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Nostra aetate
Nostra aetate (lat. für „In unserer Zeit“) heißt nach ihren Anfangsworten die Erklärung über die Haltung der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen, …
Inhalt5 Abschnitte
Kernaussage und Bedeutung
Nostra aetate („In unserer Zeit“) ist die Erklärung des Zweiten Vatikanischen Konzils über die Haltung der römisch-katholischen Kirche zu den nichtchristlichen Religionen. Das Konzil verabschiedete sie am 26. Oktober 1965; Papst Paul VI. promulgierte, also verkündete, sie am 28. Oktober 1965. Bei der Schlussabstimmung erhielt sie 2221 Ja-Stimmen, 88 Nein-Stimmen und drei ungültige Stimmen.
Das Dokument erkennt an, dass sich auch in anderen Religionen Wahres und Heiliges findet. Es rückte damit von einem ausschließlich verstandenen kirchlichen Wahrheitsanspruch ab, der mit Extra ecclesiam nulla salus („außerhalb der Kirche kein Heil“) bezeichnet wird. Zugleich hält es am christlichen Bekenntnis zu Christus als „Weg, Wahrheit und Leben“ fest.
Ausgangspunkt ist die tatsächliche Vielfalt der Religionen in einer immer enger zusammenwachsenden Menschheit. Die Kirche soll zur „Einheit und Liebe unter den Menschen“ beitragen und nach Gemeinsamkeiten suchen, ohne Unterschiede zu leugnen. Alle Religionen beschäftigen sich mit grundlegenden Fragen nach Ursprung, Sinn und Ziel des Menschen. Nostra aetate ist mit fünf Teilen das kürzeste Dokument des Konzils; sein Schwerpunkt liegt auf dem Verhältnis zum Judentum.
Entstehung und Konzilsberatungen
Die Initiative ging von Papst Johannes XXIII. aus, der zunächst ein besonderes Dekret zum Judentum plante. Nach seinem Amtsantritt 1958 leitete er eine Erneuerung des katholisch-jüdischen Verhältnisses ein. 1959 ließ er aus der Karfreitagsfürbitte für die Juden die Ausdrücke perfidis („treulos“) und iudaicam perfidiam („jüdische Untreue“) entfernen.
Katholische, protestantische und jüdische Eingaben verlangten vor dem Konzil vor allem zwei Veränderungen: die Verurteilung des Antisemitismus einschließlich eines kirchlichen Schuldbekenntnisses für den Antijudaismus, der den Holocaust mit ermöglicht hatte, sowie die Anerkennung des bleibenden Judentums als Wurzel des Christentums. Damit verbunden war die Abkehr von der Substitutionstheologie, nach der die Kirche Israel ersetzt habe, und vom Vorwurf eines jüdischen „Gottesmordes“. Der Historiker Jules Isaac legte Johannes XXIII. am 13. Juni 1960 eine Denkschrift zur notwendigen Korrektur der christlichen Lehre über Israel vor. Am 18. September 1960 beauftragte der Papst Kardinal Augustin Bea mit einem Entwurf.
Die Beratungen waren von starken Konflikten begleitet. Arabische Staaten und orientalische Kirchen fürchteten eine politische Anerkennung Israels oder eine Bevorzugung des Judentums gegenüber dem Islam. Deshalb wurde die Erklärung zeitweise von der Tagesordnung entfernt, als Anhang behandelt oder abgeschwächt. Johannes XXIII. bekräftigte jedoch am 13. Dezember 1962 seinen Willen zur Neuordnung der Beziehungen zum Judentum. Später wurde der Text auf andere nichtchristliche Religionen erweitert; nach der Enzyklika Ecclesiam suam vom 6. August 1964 erhielt auch der Islam einen eigenen Teil.
Besonders umstritten waren die bleibende Bedeutung des Bundes Gottes mit Israel, die Kollektivschuld am Tod Jesu und die Verurteilung des Antisemitismus. Im endgültigen Text entfiel das Wort „Gottesmord“, doch eine jüdische Kollektivschuld wurde klar zurückgewiesen. Trotz politischer Drohungen und Versuchen konservativer Konzilsgruppen, den Beschluss zu verhindern, setzte sich eine breite Mehrheit durch.
Religionen und interreligiöser Dialog
Nostra aetate beschreibt bei verschiedenen Völkern eine Wahrnehmung einer verborgenen Macht oder höchsten Gottheit, die dem Weltlauf und dem menschlichen Leben gegenwärtig sei. Religionen versuchten, auf die Grundfragen des Daseins zu antworten. Als Beispiele nennt der Text den Hinduismus, der „das göttliche Geheimnis“ erforsche, und den Buddhismus, in dem Menschen vollkommene Befreiung oder höchste Erleuchtung anstrebten.
