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Ilias
Die Ilias beruht auf frühgeschichtlichen Mythen und Erzählungen und wird traditionell Homer zugeschrieben (zur Verfasserschaft, auch hinsichtlich der Odyssee, …
Inhalt6 Abschnitte
Gegenstand und Handlung
Die Ilias ist ein altgriechisches Epos und eines der ältesten schriftlich fixierten Werke Europas. Sie schildert nicht den gesamten Trojanischen Krieg, sondern einen Abschnitt aus dessen neunjähriger Dauer. Die Handlung umfasst 24 Bücher beziehungsweise Gesänge und 15.693 Verse. Im Mittelpunkt steht der Zorn des Achilleus, der sich im Verlauf von 51 Handlungstagen auf verschiedene Gegner richtet und schließlich überwunden wird.
Zu Beginn beleidigt Agamemnon, der Oberbefehlshaber der Achaier, den Priester Chryses. Dessen Bitte um die Freilassung seiner Tochter Chryseïs weist Agamemnon zurück. Apollon bestraft die Achaier mit einer neuntägigen Seuche. Als Chryseïs zurückgegeben werden muss, fordert Agamemnon Achilleus’ Beutemädchen Briseïs als Ersatz. Achilleus empfindet dies als Entehrung, zieht sich aus dem Kampf zurück und bittet seine Mutter Thetis, Zeus solle den Trojanern zunächst den Sieg gewähren.
In den folgenden Gesängen drängen die Trojaner die Achaier bis zu deren Schiffen zurück. Eine Gesandtschaft mit Odysseus, Phoinix und Aias versucht vergeblich, Achilleus durch Geschenke und Entschuldigungen zur Rückkehr zu bewegen. Erst als Patroklos die griechischen Kämpfer mit Achilleus’ Rüstung unterstützt, greift er ein. Patroklos wird von Hektor getötet. Daraufhin versöhnt sich Achilleus im 19. Gesang öffentlich mit Agamemnon, kehrt in den Kampf zurück und richtet seinen Zorn nun gegen Hektor. Im 22. Gesang tötet er Hektor und schändet dessen Leichnam zwölf Tage lang.
Im 24. Gesang bittet Hektors Vater Priamos Achilleus um die Herausgabe des Leichnams. Beide erkennen im persönlichen Verlust eine Gemeinsamkeit, und Achilleus überlässt Priamos den Körper zur Bestattung. Das Epos endet mit Hektors Bestattung am 51. Tag. Das Urteil des Paris und die Entführung Helenas werden in den Kypria erzählt; der Trojanische Krieg endet in anderen Werken des Epischen Zyklus, unter anderem in der Iliu persis.
Entstehung und zentrale Forschungsfragen
Die Entstehungszeit ist umstritten. Heute datiert ein großer Teil der Fachwissenschaft die Ilias in das 8. oder 7. Jahrhundert v. Chr., häufig in die zweite Hälfte des 8. Jahrhunderts. Andere Forscher, darunter Walter Burkert und Martin L. West, vertreten eine spätere Datierung. Als mögliche Entstehungszeit des Textes werden abschließend die Jahrzehnte von 670 bis 640 v. Chr., besonders 660 bis 650 v. Chr., genannt. Als terminus ante quem gelten literarische Bezüge bei Alkaios von Lesbos um 600 v. Chr.; in der Kunst sind Ilias-Szenen erst seit etwa 625 v. Chr. sicher nachweisbar. Als terminus post quem werden unter anderem historische Bezüge auf den Wiederaufbau der Stadtmauer Babylons in den Jahren 678/677 v. Chr. herangezogen. Unter einer bestimmten Annahme datiert West die Verschriftlichung nach Hesiod, dessen Lebenszeit mit 730 bis 660, genauer 680 bis 670 v. Chr., angegeben wird. Diese Datierungen und die zugrunde liegenden Bezüge sind jedoch nicht unumstritten.
