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Novemberrevolution in Braunschweig

Die Novemberrevolution in Braunschweig war eine von Arbeitern und Soldaten getragene Erhebung in Braunschweig kurz vor Ende des Ersten Weltkriegs, die am 8.

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Kern und historischer Kontext
  2. 2. Krise, Revolution und Abdankung
  3. 3. Vom Rätesystem zur parlamentarischen Demokratie
  4. 4. Radikalisierung und politische Neuordnung
  5. 5. Generalstreik, Freikorps und Folgen

Kern und historischer Kontext

Die Novemberrevolution in Braunschweig war eine von Arbeitern und Soldaten getragene Erhebung kurz vor dem Ende des Ersten Weltkriegs. Sie führte am 8. November 1918 zur Abdankung Herzog Ernst Augusts, des letzten Herzogs von Braunschweig, und bis Mai 1919 zur Umwandlung des Landes in einen demokratischen Freistaat. Die Ereignisse waren Teil der reichsweiten Novemberrevolution, die den Sturz der Monarchien im Deutschen Kaiserreich und in seinen Bundesstaaten bewirkte. Zugleich trugen sie zu den politischen und sozialen Veränderungen bei, aus denen die parlamentarisch-demokratische Weimarer Republik entstand.

Das Deutsche Kaiserreich befand sich Ende 1918 in einer schweren wirtschaftlichen, sozialen und politischen Krise. Die Oberste Heeresleitung erklärte die militärische Lage Ende September 1918 für aussichtslos; General Ludendorff forderte ein Waffenstillstandsgesuch. Ab Anfang Oktober wurde die Reichsregierung auf eine parlamentarische Grundlage gestellt. Nach dem Kieler Matrosenaufstand ab dem 3. November bildeten sich im ganzen Reich Arbeiter- und Soldatenräte, und es kam zu Streiks. Am 7. November wurde der bayerische König Ludwig III. abgesetzt und in München der Freistaat Bayern ausgerufen. Am 9. November erreichte die Revolution Berlin: Die Abdankung Wilhelms II. wurde bekanntgegeben, Friedrich Ebert übernahm die Reichskanzlerschaft, Philipp Scheidemann rief die erste deutsche Republik aus und Karl Liebknecht proklamierte die „Freie Sozialistische Republik Deutschland“. Am 11. November 1918 um 11 Uhr vormittags endeten die Kämpfe des Ersten Weltkriegs.

Krise, Revolution und Abdankung

Braunschweig bereitete sich Ende 1918 auf den fünften Kriegswinter vor. Lebensmittel, wichtige Güter und Brennmaterial waren knapp, soziale Leistungen der Betriebe wurden gekürzt, und der Schwarzhandel blühte. Die Spanische Grippe forderte zahlreiche Opfer. 15.000 Soldaten des Herzogtums Braunschweig waren gefallen; zugleich kehrten traumatisierte Frontsoldaten zurück. In der Stadt bestanden bereits länger soziale Spannungen. Die „Spartakusgruppe Braunschweig“ unter August Merges unterstützte Deserteure. 1914 war der „Braunschweiger Revolutionsclub“ entstanden. Ein Streik junger Arbeiter gegen die sogenannte Sparzwangregelung wurde am 1. Mai 1916 begonnen und führte zur Aufhebung der Regelung am 6. Mai. Vom 15. bis 20. August 1917 fand unter dem Motto „Friede! Brot! Freiheit!“ der erste Generalstreik der Stadt statt. Nach der Spaltung der SPD 1917 wechselte in Braunschweig die Mehrheit zur USPD; dadurch war die linke Sozialdemokratie hier besonders stark.

Anfang November 1918 verbreiteten sich Gerüchte über eine bevorstehende Erhebung. Am 6. November trafen Matrosen aus Kiel und Wilhelmshaven ein. Am 7. November wurden bei einer Großdemonstration das Gefängnis Rennelberg gestürmt und Gefangene befreit. Revolutionäre besetzten unter anderem Bahnhof, Post, Schlosswache und Amtsgebäude. Arbeiter mehrerer Fabriken wurden mobilisiert, und fast die gesamte Braunschweiger Garnison schloss sich den Aufständischen an. Herzog Ernst August hatte angeordnet, ein Blutvergießen zu vermeiden.

