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Interreligiöser Dialog

Der interreligiöse Dialog kann mehrere Religionen gleichzeitig einbeziehen, häufiger sind jedoch Begegnungen zwischen zwei Religionen. Die Religionstheologie …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Begriff und Bedeutung
  2. 2. Haltungen der Religionen
  3. 3. Formen der Praxis
  4. 4. Orte und akademischer Austausch
  5. 5. Institutionen im deutschsprachigen Raum
  6. 6. Akteure und Auszeichnungen

Begriff und Bedeutung

Interreligiöser Dialog oder Dialog der Religionen bezeichnet einen von Repräsentanten von Religionen angestrebten Meinungsaustausch zwischen Menschen verschiedener Religionen. Im Idealfall ist er gleichberechtigt, respektvoll und kritisch. Er umfasst Begegnung und Zusammenarbeit im Alltag und in theologischen Fragen. Häufig findet er zwischen zwei Religionen statt, er kann aber auch mehrere Religionen zugleich einbeziehen.

Die Religionstheologie fragt dabei, wie eine Religion sich selbst im Verhältnis zu anderen Religionen versteht, besonders im Blick auf Wahrheit und Heil. Davon unterschieden ist der intrareligiöse Dialog: Er meint den Austausch zwischen Konfessionen innerhalb einer Religion. Dieser Begriff wird seltener verwendet, obwohl solche innerreligiösen Konflikte manchmal besonders schwierig sein können.

Seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 hat der interreligiöse Dialog stark an öffentlicher Bedeutung gewonnen. Als Gründe nennt der Artikel Globalisierung, weltweite Migration, religiöse Pluralisierung, Konflikte mit religiösen Bezügen, Terrorismus mit behaupteten religiösen Motiven sowie Bevölkerungswachstum und Ressourcenkämpfe in vielen Ländern. Der Artikel weist darauf hin, dass einzelne Angaben in diesem Abschnitt nicht ausreichend belegt sind.

Haltungen der Religionen

Im Hinduismus gibt es viele unterschiedliche Gemeinschaften und Grundannahmen statt eines geschlossenen Glaubenssystems. Innerhinduistisch bestehen starke Traditionen des Dialogs und des Aushaltens von Unterschieden. Andere Religionen werden oft als Aspekte der eigenen Wahrheit gedeutet und toleriert; dies wird als Heilsinklusivismus bezeichnet. Kritisch gesehen wird, dass sich andere Religionen dadurch vereinnahmt fühlen können. Hinduistische Kritiker des Dialogs befürchten vor allem Missionsversuche.

Das Judentum beansprucht keine Heilsexklusivität und sieht keinen allgemeinen Missionsauftrag. Auch Nichtjuden können nach jüdischer Auffassung „Anteil an der kommenden Welt“ haben, wenn sie grundlegende moralische Regeln einhalten, etwa die Noachidischen Gebote. Jüdische Vertreter beteiligen sich häufig am Dialog, bevorzugen aber oft praktische Zusammenarbeit gegenüber abstrakten theologischen Gesprächen. Grundlage ist die Bedeutung des richtigen Handelns, also der Orthopraxie. Kritik richtet sich vor allem gegen mögliche Vereinnahmung oder Missionsabsichten.

Der Buddhismus versteht sich meist nicht als exklusive Religionsgemeinschaft, sondern als Wahrheitslehre, die durch Einsicht und Erfahrung erschlossen werden soll. Gespräche mit anderen religiösen Gruppen gehören schon zu frühen buddhistischen Schriften, dienten dort aber eher der Weitergabe der Lehre als einem gleichberechtigten Austausch. Buddhisten beteiligen sich häufig am Dialog, sprechen aber oft nur für sich oder kleinere Schulen. Kritiker meinen, der Dialog könne den Buddhismus fälschlich nur als Glaubenssystem unter anderen erscheinen lassen.

Im Christentum gibt es unterschiedliche Positionen. Das Neue Testament zeigt Jesus zunächst mit einer Sendung an das jüdische Volk, aber auch mit positiver Haltung gegenüber Glauben aus anderen Hintergründen, etwa bei der Samaritanerin, dem römischen Hauptmann und dem barmherzigen Samariter. Nach der Auferstehung wird das Heilsangebot auf alle Menschen ausgeweitet. Ökumenische Organisationen betonen den Dialog; die Evangelische Kirche in Deutschland nennt ihn notwendig und ohne Alternative. Die katholische Kirche gab im 2. Vatikanischen Konzil den früheren Heilsexklusivismus auf. In Texten wie Lumen gentium und Nostra Aetate werden auch andere Christen, Juden, Muslime, Anders- und Nichtglaubende auf Gottes Wahrheit hin bezogen beschrieben. Begegnungen wie die Weltgebetstreffen in Assisi wurden wichtige Symbole. Konservative Gruppen kritisieren dagegen mögliche Religionsvermischung, Aufgabe eigener Positionen oder Preisgabe der Mission.

