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Nordgermanische Religion
Als nordgermanische Religion wird die Gesamtheit von Kulten und diesen zugrunde liegenden religiösen Vorstellungen verstanden, die in vorchristlicher Zeit …
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Begriff, Quellen und Entwicklung
Die nordgermanische Religion umfasst die Kulte und religiösen Vorstellungen, die vor der Christianisierung in Skandinavien verbreitet waren. Sie war keine einheitliche Glaubenslehre, sondern bestand aus regional und zeitlich unterschiedlichen Bräuchen. Als Kultreligion beruhte sie vor allem auf korrekt ausgeführten Ritualen; persönliche Frömmigkeit oder ein verbindliches Dogma spielten offenbar keine zentrale Rolle. Religion, Recht, Herrschaft und gesellschaftliches Leben waren eng miteinander verbunden.
Die Überlieferung ist schwierig zu beurteilen. Erzählende Texte entstanden erst in christlicher Zeit. Edda, Sagas und Snorri Sturlusons Werke enthalten deshalb alte Stoffe in späterer literarischer und christlicher Gestaltung. Archäologische Funde wie Gräber, Opferplätze, Felsritzungen, Goldbrakteaten und Kultgegenstände belegen Praktiken, erklären ihre Bedeutung aber meist nicht von selbst. Ortsnamen geben zusätzliche Hinweise auf die regionale Verehrung einzelner Götter. Allgemeine Aussagen über ganz Skandinavien bleiben daher unsicher.
Für Stein- und Bronzezeit fehlen erzählende Quellen vollständig. Jagddarstellungen an schwer zugänglichen Felswänden werden mit religiös vorbereiteten Jagden verbunden. Mit der Ausbreitung des Ackerbaus um 4000 v. Chr. traten Grabbauten und Mooropfer hervor. Speisen in Gräbern sprechen für die Vorstellung eines dem irdischen Leben ähnlichen Weiterlebens. Seit der nordischen Bronzezeit ab 1500 v. Chr. weisen der Sonnenwagen von Trundholm und kreisförmige Felsbilder wahrscheinlich auf einen Sonnenkult hin. Prozessionen, Schiffe und Fruchtbarkeitsszenen erscheinen als kultische Motive; in Mooren wurden Tiere und nachweislich auch Menschen geopfert.
In der Eisenzeit wurden Waffen vor ihrer Niederlegung absichtlich zerstört. Bootsgräber und Schiffssetzungen deuten auf eine Reise der Toten. Moorleichen, häufig durch Erhängen getötet, werden teils mit Odin, teils mit Fruchtbarkeitskulten verbunden. Diese Deutungen bleiben umstritten.
Götter, Schicksal und religiöse Vorstellungen
Die bekannte nordische Mythologie darf nur vorsichtig als Abbild der gelebten Religion gelten. Vorstellungen wie Walhall oder Ragnarök könnten stärker von der Dichtung einer königlichen Kriegerkaste geprägt sein als vom bäuerlichen Alltag. Ortsnamen zeigen, dass Ullr und Njörðr besonders in vorwikingischer Zeit wichtig waren, obwohl die späteren Mythographen sie wenig behandelten. In der Wikingerzeit erscheinen Thor, Frey und Freya häufig in Ortsnamen, Odin dagegen selten. Odin galt vor allem als Gott von Königen und Häuptlingen, Tyr als Gott der Bauernkrieger und Frey als wichtiger Fruchtbarkeitsgott. Daneben verehrte man lokale Mächte, Hausgötter, Disen, Nornen, Elfen und andere Geistwesen. Balder, Loki und die gegen die Asen kämpfenden Riesen scheinen eher der erzählten Mythologie als dem Kult angehört zu haben.
Menschen konnten einen Gott besonders bevorzugen; diese Bindung wurde teilweise innerhalb eines Geschlechts weitergegeben. Eine persönliche Beziehung zu Göttern war jedoch nicht die Regel. Gebete nannten häufig keinen bestimmten Empfänger, sondern baten allgemein um „ár ok friðr“, ein gutes Jahr und Frieden. Einige Menschen erklärten sogar, nur auf die eigene Kraft und ihr Siegesglück zu vertrauen.
Die Seele hieß unter anderem „hugr“ und galt als selbständiges geistiges Ich. Im Traum konnte sie den Körper verlassen. Zauberkundige Personen sollten durch „hamnskifte“, Gestaltwechsel, eine andere körperliche Hülle annehmen können. Eine „fylgja“ war ein Folge- oder Schutzgeist, oft in Tiergestalt; Familiengeister konnten im Traum vor Gefahren warnen.
Der Schicksalsglaube verband verschiedene Vorstellungen. Eine äußere, unausweichliche Ordnung konnte Lebenslauf und Lebensdauer bestimmen. Disen halfen ursprünglich bei der Geburt und wurden als Schicksalsmächte zu Nornen. Urd galt als die ursprüngliche Schicksalsmacht. Daneben bezeichnete „hamingjá“ das einer Person oder einem ganzen Geschlecht innewohnende Glück, verbunden mit Tüchtigkeit, Mut und Erfolg. Besonders Herrschern schrieb man starke hamingjá zu.
