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Geschichte der Juden in Ungarn
Die Geschichte der Juden in Ungarn (bzw. auf dem Gebiet des ehemaligen Königreichs Ungarn) beginnt gemäß jüdischen geschichtlichen Überlieferungen im …
Inhalt5 Abschnitte
Überblick und frühe Geschichte
Die Geschichte der Juden auf dem Gebiet des ehemaligen Königreichs Ungarn reicht nach jüdischer Überlieferung bis ins Frühmittelalter zurück; archäologische Zeugnisse belegen jüdische Präsenz jedoch bereits in römischer Zeit. Juden gelangten mit römischen Truppen in die Provinzen Pannonien und Dakien an der mittleren Donau. In Lagerdörfern an der Donaugrenze entstanden Gemeinden und Synagogen. Inschriften und Grabsteine sind die wichtigsten Quellen. Ein Grabstein für Iudatus und Kassia aus dem 3. Jahrhundert aus dem Bereich des Kastells Solva bei Esztergom zeigt einen siebenarmigen Leuchter. Für Intercisa, das heutige Dunaújváros, ist eine Synagoge durch eine umstrittene Weiheinschrift aus der Zeit 222–235 bezeugt; archäologisch ist sie bisher nicht nachgewiesen.
Nachrömische jüdische Schriftquellen setzen erst in der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts ein, als Juden aus Deutschland, Böhmen und Mähren einwanderten. Ihre Rechtslage schwankte stark. Das Konzil zu Szabolcs verbot 1092 Ehen zwischen Juden und Christen, jüdische Arbeit an christlichen Feiertagen und den Kauf von Sklaven. König Koloman schützte Juden zugleich gegen Angriffe von Kreuzrittern. Wichtige Gemeinden entstanden unter anderem in Buda, Pressburg, Tyrnau und Gran.
Im Mittelalter folgten wiederholt Einschränkungen, Ausweisungen und Gewalt: Die Goldene Bulle von 1222 schloss Juden von bestimmten Ämtern und Adelstiteln aus; ab 1279 sollten sie keinen Boden pachten und den Judenring tragen. 1349 kam es zur ersten Ausweisung, 1360 zu einer allgemeinen Ausweisung. Einige durften um 1364 unter Einschränkungen zurückkehren. Der 1365 eingesetzte Judenrichter sollte Besitz, Steuern und Rechtsvertretung der Juden regeln. Ritualmordprozesse führten 1494 in Trnava zur Verbrennung von 16 Juden und 1529 in Bazin zur Verbrennung von 30 Juden. Unter osmanischer Herrschaft in Mittelungarn ab 1541 verbesserte sich die Lage, besonders in Buda; dort ließen sich auch Sephardim nieder. In habsburgisch beherrschten Gebieten dauerten Vertreibungen und Ausschreitungen an.
Emanzipation, Gesellschaft und religiöse Strömungen
In der Habsburgermonarchie setzte sich die wechselhafte Rechtslage fort. Maria Theresia erhob ab 1744 eine jährliche Toleranzsteuer von zunächst 20.000 Gulden; zu Beginn des 19. Jahrhunderts betrug sie 160.000 Gulden. Joseph II. erlaubte jüdischen Untertanen 1783 durch ein Toleranzpatent den Aufenthalt in königlichen Städten. Die jüdische Bevölkerung wuchs durch Einwanderung stark: 1735 wurden 11.612, 1787 etwa 81.000 Juden gezählt.
Nach der Revolution von 1848, an der sich zahlreiche Juden beteiligt hatten, erhob die Regierung zunächst eine Kollektivstrafe von 2,3 Millionen Gulden. Sie wurde auf eine Million reduziert und 1856 als Fonds für Schulen und wohltätige Einrichtungen zurückerstattet. Zwischen 1859 und 1860 entfielen wesentliche Beschränkungen wie Judeneid, Eheerlaubnis und Landbesitzverbot. Gewerbefreiheit und Freizügigkeit wurden gewährt. Das Gesetz über Judenemanzipation, also die rechtliche Gleichstellung, nahm das Parlament am 20. Dezember 1867 an. 1895 erhielt das Judentum die gleichen Rechte wie Katholizismus und Protestantismus.
