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Karfreitagsfürbitte für die Juden
Im Mittelalter entstand die dreiteilige Feier vom Leiden und Sterben Christi am Karfreitagsnachmittag, bestehend aus Lesungen, Kreuzverehrung und Kommunion.
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Gegenstand und Bedeutung
Die Karfreitagsfürbitte für die Juden gehört zu den Großen Fürbitten der Karfreitagsliturgie im römischen Ritus. Dieser wird von römischen Katholiken, Altkatholiken und teilweise von Anglikanern verwendet. Die Fürbitte ist besonders bedeutsam, weil ihre verschiedenen Fassungen den Wandel des christlichen Verhältnisses zum Judentum zeigen.
Die im 6. Jahrhundert entstandene Bitte stellte die Juden zunehmend als ungläubig, verblendet und von Christus entfernt dar. Seit etwa 750 bezeichnete sie sie mit dem lateinischen Wort perfidis und ihren Glauben als iudaica perfidia. Sie bat darum, den „Schleier von ihren Herzen“ zu entfernen, ihnen die Erkenntnis Jesu Christi zu schenken und sie aus „Verblendung“ und „Finsternis“ zu retten. Seit ungefähr 800 entfielen nur bei dieser Fürbitte der sonst übliche Kniefall und später auch das gemeinsame Amen. Papst Pius V. schrieb diese Form 1570 im Missale Romanum fest; sie blieb bis 1956 im Wesentlichen unverändert. Historiker beurteilen sie als Ausdruck des christlichen Antijudaismus, der auch den Antisemitismus begünstigte.
Nach dem Holocaust wurde die Kritik wirksam. Der Vatikan reformierte das Gebet schrittweise. Die seit 1970 geltende Normalfassung betont Israels Erwählung, Gottes Verheißung an Abraham und die Treue der Juden zu ihrem eigenen Bund. Daneben ist für Gottesdienste nach dem Messbuch von 1962 eine Ausnahmefassung möglich. Papst Benedikt XVI. formulierte diese 2008 neu; ihre Bitte um Erkenntnis Christi löste schwere Konflikte im katholisch-jüdischen Dialog aus.
Entstehung und antijudaistischer Kontext
Das Neue Testament kennt keine besondere Fürbitte für Juden. Die ersten Christen richteten ihre Missionspredigt jedoch zunächst an Juden und riefen sie zur Umkehr auf. Nach der Trennung von Judentum und Christentum um 100 rechneten einige Kirchenväter Juden zu den Feinden, für die Christen nach dem Gebot der Feindesliebe beten sollten. Seit etwa 500 ist eine besondere Judenfürbitte in der Messe belegt; in der römischen, mailändischen und gallikanischen Liturgie des 6. Jahrhunderts erschien sie am Karfreitag neben Bitten für Häretiker und Heiden.
Perfidus und perfidia waren ursprünglich Gegenbegriffe zu fides, also zu „Glaube“ oder „Vertrauen“, und bezeichneten meist abgefallene Christen. Sie bedeuteten nicht notwendig, dass Gott seinen Bund mit Israel beendet habe. Als Bestandteil der Judenfürbitte ist perfidus erstmals um 592 bei Gregor von Tours belegt; eine ähnliche Form steht um 750 im Sacramentarium Gelasianum. Später erhielten die Wörter jedoch Bedeutungen wie „treulos“, „hinterlistig“ oder „bösartig“, die auch in volkssprachliche Übersetzungen eingingen.
Um 800 wurde bei der Judenfürbitte die Aufforderung zum Niederknien gestrichen. Amalarius von Metz begründete dies um 820 mit der Behauptung, Juden hätten Christus durch einen vorgetäuschten Kniefall verspottet. Dabei schrieb er ihnen eine Handlung zu, die die Evangelien römischen Soldaten zuschreiben. Eine Randnotiz aus dem 10. Jahrhundert wurde später unterschiedlich gedeutet: Manche verstanden sie als Hinweis auf den Zorn christlicher Gottesdienstbesucher; Jules Isaac erklärte 1956 dagegen, das lateinische noxa bedeute „Sünde“ oder „Schuld“ und beziehe sich auf die Juden. Nach seiner Deutung hatte die Kirche den unterlassenen Kniefall selbst als antijudaistisches Zeichen eingeführt.
Auch der liturgische Zusammenhang verstärkte diese Wirkung. Vor den Fürbitten wurden alttestamentliche Texte und die Johannespassion gelesen, deren Aussagen über „die Juden“ kollektiv verstanden wurden. Danach folgten die Improperien, Klagegesänge, in denen Christus seinem Volk Untreue vorwirft. So erschien die Judenfürbitte innerhalb einer Liturgie, die Juden kollektiv mit Ablehnung und Tod Jesu verband.
