in den Fußballverein gehen. Bald gibt es keine Mannschaft mehr,
- weil alle Spieler zu alt geworden sind. Ohne Fußballverein gibt es aber auch keine Feste mehr im Dorf,
- keine Freizeitgestaltung. Überall Öde und Tristesse, Langeweile.
- Schauen wir uns die Lage im Frühjahr 1990 an. Sehr, sehr viele Menschen verlassen die DDR und gehen in den Westen.
- Die Mauer ist jetzt ja weg. Diese gigantische Abwanderung soll gestoppt werden.
- Helfen soll dabei die D-Mark, die Währung der Bundesrepublik. Noch vor der eigentlichen Wiedervereinigung
- tritt am 1. Juli 1990 der Staatsvertrag über die Wirtschafts-, Sozial- und Währungsunion
- zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik in Kraft.
- Damit ist die Wiedervereinigung praktisch vollzogen. Denn das Geld ist gleich,
- die Renten- und Krankenkassen- leistungen sind gleich, die Regeln für die Wirtschaft sind gleich.
- Und das sieht man als erstes im Geldbeutel. Die starke Währung aus dem Westen
- wird auch im Osten gesetzliches Zahlungsmittel. Ostmark wird in D-Mark getauscht.
- Der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl entscheidet sich für diesen Schritt.
- Er gibt den Forderungen der Demonstranten in der DDR nach, die auf ihre Plakate schreiben:
- "Kommt D-Mark, bleiben wir. Kommt sie nicht, gehen wir zu ihr." Die sog. Wirtschaftsweisen, die die Bundesregierung beraten,
- schlagen Alarm. Sie schreiben an Helmut Kohl:
- Das ist klar. Eine Währung an sich ist ja nichts wert. Der Wert kommt, ganz vereinfacht gesagt,
- durch die Volkswirtschaft, die dahinter steckt. Die Wirtschaft der Bundesrepublik
- ist sehr viel stärker als die Wirtschaft in der DDR. Normalerweise hätten vielleicht 100 Ostmark in 30 Westmark
- umgetauscht werden müssen. Aber die Menschen erwarten, dass die Mark der DDR
- im Verhältnis 1:1 in D-Mark umgetauscht wird. Auch diese Forderung erfüllt Helmut Kohl.
- Er will die Währungsunion schnell durchziehen, damit der Prozess der Wiedervereinigung unumkehrbar wird.
- Nicht, dass die Sowjetunion es sich noch mal anders überlegt oder die westlichen Siegermächte des 2. Weltkriegs.
- Also werden vermögen, aber auch Renten und Löhne, 1:1 umgestellt. Damit besitzen die DDR-Bürger mit einem Schlag richtig viel Geld.
- Sie kaufen und kaufen. Weshalb die Händler die Preise erhöhen. Denn die Leute können mehr bezahlen.
- Für Unternehmen wirkt sich der 1:1-Umtausch so aus: Sie müssen auf einmal sehr hohe Löhne zahlen.
- Aber für ihre Waren bekommen sie nicht mehr Geld. Gerade die Kunden aus den sozialistischen Bruderstaaten
- im Ostblock können die D-Mark-Preise nicht mehr bezahlen und kaufen gar nichts mehr.
- Also mehr Geld raus, weniger Geld rein. So steigt die Gefahr einer Insolvenz.
- Firmen gehen pleite. Und diese Pleitewelle würgt wiederum den Kaufrausch ab.
- Denn ganz klar, wer keine Arbeit hat, der hat auch nur wenig Geld. Wir sind in der Wirtschaft angekommen.
- Natürlich sehen auch die Frauen und Männer, die damals in der DDR und der Bundesrepublik Verantwortung tragen,
- dass man die Wirtschaft der DDR umbauen muss, wenn sich etwas bessern soll.
- Um das zu bewerkstelligen, gründen sie die: Mehr als die Hälfte der vorher staatseigenen Betriebe, der VEBs,
- volkseigenen Betriebe, wird privatisiert. Sie gehen also in Privateigentum
- von Unternehmen und Aktiengesellschaften über. Das betrifft die Industrie-Betriebe.
- Außerdem gibt es Zehntausende Gaststätten, Geschäfte, Vergnügungsparkbetriebe wie Kinos und Hotels,
- die an private Besitzer verkauft werden. Ein Unternehmen muss sich rentieren.
- Das bedeutet, dass die neuen Eigentümer investieren müssen. Neue Maschinen, neue Hallen usw.
- Weil in der DDR geringere Umweltstandards gelten als im Westen, muss teilweise saniert werden.
- Verunreinigungen müssen beseitigt werden, Filteranlagen eingebaut, und natürlich wird oft auch Personal abgebaut.
- Denn mit moderneren Produktionsmethoden braucht man weniger Personal.
- Auch wird anfangs weniger verkauft, so dass man weniger produzieren muss. Ostprodukte sind total out.
