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Religiöser Zionismus
Geschichte. Bearbeiten. Einer der ersten Rabbiner, der in der Neuzeit einen Religiösen Zionismus vertrat, war Zwi Hirsch Kalischer. Er engagierte sich für die …
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Kernidee und Entwicklung
Religiöser Zionismus, auch religiös-zionistische Bewegung, nationalreligiöse Bewegung oder religiöser Nationalismus genannt, ist eine Ideologie, die Zionismus und orthodoxes Judentum verbindet. Zionismus bedeutet hier das Streben nach einer jüdischen nationalen Heimstätte beziehungsweise einem jüdischen Staat im Land Israel; orthodoxes Judentum meint eine religiöse Lebensweise nach der Torah und den jüdischen Geboten. Die Bezeichnung wird auch von der israelischen Partei Mafdal – HaTzionut HaDatit verwendet.
Zu den frühen Vertretern gehörte Zwi Hirsch Kalischer. Er setzte sich in der Neuzeit für die Ansiedlung von Juden in Israel ein. In seinem Traktat „Drischath Zion“ („Zions Herstellung“) von 1861 vertrat er die Auffassung, dass die von den Propheten verheißene Erlösung der Juden nur durch zusätzliche Selbsthilfe erreicht werden könne. 1902 gründeten Rabbiner Reines und Seew Jawetz in Vilnius die Misrachi-Bewegung, die die Einhaltung der jüdischen Gebote und die Rückkehr nach Israel anstrebt.
Eine andere religiöse Bewegung war Agudat Jisra’el, 1912 in Kattowitz als aschkenasische orthodox-jüdische Bewegung gegründet. Sie war ursprünglich eine Sammlungsbewegung des traditionellen, streng religiösen, nicht zionistischen Judentums. Inzwischen unterstützt sie den Staat Israel, sieht sich aber nicht als zionistisch und konnte sich in Israel als politische Partei etablieren. Viele religiöse Organisationen standen dem Zionismus zunächst negativ gegenüber, weil sie menschliche Versuche zur Wiederherstellung Israels als blasphemisch betrachteten und bis zur Ankunft des Messias aufschieben wollten.
Seit dem Wahlsieg Menachem Begins vom Likud 1977 wandelte sich bei Teilen der religiösen und ultraorthodoxen Gruppen der Kampf gegen den Staat in einen Kampf um den Staat Israel. Das zeigt eine stärkere Integration in die israelische Gesellschaft und ein wachsendes politisches Engagement, auch wenn die Mehrheit der in Israel lebenden Charedim weiterhin den Militärdienst ablehnt.
Religiöse Grundlagen
In der religiös-zionistischen Ideologie gilt das Bebauen des israelischen Bodens im Judentum als Gebot. Eine wichtige Spannung ergibt sich aus einem Midrasch im babylonischen Talmud, den „Drei Schwüren“. Danach schworen die Juden, nicht in Massen nach Israel zu gehen und nicht gegen andere Nationen zu rebellieren; die anderen Nationen schworen, die Juden nicht zu schlecht zu behandeln. Maimonides schrieb jedoch, diese Eide seien metaphorisch zu verstehen. Außerdem betonte er in seinem Werk häufig den hohen Wert des Lebens im Land Israel und verbot, es zu verlassen.
Religiös-zionistische Juden glauben, dass das Land Israel, hebräisch Eretz Israel, dauerhaft den Juden gehöre, weil es ihnen von Gott gegeben worden sei. Als Devise des religiösen Zionismus gilt: „ארץ ישראל לעם ישראל על פי תורת ישראל“ – „Das Land Israel für das Volk Israel gemäß der Torah Israels.“ Der Ausdruck „Torat Eretz Israel“ bezeichnet jüdische Lehren über das Land Israel, besonders aus religiös-zionistischer Sicht. Er ist eine Kurzform dieser Devise. Zu solchen Lehren werden zum Beispiel die Werke von Rabbi Abraham Isaak Kook gezählt.
Westjordanland und Siedlungsbewegung
Für das heutige Bild religiöser Zionisten waren die Besetzungen im Sechstagekrieg entscheidend, besonders Jerusalem und das Westjordanland, das dem biblischen Judäa und Samaria entspricht. Viele religiöse Zionisten deuteten die Eroberung dieser Gebiete als Beweis für einen begonnenen Erlösungsprozess. Die Besiedlung oder Wiederbesiedlung wurde daraus als notwendige Folge verstanden. Aus diesem Umfeld entstand die Siedlungsbewegung Gusch Emunim, die den Grundstein für heute über 300.000 Siedler legte.