Im Islam gelten Judentum, Christentum und teils weitere Religionen laut Koran als Vorläufer der islamischen Gemeinschaft; nach Mehrheitsmeinung kann ihr Glaube ebenfalls zu Gott führen, wobei der Islam als bester Weg gilt. Befürworter des Dialogs verweisen auf das Gespräch Mohammeds mit Christen von Nadschaf und auf den Grundsatz „Kein Zwang in der Religion“. Probleme entstehen laut Artikel durch Vorstellungen eines eingeschränkten Rechtsstatus für Andersgläubige als Dhimmi und durch Machtgefälle im Gespräch. Kritiker des König-Abdullah-Zentrums für interreligiösen und interkulturellen Dialog, 2011 gegründet und mit Sitz in Wien, sehen darin auch Imagepflege Saudi-Arabiens.

Im Bahaitum gilt der Auftrag: „Verkehrt mit allen Religionen in herzlicher Verbundenheit und Eintracht“. Bahai verstehen dies als Ermutigung zum offenen und freundschaftlichen Dialog. Zentral sind die Einheit der Menschheit, die selbständige Suche nach Wahrheit und der Dienst am Wohlergehen der Menschheit. Zugleich gibt es theologische Konfliktpunkte, etwa mit Judentum, Christentum und Islam wegen unterschiedlicher Absolutheitsansprüche und der Bahai-Lehre von der fortschreitenden Offenbarung Gottes.

Formen der Praxis

Interreligiöser Dialog kann staatlich, religiös-institutionell, organisiert oder privat stattfinden. Formen sind Alltagsgespräche, Konferenzen von Religionsführern oder Theologen, Führungen in religiösen Gebäuden, Frauengruppen, Austausch von Lehrkräften, gemeinsame soziale oder kulturelle Projekte sowie Mitarbeit in interreligiösen Organisationen. Ein Ergebnis solcher Begegnungen können gemeinsame Erklärungen zum Zusammenleben der Religionen sein.

Wichtige konkrete Dialogformen sind der jüdisch-christliche Dialog, der christlich-islamische Dialog, der buddhistisch-christliche Dialog und der jüdisch-christlich-islamische Dialog der abrahamitischen Religionen. In Deutschland gelten die Beziehungen zwischen Judentum und Christentum als besonders weit entwickelt, weil beide eine gemeinsame Anfangsgeschichte und im Alten Testament beziehungsweise Tanach ein weitgehend identisches Heiliges Buch haben.

Eine Sonderrolle haben interreligiöse Gottesdienste und Friedensgebete. Sie werden selbst von manchen Befürwortern des Dialogs abgelehnt, weil sie Unterschiede überspielen und eine Einigkeit vortäuschen könnten. 1986 rief Papst Johannes Paul II. trotz innerkatholischer Widerstände ein Weltgebetstreffen der Religionen in Assisi ein. Die folgenden jährlichen Treffen der Gemeinschaft Sant’Egidio brachten Religionsführer und nicht-religiöse Intellektuelle zusammen und führten laut Artikel zu mehr Vertrauen sowie zu Initiativen für Frieden und Menschlichkeit, etwa im Zusammenhang mit Auschwitz, Rumänien, Mosambik und Algerien.

Orte und akademischer Austausch

Seit den 1990er Jahren entstanden im deutschsprachigen Raum verstärkt feste Orte für interreligiöse Aktivitäten. Ziel war, Begegnungen nicht nur als Einzelereignisse stattfinden zu lassen, sondern ihnen Dauer und Struktur zu geben. Beispiele sind das Zürcher Lehrhaus, seit 2015 Zürcher Institut für interreligiösen Dialog, das Lassalle-Haus, die 1995 von Hans Küng gegründete Stiftung Weltethos, das Haus der Religionen in Hannover, das Stuttgarter Lehrhaus und das 2014 eröffnete Haus der Religionen in Bern. Ein Lehrhaus der Religionen in München und ein House of One in Berlin werden im Artikel als in Planung genannt.