Traditionelle Fassung und erste Reformversuche
Das Missale Romanum von 1570 stellte die Judenfürbitte an die achte Stelle zwischen die Bitten für Häretiker und Heiden. Sie begann mit „Oremus et pro perfidis Judaeis“ und bat Gott, den Schleier von den Herzen der Juden zu nehmen, damit sie Jesus Christus erkennen. Die anschließende Oration sprach von ihrer „Verblendung“ und „Finsternis“. Der Priester sollte dabei weder niederknien noch eine Schweigepause einlegen; ein gemeinsames Amen war ebenfalls nicht vorgesehen. Die deutsche Übersetzung von Anselm Schott aus dem Jahr 1884 gab perfidis Judaeis als „treulose Juden“ und judaicam perfidiam sinngemäß ebenfalls als Treulosigkeit wieder.
1926 entstand die katholische Gruppe Amici Israel. Ihr gehörten 1928 etwa 3000 Priester, 287 Bischöfe und 19 Kardinäle an. Sie wollte antijüdische Legenden und liturgische Elemente beseitigen, auch um die Judenmission zu erleichtern. Am 2. Januar 1928 beantragte sie bei Papst Pius XI., perfidis und perfidia zu ersetzen und den Kniefall wieder zuzulassen. Die zuständige Liturgiekommission unterstützte dies. Das Heilige Offizium lehnte die Änderungen jedoch als Eingriff in eine alte, angeblich nicht reformierbare Tradition ab. Am 14. März 1928 verurteilte ein päpstliches Dekret zwar den Rasse-Antisemitismus als unchristlich, unterschied davon aber einen für zulässig erklärten christlichen Antijudaismus. Amici Israel wurde verboten; die Hintergründe wurden erst nach Öffnung vatikanischer Archive bekannt.
Theologen wie Erik Peterson und Charles Journet schlugen in den 1930er Jahren vor, perfidus mit „ungläubig“ statt „treulos“ zu übersetzen. Die Ritenkongregation erlaubte dies am 16. August 1948. Viele Messbücher behielten dennoch die ältere Übersetzung bei. Kritiker wie Jules Isaac verlangten deshalb die vollständige Streichung der Begriffe.
Reformen von 1956 bis 1970
Die Karwochenreform unter Pius XII. führte ab 1956 auch bei der Judenfürbitte Kniefall, Schweigepause und gemeinsames Amen ein. Die Überschrift lautete allerdings weiterhin Pro conversione Judaeorum, „Für die Bekehrung der Juden“, und bestätigte damit die Missionsabsicht.
Papst Johannes XXIII. ließ am Karfreitag 1959 im Petersdom perfidis und judaicam perfidiam aus. Die Ritenkongregation ordnete ihre Streichung ab 1960 an; diese Änderung ging in das Missale Romanum von 1962 ein. Die Aussagen über „Verblendung“ und „Finsternis“ sowie die Überschrift blieben bestehen.
Das Zweite Vatikanische Konzil leitete eine grundlegendere Neubewertung ein. Die erste Neufassung von 1965 trug nur noch die Überschrift Pro Iudaeis, „Für die Juden“. Sie erwähnte Gottes Verheißungen an Abraham und seine Nachkommen und bezeichnete Israel als das schon in alter Zeit erwählte Volk. Zugleich bat sie weiterhin darum, dass die Juden Jesus Christus als Erlöser aller Menschen erkennen. Neu war jedoch die Anerkennung des weiterhin gültigen Bundes Gottes mit Abraham; damit wurde die Substitutionstheologie aufgegeben, nach der die Kirche Israel als Gottes Volk ersetzt habe.
Nostra Aetate, am 28. Oktober 1965 angenommen, erkannte Gottes Bund mit den Juden sowie das Alte Testament als weiterhin gültige Wurzel der Kirche an. Die Erklärung wies die Gottesmordtheorie, die Vorstellung einer Verwerfung Israels und jeden Antisemitismus zurück.
Das Missale Romanum vom 26. März 1970 formulierte die Fürbitte deshalb erneut um. Sie bittet nicht mehr um die Erkenntnis Christi, sondern darum, dass die Juden in der Liebe zu Gottes Namen und in der Treue zu seinem Bund wachsen. Die seit dem ersten Fastensonntag 1976 in allen deutschsprachigen Diözesen geltende Fassung lautet sinngemäß: Gott solle die Juden, zu denen er zuerst gesprochen hat, in der Treue zu seinem Bund und in der Liebe zu seinem Namen bewahren, damit sie das Ziel seines Ratschlusses erreichen. Die Oration erinnert an die Verheißung an Abraham und bittet für das Volk, das Gott zuerst zu seinem Eigentum erwählt hat. Diese Normalfassung wurde zu einer wichtigen Grundlage des katholisch-jüdischen Dialogs.
