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Odyssee

Die Odyssee (altgriechisch ἡ Ὀδύσσεια hē Odýsseia) ist neben der Ilias das zweite traditionell dem griechischen Dichter Homer zugeschriebene Epos.

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Werk, Bedeutung und Aufbau
  2. 2. Telemachos, Heimkehr und Freierkampf
  3. 3. Die wichtigsten Irrfahrten
  4. 4. Entstehung, Autorschaft und Überlieferung
  5. 5. Schauplätze, Übersetzungen und Wirkung

Werk, Bedeutung und Aufbau

Die Odyssee ist neben der Ilias das zweite traditionell Homer zugeschriebene Epos. Sie entstand wahrscheinlich im 8. oder 7. Jahrhundert v. Chr. in Ionien und gehört zu den ältesten schriftlich fixierten und einflussreichsten Werken der abendländischen Literatur. Spätestens seit der Mitte des 6. Jahrhunderts v. Chr. war sie Teil des griechischen Bildungskanons; später wurde sie auch für die römische Kultur grundlegend. Der Stoff prägte Epos, Lyrik und Drama und wurde vielfach für Literatur, Theater, Oper, Hörspiel, Comic und Film bearbeitet.

Das Werk besteht aus 24 Gesängen mit insgesamt 12.110 Hexameterversen. Ein Hexameter ist das traditionelle Versmaß des antiken Epos. Erzählt wird die Heimkehr des Königs Odysseus von Ithaka nach dem zehnjährigen Trojanischen Krieg. Seine durch Abenteuer und lange Aufenthalte unterbrochene Rückreise dauert weitere zehn Jahre; dabei verliert er alle Gefährten. Der Name des Werks wurde deshalb in vielen Sprachen zum Ausdruck für eine lange Irrfahrt.

Drei Handlungsstränge greifen ineinander: Odysseus’ Sohn Telemachos sucht nach seinem verschollenen Vater; Odysseus erzählt von seinen Irrfahrten; nach seiner Rückkehr kämpft er gegen die Freier, die seine Frau Penelope zur Heirat drängen und seinen Besitz verbrauchen. Die Handlung beginnt nicht chronologisch am Ende des Trojanischen Krieges, sondern kurz vor Odysseus’ Heimkehr. Spannung entsteht durch Parallelhandlungen, Rückblenden, Einschübe sowie Perspektiv- und Erzählerwechsel. Das Proömium, die einleitende Anrufung der Muse, nennt bereits zentrale Themen: Odysseus’ weite Reisen, seine Leiden, seinen Kampf um die Heimkehr und den selbst verschuldeten Tod seiner Gefährten.

Telemachos, Heimkehr und Freierkampf

In den Gesängen 1 bis 4 beschließen die Götter, Odysseus heimkehren zu lassen. Athene ermutigt Telemachos, Nachrichten über seinen Vater einzuholen. Er besucht Nestor in Pylos und Menelaos in Sparta. Währenddessen planen die Freier auf Ithaka, ihn bei seiner Rückkehr zu töten.

In den Gesängen 5 bis 8 muss die Nymphe Kalypso Odysseus nach sieben Jahren auf ihrer Insel Ogygia freilassen. Er baut ein Floß, doch Poseidon lässt es kurz vor Scheria kentern. Die Nymphe Ino Leukothea hilft ihm, schwimmend das Land der Phaiaken zu erreichen. Dort begegnet er Nausikaa, der Tochter des Königs Alkinoos, und wird im Palast gastfreundlich aufgenommen. In den Gesängen 9 bis 12 berichtet Odysseus den Phaiaken rückblickend von seinen Irrfahrten.

Die Gesänge 13 bis 16 führen die Handlungen von Vater und Sohn zusammen. Die Phaiaken bringen Odysseus nach Ithaka. Athene verwandelt ihn zum Schutz in einen Bettler, und der treue Sauhirt Eumaios nimmt ihn auf. Telemachos entgeht dem Hinterhalt der Freier und erkennt bei Eumaios seinen zurückverwandelten Vater.

In den Gesängen 17 bis 20 kehrt Odysseus nach 20 Jahren unerkannt in sein Haus zurück. Zunächst erkennt ihn nur sein alter, sterbender Hund Argos, später auch die Magd Eurykleia. Odysseus lässt die Waffen wegschließen und bereitet den Angriff vor. Im 21. und 22. Gesang veranstaltet Penelope einen Wettbewerb mit Odysseus’ Bogen: Sie will den Sieger heiraten. Nur Odysseus kann den Bogen spannen. Er gibt sich zu erkennen und tötet gemeinsam mit Telemachos und Eumaios die Freier sowie die untreuen Bediensteten. In den letzten beiden Gesängen prüft Penelope den Heimgekehrten durch eine List, bevor sie ihn anerkennt. Odysseus besucht seinen Vater Laërtes; Athene beendet schließlich den Streit mit den Angehörigen der getöteten Freier.