Öffentlicher und privater Kult
Der öffentliche Kult galt einem Herrschaftsbezirk und fand an heiligen Orten statt, häufig in Verbindung mit einem Thingplatz. Das Thing war ein sakraler Rechtsraum; Blutvergießen dort galt als schweres Verbrechen. Eide wurden auf einen goldenen Tempelring geschworen, wobei Freyr, Njörð und vermutlich Thor angerufen wurden. Flüsse, Seen und Moore waren bevorzugte Opferorte. Eigenständige Tempelbauten sind nur unsicher belegt. Ein ungewöhnlicher Bau in Uppåkra, seit etwa 200 genutzt und um 800 abgerissen, wird als Kultbau gedeutet; meistens dürften jedoch das Langhaus eines Häuptlings oder Plätze im Freien für Feiern gedient haben.
Eine fest organisierte Priesterschaft ist archäologisch nicht nachgewiesen. Der Gode verband weltliche und religiöse Aufgaben: Er leitete Thing und Gericht, pflegte Kultstätten und veranstaltete öffentliche Opfer. Frauen konnten als „gyðja“ Opferzeremonien leiten, aber kein Thing führen. Die Völva war eine mit Magie und Wahrsagung verbundene Frau, deren genaue Stellung ungeklärt ist.
Die religiöse Funktion des Königs ist umstritten, wird aber überwiegend angenommen. Im Sakralkönigtum vermittelte er zwischen Fruchtbarkeitsmacht und Gemeinschaft und sollte Ernte, Frieden und Kriegsglück sichern. Die schwedischen Ynglinger führten ihre Herkunft auf Yngvi/Freyr zurück. Berichte über die Opferung König Domaldis bei Missernten werden unterschiedlich erklärt: Der König könnte verantwortlich gemacht worden sein oder als wertvollste Gabe gegolten haben. Auch in Anwesenheit des Königs leitete gewöhnlich der örtliche Häuptling das Fest.
Der private Kult bezog sich auf Hof und Hausgemeinschaft und wurde an Grabhügeln, Steinen oder offenen Altären, den „Horgen“, vollzogen. Im westlichen Norwegen konnten Frauen ihn als „hafgyðja“ leiten. Fruchtbarkeitsrituale verwendeten unter anderem den Penis eines geschlachteten Hengstes, der mit Lauch in ein Tuch gewickelt und von der Hausfrau verwahrt wurde. Christenrechte verboten Opfer an Götter, Hügel und Horge sowie Wahrsagung, Runen- und Schadenzauber, das Erwecken von Toten und verschiedene magische Heilverfahren. Runen galten als wirksam gegen Gift und Krankheiten; die Egils saga erzählt, Egil habe ein vergiftetes Trinkhorn durch blutgefärbte Runen zerspringen lassen.
Opfer und Feste
Das Opfer hieß „blót“. Das Verb „blóta“ bedeutete wahrscheinlich „stärken“ oder „mit magischer Kraft füllen“: Durch die Gabe sollte eine Gottheit befähigt werden, Fruchtbarkeit und Wohlergehen zu sichern. „Senda“ bezeichnete das Senden des Opfers an die Götter sowie das Verteilen des Opferfleisches. „Sóа“ konnte „beschwichtigen“, „versöhnen“ oder einfach „töten“ bedeuten.
Gemeinschaftsopfer mit Gastmahl waren offenbar häufiger als reine Versöhnungsopfer. Geschlachtet wurden besonders Pferde, außerdem Rinder, Schafe und Schweine. Das Blut wurde in Schalen gesammelt und mit Wedeln auf Altäre, Wände und Teilnehmer gesprengt; das Fleisch wurde gekocht und gemeinsam gegessen. Bier und Gedächtnisbecher spielten eine zentrale Rolle. Nach Snorris Schilderung trank man zuerst Odins Becher, danach die Becher Njörðs und Freyrs „til árs og friðar“. Die Einzelheiten sind quellenkritisch umstritten: Manche Forscher sehen darin christlich geprägte Konstruktionen, andere halten ältere Bräuche hinter Snorris Terminologie für erkennbar.
Menschenopfer werden in Sagas, bei Adam von Bremen und in archäologischen Befunden genannt. Die Quellen unterscheiden jedoch nicht immer klar zwischen einem Opfer an eine Gottheit und einer rituellen Tötung zur Wiederherstellung der Ordnung. Auch bei Bestattungen getötete Begleiter gelten nicht als Opfer, wenn sie dem Toten im Jenseits dienen sollten. Ob bis in die späte Wikingerzeit Menschen geopfert wurden, ist unsicher, aber wahrscheinlich. Adam berichtet für Uppsala von einem Fest jedes neunte Jahr, bei dem je neun männliche Exemplare verschiedener Lebewesen, darunter Menschen, geopfert und in einem Hain aufgehängt worden seien. Thietmar von Merseburg nennt für Lejre alle neun Jahre 99 Menschen sowie ebenso viele Pferde, Hunde und Hähne. Regionale Unterschiede waren vermutlich groß.
