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Thietmar von Merseburg

Der modernen Forschung gilt Thietmar einhellig als einer der wichtigsten Historiographen der späten Ottonenzeit. Seine umfangreiche Chronik bündelte die …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Person und Bedeutung
  2. 2. Ausbildung und Aufstieg
  3. 3. Bischof von Merseburg
  4. 4. Chronik und Geschichtsbild
  5. 5. Religion, Memoria und Slawenbild
  6. 6. Überlieferung und Nachwirkung

Person und Bedeutung

Thietmar von Merseburg, auch Dietmar oder Dithmar genannt, wurde am 25. Juli 975 oder 976 geboren und starb am 1. Dezember 1018 vermutlich in Merseburg. Er war von 1009 bis 1018 Bischof des Bistums Merseburg und zählt zu den wichtigsten Geschichtsschreibern der späten Ottonenzeit.

Er stammte aus dem sächsischen Hochadel: väterlicherseits aus dem Geschlecht der Grafen von Walbeck, mütterlicherseits von den Grafen von Stade. Seine Familie hatte enge Beziehungen in den mitteldeutschen Grenzraum zwischen Elbe, Saale und Oder, der um 1000 politisch, kirchlich und kulturell noch nicht vollständig in das Reich eingebunden war. Diese Herkunft prägte Thietmars Blick auf Adel, Kirche, Königtum und die slawisch besiedelten Gebiete.

Seine besondere Bedeutung liegt vor allem in seiner Chronik. Sie verbindet Reichsgeschichte, Geschichte des Bistums Merseburg, Familiengedenken und religiöse Deutung. Für die Zeit Ottos III. und Heinrichs II. ist sie eine zentrale Quelle. Sie enthält außerdem frühe Erwähnungen zahlreicher Orte, darunter Leipzig im Jahr 1015.

Ausbildung und Aufstieg

Als drittgeborener Sohn war Thietmar vermutlich früh für eine geistliche Laufbahn bestimmt. Bischof Hildeward von Halberstadt taufte und firmte ihn persönlich. Er wuchs zunächst in Walbeck auf und erhielt seinen ersten Unterricht im Kanonissenstift Quedlinburg durch seine Großtante Emnilde.

Ab 987 wurde Thietmar drei Jahre im Kloster Berge und danach im Magdeburger Domstift ausgebildet. Am 1. November 990 wurde er Mitglied des Magdeburger Domkapitels. Dort erhielt er eine gründliche geistliche Bildung mit Kenntnissen der Bibel, frühchristlicher Literatur und klassischer Autoren. Die Gemeinschaft der Geistlichen prägte ihn stark; er bezeichnete die Magdeburger Domherren als confratres, also Mitbrüder.

Im Sommer 994 sollte Thietmar als Geisel für seinen Onkel Siegfried dienen, der bei einem Wikingerüberfall an der Unterelbe in Gefangenschaft geraten war. Der Austausch kam nicht zustande, weil Siegfried entkommen konnte. Am 7. Mai 1002 wurde Thietmar Propst des Familienstifts Walbeck. Er selbst bekannte später, dieses Amt durch Simonie erworben zu haben, also durch Ämterkauf, was nach kirchlichem Recht verboten war. Am 21. Dezember 1004 erhielt er in Gegenwart König Heinrichs II. die Priesterweihe.

Bischof von Merseburg

Das Bistum Merseburg war 968 als christlicher Vorposten im weithin heidnischen Slawengebiet gegründet, 981 aber wieder aufgehoben worden. Seine Rechte und Besitzungen wurden unter Nachbarbistümern wie Magdeburg, Halberstadt, Zeitz und Meißen aufgeteilt. Unter Heinrich II. wurde es nach 23 Jahren wieder eingerichtet, jedoch nicht vollständig in seinem alten Umfang.

Nach dem Tod Bischof Wigberts am 24. März 1009 wurde Thietmar zum Bischof erhoben. Die Weihe fand am 24. April 1009 in Neuburg an der Donau statt. Thietmar erhielt vom König die Investitur mit dem Bischofsstab. Merseburg war das kleinste Bistum im ottonischen Reich.

Ein Hauptziel seiner Amtszeit war die Wiederherstellung der alten Rechte und Besitzungen des Bistums. Thietmar verhandelte mit Magdeburg und Meißen, erreichte aber nur teilweise Erfolge. Von Magdeburg erhielt er unter anderem Zusagen zu Schkeuditz, Taucha, Püchau und Wurzen; im Streit mit Meißen musste er 1017 die Mulde als Grenze akzeptieren und blieb unzufrieden. Seine Bemühungen, die ursprüngliche Größe des Bistums zurückzugewinnen, blieben insgesamt erfolglos. Dabei griff er auch zum Mittel der Urkundenfälschung, weil er seine Ansprüche als rechtmäßig ansah.

Heinrich II. unterstützte Merseburg mehrfach. 1012 bestätigte er in einer Urkunde frühere Schenkungen an das Bistum, für die keine Originalurkunden mehr vorhanden waren. Im Streit um den Forst Zwenkau entschied Heinrich 1017 zugunsten Merseburgs. Am 18. Mai 1015 legte Thietmar eigenhändig die Grundsteine für den neuen Merseburger Dom in Form eines Kreuzes. Die Weihe des Domes erlebte er nicht mehr; sie fand am 1. Oktober 1021 statt.

Chronik und Geschichtsbild

Thietmar schrieb zwischen Ende 1012 und 1018 eine Chronik über die sächsische Geschichte von 908 bis 1018. Neben ihm arbeiteten acht weitere Schreiber des Merseburger Domskriptoriums daran; Thietmar ergänzte und korrigierte ihre Arbeit. Das Werk sollte die Geschichte Merseburgs und die Lebenswege und Taten der sächsischen Könige, also der Ottonen, darstellen.