Die wichtigsten Irrfahrten

Nach dem Aufbruch von Troja mit zwölf Schiffen überfallen Odysseus und seine Männer zunächst die Kikonen, werden aber vertrieben. Ein Sturm verschlägt sie ins Land der Lotophagen. Deren Lotosfrucht lässt drei Kundschafter Heimat und Rückkehr vergessen, sodass Odysseus sie gewaltsam zu den Schiffen bringen muss.

Beim einäugigen Kyklopen Polyphem werden Odysseus und zwölf Gefährten eingeschlossen. Polyphem frisst sechs Männer. Odysseus nennt sich Oútis, „Niemand“, macht den Riesen betrunken und blendet ihn mit einem glühenden Pfahl. Als Polyphem um Hilfe ruft und erklärt, „Niemand“ habe ihn verletzt, gehen die anderen Kyklopen fort. Die Griechen entkommen unter zusammengebundenen Schafen. Odysseus verrät anschließend hochmütig seinen wirklichen Namen. Polyphem bittet daraufhin seinen Vater Poseidon, die Heimkehr des Helden zu verhindern oder wenigstens zu verzögern.

Der Windgott Aiolos übergibt Odysseus einen Schlauch mit allen ungünstigen Winden. Kurz vor Ithaka öffnen die Gefährten ihn aus Neugier, worauf die Schiffe zurückgetrieben werden. Bei den menschenfressenden Laistrygonen werden elf Schiffe zerstört; nur Odysseus’ vorsichtshalber außerhalb des Hafens liegendes Schiff entkommt. Die Zauberin Kirke verwandelt einen Teil der Männer in Schweine. Mit dem von Hermes erhaltenen Kraut Moly widersteht Odysseus ihrem Zauber und zwingt sie, die Gefährten zurückzuverwandeln. Nach einem Jahr reisen sie weiter. Auf Kirkes Rat befragt Odysseus in der Unterwelt den Seher Teiresias nach seinem Schicksal und begegnet dort unter anderem seiner verstorbenen Mutter und gefallenen Mitkämpfern.

An den Sirenen lässt Odysseus seinen Männern die Ohren mit Wachs verschließen. Er selbst wird an den Mast gebunden, damit er ihren tödlich lockenden Gesang hören kann. In der Meerenge zwischen den Ungeheuern Skylla und Charybdis hält er Abstand vom alles verschlingenden Strudel der Charybdis; dafür frisst die sechsköpfige Skylla sechs Gefährten.

Auf Thrinakia schlachten die ausgehungerten Männer trotz mehrfacher Warnung die heiligen Rinder des Sonnengottes Helios. Zeus vernichtet daraufhin das Schiff im Sturm. Nur Odysseus überlebt und erreicht Ogygia. Nach sieben Jahren bei Kalypso gelangt er über Scheria zu den Phaiaken. Der Sänger Demodokos bringt ihn dort mit Liedern über den Trojanischen Krieg zum Weinen. Odysseus enthüllt daraufhin seine Identität, erzählt seine Abenteuer und wird schließlich reich beschenkt nach Ithaka gebracht.

Auf Ithaka erfindet Odysseus außerdem mehrere sogenannte Lügengeschichten, um seine Identität zu schützen. Gegenüber Athene, Eumaios, Penelope und zunächst auch Laërtes gibt er sich unter wechselnden Einzelheiten meist als Fremder aus Kreta aus. Die Erzählungen verbinden erfundene Lebensläufe mit wahren Bestandteilen seiner Reise und zeigen seine Vorsicht und Erzählkunst.

Entstehung, Autorschaft und Überlieferung

Die Odyssee gehört zum Sagenkreis um den Trojanischen Krieg und schließt an die Ilias an. Frühe mündliche Fassungen könnten bereits in spätmykenischer Zeit entstanden sein. Aoiden und später Rhapsoden trugen die Stoffe über Jahrhunderte vor und veränderten sie; der metrische Rhythmus unterstützte dabei das Gedächtnis. Nach verbreiteter Forschungsmeinung wurden mehrere ältere Kurzepen zusammengefügt. Vermutlich bestanden zunächst mindestens zwei Erzählkomplexe: die Heimkehr des Odysseus mit dem Freiermord und märchenhafte Seefahrerabenteuer nach Art der Nostoi, also Geschichten über die Rückfahrt.

Die Datierung der ersten Niederschrift in der heutigen Form ist umstritten. Ein Teil der Forschung nennt etwa 730/720 v. Chr., ein anderer etwa 670/660 v. Chr. Möglicherweise wurde dabei die Telemachie als dritter Handlungsstrang ergänzt. Sie steigert die Spannung und schildert die Zustände auf Ithaka, durch die Odysseus’ Rache begründet wird.

