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Kieler Matrosenaufstand

November 1918 begann, löste am Ende des Ersten Weltkriegs die Novemberrevolution aus, die zum Sturz der Monarchie und zur Ausrufung der Republik in Deutschland …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Kern und Bedeutung
  2. 2. Vorgeschichte und Ursachen
  3. 3. Vom Flottenbefehl zur Befehlsverweigerung
  4. 4. Revolution in Kiel
  5. 5. Räte, Forderungen und Ausbreitung
  6. 6. Nachwirkung und Bewertung

Kern und Bedeutung

Der Kieler Matrosenaufstand, auch Kieler Matrosen- und Arbeiteraufstand, begann am 3. November 1918. Er löste am Ende des Ersten Weltkriegs die Novemberrevolution aus. Diese führte zum Sturz der Monarchie und zur Ausrufung der Republik in Deutschland.

Der unmittelbare Auslöser lag in Befehlsverweigerungen von Matrosen der deutschen Hochseeflotte vor Wilhelmshaven. Die Seekriegsleitung plante für den 30. Oktober 1918 eigenmächtig einen letzten Vorstoß gegen die Themsemündung und die Küste Flanderns, obwohl die Oberste Heeresleitung bereits ein Waffenstillstandsgesuch verlangt hatte und das Kriegsende absehbar war. Viele Matrosen sahen in dem geplanten Angriff eine sinnlose Opferung gegen die überlegene britische Grand Fleet. Zugleich wollten sie verhindern, dass die parlamentarisch legitimierte Regierung unter Max von Baden und ihr Waffenstillstandsgesuch beschädigt würden.

Nachdem der Flottenplan aufgegeben worden war, wurde das III. Geschwader nach Kiel zurückbeordert. Auf der Rückfahrt ließ die Marineführung 48 Matrosen verhaften. In Kiel protestierten ihre Kameraden dagegen; Arbeiter der Stadt schlossen sich an. Aus Protest, Streik und Soldatenunruhen entstand eine revolutionäre Bewegung, die sich schnell über Deutschland ausbreitete. Wenige Tage später standen größere Städte unter Kontrolle von Arbeiter- und Soldatenräten, und die Bundesfürsten einschließlich Kaiser Wilhelms II. mussten abdanken.

Vorgeschichte und Ursachen

Wichtige Ursachen lagen in den sozialen und wirtschaftlichen Belastungen des Ersten Weltkriegs. Mittel- und Unterschichten litten unter schlechter Versorgung, sinkenden Realeinkommen, Hunger, Missernten und einem Schwarzmarkt, von dem Wohlhabende und höhere Offiziere weniger betroffen waren. Kriegsanleihen entwerteten zudem Ersparnisse. Während die Rüstungsindustrie hohe Gewinne erzielte, verschlechterte sich die Lage vieler Arbeiter und einfacher Soldaten.

Politisch wuchs die Kriegsopposition. Die SPD hielt am Burgfrieden fest, doch Kriegsgegner gründeten im April 1917 die USPD, die einen sofortigen Verständigungsfrieden forderte. Streiks gegen schlechte Versorgung verbanden sich zunehmend mit der Forderung nach schnellem Kriegsende. In Kiel spielte die Arbeiterschaft eine besondere Rolle: Die Stadt war Reichskriegshafen, stark von Werften und Rüstungsbetrieben geprägt und hatte schon im Januarstreik 1918 eine Vorreiterrolle.

In der Marine verschärften sich die Spannungen besonders stark. Die Hochseeflotte lag meist untätig vor Anker, obwohl sie vor dem Krieg als entscheidendes Machtmittel dargestellt worden war. Viele Mannschaften litten unter schlechten Lebensbedingungen, schlechter Behandlung und deutlich schlechterer Verpflegung als die Offiziere. Die Offiziere sahen sich oft als Träger nationaler Größe und traten gegenüber Untergebenen autoritär auf. Im Sommer 1917 kam es auf mehreren Schiffen zu Unruhen gegen Verpflegung und Behandlung. Max Reichpietsch und Albin Köbis wurden nach Todesurteilen hingerichtet; weitere Matrosen erhielten schwere Strafen. Diese als ungerecht empfundene Härte wirkte bis 1918 nach.

Vom Flottenbefehl zur Befehlsverweigerung

Nach dem Scheitern der deutschen Frühjahrsoffensive 1918 musste Erich Ludendorff am 29. September 1918 eingestehen, dass der Krieg verloren sei und innerhalb von 48 Stunden ein Waffenstillstand erbeten werden müsse. Am 3. Oktober bildete Max von Baden eine Regierung mit Zentrum, SPD und liberalen Politikern. Durch die Oktoberreformen wurde das Kaiserreich zur parlamentarischen Monarchie.