Am 8. November 1918 versammelten sich zwischen Ackerhof und Schlossplatz etwa 20.000 Menschen. Die Revolutionäre besetzten das Gebäude des „Volksfreunds“, der damit als Sprachrohr der Linksradikalen diente; auf dem Schloss wurde die Rote Fahne gehisst. Eine Abordnung unter August Merges forderte den Herzog zur Abdankung auf. Nach kurzer Beratung unterzeichnete Ernst August die Abdankungsurkunde und verließ Braunschweig am folgenden Tag mit seiner Familie nach Gmunden ins österreichische Exil. Seine Minister traten geschlossen zurück und übergaben ihre Amtsgeschäfte dem Arbeiter- und Soldatenrat.

Vom Rätesystem zur parlamentarischen Demokratie

Nach der Abdankung übernahm ein Arbeiter- und Soldatenrat die politische Führung. Am 10. November 1918 wurde die „Sozialistische Republik Braunschweig“ ausgerufen. August Merges wurde ihr erster Präsident; die tatsächliche Regierungsgewalt lag beim Rat der Volkskommissare unter Sepp Oerter. Die Regierung war zunächst eine Alleinregierung der USPD. Zu den Volkskommissaren gehörte Minna Faßhauer, die für Volksbildung zuständig war und als erste Ministerin Deutschlands gilt.

Der Arbeiter- und Soldatenrat beschloss eine „Rote Garde“ von etwas mehr als 1.000 Mann. Sie sollte die Republik verteidigen, Recht und Ordnung sichern und verhindern, dass heimkehrende Frontsoldaten die Monarchie wiederherstellten. Am 14. November wurde sie in „Volkswehr“ umbenannt. Wegen Hausdurchsuchungen und Beschlagnahmungen von Lebensmitteln wurde sie in der Bevölkerung bald unbeliebt. Merges strebte eine Räterepublik nach russischem Vorbild an. Oerter befürwortete dagegen ein vom Volk gewähltes Parlament neben der Rätevertretung. Am 15. November wurde ein Wahlrechtsentwurf beschlossen, der allen Personen über 20 Jahren das geheime, gleiche und direkte Wahlrecht geben sollte.

Im Dezember trat das Bürgertum erstmals deutlich öffentlich gegen die Revolutionsregierung auf. Plünderungen von Kasernen führten dazu, dass große Mengen Schusswaffen in die Bevölkerung gelangten. Falsche Berichte über „Leichen auf den Straßen Braunschweigs“ verschärften die Lage. Heimkehrende Soldaten schlossen sich jedoch den Aufständischen an, nachdem sie erkannt hatten, dass diese Berichte nicht stimmten.

Die Wahlen zum Landesparlament am 22. Dezember 1918 waren die ersten Wahlen in Deutschland nach dem Zusammenbruch des Kaiserreichs. Die USPD erhielt nur 14 von 60 Sitzen, die MSPD 17; der „Landeswahlverband“ und die DVP errangen zusammen 29 Sitze. In der Stadt Braunschweig wurde die USPD mit 33,4 % stärkste Partei. Der Arbeiter- und Soldatenrat wollte seine Macht dennoch nicht an den demokratisch gewählten Landtag abgeben und erwog eine von Berlin unabhängige Republik.

Radikalisierung und politische Neuordnung

Im Januar 1919 unterstützten Braunschweiger Spartakisten den Berliner Spartakusaufstand. Bei einer Massendemonstration am 7. Januar wurden Gebäude bürgerlicher Zeitungen besetzt und Versammlungen bürgerlicher Parteien gestört. Der Arbeiter- und Soldatenrat kündigte an, preußische Truppentransporte durch Braunschweig zu entwaffnen. Nach der Ermordung Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts am 15. Januar kam es auch in Braunschweig zu Spannungen; am 20. Januar demonstrierten 30.000 Menschen gegen den politischen Doppelmord.