Die Urheberschaft wird traditionell Homer zugeschrieben. Unklar ist aber, ob Homer Handlung, poetische Komposition und überlieferten Text selbst schuf oder ob der Name für mehrere Bearbeiter steht. Seit dem 18. Jahrhundert entstanden verschiedene Homertheorien. Die Analyse, besonders durch Friedrich August Wolfs Prolegomena ad Homerum von 1795, suchte ältere Einzellieder und spätere Ergänzungen zu unterscheiden und eine ursprüngliche Ilias zu rekonstruieren. Der Unitarismus und die Neoanalyse betonen dagegen die Einheit des Werkes, erklären aber einzelne Spannungen, rhapsodische Veränderungen und nachträgliche Zusätze weiterhin als möglich.
Die Oral-poetry-Theorie von Milman Parry und Albert Lord erklärt die formelhaften Wiederholungen als Ergebnis mündlicher, improvisierender Dichtung. Sie geht davon aus, dass der Stoff im Groben festlag, während Sänger die Darstellung für den Vortrag gestalteten. Diese Theorie ist umstritten, weil Formeln im Text ungleichmäßig verteilt sind und manche Forscher stärker die Arbeit eines individuellen Dichters betonen. Die Ilias-Forschung beschäftigt sich außerdem mit der Frage, ob die Schriftfassung über längere Zeit entstand, diktiert wurde oder auf einer Redaktion, etwa zur Zeit des Tyrannen Peisistratos, beruht.
Auch die Lokalisierung des historischen Ilios bleibt umstritten. Heinrich Schliemanns Grabungen am Hisarlık ab 1870 führten dazu, dass Troia VI oder Troia VIIa mit dem homerischen Ilios verbunden wurden. Neuere Datierungen des Endes von Troia VIIa schwanken zwischen dem frühen 12. und dem frühen 11. Jahrhundert v. Chr.; Troia VIh könnte um 1300 v. Chr. oder in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts v. Chr. zerstört worden sein. Die Gleichsetzung des hethitischen Wiluša mit Ilios und des möglicherweise damit verbundenen Taruiša mit Troia wird diskutiert, ist aber weiterhin unsicher. Für das Verständnis des Iliastextes gilt die konkrete historische Lokalisierung allgemein als nicht entscheidend.
Figuren und erzählerische Gestaltung
Menschen werden in der Ilias kaum durch äußere Beschreibungen des Erzählers charakterisiert. Ihre Reden machen ungefähr 45 % des gesamten Inhalts aus und zeigen ihre Ziele, Konflikte und Gefühle. Der Held strebt nach Ruhm, indem er Wagnisse eingeht, sich im Krieg auszeichnet oder durch Reden hervortritt. Als Leitwort gilt die Forderung des Peleus: „Immer der Beste und den Anderen überlegen sein“. Der Held soll zugleich nicht lebensmüde sein, Gefahren einschätzen und bei einer Siegeschance angreifen. Adlige Figuren gelten als schön und berufen sich teilweise auf göttliche Abstammung, sind aber keine Halbgötter und werden nicht kultisch verehrt.
Die trojanische Seite umfasst ungefähr 50.000 Personen. Neben den Trojanern kämpfen unter anderem Dardaner und Lykier, die von Sarpedon und Glaukos angeführt werden. Die etwa 100.000 bis 120.000 Griechen werden je nach metrischem Bedarf Achaier, Danaer oder Argeier genannt. „Hellene“ bezeichnet in der Ilias nicht das gesamte griechische Heer, sondern nur die Bewohner eines von Achilleus’ Vater Peleus beherrschten Gebietes.
Die Götter sind den Menschen ähnlich: Sie streiten, lügen, betrügen und handeln parteiisch. Sie unterscheiden sich vor allem durch Unsterblichkeit und größeren Einfluss, bleiben aber selbst vom Schicksal beziehungsweise vom Autor abhängig. Ihre Eingriffe steuern und strukturieren die Handlung, verändern aber nicht unbedingt die gesamte Situation, sondern verleihen menschlichen Handlungen besondere Bedeutung. Auf trojanischer Seite stehen vor allem Aphrodite, Apollon und Ares, auf griechischer Seite Athene, Hera, Hephaistos und Poseidon. Auch Schlaf, Traum, Tod, Flüsse und Winde können personifiziert auftreten.