Trotzdem erarbeiteten die Seekriegsleitung unter Reinhard Scheer und Magnus von Levetzow sowie das Kommando der Hochseestreitkräfte den Operationsbefehl Nr. 19. Dieser sah einen Angriff gegen Streitkräfte und Verkehr an der flandrischen Küste und in der Themsemündung vor. Auf der Rückfahrt hoffte man auf eine Entscheidungsschlacht gegen die Royal Navy. Die Erfolgsaussichten werden von heutigen Historikern meist als gering oder als sichere Niederlage eingeschätzt.

Am 29. und 30. Oktober 1918 verweigerten Besatzungen auf mehreren Schiffen den Gehorsam. Besonders auf der Thüringen und der Helgoland widersetzten sich Matrosen dem Seeklarbefehl und begingen Sabotageakte. Als Torpedoboote und ein U-Boot mit Beschuss drohten, gaben sie auf. Mehrere hundert Matrosen wurden verhaftet. Das III. Geschwader, das als Unruheherd galt, wurde nach Kiel geschickt; 48 Matrosen und Heizer der Markgraf wurden während der Fahrt durch den Kaiser-Wilhelm-Kanal festgenommen. Viele Mannschaften hatten aus Reden von Offizieren und Vorbereitungen geschlossen, dass ein letzter Flottenvorstoß geplant war, der die Friedensverhandlungen gefährden sollte.

Revolution in Kiel

Am 1. November 1918 traf das III. Geschwader in Kiel ein. Die Verhafteten wurden in die Arrestanstalt in der Feldstraße und in das Fort Herwarth gebracht. Matrosen suchten Kontakt zu Arbeitern, Gewerkschaften, USPD und SPD. Am Abend versammelten sich etwa 250 Matrosen, Heizer und Unteroffiziere im Gewerkschaftshaus. Sie wollten die Freilassung der Gefangenen erreichen und ein erneutes Auslaufen der Flotte verhindern.

Am 2. November verbot Gouverneur Wilhelm Souchon Marineangehörigen den Besuch des Gewerkschaftshauses. Daraufhin versammelten sich etwa 600 Menschen auf dem Großen Exerzierplatz. Karl Artelt forderte Dienstverweigerung, einen sofortigen Frieden und die Entmachtung der Militaristen. Lothar Popp und andere USPD-Vertreter unterstützten die Bewegung. Handzettel riefen: „Kameraden schießt nicht auf eure Brüder! Arbeiter demonstriert in Massen, lasst die Soldaten nicht im Stich!“

Am 3. November eskalierte die Lage. Nach weiteren Verhaftungen demonstrierten 5.000 bis 6.000 Soldaten, Arbeiter und Arbeiterinnen. Sie befreiten Häftlinge aus dem Lokal „Waldwiese“ und zogen in die Innenstadt. In der Karlstraße trafen sie auf bewaffnete Kräfte. Nach Feuerbefehlen wurde in die Menge geschossen. Zunächst starben sieben Männer, später zwei weitere an ihren Verletzungen; 31 Verletzte wurden aktenkundig, weitere gelten als wahrscheinlich.

Am 4. November breitete sich der Aufstand aus. Arbeiter der Germaniawerft und der Torpedowerkstatt traten in den Streik. In der Wik bildeten Marineangehörige Soldatenräte; Karl Artelt wurde Vorsitzender des ersten Soldatenrats. Zu den Forderungen gehörten die Abdankung des Hohenzollernhauses, Aufhebung des Belagerungszustands, Freilassung der verhafteten Kameraden und politischen Gefangenen sowie allgemeines, gleiches und geheimes Wahlrecht für beide Geschlechter. Souchon verhandelte, ließ Verhaftete frei und zog auswärtige Truppen zurück. Gustav Noske kam aus Berlin, konnte den Aufstand aber nicht beenden. Am Abend war Kiel faktisch in der Hand der Aufständischen.

Räte, Forderungen und Ausbreitung

Am 5. November setzten die Schiffe im Kieler Hafen die rote Fahne. Es kam noch zu Schießereien, unter anderem auf dem Schlachtschiff König. Gleichzeitig arbeiteten Soldatenrat und Arbeiterrat daran, Ordnung, Sicherheitsdienst und politische Forderungen zu organisieren. Vorsitzender des Arbeiterrats wurde Gustav Garbe.