Unter dem Motto „Weg von Berlin“ erwog die Braunschweiger USPD gemeinsam mit Spartakisten die Bildung einer „Nordwestdeutschen Republik“. Sie sollte aus zehn sozialistischen Freistaaten bestehen. Vorgesehen war unter anderem ein Freistaat Braunschweig-Lüneburg mit einem Gebiet von Cuxhaven bis zum Harz und von Lüneburg aus bis in einen Teil Anhalts, jedoch ohne Hannover. Ein Kongress am 25. Januar 1919 scheiterte, weil alle Parteien außer der USPD das Vorhaben ablehnten.

Am 10. Februar trat der Braunschweiger Landtag zusammen. Am 22. Februar bildeten USPD und SPD unter Sepp Oerter eine Koalitionsregierung. Die vorläufige Verfassung bestimmte den Landtag zum Träger aller staatlichen Gewalt und stärkte damit die parlamentarische Demokratie. Ende Februar stürmten Arbeitslose den Landtag; Präsident August Merges musste zurücktreten. Am 4. März riefen die Spartakisten eine Räterepublik aus, widerriefen dies jedoch bereits am nächsten Tag. Am 8. März beschlossen USPD und Spartakusbund ihre Vereinigung. Die KPD beschloss am 26. März ihre Trennung von der SPD. Gleichzeitig wuchs in Berlin die Sorge vor einem spartakistischen Putsch in Braunschweig.

Generalstreik, Freikorps und Folgen

Anfang April 1919 verschärfte sich die Lage. Nach dem Bergarbeiterstreik im Ruhrgebiet und der Ausrufung der Münchner Räterepublik am 7. April beschlossen Braunschweiger Aktions- und Betriebsausschüsse einen Generalstreik. Am 9. April wurde er auf dem Schlossplatz ausgerufen. Ziele waren der Sturz der Koalitionsregierung, die Errichtung einer Räteherrschaft in Deutschland und unter anderem die Bewaffnung der Arbeiterschaft, die Auflösung der Nationalversammlung und der Landesversammlungen, die Befreiung politischer Gefangener sowie der Anschluss an die Russische Räterepublik. Der Landesarbeiterrat forderte zusätzlich die Sozialisierung durch Betriebsräte, die Auflösung aller Freikorps und die Schaffung eines Volksheeres. Die Reichsregierung erklärte diese Forderungen für utopisch.

Während des Streiks wurden Geschäfte weitgehend geschlossen, es galt eine Ausgangssperre ab 20 Uhr. Weil Züge nicht abgefertigt wurden, brach der wichtige Ost-West-Verkehr zusammen; Versorgung mit Lebensmitteln und Kohle sowie der Verkehr in Deutschland wurden beeinträchtigt. Beamte und Freiberufler traten in einen Gegenstreik. Die Reichsregierung beauftragte General Maercker, Recht und Ordnung wiederherzustellen, und verhängte am 13. April den Belagerungszustand über den Freistaat Braunschweig. Am 15. April wurde der Generalstreik beendet, die Regierung aber von Berlin abgesetzt. Am 16. April forderten Landesregierung und Rat der Volksbeauftragten die Bevölkerung auf, den einrückenden Truppen keinen Widerstand zu leisten und Waffen abzuliefern.

Am 17. April 1919 marschierten etwa 10.000 Mann des Freikorps Maercker in sechs Kolonnen, teilweise mit Panzerwagen und Panzerzügen, in Braunschweig ein. Der Einmarsch verlief ohne Blutvergießen. Volkswehr und Volksmarine wurden aufgelöst, der Landesarbeiterrat ebenfalls. Die Regierung Oerter wurde abgesetzt; Oerter und weitere Personen kamen kurzzeitig in Schutzhaft. Am 30. April bildete der Landtag eine Koalitionsregierung aus SPD, USPD und DDP unter Ministerpräsident Heinrich Jasper.

Die Freikorps-Truppen verließen Braunschweig am 10. Mai 1919. Der Belagerungszustand wurde am 5. Juni aufgehoben. Der Freistaat blieb politisch selbstständig und musste anschließend seine Finanzen und Wirtschaft sanieren. Die Revolution hatte sieben Millionen Mark für die „revolutionäre Verteidigung“ gekostet; Streiks hatten die Inflation beschleunigt und die wirtschaftliche Produktivität gesenkt. Außerdem vertieften sich die Gegensätze zwischen Arbeiterschaft und Bürgertum.

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