Die Erzählung ist im Kern linear und konzentriert sich auf ein einziges Leitmotiv, den Zorn des Achilleus. Obwohl nur 15 Tage und 5 Nächte des zehnten Kriegsjahres ausführlich dargestellt werden, erläutern Rückblicke frühere Ereignisse. Vorausdeutungen kündigen spätere Entwicklungen an, etwa den Tod Hektors oder Achilleus’ nahes Ende. Insgesamt gibt es über 60 Verweise auf den Rahmen des Epischen Zyklus. Rückblicke überwiegen in der ersten, Vorausblicke in der zweiten Hälfte des Epos.
Sprache, Versform und poetische Mittel
Die Ilias ist in einer künstlichen epischen Sprache verfasst, die im Alltag nie gesprochen wurde. Grunddialekt ist das Ionische, ergänzt durch äolische, attische und ältere Formen. Ältere und jüngere Sprachformen stehen nebeneinander; auch Dualformen, Archaismen, spätere Umdeutungen und möglicherweise aus der indogermanischen Dichtersprache stammende Fügungen kommen vor.
Das Epos besteht aus katalektischen daktylischen Hexametern. Jeder Vers umfasst grundsätzlich sechs Daktylen; ein Daktylus besteht aus einer langen Silbe und zwei kurzen Silben. Der letzte Versfuß ist um eine Silbe gekürzt. Zwei kurze Silben können durch eine lange ersetzt werden, sodass ein Spondeus entsteht. Wortenden und Pausen folgen bestimmten metrischen Regeln. Eine Pause im Versfuß heißt Zäsur, eine Pause am Ende des Metrums Dihärese.
Die epische Sprache enthält zahlreiche wiederkehrende Wortverbindungen und Verse. Solche epischen Formeln füllen häufig das letzte Drittel des Hexameters oder metrische Zäsuren und erleichtern die Gestaltung im Vortrag. Nach Carl Eduard Schmidt gibt es 1804 sich wiederholende Verse, die insgesamt 4730-mal im identischen Wortlaut vorkommen; ähnliche Verse werden mit 5605 angegeben. 1097 Wörter kommen nur einmal vor. Zu den häufigsten Formelmotive zählen Opfer, Mahl, See- und Wagenfahrt, Botengang, Bad, Versammlung und Rüstung. Ein Epitheton ist ein situationsunabhängiger Beiname, der sich in den Hexameter einpasst, etwa „fußschnell“ für Achilleus.
Das Proömium nennt mit dem ersten Wort, „Mēnis“, den Zorn als Thema des Epos und richtet sich an die Muse. Gleichnisse machen Kriegshandlungen durch Bilder aus Natur, Landwirtschaft, Tieren, Technik und Familie anschaulich. Sie sind häufig dreiteilig aufgebaut: Auf ein Stichwort folgt der Wie-Vergleich, anschließend der So-Teil mit der Rückkehr zur Handlung. Das längste Gleichnis umfasst 29 Verse, die kürzesten nur einen Vers; Hermann Fränkel zählt 389 größere und 138 kleine Gleichnisse. Eine Ekphrasis ist die ausführliche Beschreibung eines Gegenstands. Das bedeutendste Beispiel ist die Beschreibung des Schildes, den Hephaistos im 18. Buch für Achilleus herstellt. Kataloge, besonders der über 250 Verse umfassende Schiffskatalog der Achaier, ordnen Personen, Orte und Kontingente systematisch.
