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Verhaltensökonomik
Sie beschäftigt sich mit menschlichem Verhalten in wirtschaftlichen Situationen. Dabei werden auch Konstellationen untersucht, in denen Menschen im Widerspruch …
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Gegenstand und Ziel
Die Verhaltensökonomik, auch verhaltensorientierte Ökonomik, ist ein Teilgebiet der Wirtschaftswissenschaft. Sie untersucht, wie Menschen sich in wirtschaftlichen Situationen tatsächlich verhalten. Dabei betrachtet sie besonders Entscheidungen, die von der Modellannahme des Homo oeconomicus abweichen. Als Homo oeconomicus bezeichnet man einen vollständig rational handelnden Menschen, der seinen Nutzen maximiert. Da Menschen meist nur teilweise und nicht ständig von rationaler Nutzenmaximierung abweichen, wäre die Bezeichnung „verhaltensorientierte Ökonomik“ streng genommen genauer. Ähnliche Fragestellungen werden mathematisch auch in der Spieltheorie untersucht.
Die traditionelle Haushaltstheorie der Mikroökonomie nimmt unter anderem an, dass Verbraucher bestimmte Güter eindeutig anderen vorziehen, Budgetbeschränkungen unterliegen und bei gegebenen Preisen, Präferenzen und Einkommen die Güterkombination mit dem größten Nutzen wählen. In der Wirklichkeit sind Präferenzen jedoch nicht immer eindeutig und können sich mit dem Entscheidungskontext verändern. Beispielsweise können als ungerecht empfundene Preise eine Rolle spielen. Menschen handeln außerdem nicht immer nutzenmaximierend: Rein nach diesem Modell wäre es vorteilhaft, kein Trinkgeld zu geben, trotzdem tun Menschen dies alltäglich.
Die Verhaltensökonomik verbindet deshalb wirtschaftswissenschaftliche Modelle mit Erkenntnissen aus Psychologie und Soziologie. Durch realistischere Annahmen über menschliches Verhalten soll sie etwa die Verbrauchernachfrage besser erklären. Der Übergang zur Ökonomischen Psychologie ist fließend. Zu den Subdisziplinen gehören die verhaltensorientierte Finanzmarkttheorie, englisch behavioral finance, zur Untersuchung vermeintlich irrationalen Verhaltens auf Finanz- und Kapitalmärkten sowie teilweise die verhaltensorientierte Politikgestaltung, englisch behavioral public policy, sofern sie auf wirtschaftliche Zusammenhänge angewandt wird.
Zentrale Beobachtungen
Drei Themen sind für Verhaltensökonomik und behavioral finance besonders wichtig:
• Heuristiken sind einfache, schnelle und stabile Faustregeln. Menschen analysieren bei wirtschaftlichen Entscheidungen häufig nicht alle Möglichkeiten und berechnen Wahrscheinlichkeiten nicht genau. Wenn sie die Wahrscheinlichkeit eines Ergebnisses einschätzen sollen, beantworten sie oft unbewusst eine einfachere Frage. Heuristiken liefern dadurch möglichst passende, aber häufig unvollkommene Antworten auf schwierige Fragen. Sie können kognitive Verzerrungen, also systematische Denkfehler, und damit Fehlurteile verursachen.
• Der Framing-Effekt bedeutet, dass die Darstellung oder Formulierung eines Problems beeinflusst, wie sich eine Person entscheidet. Damit kann unterschiedliches Verhalten entstehen, obwohl der eigentliche Entscheidungsgegenstand gleich bleibt.
• Unvollkommene Märkte oder Market inefficiencies sind beobachtete Marktvorgänge, die rationalen Erwartungen und der Annahme effizienter Märkte widersprechen. Dazu gehören fehlerhafte Preise, unvernünftige Entscheidungen und ungewöhnliche Gewinnentwicklungen. Richard Thaler beschrieb in zahlreichen Aufsätzen solche Marktanomalien aus behavioristischer Sicht.
