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Homer

Herodot schätzte, dass Homer 400 Jahre vor ihm gelebt haben müsse; dies entspräche in etwa der Zeit um 850 v. Chr. Andere historische Quellen legen das Wirken …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Bedeutung und Überlieferung
  2. 2. Ilias und Odyssee
  3. 3. Entstehungszeit und Homerische Frage
  4. 4. Weitere zugeschriebene Werke
  5. 5. Wirkung von der Antike bis heute

Bedeutung und Überlieferung

Homer gilt traditionell als Autor der Ilias und der Odyssee, zweier früher Epen der Weltliteratur, und damit als frühester Dichter des Abendlandes. Die beiden Werke sind die ersten großen Schriftzeugnisse der griechischen Geschichte; nach klassischer Auffassung beginnt mit ihnen die europäische Kultur- und Geistesgeschichte. Homers Wirkung reicht von der Antike bis in die Gegenwart.

Ob es eine historische Person namens Homer gab, ist jedoch nicht gesichert. Ebenso sind Geburts- und Todesort sowie Lebensdaten unbekannt. Die Forschung stimmt heute weitgehend darin überein, dass Homer – falls es ihn gab – ungefähr in der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts und/oder in der ersten Hälfte des 7. Jahrhunderts v. Chr. lebte. Herodot setzte ihn etwa um 850 v. Chr. an; andere Quellen verlegten ihn in die Zeit des traditionell um 1200 v. Chr. datierten Trojanischen Krieges.

Ilias und Odyssee

Homer wurde vor allem als Dichter der Ilias und der Odyssee berühmt. Seine Autorschaft für beide Epen ist umstritten. Die Texte sind im ionischen Dialekt des Altgriechischen geschrieben; ihre Herkunft aus dem griechischen Kleinasien erscheint deshalb durch sprachliche Analyse gesichert.

Die Grundsprache ist das Ionische der früharchaischen Zeit. Sie enthält Elemente des äolischen Dialekts sowie Überlieferungen aus älterer Tradition. Weil die Epen ursprünglich mündlich aus dem Gedächtnis vorgetragen wurden, kehren feste Formulierungen oft wieder: Epitheta, also kennzeichnende Beiwörter, und ganze sogenannte Formelverse.

Bis in die hellenistische Zeit gab es verschiedene Textfassungen. Erste Versuche einer Kanonisierung werden in die Zeit des athenischen Tyrannen Peisistratos gesetzt. Aristarchos von Samothrake († 144 v. Chr.) redigierte die heute maßgebliche Fassung einschließlich der noch verwendeten Einteilung in „Gesänge“.

Entstehungszeit und Homerische Frage

Die Homerische Frage bezeichnet die literaturwissenschaftliche Untersuchung der Urheberschaft. Sie fragt vor allem, ob Homer nur die Ilias oder beide Epen verfasst habe oder ob der Name verschiedene Dichter zusammenfasst, die ältere mündlich überlieferte Sagen schriftlich kompilierten.

Auch die zeitliche Beziehung der Epen ist strittig: Die Odyssee gilt als deutlich jünger; daher stellt sich die Frage, ob sie noch zu Lebzeiten des Ilias-Autors entstanden sein kann. Teilweise wird die Ilias als Jugend- und die Odyssee als Alterswerk Homers angesehen. Stilistische Analysen neigen heute wegen der hohen kompositorischen Kunst und der durchgehenden sprachlichen Qualität beider Epen wieder zu einem gemeinsamen Verfasser, „Homer“, als wahrscheinlicher Erklärung.

Die meisten Wissenschaftler datieren die Epen in das 8. Jahrhundert v. Chr.; besonders Martin Litchfield West und Walter Burkert vertreten dagegen einen späteren Ansatz im 7. Jahrhundert v. Chr. Als Hinweis für eine schriftliche Fixierung gilt die Komplexität der Epen, während die Einführung der Alphabetschrift in Griechenland meist um 800 v. Chr. datiert wird. Ilias-Szenen erscheinen erst ab etwa 625 v. Chr. auf geometrischen Vasen. Der „Nestorbecher“ von Ischia (ca. 740/20 v. Chr.) scheint auf die Ilias anzuspielen. Insgesamt sprechen die Indizien für eine Entstehung in der zweiten Hälfte des 8. oder der ersten Hälfte des 7. Jahrhunderts v. Chr.

Weitere zugeschriebene Werke

In der Antike wurden Homer weitere Werke zugeschrieben. Diese Zuschreibungen gelten wohl durchweg als Pseudepigraphen, also Schriften, die unter einem fremden Namen überliefert wurden. Vollständig erhalten ist außer Fragmenten nur die vermutlich nicht von Homer stammende Travestie über den Krieg zwischen Fröschen und Mäusen.

Umstritten ist auch die Urheberschaft der 33 Homerischen Hymnen. Sie sind Preislieder auf griechische Götter, stehen Ilias und Odyssee stilistisch nahe und wurden von Rhapsoden als Einleitung zu Rezitationen vorgetragen. Besonders bekannt sind der Hymnos an Apollon und der Hymnos an Aphrodite.

Wirkung von der Antike bis heute

In der Antike war Homer im griechischen Kulturleben in bildender Kunst, Philosophie und Literatur allgegenwärtig. Obwohl seine Sprache später als archaisch und schwer verständlich galt, blieben Rezitationen bei Festspielen beliebt. Das Verstehen Homers wurde zur Aufgabe der Bildung, der paideía. Seine Epen stifteten den politisch zersplitterten griechischen Stämmen und Poleis ein gemeingriechisches Selbstverständnis. Auch die Römer übernahmen seine hohe Wertschätzung: Livius Andronicus’ Odusia, eine Übertragung der Odyssee ins Altlateinische, war bereits in republikanischer Zeit Schullektüre des Adels. Vergils Aeneis kann als Versuch verstanden werden, den Römern eine vergleichbare Herkunftssage zu geben.

Im westlichen Mittelalter ging die Kenntnis Homers wegen der stark zurückgegangenen Griechischkenntnisse weitgehend verloren; Vergil und Lucan waren als Epiker geläufiger. Um 1360 übersetzte Leontius Pilatus, angeregt von Petrarca, Ilias und Odyssee ins Lateinische. Nach der Eroberung Konstantinopels durch die Osmanen 1453 brachten fliehende griechische Gelehrte griechische Quellen und damit Homer wieder stärker in den Westen; dies prägte die Renaissance. Die gedruckte Erstausgabe, die Editio princeps, gab Demetrios Chalkondyles im 15. Jahrhundert heraus.

In Deutschland beeinflussten insbesondere die Homerübersetzungen Johann Heinrich Voß’ Klassik und Romantik. Homerische Stoffe und Themen sind in europäischer Literatur und bildender Kunst verbreitet; außerdem gehen zahlreiche Redewendungen und „geflügelte Worte“ auf sein Werk zurück. Zeitgenössische Bearbeitungen stammen unter anderem von Wolfgang Hildesheimer, Derek Walcott und Botho Strauß. Der Asteroid (5700) Homerus trägt seinen Namen.

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