Die Zahl der Juden stieg von 340.000 im Jahr 1850 auf 542.000 im Jahr 1869 und 910.000 im Jahr 1910. Juden spielten eine wichtige Rolle in der kapitalistischen Wirtschaft: Sie stellten 55–60 % der Kaufleute, 45 % der Unternehmer, 42 % der Journalisten, 45 % der Juristen und 49 % der Mediziner, waren aber nur selten in der öffentlichen Verwaltung tätig. Gleichzeitig entwickelte sich seit den 1870er Jahren politischer Antisemitismus. Die Affäre von Tiszaeszlár 1882 erneuerte Ritualmordanschuldigungen, obwohl alle Angeklagten freigesprochen wurden.
Im 19. Jahrhundert bestanden wichtige religiöse und kulturelle Unterschiede. Orthodoxe Juden hielten an traditionellen religiösen Regeln fest; Pressburg wurde unter Rabbiner Moses Sofer ein Zentrum der Orthodoxie. Die Haskala war eine jüdische Bildungs- und Reformbewegung. Ihre ungarische Ausprägung hieß Neologie und befürwortete gemäßigte Reformen im Unterricht und religiösen Leben. Nach dem Allgemeinen Jüdischen Kongress von 1868 bestanden orthodoxe, neologische und Status-quo-Gemeinden, die sich keiner Seite anschlossen. Zionismus, die Bewegung für eine jüdische nationale Heimstätte, wurde durch den in Budapest aufgewachsenen Theodor Herzl entscheidend geprägt, fand in Ungarn aber nur begrenzte Unterstützung. 1859 wurde die Große Synagoge in der Budapester Dohánystraße eingeweiht, die bis heute größte Synagoge Europas; 1877 eröffnete das Budapester Rabbinerseminar.
Verfolgung vor und während des Krieges
Nach dem Vertrag von Trianon lebten 1920 noch 470.000 Juden in Ungarn, da das Land 63 % seines Gebiets verlor. Über die Hälfte der jüdischen Bevölkerung wohnte nun im Großraum Budapest. Nach der Räterepublik von Béla Kun kam es im „Weißen Terror“ zu antijüdischer Gewalt; geschätzt 3.000 Menschen wurden getötet. Das Numerus-Clausus-Gesetz von 1920 begrenzte den jüdischen Anteil an Hochschulen auf fünf Prozent. Die Regelung wurde 1928 abgeschwächt, doch 1938 und 1939 beschränkten zwei Judengesetze den jüdischen Anteil in geistigen Berufen, Verwaltung, Handel und Industrie zunächst auf 20 %, dann auf fünf %, und schränkten politische Rechte ein.
Durch Gebietsgewinne 1938, 1940 und 1941 kamen etwa 320.000 weitere Juden unter ungarische Herrschaft. Ende August 1941 wurden etwa 23.600 Juden, deren Staatsangehörigkeit umstritten war, in das deutsch besetzte Galizien vertrieben und bei Kamenez-Podolsk von SS und deutscher Ordnungspolizei ermordet. Im Januar 1942 erschossen Polizei und Soldaten in der Batschka, vor allem in Novi Sad, etwa 1.000 Juden. 1941 führte Ungarn ein Rassenschutzgesetz ein, 1942 ein Gesetz zur „Entjudung“ der Landwirtschaft.
Bis zu 50.000 vom Militärdienst ausgeschlossene Juden wurden als Zwangsarbeiter an die Ostfront geschickt. Beim Zusammenbruch der ungarischen 2. Armee nach dem sowjetischen Durchbruch bei Rostow am Don im Januar 1943 starben schätzungsweise mindestens 40.000 von ihnen. Ministerpräsident Miklós Kállay vermied trotz deutscher Forderungen bis 1944 die allgemeine Deportation, schloss Juden aber weiter aus dem öffentlichen, kulturellen und wirtschaftlichen Leben aus. Als Deutschland Ungarn am 19. März 1944 besetzte, waren bereits etwa 63.000 Juden verfolgt worden und ums Leben gekommen.
Holocaust 1944 bis 1945
Nach der deutschen Besetzung arbeiteten deutsche Stellen unter Adolf Eichmann mit der Regierung von Döme Sztójay zusammen. Jüdische Organisationen wurden aufgelöst; ein Judenrat sollte deutsche Maßnahmen durchsetzen. Mehr als 100 Gesetze schlossen Juden vollständig aus Wirtschaft und Kultur aus. Jüdische Betriebe wurden geschlossen, Werte über 3.000 Pengő eingezogen, und am 29. März 1944 wurde das Tragen des gelben Judensterns angeordnet.