Die katholische Kirche lehnt nach der Erklärung „nichts von alledem ab, was in diesen Religionen wahr und heilig ist“. Katholiken sollen deren geistliche und sittliche Güter sowie sozial-kulturelle Werte anerkennen, bewahren und fördern. Als Mittel nennt das Dokument ein von Klugheit und Liebe bestimmtes Gespräch, praktische Zusammenarbeit sowie das Zeugnis des eigenen christlichen Glaubens und Lebens. Anerkennung anderer Religionen bedeutet im Text daher nicht die Aufgabe des christlichen Bekenntnisses, sondern bildet die Grundlage für respektvollen Dialog und gemeinsames Handeln.
Muslime, Juden und universale Menschenwürde
Gegenüber Muslimen äußert die Erklärung Hochachtung. Sie beteten den einen Gott an, der zu den Menschen gesprochen habe. Jesus erkannten sie nicht als Gott an, verehrten ihn aber als Propheten; auch Maria werde von ihnen verehrt. Sie erwarteten das jüngste Gericht und legten Wert auf eine sittliche Lebensführung, die von Gebet, Fasten und Almosen geprägt sei. Christen und Muslime sollen frühere Konflikte und Feindschaften beiseitelassen, gegenseitiges Verständnis suchen und gemeinsam für soziale Gerechtigkeit, sittliche Güter, Frieden und Freiheit aller Menschen eintreten.
Der längste und zentrale vierte Abschnitt behandelt das Judentum. Die Kirche erkennt ihre geistliche Verbindung mit dem „Stamm Abrahams“ an: Die Anfänge ihres Glaubens und ihrer Erwählung liegen bereits bei den Patriarchen, Mose und den Propheten. Durch das jüdische Volk empfing sie das Alte Testament. Mit einem biblischen Bild erklärt der Text, die Kirche werde von der Wurzel des guten Ölbaums genährt, in den die nichtjüdischen Völker als wilde Schösslinge eingepfropft seien.
Obwohl viele Juden das Evangelium nicht angenommen hätten, seien sie „immer noch von Gott geliebt um der Väter willen“; Gottes Gnadengaben und Berufung seien unwiderruflich. Daher soll die Kirche gegenseitige Kenntnis, Achtung und brüderliches Gespräch fördern. Jesu Leiden darf weder allen damals lebenden noch den heutigen Juden angelastet werden. Obwohl die Kirche als „das neue Volk Gottes“ bezeichnet wird, dürfen Juden nicht als von Gott verworfen oder verflucht dargestellt werden. Katechese und Predigt dürfen keine judenfeindlichen Lehren verbreiten, die der evangelischen Wahrheit und dem Geist Christi widersprechen. Die Kirche beklagt Hass, Verfolgung und Erscheinungsformen des Antisemitismus.
Der fünfte Abschnitt leitet aus der Gottebenbildlichkeit jedes Menschen die allgemeine Menschenwürde ab. Er verwirft jede Diskriminierung und alle Gewalttaten gegen Menschen wegen ihrer Herkunft, Hautfarbe, gesellschaftlichen Stellung oder Religion als unvereinbar mit dem Geist Christi.
Wirkung und Kritik
Nostra aetate führte zu einer starken Intensivierung des interreligiösen und besonders des katholisch-jüdischen Dialogs. Zu den späteren Schritten gehörten das von Papst Johannes Paul II. initiierte Weltgebetstreffen der Religionen in Assisi 1986, seine Synagogenbesuche in Mainz 1980 und Rom 1986, die Erklärung Wir erinnern: Eine Reflexion über die Shoa von 1998 sowie sein Schuldbekenntnis in Israel im Jahr 2000. Im Jahr 2001 bezog sich die päpstliche Bibelkommission in Das Jüdische Volk und seine Heilige Schrift in der christlichen Bibel ausdrücklich auf den Aufruf zu gegenseitiger Kenntnis und Achtung.
Die Erklärung gilt auch in der Ökumene als Neuorientierung der katholischen Kirche gegenüber den Weltreligionen. Der reformierte Theologe Karl Barth begrüßte ihre Ausrichtung, stellte aber kritische Fragen. Er bemängelte unter anderem, dass der Text nicht deutlich genug vom Kreuz Jesu Christi ausgehe, das Judentum zusammen mit anderen nichtchristlichen Religionen behandle und kein ausdrückliches kirchliches Schuldbekenntnis gegenüber den Juden enthalte. Zudem vermisste er im Islamteil eine Erinnerung an die Rolle der Kirche bei den Kreuzzügen. Auch andere Historiker und Theologen kritisierten, dass die besondere Verantwortung der Kirche und der Päpste für frühere Judenfeindschaft und Kreuzzüge nicht ausdrücklich benannt wurde.