- Im Westen sowieso, im Osten glaubt man, dass eine westdeutsche Gewürzgurke
- besser schmeckt als eine aus dem Spreewald. Deshalb gibt es Sozialpläne,
- dass die Mitarbeiter*innen nicht sofort arbeitslos werden. All das berücksichtigt die Treuhand, wenn sie Unternehmen verkauft.
- Das bedeutet wiederum, dass von den neuen Besitzern oft nur sehr wenig bezahlt werden muss.
- Manchmal kosten Betriebe nur eine symbolische D-Mark. Und mehr noch: Wenn Unternehmen sich nicht auf dem Markt behaupten können,
- dann schießt die Treuhand Geld zu, zahlt Subventionen, Unterstützungsleistungen.
- V.a., damit nicht noch mehr Leute arbeitslos werden. Schließlich gibt es leider viele "Geschäftsleute",
- die unseriös unterwegs sind. Sie zocken Subventionen ab.
- Ich sagte ja schon, dass Unternehmen nicht selten sehr günstig verkauft werden, für eine D-Mark.
- Das liegt daran, dass die Treuhand den Wert eines Unternehmens nicht daran bemisst, welchen Wert Maschinen und Gebäude haben,
- sondern daran, welche Chancen das Unternehmen hat, auf dem Markt Geld zu verdienen.
- Aber die Firmen der DDR sind auf dem Markt nicht konkurrenzfähig. V.a. nach der Währungsunion nicht.
- Jetzt kommen Betrüger, die sich ein Unternehmen für eine D-Mark kaufen, und versprechen, zu investieren.
- In Wirklichkeit aber verkaufen sie, was verkauft werden kann, Maschinen kann man schon irgendwo loswerden.
- Dann machen die Betrüger den Betrieb zu und entlassen die Arbeiter. Oft bekommen sie dafür auch noch Subventionen.
- Weil es leider häufig vorkommt, sind viele ostdeutsche Arbeiter*innen verständlicherweise enttäuscht.
- Die Sanierung gelingt nur in wenigen Fällen. Von einem Viertel der Betriebe nimmt die Treuhand, meistens wohl zu Recht,
- an, dass sie sowieso nicht lebensfähig sind. Diese Betriebe werden gleich geschlossen.
- Die Arbeiter*innen werden arbeitslos. Ich fasse die wirtschaftlichen Aspekte
- der Wiedervereinigung zusammen. Erst ist die Freude riesig,
- und nach einem halben Jahr hat sich die Wirtschaftskraft halbiert und die Arbeitslosigkeit ist um 30 % gestiegen.
- Von den 4,1 Mio.Arbeitsplätzen, die es 1990 in den von der Treuhand verwalteten Unternehmen gibt,
- bestehen Ende 1994 nur noch 1,5 Mio. Ernüchterung macht sich breit.
- Die Privatisierung kommt in der DDR als Ausverkauf an. Nur 6 % aller Betriebe gehen an Ostdeutsche.
- 80 % kaufen Westdeutsche. Der Rest geht ins Ausland.
- Und in den Betrieben, die weiter bestehen, besetzen westdeutsche Manager die Chefsessel.
- Leider sind darunter auch viele unseriöse Glücksritter. Von Bestechungsskandalen
- wird in den Zeitungen und im Fernsehen groß berichtet. Auch in den Verwaltungen werden Westbeamte an die Spitze gesetzt.
- Selbst 20 Jahre nach der Wiedervereinigung stammen 3 von 4 Abteilungsleitern in den Behörden und Ministerien
- in Ostdeutschland aus dem Westen. Viele Ostdeutsche nehmen die Wiedervereinigung
- schon 1990 als eine Übernahme wahr. Dafür gibt es auch hier gute Gründe,
- dass man Beamte aus dem Westen in den Osten holt. Immerhin muss die Angleichung sehr schnell gehen
- und die Westbeamten kennen eben die Regeln. Aber nicht nur viele Ostdeutsche
- sind schon kurz nach der Wiedervereinigung unzufrieden. Im Westen beschweren sich die Leute,
- weil dieser schnelle, fast übers kniegebrochene Umstieg auf das demokratisch-kapitalistische System sehr viel Geld kostet.
- Allein die Treuhand macht fast 300 Mrd. D-Mark Schulden. Die Sozialsysteme, also Renten, Arbeitslosengeld,
- Krankenversicherungen, müssen sich um Millionen Menschen kümmern. Auch das muss bezahlt werden.
- V.a. die Massenarbeitslosigkeit kostet Geld. Weil eine Wirtschaft nur dann wirklich rund laufen kann,
- wenn die Infrastruktur stimmt, pumpt der Staat Milliarden in den Neubau von ostdeutschen Autobahnen und Straßen,
- von Schienen und Wasserwegen. Viele Westdeutsche empfinden die Ostdeutschen als undankbar,
- weil sie trotz dieser enormen Geldtransfers jammern und sich beschweren.
- Wenn ich das so erzähle, könnte man meinen, dass die Wiedervereinigung eine einzige verkorkste Fehlleistung ist.