Eine herausgehobene Rolle spielte Zvi Yehuda Kook (1891–1982), der Sohn von Abraham Isaak Kook. Er wurde Mentor der Siedlungsbewegung und einer der wichtigsten Rabbiner der religiösen Zionisten. Für ihn wurde die Besiedlung der besetzten Gebiete zu einem zentralen religiösen Gebot, weil sie nach seiner Überzeugung entscheidend für den nächsten Schritt der begonnenen Erlösung war. Sein Verbot einer Rückgabe der Gebiete stellte er auf die höchste Stufe, die das Judentum kennt: „Stirb, aber sündige nicht!“ Diese Stufe gilt sonst nur für Götzenanbetung, Mord und sexuelle Unzucht.
Nach 1967 führten die Entwicklungen und die immer bedeutender werdenden Lehren Kooks und seiner Anhänger zu einem Rechtsruck der Mehrheit der religiösen Zionisten. Die Besiedlung des Westjordanlandes wurde in ihrem religiösen Denken zu einer zentralen, teilweise sogar zur entscheidenden Kategorie. Dadurch kam es immer wieder zu Konflikten mit staatlichen Vorhaben, besonders mit Land-for-Peace-Plänen, also der Idee, Land für Frieden abzugeben, wie beim Friedensschluss mit Ägypten und als mögliche Grundlage eines künftigen palästinensischen Staates.
Der Friedensprozess löste bei nationalreligiösen Gruppen starke Ablehnung aus. In Einzelfällen kam es zu extremen Gewalttaten durch extremistische religiöse Zionisten: dem Versuch, den Tempelberg mit seinen Moscheen zu sprengen, dem Massaker von Baruch Goldstein, bei dem 29 Muslime getötet und über 100 verwundet wurden, und dem Mord an Yitzchak Rabin wegen seiner Friedenspläne. Diese Taten werden im Artikel als Reaktionen auf Vorhaben beschrieben, das für diese Täter „heilige Land“ preiszugeben.
Die Frage nach dem Umgang mit den besetzten Gebieten führte zu politischen Spaltungen. Grob werden drei Richtungen genannt: ein radikaler Flügel, für den die Besiedlung der Gebiete höchstes Ziel ist; ein pragmatischer Flügel, für den die Gebiete wichtig sind, aber nicht über dem Staat stehen; und ein gemäßigt-liberaler Flügel, der für einen sicheren Frieden Gebiete abtreten würde. Ein neueres Phänomen ist die Hilltop Youth. Viele dieser Jugendlichen wurden im Westjordanland geboren und betrachten es stärker als den Staat Israel als ihre Heimat. Der Staat wird von ihnen wegen des Friedensprozesses zunehmend als Feind gesehen; staatliches Vorgehen gegen Siedlereinrichtungen beantworten sie im Rahmen einer Price-Tag-Politik mit Gegenschlägen.
Parteien und Wahlverhalten
Die ideologische Spaltung des religiösen Zionismus zeigt sich auch in seinen Parteien. Traditionell wurden religiöse Zionisten von der Nationalreligiösen Partei vertreten, kurz NRP oder Mafdal. Sie war bis zu den Wahlen 1977 mit Ausnahme weniger Monate fast immer in der Regierung vertreten und konnte zwischen 10 und 12 Mandate gewinnen.
Nach 1977, besonders wegen der Rückgabe der Sinaihalbinsel an Ägypten, verschärften sich die Gegensätze. Der Umgang mit den Territorien wurde zur politischen Wasserscheide. Die NRP entwickelte sich immer stärker zu einer Partei der Falken, also einer harten, territorial kompromisslosen Richtung. David Glas, Pazifist und Knessetabgeordneter der NRP von 1977 bis 1981, erklärte, für Moderate oder Pazifisten sei angesichts der stärker werdenden Siedlerfraktion kein Platz mehr in der NRP gewesen. Daraufhin wählte der liberale Teil, etwa ein Viertel des religiösen Zionismus, die Partei nicht mehr und gab seine Stimmen eher Parteien der Mitte oder Linken.
Dieser liberale Flügel unterscheidet sich methodisch von der Mehrheit, weil für ihn moderne Elemente wie Menschenrechte und Demokratie gleichwertig neben der Thora stehen und mit ihr vereinbar sind. Mit Meimad, einer hebräischen Abkürzung für „jüdischer Staat, demokratischer Staat“, gibt es eine linke Partei der religiösen Zionisten. Sie gewann jedoch nie mehr als einen Sitz und ist in der aktuellen Knesset nicht vertreten.