Die 14 Kieler Punkte wurden zum zentralen Forderungskatalog. Sie verlangten unter anderem die Freilassung aller Inhaftierten und politischen Gefangenen, Rede- und Pressefreiheit, Aufhebung der Briefzensur, sachgemäße Behandlung der Mannschaften, straffreie Rückkehr der Beteiligten, das Unterbleiben jeder Flottenausfahrt, keine Schutzmaßnahmen mit Blutvergießen, Rückzug fremder Truppen, Schutz des Privateigentums durch den Soldatenrat und die Zustimmung des Soldatenrats zu allen künftigen Maßnahmen. Der Katalog stärkte sofort die Rolle des Soldatenrats, enthielt aber kaum langfristige politische Programmatik.

Am 6. November lehnte eine große Versammlung ein Regierungsangebot ab, das Straffreiheit, Amnestie, schnelleren Waffenstillstand, Beschleunigung der Abdankungsfrage sowie Reformen versprach. Viele Aufständische wollten die erreichte Machtposition nicht aufgeben. Am 7. November wurde Noske zum Gouverneur gewählt; der Oberste Soldatenrat bestimmte Lothar Popp zum Vorsitzenden. Arbeiter- und Soldatenrat erklärten: „Die politische Macht ist in unserer Hand.“

Die Revolution breitete sich rasch aus. Kieler Matrosen reisten in andere Städte, entwaffneten Offiziere, zogen zu Kasernen, Fabriken und Verwaltungszentren und wirkten als Katalysatoren. Hamburg, Bremen, Hannover, Köln, Frankfurt am Main und das Ruhrgebiet wurden erfasst; am 7. November wurde in Bayern durch Kurt Eisner die Republik als Freistaat proklamiert. Am 9. November war die Revolution in Berlin erfolgreich: Max von Baden gab die Abdankung Kaiser Wilhelms II. bekannt, übergab die Regierung an Friedrich Ebert, Philipp Scheidemann rief die Deutsche Republik aus, Karl Liebknecht die Freie Sozialistische Republik. Am 11. November wurde der Waffenstillstand abgeschlossen.

Nachwirkung und Bewertung

Nach dem Aufstand gab es Ansätze zu einer Militärreform. Die 14 Kieler Punkte deuteten an, dass nur noch Offiziere akzeptiert werden sollten, die das Vertrauen der Mannschaften hatten. Die Marineführung und Noske setzten jedoch mit Hinweis auf die angeblich unverzichtbare Sachkenntnis durch, dass die meisten Seeoffiziere im Dienst blieben. Später wurden Soldatenräte zurückgedrängt und schließlich abgeschafft. Historiker wie Wolfram Wette sehen darin eine verpasste Chance für ein republikanisches Reformprogramm, das die Weimarer Republik hätte stabilisieren können.

Die Deutung des Aufstands blieb lange umstritten. Teile der Marineführung machten linke Kräfte verantwortlich und arbeiteten eigene Fehler, etwa den geplanten Flottenvorstoß und Führungsprobleme, kaum auf. Spätere Forschungen hoben stärker hervor, dass Eigenmächtigkeiten der Marineführung wesentlich dazu beitrugen, dass die Marine im November 1918 Ausgangspunkt des politischen Umsturzes wurde. In der DDR wurde der Aufstand nach Christian Lübcke lange ideologisch als reiner Klassenkampf mit wichtiger Rolle des Spartakusbunds dargestellt.

In der neueren Forschung gilt der Aufstand vielfach als berechtigte Befehlsverweigerung gegen einen sinnlosen und politisch gefährlichen letzten Flotteneinsatz. Martin Rackwitz fasste 2018 zusammen, die Kieler Matrosen und Arbeiter hätten mit ihrer Auflehnung Zehntausenden Matrosen und Soldaten das Leben gerettet und den Weg in eine neue Zeit gewiesen.

In Kiel erinnern zahlreiche Orte an die Ereignisse, darunter das Denkmal „WIK – Feuer aus den Kesseln“ von Hans-Jürgen Breuste im Ratsdienergarten, Gedenktafeln am Gewerkschaftshaus und in der Feldstraße, Gedenkstätten auf dem Parkfriedhof Eichhof und dem Nordfriedhof, der „Platz der Kieler Matrosen“ vor dem Bahnhof sowie Ausstellungen und Stadtrundgänge.

Lernvideos zu Kieler Matrosenaufstand

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