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Nudging
Nudging ([ˈnad͡ʒɪŋ] engl. für Stupsen oder Schubsen, hier im Sinne von Anstoß, Anreiz oder Anregung zu einem bestimmten Verhalten; auch: Nudge [ ˈnad͡ʒ], …
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Grundidee und Menschenbild
Nudging bezeichnet in der Verhaltensökonomik eine Methode, das Verhalten von Menschen zu beeinflussen, ohne Verbote oder Gebote einzusetzen oder ökonomische Anreize zu verändern. Geprägt wurde der Begriff von dem Wirtschaftswissenschaftler Richard Thaler und dem Rechtswissenschaftler Cass Sunstein durch ihr Buch „Nudge: Improving Decisions About Health, Wealth, and Happiness“ von 2008.
Der Ansatz geht nicht vom Homo oeconomicus aus, also einem Menschen, der stets rational entscheidet und seinen Nutzen optimal maximiert. Stattdessen nimmt er an, dass Menschen nicht immer die für sie beste Entscheidung treffen. Experimente der Wirtschaftsforschung zeigen, dass ihr Verhalten häufig von den Vorhersagen des Modells rationaler Nutzenmaximierung abweicht. Entscheidungen werden außerdem unvermeidlich durch die Entscheidungsarchitektur beeinflusst, also durch den Kontext und die Art, wie Wahlmöglichkeiten gestaltet und dargestellt werden.
Setzt der Staat Nudging ein, sprechen Thaler und Sunstein von libertärem Paternalismus. „Paternalistisch“ ist die gezielte Gestaltung der Entscheidungssituation zugunsten des angenommenen Gemeinwohls. „Libertär“ soll sie sein, weil Betroffene weiterhin eine andere Möglichkeit wählen können. Diese Verbindung schlugen die Autoren bereits 2003 in ihrem Artikel „Libertarian Paternalism“ vor.
Arten und Wirkungsweisen
Ein besonders wichtiger Nudge ist der Default, also eine Standard- oder Vorgabeoption, die gilt, wenn eine Person nicht aktiv anders entscheidet. Aus Sicht des Regulierers soll ein sozial optimaler Default dazu führen, dass bereits das passive Beibehalten der Voreinstellung das gewünschte Verhalten erzeugt.
In den USA schließen beispielsweise deutlich mehr Menschen eine betriebliche Altersvorsorge ab, wenn die Teilnahme beim Beginn einer Beschäftigung automatisch voreingestellt ist. Muss man sich aktiv anmelden, wird die Entscheidung häufig zu lange aufgeschoben. Auch technische Voreinstellungen bleiben oft bestehen, weil ihre Änderung Suchaufwand verursacht. Amazon wählt beim Abschluss eines Einkaufs den „Standardversand“ vor; viele Verbraucher bleiben wegen des Aufwands eines Wechsels und wegen Zeitinkonsistenz dabei. An einer Universität in New Jersey wurden Drucker standardmäßig auf doppelseitiges Drucken eingestellt. Gegenüber den vorherigen vier Jahren wurden dadurch 55 Mio. Blatt beziehungsweise 44 Prozent Papier weniger verbraucht, was der Schonung von 4.650 Bäumen entsprach.
Informations-Nudges stellen zusätzliche, verständliche Informationen bereit, damit Menschen bessere Entscheidungen treffen können. Sie sollen entweder schwächere Marktteilnehmer schützen oder eine optimale Entscheidung erleichtern. Besonders bei komplizierten Fragen sollen sie die Entscheidungssituation verbessern. Ein Beispiel ist die Lebensmittelampel, die einen Überblick über Inhaltsstoffe gibt.
Weitere Instrumente sind Vereinfachungen übersichtlicher Formulare, Warnungen, Erinnerungen und Offenlegung verständlicher Angaben etwa zur Kreditkarten- oder Energienutzung. Framing und Informationsarchitektur nutzen die Tatsache, dass Präsentation, Symbole und Signale die Wahrnehmung beeinflussen. Soziale Nudges beruhen auf sozialen Normen, Nachahmung oder Gruppendruck. Strategien der Selbstbindung sollen Menschen helfen, eigene Ziele einzuhalten, etwa durch eine Wette mit Freunden. Die gezielte Frage nach einer Handlungsabsicht – beispielsweise „Werden Sie wählen gehen?“ – kann die spätere Umsetzung wahrscheinlicher machen. Rückmeldungen über Folgen früherer Entscheidungen, etwa zum persönlichen Energieverbrauch oder zu Gesundheitsausgaben, sollen Lernen und Verhaltensänderungen fördern.
Beispiele und ethische Anforderungen
Typische Nudges verändern die Umgebung, ohne eine Wahlmöglichkeit zu beseitigen. Werden Obst und Gemüse in einer Cafeteria auf Augenhöhe oder in Griffnähe angeboten, greifen Menschen häufiger dazu; weiter entferntes Gebäck wird seltener gewählt. Geeignet platzierte Spiegel und ein entsprechender Schriftzug am Einkaufswagen können laut einer Studie ebenfalls den Obstkauf erhöhen. Warnhinweise auf Zigarettenschachteln sollen dagegen den Tabakkonsum senken. Ein Fliegenbild in Urinalen führte dazu, dass 80 Prozent weniger Urin auf dem Boden landete, weil Männer darauf zielten.
Richard Thaler nennt drei Grundsätze für ethische Nudges:
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Sie müssen transparent sein und dürfen nicht irreführen.
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Es sollte möglichst einfach sein, sich dagegen zu entscheiden, wenn möglich mit nur einem Mausklick.
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Es muss gute Gründe für die Annahme geben, dass das geförderte Verhalten dem Wohlergehen der Gesellschaft dient.