Individuelle Vorurteile oder Verzerrungen erklären marktweite Anomalien jedoch nicht automatisch. Einzelne Präferenzen können Preise und Gewinne nicht unbedingt deutlich verschieben, und entgegengesetzte Verzerrungen verschiedener Personen können sich gegenseitig ausgleichen. Große ungewöhnliche Wirkungen können entstehen, wenn stark emotionale Einstellungen wie allgemeine Habgier oder Panik die Gesellschaft erfassen. Dann sind Herdenverhalten und Gruppendenken möglich. Deshalb stützt sich die Verhaltensökonomik sowohl auf Sozialpsychologie als auch auf Individualpsychologie.
Marktweite Auswirkungen sind außerdem denkbar, wenn so viele Menschen von rationalen Erwartungen abweichen, dass dieses Verhalten zur Norm wird. Manche Modelle zeigen auch, dass bereits eine kleine, aber bedeutende Gruppe den gesamten Markt beeinflussen kann, beispielsweise Fehr und Schmidt (1999). George Akerlof und Robert Shiller versuchten zudem in „Animal Spirits“, verhaltensökonomische Erkenntnisse für eine makroökonomische keynesianische Konjunkturtheorie nutzbar zu machen.
Untersuchungsmethoden
Anfangs entstanden verhaltensökonomische Theorien fast ausschließlich aus experimentellen Beobachtungen und Antworten auf Befragungen. Später gewannen Daten aus der wirklichen Welt an Bedeutung. Auch die funktionelle Magnetresonanztomografie (fMRT) wurde eingesetzt, um zu untersuchen, welche Gehirnregionen während verschiedener Schritte einer wirtschaftlichen Entscheidung aktiv sind.
Besonders nützlich sind Experimente, die Marktsituationen wie Börsenhandel oder Auktionen nachbilden. Forschende können damit die Wirkung einer bestimmten Voreingenommenheit möglichst getrennt von anderen Einflüssen untersuchen. Das ist wichtig, weil dasselbe beobachtete Marktverhalten oft mehrere mögliche Erklärungen besitzt. Sorgfältig gestaltete Experimente können die Zahl der nachvollziehbaren Erklärungen eingrenzen.
Die Versuche sollen vergleichbare Anreize bieten. Verbindliche Transaktionen mit echtem Geld sind dabei die Norm. Auf diese Weise sollen die Versuchspersonen tatsächliche wirtschaftliche Folgen ihrer Entscheidungen spüren, anstatt lediglich unverbindliche Antworten zu geben.
Entwicklung des Forschungsgebiets
In der klassischen Nationalökonomie waren Wirtschaftstheorie und Psychologie eng verbunden. Adam Smith behandelte psychologische Grundsätze individuellen Verhaltens in „The Theory of Moral Sentiments“ („Die Theorie moralischer Gefühle“), und Jeremy Bentham schrieb über die psychologischen Grundlagen der Nützlichkeit. In der neoklassischen Theorie wollten Wirtschaftswissenschaftler ihre Disziplin stärker nach dem Vorbild einer Naturwissenschaft gestalten. Dabei entstand das Konzept des vernunftgeleiteten Homo oeconomicus. Dennoch beeinflusste Psychologie weiterhin Arbeiten von Francis Edgeworth, Vilfredo Pareto und Irving Fisher.
Um die Mitte des 20. Jahrhunderts war Psychologie aus der ökonomischen Diskussion weitgehend verschwunden. Ihre Bedeutung nahm wieder zu, als wiederkehrende Anomalien an den weithin anerkannten Modellen der erwarteten Nützlichkeit und der Nützlichkeit nach Kostenabzug (discounted utility) sichtbar wurden. Diese Modelle lieferten überprüfbare Aussagen über Entscheidungen unter Unsicherheit beziehungsweise über zeitlich verteilten Konsum. Gleichzeitig verstand die kognitive Psychologie das Gehirn seit den 1960er Jahren zunehmend als informationsverarbeitendes System. Ward Edwards, Amos Tversky und Daniel Kahneman prüften kognitive Entscheidungsmodelle unter Risiko und Unsicherheit an ökonomischen Modellen rationalen Verhaltens.