- Aber das stimmt natürlich nicht. Ich habe nur die negativen Dinge aufgezählt.
- Schauen wir mal auf Meinungsumfragen von damals. Da sagen die Ostdeutschen ganz überwiegend,
- dass die generelle geschäftliche Lage schlimm ist. Gleichzeitig sind aber fast 70 % der Meinung,
- für sie persönlich sei es eine gute Zeit. Es gibt einen Unterschied zwischen der generellen Stimmung
- und der Beurteilung der persönlichen Lage. Für die meisten Ostdeutschen
- entwickelt sich die persönliche wirtschaftliche Situation gut. Sie können sich mehr leisten, können mehr genießen.
- Selbst der Verlust des Arbeitsplatzes bedeutet im Osten nur selten eine soziale Katastrophe.
- Der Staat hilft ja materiell. Aber die ungewohnte Unsicherheit macht den Menschen zu schaffen.
- Dazu kommt, dass sich viele als weniger wertvoll empfinden. Denn stolz sind wir meistens auf das, was wir geleistet haben.
- Wenn wir davon abhängig sind, dass uns andere was geben, schämen wir uns und sind unzufrieden.
- Diese Gefühle sind unglaublich stark. Die ostdeutschen Arbeiter*innen können nichts dafür,
- dass sie plötzlich ihre Arbeit verlieren. Das liegt fast immer an der Art und Weise,
- wie die Wiedervereinigung praktisch angegangen wird. Aber selbst, wenn man es weiß, hilft es nicht.
- Man kann da kaum objektiv und abgeklärt sein. Dazu kommt, dass sich nicht wenige Westdeutsche
- auch als Sieger im Wettbewerb der Systeme fühlen und Ostdeutsche dann wieder als nicht ernst genommen.
- Ihre Leistung im Leben wird schlechtgemacht. Lange Rede, kurzer Sinn:
- Ihr kennt die Schlagworte. Arroganter Besserwessi und jammernder Ossi.
- Da stellt sich natürlich die Frage: Hätte man das nicht besser machen können?
- Vielleicht sogar müssen? Das wäre wohl nur gegangen,
- wenn die DDR ein eigenständiger Staat geblieben wäre, dessen Wirtschaft sich langsam über viele Jahre
- auf das Niveau der Westwirtschaft hochgearbeitet hätte und dann eine Wiedervereinigung zwischen 2 gleichwertigen Partnern.
- Wie das hätte aussehen können mit einer DDR, die weiterhin fortbestanden hätte -
- dazu habe ich euch ein Video hier oben verlinkt. In der Geschichte ist es immer schwierig zu sagen,
- was wäre gewesen wenn. Da kann man am Ende nur mutmaßen. Eines ist auf jeden Fall aber richtig:
- In der Weltpolitik verändern sich die Dinge schnell. Deshalb ist damals die Einschätzung von Helmut Kohl sicher richtig,
- dass er sagt, jetzt gibt es die Chance zur Wiedervereinigung, die nutzen wir. Selbst, wenn es schwierig wird.
- Immer noch besser, als wenn die Wiedervereinigung nicht kommt. So ist es auch mit der Arbeit der Treuhand.
- Heute beurteilen auch die meisten Historiker diese Arbeit als - vorsichtig gesagt - durchwachsen.
- Die Frage ist, ob es angesichts des enormen Zeitdrucks und der riesigen komplizierten Aufgabe
- eine realistische Alternative gegeben hätte. Fest steht: Dieser Umbruch ist brutal.
- In wahnsinnig kurzer Zeit wird eine ganze Gesellschaft auf ein anderes System umgestellt.
- Gerade bei der Privatisierung der Betriebe werden Fehler gemacht. Kriminelle nutzen das aus.
- Für die Bürger der DDR läuft es knallhart. Sie haben keine Chancen,
- müssen irgendwie mit dem Wandel Schritt halten. Die Wirtschaft gibt die Geschwindigkeit vor
- und viele, die da nicht schnell genug mitlaufen können, kommen ins Straucheln. Ihre Leben geraten durcheinander.
- Sie werden arbeitslos, verlieren komplett den Anschluss. Und weil die Bedingungen insgesamt schlecht sind,
- müssen sie durch viele schlechte Jahre irgendwie durchkommen. Ihr habt es euch wahrscheinlich schon gedacht, jetzt frage ich euch:
- Ist die Wiedervereinigung eurer Meinung nach verkorkst? Hätten Fehler vermieden werden können?
- Wie hättet ihr das gemacht, an der Stelle der Politiker? Schreibt es gerne unten in die Kommentare.
- Neben mir noch mal das Video "Was wäre, wenn es die DDR heute noch geben würde?"
- Und direkt drunter ein Video zum politischen System der Deutschen Demokratischen Republik.
- Danke euch fürs Zuschauen, bis zum nächsten Mal! Untertitel: ARD Text im Auftrag von Funk (2019)
Zum Nachlesen
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