Überliefert sind jahreszeitliche Feste: das Herbstblót um Mitte Oktober, das winterliche jól, das þorra-blót zu Beginn des vierten Wintermonats, das Gói-blót im Frühjahr und das Odin gewidmete Sommerblót um Mitte April, mit dem Ausfahrten und Kriegszüge begannen. Das von Frauen geleitete Álfablót war lokal, Außenstehenden verschlossen und vermutlich mit Ahnen und Fruchtbarkeit verbunden. Auch Lebensereignisse wurden mit religiösen Biergelagen begangen: „Barnsøl“ zur Geburt, „Brudeøl“ zur Hochzeit und „Gravøl“ oder „Arveøl“ zur Bestattung und Erbschaft. Solche Feiern stärkten vor allem die Gemeinschaft.
Tod und Jenseits
Grabbeigaben belegen den Glauben an ein Weiterleben nach dem Tod. Verstorbene blieben Teil des Familienverbandes und galten als Kraftquelle, die durch Gaben erhalten werden musste. Die soziale Rangordnung setzte sich im Jenseits fort. Waffen, Geschirr, Pferde, Wagen und Schiffe sollten das dortige Leben und die Reise ermöglichen. Bei hochgestellten Personen konnten Ehefrauen oder Diener als Totenfolge mitgegeben werden. Ibn Fadlāns Bericht über die Bestattung eines Warägerfürsten beschreibt solche Riten, ist aber nicht ohne Weiteres auf ganz Skandinavien übertragbar.
Der Leichenschmaus „gravøl“ oder „arveøl“ fand am siebten Tag nach dem Tod statt. Beim Gedächtnistrinken galt der Verstorbene als unsichtbar anwesend. Mit dem „bragarfull“, dem Schwurbecher, beanspruchte der Erbe rituell und rechtlich die Nachfolge und den Platz am Hochsitz.
Über den Aufenthaltsort der Toten bestanden mehrere Vorstellungen. Hel bezeichnete das Totenreich und später auch dessen weibliche Herrscherin; die düstere Personifikation ist wahrscheinlich erst in der Wikingerzeit ausgeprägt worden. Andere glaubten, Tote lebten in einem Berg weiter. Walhall erscheint im 10. Jahrhundert in Skaldengedichten als Odins Reich für gefallene Krieger, dürfte aber eher ein literarisches Ideal der Kriegerelite als allgemeiner Volksglaube gewesen sein.
Wiedergänger waren Tote, die wegen fehlerhafter Bestattung keine Ruhe fanden und den Lebenden schadeten. Man konnte den Leichnam durch einen Pfahl im Grab festnageln oder enthaupten. Namen kürzlich verstorbener Verwandter wurden Neugeborenen gegeben, damit ihre Eigenschaften übergingen. So galten die Lebenden als Glieder einer Generationenkette und als Verwalter des von den Vorfahren angesammelten Glücks.
Christianisierung und Mischformen
Während christliche Autoren viele Mythen bewahrten, wurde die heidnische Kultpraxis energisch bekämpft. Besonders Olav der Heilige soll Opferfeste militärisch unterdrückt, Leiter töten oder festnehmen und Festvorräte sowie Besitz beschlagnahmen lassen haben. Die alten Christenrechte verboten heidnische Opfer, Magie und Kulte an Hügeln, Steinen und Horgen.
Ob christliche Kirchen unmittelbar auf heidnischen Kultplätzen errichtet wurden, wird differenziert beurteilt. Eine Kontinuität heiliger Orte gilt vielfach als wahrscheinlich; eine allgemeine Übernahme besonderer heidnischer Tempelgebäude ist dagegen nicht belegt. Der vorchristliche Kult fand wohl meist im Freien oder in profanen Hallen statt. Sprachlich blieb die Vorstellung von Religion als Brauch lange erhalten: Das Heidentum hieß „forn siðr“, der alte Brauch, und das Christentum der neue Brauch. Ein eigenes Wort für Religion im heutigen Sinn gab es nicht.
Während der Missionszeit entstand ein wenig erforschter Synkretismus, also eine Verbindung beider Religionen. Zauberbücher kombinierten heidnische Götternamen mit christlichen Gebeten. Händler konnten beim „Primsigning“ das Kreuzzeichen empfangen, ohne ihren bisherigen Glauben vollständig aufzugeben. Heidnische Motive blieben in Schnitzereien von Stabkirchen erhalten. Auch christliche Bestattungsriten übernahmen Funktionen älterer Vorstellungen: Gebete, Weihwasser und der „líksöngr“, das lateinische Leichenlied, sollten nicht nur den Toten segnen, sondern zugleich die Lebenden vor einem gefährlichen Wiedergänger schützen.