Als besonders wichtig gilt Kahnemans und Tverskys Aufsatz „Prospect Theory: An Analysis of Decision under Risk“ von 1979. Er nutzte Methoden der kognitiven Psychologie, um dokumentierte Abweichungen von rationalen wirtschaftlichen Entscheidungen zu erklären. Weitere Entwicklungsschritte waren eine Konferenz an der Universität von Chicago und 1997 eine Sonderausgabe des „Quarterly Journal of Economics“ zum Gedenken an Amos Tversky.
2002 wurde der erste Alfred-Nobel-Gedächtnispreis für Wirtschaftswissenschaften zum Thema Verhaltensökonomik zu gleichen Teilen an Daniel Kahneman und Vernon Smith verliehen. Bereits 1994 hatte Reinhard Selten, deutscher Verhaltensökonom und Begründer des Labors für experimentelle Wirtschaftsforschung an der Universität Bonn, den Preis für seinen Beitrag zur Spieltheorie erhalten. 2017 wurde Richard Thaler für seinen Beitrag zur Verhaltensökonomik ausgezeichnet.
Kritik und offene Streitfragen
Kritiker betonen häufig, dass wirtschaftlich Handelnde grundsätzlich vernünftig seien. Experimentell beobachtete Abweichungen ließen sich ihrer Ansicht nach nicht ohne Weiteres auf reale Märkte übertragen: Lernmöglichkeiten und Wettbewerb könnten dafür sorgen, dass sich das Verhalten zumindest weitgehend der Rationalität annähert. Außerdem seien kognitive Theorien wie die Prospect Theory lediglich Modelle einzelner Entscheidungen und keine allgemein gültigen Beschreibungen wirtschaftlichen Verhaltens. Sie könnten daher vor allem für die einmaligen Aufgaben gelten, die Versuchspersonen in Experimenten oder Befragungen erhalten.
Auch die Methoden stehen in der Kritik. Traditionelle Wirtschaftswissenschaftler bevorzugen häufig tatsächliche gegenüber lediglich in Befragungen angegebenen Präferenzen. Experimente und Befragungen müssen systematische Verzerrungen, strategisches Verhalten und fehlende Anreizvergleichbarkeit vermeiden. Weil sich diese Einflüsse schwer vollständig ausschließen lassen, werden die Ergebnisse teilweise angezweifelt. Rabin (1998) wendet dagegen ein, dass Befunde in verschiedenen Situationen und Ländern wiederholt werden können und dadurch gute empirische Bestätigungen der Modelle liefern.
Kritiker der behavioral finance wie Eugene Fama verteidigen meist die Theorie vollkommener Märkte. Sie sehen behavioral finance eher als Sammlung von Anomalien denn als eigenständigen Zweig der Finanztheorie. Ihrer Auffassung nach verschwinden diese Anomalien durch Preisanpassungen oder lassen sich mit der Mikrostruktur der Märkte erklären. Dabei ist zwischen individuellen und gesellschaftlichen Verzerrungen zu unterscheiden: Individuelle Verzerrungen können sich am Markt ausgleichen, gesellschaftliche Verzerrungen können dagegen Rückkopplungen auslösen und den Markt immer weiter vom „fairen Preis“ entfernen. Die Subprime-Krise von 2008, der eine Spekulationsblase auf dem US-Immobilienmarkt zugrunde lag, zeigte die Schwierigkeiten von Modellen, die vollkommene Märkte voraussetzen. Spekulationsblasen sind in Modellen mit Rationalitätsannahme generell kaum zu erklären, obwohl sie historisch wiederholt auftraten.
Eine besondere Debatte betrifft das Equity-premium-Rätsel, also den Unterschied zwischen den Erträgen von Wertpapieren und Anleihen. Eine Erklärung führt ihn auf frühere praktische und psychologische Markteintrittsbarrieren zurück. Elektronischer Wertpapierhandel könnte demnach mehr Menschen Zugang verschaffen und den Ertragsunterschied mit der Zeit verringern. Dagegen wird eingewandt, dass viele persönliche Investmentfonds von Pensionskassen verwaltet werden und der Einfluss solcher Barrieren daher gering sein dürfte. Außerdem halten professionelle Investoren und Fondsmanager offenbar mehr Anleihen, als aufgrund der langfristigen Ertragsunterschiede zu erwarten wäre.