Ausnahmefassung von 2008 und Streit
Seit 1984 konnten Diözesanbischöfe ausnahmsweise Gottesdienste nach dem Messbuch von 1962 erlauben. Benedikt XVI. erleichterte dies mit Summorum Pontificum vom 7. Juli 2007, besonders mit Blick auf katholische Traditionalisten. Nach jüdischen und katholischen Protesten ersetzte er am 5. Februar 2008 die ältere Judenfürbitte durch eine neue lateinische Ausnahmefassung. Deren Einleitung bittet Gott, die Herzen der Juden zu erleuchten, damit sie Jesus Christus als „Heiland aller Menschen“ erkennen. Die Oration bittet darum, dass beim Eintritt der Fülle der Völker in die Kirche „ganz Israel gerettet“ werde. Die Überschrift Pro conversione Judaeorum blieb bestehen.
Viele jüdische Vertreter verstanden dies als Wiederaufnahme einer offenen oder indirekten Judenmission. Riccardo Di Segni sah darin lediglich eine kosmetische Milderung der Grundhaltung von 1570. Charlotte Knobloch setzte den Dialog mit der katholischen Kirche bis zu einer Rücknahme aus; mehrere jüdische Referenten sagten ihre Teilnahme am Deutschen Katholikentag 2008 ab. Walter Homolka erklärte, Juden wollten „weder bebetet noch missioniert werden“, und verwies auf die Gewalt, die Juden im Umfeld mittelalterlicher Karfreitage erfahren hatten. Eine abweichende Position vertrat Jacob Neusner: Die Bitte entspreche der Logik monotheistischer Religionen und einer endzeitlichen Hoffnung, wie sie auch jüdische Gebete für die Hinwendung aller Völker zu Gott enthielten.
Vatikanvertreter betonten, Christen müssten ihrem eigenen Glauben gemäß beten dürfen. Kardinal Walter Kasper deutete die Bitte als endzeitliche Hoffnung, deren Verwirklichung allein Gott überlassen bleibe; organisierte Judenmission sei damit ausgeschlossen. Kritiker innerhalb der katholischen Kirche hielten den Text trotzdem für missverständlich. Deutsche Bischöfe und Theologen schlugen vor, auch im alten Ritus die Normalfassung von 1970 zu verwenden. Sie bemängelten, die Ausnahmefassung erwähne weder Israels fortdauernde Erwählung noch Gottes ungekündigten Bund und lasse offen, ob die Anerkennung Christi Bedingung für das Heil der Juden sei.
Auch evangelische Stimmen warnten vor zwei gleichberechtigten, theologisch kaum vereinbaren Gebetsfassungen und vor Schäden für Ökumene und jüdisch-christlichen Dialog. Der Konflikt verschärfte sich 2009, als Benedikt XVI. die Exkommunikation von vier Bischöfen der Piusbruderschaft aufhob, darunter dem Holocaustleugner Richard Williamson. Die Kritik an der Ausnahmefassung blieb bestehen; 2015 erklärte Bischof Heinrich Mussinghoff, er würde ihre Rücknahme begrüßen.
Anglikanische und altkatholische Fassungen
Die Church of England übernahm die Grundform der römischen Karfreitagsliturgie, fasste die neun Fürbitten aber in drei gemeinsame Gebete ohne Kniefall zusammen. Thomas Cranmers Fassung von 1549 bat für „Juden, Türken, Ungläubige und Häretiker“, ihre Unwissenheit und Herzenshärte zu beseitigen und sie zur Herde Christi zu führen. Sie wurde 1662 fast unverändert in das Book of Common Prayer aufgenommen.
Die Episkopalkirche der USA übernahm den Text 1789, änderte ihn aber nach Kritik. Seit 1928 bat sie allgemeiner für alle, die Gott nicht so kennen, wie er im Evangelium offenbart sei. Das Gebetbuch von 1979 führte eine überarbeitete Reihe feierlicher Fürbitten ein und erlaubt Gebet im Knien oder Stehen. Die Church of England milderte die Formulierung 1980; im späteren Buch Common Worship entfiel eine eigene Judenfürbitte. Andere anglikanische Teilkirchen besitzen unterschiedliche Regelungen.
Die altkatholischen Kirchen reformierten ihre Liturgie schon seit den 1870er Jahren. Das deutsche Altarbuch von 1888 enthielt keine eigene Judenfürbitte. Das Altarbuch von 1959 nahm dagegen eine weitgehend wörtliche Übersetzung der damaligen römischen Fassung auf und bat um die Erkenntnis Christi sowie um Befreiung aus der „Finsternis“. Es wurde jedoch kaum verwendet. Das Eucharistiebuch von 1995 beziehungsweise 2006 bittet allgemein für alle, die nicht an Christus glauben; eine besondere Judenfürbitte fehlt. In Österreich wurden später hinzugefügte antijüdische Aussagen unter Bischof Bernhard Heitz entfernt. Das schweizerische Gebet- und Gesangbuch von 2008 bittet Gott, die Juden in seiner ewigen Treue und in der Liebe zu seinem Namen zu bewahren, und erinnert an die Erwählung Abrahams und seiner Nachkommen.