Die Deportationen begannen am 15. Mai 1944 in Nordostungarn. Bis zum 9. Juli wurden laut Berichten Edmund Veesenmayers 437.402 Juden aus fünf Zonen deportiert. Etwa 95 % kamen nach Auschwitz. Arbeitsfähige Menschen wurden zur „Vernichtung durch Arbeit“ in 386 Außenlager im besetzten Europa und im Deutschen Reich verteilt. Für die Budapester Juden waren etwa 2.000 gelb markierte Häuser vorgesehen, in denen ungefähr 220.000 Menschen wohnen sollten; am 25. Juni wurde ein Ausgehverbot verhängt.
Ausländische Interventionen sowie Berichte in neutralen und alliierten Staaten trugen dazu bei, dass Horthy am 8. Juli die Deportationen stoppen ließ. Eine von Rezsö Kasztner mit Eichmann vereinbarte Ausreise betraf 1.658 Menschen: 318 gelangten am 18. August und weitere 1.368 am 6. Dezember 1944 in die Schweiz. Nach dem Putsch der faschistischen Pfeilkreuzler unter Ferenc Szálasi am 15. Oktober wurden die Verfolgungen wieder verschärft. Juden wurden in ein zentrales Ghetto in Erzsébetváros gezwungen oder lebten in Quartieren unter Schutz neutraler Staaten. Diplomaten und Helfer wie Friedrich Born, Carl Lutz, Raoul Wallenberg, Ángel Sanz Briz, Giorgio Perlasca und Angelo Rotta stellten Schutzdokumente aus; Ende 1944 standen 22.000 Budapester Juden unter diplomatischem Schutz neutraler Staaten oder des IKRK.
Etwa 25.000 Budapester Juden wurden bis 8. November 1944 über Hegyeshalom nach Österreich getrieben, später bis zu 60.000 weitere, um am „Südostwall“ zu arbeiten. Tausende starben an Hunger, Krankheit, Strapazen oder durch Erschießungen. Bis zur Besetzung Budapests durch sowjetische Truppen am 18. Januar 1945 starben etwa 98.000 in Budapest verbliebene Juden; etwa 3.000 wurden erschossen und in die Donau geworfen. Von 825.000 Menschen, die innerhalb der Grenzen Ungarns von 1941 bis 1945 als Juden galten, wurden etwa 565.000, also 68,5 %, im Holocaust ermordet; 260.000 überlebten.
Nachkriegszeit, Gegenwart und Bevölkerung
Rund 200.000 Juden überlebten die Schoah in Ungarn. Von 473 Vorkriegsgemeinden wurden zunächst 266 wiedererrichtet, doch viele Überlebende verließen später die Provinzstädte. Gemeinden bestehen weiterhin unter anderem in Miskolc, Pécs, Debrecen und Szeged. 1946 kam es zu Pogromen in Kunmadaras und Miskolc; in Miskolc wurden fünf Menschen getötet. Das American Joint Distribution Committee unterstützte den Wiederaufbau von 1946 bis 1952 mit 52 Millionen Dollar für Verpflegung, Wohlfahrt und Ausbildung. Zionistische Organisationen wurden 1949 im kommunistischen Staat aufgelöst. Während des Aufstands von 1956 verließen schätzungsweise 20.000 Juden Ungarn.
Religiöse Einschränkungen trafen auch jüdische Ungarn. Das Budapester Rabbinerseminar war unter Alexander Scheiber zeitweise die einzige Institution dieser Art in Osteuropa. Die Beziehungen zu Israel, 1948 aufgenommen und 1967 abgebrochen, wurden zu Beginn der 1990er Jahre wiederhergestellt.
Seit 1989 entstanden wieder jüdische Vereinigungen zur Pflege von Kultur und Religion. Das Holocaust-Dokumentationszentrum Budapest wurde am 15. April 2004 eröffnet. Das Mahnmal „Schuhe am Donauufer“ mit 60 Metall-Schuhpaaren erinnert seit April 2005 an die Erschießungen am Flussufer. Heute leben schätzungsweise 80–90.000 Juden in Ungarn, davon 60–70.000 in Budapest. Dort gibt es etwa 20 Synagogen sowie Einrichtungen für religiöses Leben, Wohlfahrt und Ausbildung. Die Tabelle nennt für 1914 1.000.000 Juden, für 1945 200.000, für 1965 80.000, für 1983 65.000 und für 2001 80.000.