Bei staatlichem Nudging sind außerdem die tatsächlichen Bedürfnisse und Wünsche der Menschen zu prüfen: Welches Problem soll eine Voreinstellung lösen, wie verbessert sie das Wohlergehen und entspricht das geförderte Verhalten den Entscheidungen der Betroffenen?
Nudging in der Politik
Thaler und Sunstein schlagen unter anderem private Vorsorgepläne vor, in die automatisch eingezahlt wird, sofern eine Person nicht widerspricht. Die Einzahlungsrate soll mit jeder Gehaltserhöhung automatisch steigen. Auch bei der Organspende befürworten sie eine Widerspruchsregelung: Jeder gilt als Spender, sofern er sich nicht ausdrücklich dagegen entscheidet.
Für die Politik werden zehn bedeutende Formen genannt: Default-Regeln, Vereinfachung, soziale Normen, mehr Bequemlichkeit und Einfachheit, Offenlegung, Warnungen, Selbstbindungsstrategien, Erinnerungen, das Erfragen von Durchführungsabsichten sowie Informationen über Folgen früherer Entscheidungen. Default-Regeln gelten dabei als besonders wirksam. Soziale Normen können etwa zum Wählen oder Steuerzahlen anregen; ein leichterer Zugang zu gesundem Essen soll Hindernisse für gesundes Verhalten verringern.
Weltweit bestehen über 80 Behavioral Insights Teams, die verhaltenswissenschaftliche Erkenntnisse für Politik und Verwaltung nutzen. Die britische Regierung richtete 2010 ein Behavioural Insights Team ein. Es untersuchte unter anderem, wie Steuerzahlungen, Spenden und Wahlbeteiligung erhöht sowie Fehler bei Medikamentenverschreibungen vermieden werden können. Paul Dolan, ein Mitglied des Teams, entwickelte das Mindspace-Konzept als Maßnahmenkatalog für die Politikberatung zu Gesundheit, Finanzen und Klimawandel. Auch New South Wales in Australien besitzt eine entsprechende Einheit.
In den USA besteht die Social and Behavioral Sciences Initiative. Aufgrund des Gleichbehandlungsgrundsatzes im 14. Zusatzartikel zur Verfassung werden staatliche Eingriffe in Freiheitsrechte besonders auf ihre Verhältnismäßigkeit geprüft. Eine bloße Verschiebung von Anreizen durch Nudging gilt dagegen nicht als Eingriff und ist daher leichter durchzusetzen und vor Gericht zu verteidigen.
Ende 2014 stellte das deutsche Bundeskanzleramt drei Referenten mit verhaltensökonomischem Hintergrund ein. Ob und in welchem Umfang das Kanzleramt Nudging einsetzt, ist umstritten. In der ökologisch ausgerichteten Verbraucherpolitik wird es zunehmend zur Förderung nachhaltigen Konsums verwendet.
Eine besondere Anwendung betrifft die psychologische Kriegsführung: Am 30. November 2021 gewann das US-Unternehmen Veriphix die „NATO Innovation Challenge“ mit einer Plattform, die mithilfe von Nudges Meinungen der Bevölkerung im Internet überwachen und vorhersagen soll.
Kritik und Grenzen
Nudging wird in mehreren Wissenschaften kontrovers beurteilt. Psychologen bestreiten teilweise die Annahme, beobachtete Abweichungen vom rationalen Modell seien irrationale Defizite. Solche „Verhaltensanomalien“ könnten sinnvoll oder sogar intelligent sein und müssten anders interpretiert werden.
Rechtswissenschaftliche Kritik richtet sich gegen den paternalistischen Schluss von wirtschaftlichen Aussagen darüber, wie Menschen handeln, zu rechtlichen Vorgaben darüber, wie sie handeln sollen. Nudges könnten ungerechtfertigt in Grundrechte eingreifen und verfassungswidrig sein. Eine Grenze sei jedenfalls erreicht, wenn die freie Wahl eines selbstbestimmten und informierten Menschen nicht respektiert wird.
Politisch wird kritisiert, dass zuerst festgelegt werden müsse, welche Wahl als die beste gilt. Sascha Lobo hält besonders die Verbindung von Nudging und digitalem Fortschritt für gefährlich, weil sie liberaler Entscheidungsfreiheit widersprechen könne. Weitere Kritiker sehen Probleme mit demokratischen Grundsätzen, da Nudges keine Handlungsgründe vermitteln. Martin Rhonheimer betrachtet sie als manipulativ, schwer bekämpfbar und als eine Überschreitung staatlicher Aufgaben, weil sie Emotionen und irrationale Verhaltensanteile beeinflussen sollen.
In Philosophie und Ethik ist umstritten, ob „weicher“ Paternalismus die Autonomie tatsächlich wahrt. Außerdem werde der Begriff Nudge bei Thaler und Sunstein uneinheitlich verwendet und nicht klar genug von anderen Formen der Verhaltenssteuerung abgegrenzt. Ökonomisch bleiben die normativen Grundlagen fraglich: Es lasse sich nicht sicher feststellen, welche Beeinflussung den tatsächlichen Interessen der betroffenen Menschen entspricht.
Die Nachhaltigkeitsforschung bezweifelt teilweise die Wirksamkeit von Nudging als umweltpolitisches Instrument und bewertet sowohl Thalers Ansatz als auch manche Kritik daran als unterkomplex. Allcott und Kessler kritisierten 2019 zudem, dass Untersuchungen vor allem den unbestrittenen Nutzen betrachteten, die entstehenden Kosten aber nicht realistisch erfassten.
Lernvideos zu Nudging
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