Auch die Autorschaft bleibt ungeklärt. Seit Friedrich August Wolfs Prolegomena ad Homerum von 1795 wird die „homerische Frage“ modern diskutiert: Formte Homer das gesamte Werk, bearbeitete er ältere Stoffe oder war er überhaupt sein Dichter? Unterschiede zwischen dem eher realistischen Kriegsepos Ilias und den märchenhaften Abenteuern der Odyssee sprechen nach Ansicht mancher Forscher für zwei Autoren. Andere erklären die stilistischen Ähnlichkeiten damit, dass die Odyssee das Alterswerk des Ilias-Dichters sein könne. Sicher ist lediglich, dass ihr Dichter sich eng an der Ilias orientierte. Deshalb heißen beide unabhängig von der Verfasserfrage „homerische Epen“.

Schon in der Antike gab es abweichende Abschriften. Nach der Gründung der Bibliothek von Alexandria 288 v. Chr. erarbeiteten Zenodotos von Ephesos, Aristophanes von Byzanz und besonders Aristarchos von Samothrake durch Textvergleich kanonische Fassungen. Auf die alexandrinischen Gelehrten geht auch die Einteilung in 24 Gesänge zurück. Das älteste bekannte Fragment ist ein ägyptischer Papyrus aus dem 3. Jahrhundert v. Chr. mit Teilen des 9. und 10. Gesangs. Die älteste erhaltene Handschrift des gesamten homerischen Werks entstand im Konstantinopel des 12. Jahrhunderts; den Erstdruck besorgte Demetrios Chalkokondyles 1488 in Florenz. Trotz fast 2000 Jahren zwischen früher Fixierung und vollständig erhaltenen Texten nimmt die Forschung an, dass die heutige Fassung dem antiken Werk im Wesentlichen entspricht.

Schauplätze, Übersetzungen und Wirkung

Versuche, die Irrfahrten geografisch genau zu lokalisieren, bleiben umstritten, weil große Teile märchenhaft gestaltet sind. Sicher benannt werden reale Orte und Landschaften wie Thrakien, Kap Malea, Kythera und Ithaka. Andere Zuordnungen sind Spekulationen: Das Land der Lotophagen wurde oft mit Djerba verbunden, die Kyklopen unter anderem mit Sizilien und der Gegend um den Ätna, Aiolos’ Insel mit den Liparischen Inseln, Skylla und Charybdis mit der Straße von Messina und Kalypsos Ogygia mit Gozo oder einer Insel im Atlantik. Schon Eratosthenes verspottete im 3. Jahrhundert v. Chr. solche Lokalisierungsversuche.

Seit der Renaissance wurde die Odyssee häufig in moderne Sprachen übertragen. Frühe Übersetzungen stammen unter anderem von Simon Schaidenreisser ins Deutsche (1537/38), George Chapman ins Englische (1616) und Anne Dacier ins Französische (1716). Im Deutschen wurde besonders Johann Heinrich Voß’ metrische Übersetzung von 1781 zum Klassiker. Daneben gibt es Prosaübertragungen, moderne metrische Fassungen, Dialektübersetzungen und gekürzte Nacherzählungen für Kinder und Jugendliche.

Die Odyssee gehört zu den am häufigsten bearbeiteten Werken der Kulturgeschichte. Vergils Aeneis orientiert sich bereits in der Antike an ihr; Einflüsse zeigen sich auch in Erzählungen über Sindbad den Seefahrer. Odysseus wurde zum Urbild des neugierigen, listenreichen und leidenden Menschen, der Gefahren durch Verstand überwindet. Eine bedeutende moderne Bearbeitung ist James Joyces Roman Ulysses von 1922, dessen Handlung am 16. Juni 1904 während eines Tages in Dublin spielt.

Motive des Epos wurden außerdem in Malerei, Oper, Theater, Hörspiel, Comic, populärer Musik und Film aufgegriffen. Wiederkehrende Stoffe sind Odysseus’ Heimkehr zu Penelope, Kirke, die Sirenen, Polyphem und die Suche nach dem Vater. Beispiele sind Claudio Monteverdis Oper Il ritorno d’Ulisse in patria von 1641, der Film Die Fahrten des Odysseus von 1954, die Fernsehserie Die Odyssee von 1968 und O Brother, Where Art Thou? von 2000. Die Vielfalt dieser Bearbeitungen zeigt die anhaltende Bedeutung der Grundthemen: Reise und Heimkehr, Identität und Verkleidung, Treue, Versuchung, menschliche Klugheit und das Verhältnis zwischen eigenem Handeln, Göttern und Schicksal.

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