Dem radikalen Teil war die Haltung der NRP zu den Territorien wiederum nicht kompromisslos genug. Daraus entstanden mehrere neue Parteien, die sich fast ausschließlich den Siedlungen widmeten. Ab 1999 wurden sie vom Parteienbündnis Nationale Union vertreten. Dieses gewann in den letzten Wahlen bis zu 9 Sitze, bei der im Artikel angesprochenen Wahl aber nur vier. Die Nationale Union setzt sich für den weiteren Ausbau der Siedlungen, eine Annexion der Westbank und einen „Transfer“ der palästinensischen Bevölkerung ein. Obwohl religiöse Zionisten dort die Mehrheit bilden, ist sie kein rein religiöses Bündnis, weil auch säkulare Parteien mit ähnlicher territorialer Ideologie dazugehören.
Die NRP geriet dadurch in ein Dilemma. Sie war dem klassischen religiös-zionistischen Wahlspruch verpflichtet, das Land Israel für das Volk Israel nach der Thora Israels zu vertreten. Damit sollte sie zugleich religiös-orthodoxe Anliegen wie Identität, Gesetzgebung und Schulwesen sowie das Siedlungsvorhaben im Westjordanland vertreten. Religiöse Themen wurden aber teilweise glaubwürdiger von ultraorthodoxen Parteien vertreten, während die Siedlungsthematik entschiedener von der Nationalen Union besetzt wurde. Seit 1977 gewann die NRP, mit Ausnahme der besonderen Wahl 1996, nur zwischen vier und sechs Sitzen. Ihre Nachfolgepartei HaBajit haJehudi („Jüdisches Heim“) gewann bei der Knessetwahl 2009 nur drei Sitze, legte aber nach der Übernahme des Parteivorsitzes durch Naftali Bennett stark zu und gewann 2013 12 Sitze. Auch der Likud ist durch seine historische Großisrael-Politik ideologisch mit dem Siedlerflügel verbunden; im Likud gibt es eine starke religiös-zionistische Fraktion.
Organisationen, Kleidung und Militär
Zu den wichtigen religiös-zionistischen Organisationen gehört Bne Akiwa. Dieser Jugendverband wurde 1929 im Völkerbundsmandat für Palästina gegründet, das damals von den Briten zur „Errichtung einer nationalen Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina“ verwaltet wurde. Bne Akiwa wird mit der Misrachi-Bewegung verbunden. Der Wahlspruch lautet „Tora we'Awoda“, also Torah und Arbeit. Mit über 125.000 Mitgliedern in mehr als 30 Ländern ist Bne Akiwa der größte religiös-zionistische jüdische Jugendverband; im Artikel wird auch genannt, dass er 1929 in Jerusalem gegründet wurde.
Seit 1935 existiert in Israel außerdem die religiöse Kibbuz-Bewegung, eine Organisation orthodoxer Kibbuzim. Ein Kibbuz ist eine gemeinschaftliche Siedlungsform. Weil ein einzelner religiöser Kibbuz Schwierigkeiten hätte, seine religiös-ideologischen Prinzipien zu verteidigen, gründete die religiös-zionistische Bewegung sogenannte Siedlungsblöcke aus jeweils drei Kibbuzim. Insgesamt gibt es drei solche Siedlungsblöcke. Die Bewegung unterhält auch Bildungseinrichtungen, darunter die Jeschiwa Ein Tzurim, die Jeschiwa Ma'ale Gilboa und das Frauenseminar Ein HaNatziv. Eine Jeschiwa ist eine jüdische religiöse Lehranstalt.
Auch Kleidung kann eine Rolle für die Erkennbarkeit religiöser und politischer Zugehörigkeit spielen. Form und Farbe der Kippa, also der jüdischen Kopfbedeckung, geben häufig Auskunft über den religiösen, politischen und parteipolitischen Hintergrund ihres Trägers. Religiöse Zionisten werden oft „Kippot Srugot“ genannt, was „gehäkelte Kippa“ bedeutet, weil viele männliche religiöse Zionisten gehäkelte Kippot tragen.
Für die meisten religiösen Zionisten hat der Wehrdienst für Männer einen hohen Wert. Viele männliche religiöse Zionisten nehmen am Hesder-Programm teil. Dieses verbindet den Wehrdienst mit dem Studium an einer Jeschiwa. Solche Jeschiwot ermöglichen orthodoxen Juden eine volle und aktive Teilnahme an der Verteidigung Israels in der IDF, also den israelischen Streitkräften, neben intensivem Torastudium.