Vortrag, Verschriftlichung und Textüberlieferung
Die Inhalte wurden wahrscheinlich zunächst von Aöden an Fürstenhöfen oder bei Festen aus dem Gedächtnis vorgetragen. Für das Panathenäenfest ist die Rezitation der Ilias seit Hipparchos um 520, wahrscheinlich 522, v. Chr. belegt. Die Epen wurden vermutlich vollständig an drei bis vier Tagen vorgetragen und später als Schullektüre verwendet. Nach der Verschriftlichung traten Rhapsoden, die in einem Sprechvers rezitierten, an die Stelle der früher improvisierenden Aöden. Seit dem 5. Jahrhundert v. Chr. setzte sich die Lektüre in Buchform durch.
Der Zeitpunkt und die Form der Verschriftlichung sind nicht geklärt. In der Forschung werden Diktat, eigenhändige Niederschrift, Notizen für den Vortrag und eine spätere Redaktion diskutiert. Mit der Schriftfassung wurde eine drastische Veränderung des Inhalts schwieriger, doch antike Autoren überliefern noch Abweichungen vom heute bekannten Text.
Von der Ilias sind rund 1500 Papyrusfragmente aus der Zeit zwischen 300 v. Chr. und dem 7. Jahrhundert n. Chr. bekannt; außerdem gibt es 130 verarbeitende Werke. Die Papyri weichen oft nur wenig von den mittelalterlichen Handschriften ab, enthalten aber durchschnittlich ungefähr 10 % zusätzliche, anderweitig nicht erhaltene Verse. Ein Papyrus des 3. Jahrhunderts v. Chr. mit 90 Versen aus dem achten Buch enthält 30 zusätzliche Verse. Die alexandrinischen Philologen Zenodotos, Aristophanes von Byzanz und Aristarchos von Samothrake bearbeiteten den Text seit dem 3. Jahrhundert v. Chr. und verfassten kritische Ausgaben und Scholien. Ihre Arbeit wurde später im sogenannten Viermännerkommentar zusammengefasst und bildet eine Grundlage der Handschrift Venetus A.
Seit dem 9. Jahrhundert sind über 200 mittelalterliche und renaissancistische Kodizes bekannt. Die erste vollständige Ilias-Handschrift stammt aus dem 10. Jahrhundert. 1488 erschien in Florenz die editio princeps. Zu den wichtigen modernen Ausgaben gehören Thomas W. Allens Homeri Opera von 1902, Helmut van Thiels Ausgabe von 1996 und Martin L. Wests Ausgabe von 1998/2000. Die einflussreichste deutsche Übersetzung in Hexametern ist Johann Heinrich Voß’ Fassung von 1793. Wolfgang Schadewaldts Übertragung von 1975 in freien Versen beziehungsweise rhythmisierter Prosa wird in Fachkreisen besonders hoch geschätzt.
Bedeutung und Wirkung
Die Ilias prägte die griechische Mythologie sowie die europäische Kunst- und Geistesgeschichte. Sie beeinflusste die kyklischen Epen, die Homerischen Hymnen, Hesiod, die griechische Tragödie, Geschichtsschreibung und Philosophie. Platon kritisierte die unmoralische und anthropomorphe Darstellung der Götter und erklärte Ilias und Odyssee für erziehungsungeeignet; Aristoteles sah in ihnen Ursprünge der Tragödie.
In der römischen Republik und Kaiserzeit wurde Griechisch in der Schule anhand der Ilias und Odyssee gelernt. Vergils Aeneis griff besonders im zweiten Teil Motive und Strukturen der Ilias auf. Im Mittelalter ging die Kenntnis des griechischen Originals in Mittel- und Westeuropa fast vollständig verloren; erhalten blieben vor allem die lateinische Ilias Latina und Bearbeitungen des Trojanischen Stoffes. In Byzanz wurde die Ilias weiter als Schul- und Bildungstext gelesen. Seit den Übersetzungen der Neuzeit wurde sie erneut für Literatur, Kunst, Theater und Film wichtig. Nacherzählungen, Übersetzungen und moderne Bearbeitungen greifen besonders die Themen Krieg, Zorn, Ruhm, Verlust und menschliche Verantwortung auf.