Die Chronik ist in acht Bücher gegliedert. Die ersten vier behandeln Heinrich I., Otto I., Otto II. und Otto III.; die letzten vier widmen sich Heinrich II. bis zum Jahr 1018. Thietmar begann nicht erst mit der Gründung des Bistums Merseburg 968, sondern mit Heinrich I., den er als wichtigen Begründer Merseburgs betrachtete. Für die ältere Zeit nutzte er unter anderem Widukind von Corveys Sachsengeschichte und die Quedlinburger Annalen. Außerdem verwendete er Nekrologien, Urkunden, mündliche Nachrichten und heute verlorene Quellen.

Thietmars Bewertungen der Herrscher hingen stark mit Merseburg zusammen. Otto I. lobte er als Gründer des Bistums besonders, kritisierte ihn aber auch. Otto II. belastete die Aufhebung Merseburgs, doch Thietmar gab vor allem anderen Beteiligten Schuld. Otto III. beurteilte er wegen seiner Politik gegenüber Rom und Polen skeptisch, wobei die Forschung über die genaue Schärfe dieser Kritik unterschiedlicher Meinung ist. Heinrich II. verehrte Thietmar besonders, weil er das Bistum Merseburg wiederhergestellt hatte, kritisierte ihn aber bei einzelnen Bischofserhebungen.

Die Chronik enthält viele persönliche Aussagen. Thietmar berichtet über Familie, Krankheit, Sünde, Buße, Tod, Fürbitte, Träume, Wunderzeichen, Dämonen und Gottes Wirken in der Geschichte. Deshalb gilt er als ungewöhnlich deutlich sichtbare Autorenpersönlichkeit des Mittelalters.

Religion, Memoria und Slawenbild

Thietmars Denken war stark religiös geprägt. Er glaubte nicht an Zufall oder Schicksal, sondern an Gottes Fügung. Natur- und Himmelszeichen, Träume, Erscheinungen von Toten und Visionen deutete er als Hinweise auf göttliches Handeln oder als Warnungen. Der Teufel und böse Geister spielten in seiner Vorstellungswelt ebenfalls eine wichtige Rolle.

Zentral war für ihn die Memoria, also das rituelle und liturgische Totengedenken. Thietmar wollte mit seiner Chronik nicht nur informieren, sondern auch Fürbitten für Verstorbene und für sich selbst sichern. Er bat seine Leser mehrfach um Gebete. In einem Merseburger Sakramentar trug er eigenhändig die Bitte ein: „Priester Gottes, erinnere dich deines sündigen und unwürdigen Mitbruders Thietmar“.

Auffällig ist sein starkes Sündenbewusstsein. Er beschrieb sich selbst als sündig, jähzornig und unzulänglich. Er bekannte unter anderem die Simonie beim Erwerb der Propstei Walbeck und machte sich Vorwürfe wegen versäumter seelsorgerlicher Pflichten. Die Chronik ist deshalb auch ein Aufruf, für sein Seelenheil zu beten.

Thietmar lebte in einer Diözese mit vielen slawischen Bewohnern. Über die slawische Welt verfügte er nach neuerer Forschung über gute Informationen und wohl auch über Sprachkenntnisse. Heidnische Elbslawen schilderte er oft kritisch, besonders wegen ihres Abfalls vom Christentum nach dem Slawenaufstand von 983. Zugleich unterschied er zwischen heidnischen Elbslawen und christlichen Polen, Mährern und Böhmen. Mieszko I. von Polen und Wenzel von Böhmen stellte er positiv dar. Das Bündnis Heinrichs II. mit den heidnischen Liutizen lehnte er entschieden ab.

Überlieferung und Nachwirkung

Thietmar starb 1018 im Alter von etwa 43 Jahren. Er wurde zunächst im Chor seiner Kirche St. Johannis bestattet. Nach der Weihe des neuen Merseburger Doms am 1. Oktober 1021 wurden seine Gebeine dorthin überführt. Eine Grabplatte ist erhalten.

Die Chronik erfüllte Thietmars Ziel, späteren Merseburger Bischöfen als Hilfe zu dienen und sein Gedenken zu sichern. Entgegen älteren Annahmen wurde sie im Mittelalter häufig benutzt, besonders in sächsischen Geschichtswerken. In wenigstens 17 Werken vom 11. bis zum frühen 16. Jahrhundert wurde sie verwendet.

Überliefert ist die Chronik in zwei vollständigen Handschriften. Die Dresdner Originalhandschrift entstand unter Thietmars Anleitung und mit seiner eigenen Beteiligung. Sie wurde 1945 durch Löschwasser nach dem Bombenangriff auf Dresden schwer beschädigt; ein Faksimile von 1905 bewahrt ihren früheren Zustand. Die zweite vollständige Handschrift liegt heute in Brüssel und gilt als überarbeitete Fassung, die auf Thietmar selbst zurückgeht.

Die erste gedruckte Ausgabe erschien 1580 durch Reiner Reineccius. Eine erste deutsche Übersetzung folgte 1606. Die bis heute maßgebliche Edition legte Robert Holtzmann 1935 vor. In der Forschung wandelte sich das Bild Thietmars: Während man ihn früher vor allem als zuverlässigen politischen Berichterstatter sah, interessieren heute auch seine religiöse Vorstellungswelt, sein Sündenbewusstsein, seine Memorialpraxis, sein Blick auf Slawen und Polen sowie seine Rolle als Bischof und Autor.

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