Im akademischen Bereich gibt es besondere Möglichkeiten der Zusammenarbeit, weil gemeinsames Lernen oft weniger umstritten ist als gemeinsames Gebet. Beispiele sind jüdische Lehrstühle an theologischen Fakultäten, gemeinsamer Hebräisch-Unterricht oder gemeinsames Studium des Alten Testaments. Im deutschsprachigen Raum widmen sich mehrere Studiengänge, Institute, Symposien und Kongresse dem interreligiösen Austausch, etwa an den Universitäten Tübingen, Paderborn und Bamberg. Die Kirchliche Pädagogische Hochschule Wien/Krems verbindet christliche, islamische, alevitische und jüdische Ausbildung unter einem Dach und begünstigt so organisierte und spontane Begegnungen.

Eine besondere Form des Austauschs ist das Weltparlament der Religionen. Dort stellen Vertreter verschiedener Religionen einander ihre Ansichten vor; ein gemeinsames Gebet ist dabei nicht vorgesehen.

Institutionen im deutschsprachigen Raum

In Deutschland gibt es viele institutionalisierte Formen des Dialogs. Die über 80 Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit mit etwa 20.000 Mitgliedern und ihr Dachverband entstanden nach Nationalsozialismus und Holocaust. Sie setzen sich für Aussöhnung, Verständigung, friedliches Zusammenleben sowie gegen Antisemitismus und Rechtsradikalismus ein. Seit 1976 besteht die Islamisch-Christliche Arbeitsgruppe, in der islamische Organisationen und christliche Kirchen vertreten sind. Christlich-islamische Dialogorganisationen sind im Koordinierungsrat des christlich-islamischen Dialogs zusammengeschlossen.

Multilateral arbeitet seit 1998 der Runde Tisch der Religionen in Deutschland. Ihm gehören Repräsentanten der evangelischen, katholischen und orthodoxen Kirche, des Zentralrats der Juden, islamischer Verbände, der Bahai und der Buddhistischen Union an. Er trifft sich zweimal jährlich, tauscht Informationen aus, fördert den Dialog, gibt Stellungnahmen ab und plant den jährlichen „Tag der Religionen“. Weitere Aufgaben übernahmen nach 2017 unter anderem das Abrahamische Forum in Deutschland und die Stiftung für die Internationalen Wochen gegen Rassismus.

Weitere Organisationen setzen besonders auf praktisches Handeln, etwa Aktion Sühnezeichen Friedensdienste seit 1958, die Grünhelme seit 2003 und die Fokolar-Bewegung seit 1943. Staatliche Förderung gab es ebenfalls: 2002 unterstützte die Bundesregierung Projekte des christlich-islamischen Dialogs mit 425.000 Euro. Genannt werden außerdem die Bundeszentrale für politische Bildung, die Friedrich-Ebert-Stiftung, Universitäten, das Projekt „Weißt du, wer ich bin?“ sowie seit 2015 die Dialogperspektiven des Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerks und seit 2019 das European Scholarship Programme@DialoguePerspectives.

In Österreich wurde 2002 die Plattform für Interreligiöse Begegnung gegründet, um Begegnungen verschiedener Religionen zu ermöglichen und zu einer Kultur des Friedens und der Gewaltfreiheit beizutragen. Außerdem nennt der Artikel Komyoji und das König-Abdullah-Zentrum. Für die Schweiz enthält der Artikel eine Abschnittsüberschrift, aber keine weiteren Inhalte.

Akteure und Auszeichnungen

Der Artikel nennt einzelne Personen und Ereignisse als wichtige Bezugspunkte des interreligiösen Dialogs. Klaus Otte versuchte nach 1991, den Dialog auch in einer Landgemeinde in Deutschland zum Thema zu machen, und erhielt dafür 1999 das Bundesverdienstkreuz. Eugen Drewermann erhielt 2007 den Erich-Fromm-Preis für sein Eintreten für ein verständnisvolles Miteinander von Menschen unterschiedlicher Religionen und Weltanschauungen. Reinhard von Kirchbach wird als Pionier des Dialogs in Deutschland genannt.

Als wichtiger Moment gilt der Besuch des Dalai Lama auf dem ersten ökumenischen Kirchentag 2003 in Berlin. Paul Spiegel, damaliger Vorsitzender des Zentralrats der Juden in Deutschland, bezeichnete 2006 die Reaktionen auf die Mohammed-Karikaturen als schrecklichen Beweis für das Scheitern des politischen und interreligiösen Dialogs zwischen verschiedenen Kulturen.

Auszeichnungen für interreligiösen Dialog sind in Deutschland seit 1997 der Muhammad-Nafi-Tschelebi-Friedenspreis, der besonders den jüdisch-christlich-islamischen Dialog fördern soll, und in Österreich seit 2010 der Kurt-Schubert-Gedächtnispreis für interreligiösen Dialog.

Lernvideos zu Interreligiöser Dialog

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