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Neumünster

Neumünster (niederdeutsch Niemünster und Neemünster) ist eine kreisfreie Stadt und ein Oberzentrum in der Mitte Schleswig-Holsteins.

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Stadtprofil und Geographie
  2. 2. Geschichtliche Entwicklung
  3. 3. Bevölkerung, Religion und Politik
  4. 4. Kultur, Natur und Freizeit
  5. 5. Wirtschaft, Energie und Verkehr
  6. 6. Bildung und öffentliche Einrichtungen

Stadtprofil und Geographie

Neumünster ist eine kreisfreie Stadt und ein Oberzentrum in der Mitte Schleswig-Holsteins. Mit 80.145 Einwohnern am 31. Dezember 2025 ist sie nach Kiel, Lübeck, Flensburg und Norderstedt die fünftgrößte Stadt des Bundeslandes. Das Stadtgebiet umfasst 71,66 km², liegt durchschnittlich 22 m über NHN und gliedert sich in neun Stadtteile: Böcklersiedlung-Bugenhagen, Brachenfeld-Ruthenberg, Einfeld, Faldera, Gadeland, Gartenstadt, Stadtmitte, Tungendorf und Wittorf. Seit Mai 2012 gehört Neumünster zur Metropolregion Hamburg. Die Holstenhallen und die Stadthalle machen die Stadt zu einem wichtigen Messe- und Veranstaltungsort.

Die Stadt liegt am östlichen Rand der Holsteinischen Vorgeest, nahe dem Übergang zum Holsteinischen Hügel- und Seenland. Sie erstreckt sich am Oberlauf der Stör; im Stadtgebiet mündet die Schwale in diesen Fluss. Der geologische Untergrund ist eine flache Schmelzwasserebene aus Sanden, die während der Weichseleiszeit durch Schmelzwasser des fennoskandischen Eisschildes abgelagert wurden.

Neumünster besitzt ein humides kühlgemäßigtes Übergangsklima, das weder stark kontinental noch stark maritim geprägt ist. Die mittlere Jahrestemperatur beträgt 8,1 °C, der jährliche Niederschlag 775 mm. Der Januar ist mit durchschnittlich 0,1 °C der kälteste, der Juli mit 16,6 °C der wärmste Monat. Am wenigsten Niederschlag fällt im Februar mit 47 mm, am meisten im August mit 84 mm.

Geschichtliche Entwicklung

Der Ort wurde 1127 als „Wippenthorp im Gau Faldera“ erwähnt. In diesem Jahr errichtete der Missionar Vizelin dort ein Augustiner-Stift. Der Name Neumünster geht auf dessen Bezeichnung Novum Monasterium, „Neues Münster“, zurück und ist erstmals 1136 urkundlich belegt. Das Stift zog um 1330 nach Bordesholm. Neumünster lag an zwei bedeutenden Handelswegen: dem in Nord-Süd-Richtung verlaufenden Ochsenweg und der ost-westlichen Lübschen Trade. Ein 1498 auf der Klosterinsel gegründetes Augustinerinnenkloster wurde 1566 infolge der Reformation aufgelöst.

Um 1503 wurde die Schwale für Fischzucht und Mühlenbetrieb angestaut; dadurch entstand der Mühlenteich. Seit 1773 gehörte Neumünster zum Dänischen Gesamtstaat. Die Gründung der „Privilegierten Wollzeugfabrique“ im Jahr 1760 leitete die Entwicklung zur Tuchmacherstadt ein. Brände zerstörten wiederholt Teile des Ortes, besonders 1637 und 1780.

Die Industrialisierung begann 1824 mit einer von der Tuchfabrik Renck importierten englischen Dampfmaschine. 1844 wurde die Bahnstrecke Kiel–Neumünster–Altona eröffnet, 1845 folgte die Verbindung nach Rendsburg. Nach dem Deutsch-Dänischen Krieg von 1864 und dem Deutschen Krieg von 1866 wurde Neumünster 1867 Teil der preußischen Provinz Schleswig-Holstein. 1870 erhielt der Ort die Stadtrechte, 1901 wurde er kreisfreie Stadt. Im späten 19. Jahrhundert prägten Tuch- und Lederindustrie sowie die Entwicklung zum Eisenbahnknoten die Stadt. Die gute Anbindung an den Hamburger Hafen erleichterte den Import von Rohhäuten und Gerbstoffen.

Während des Nationalsozialismus wurden Rechtsstaat und demokratische Verwaltung beseitigt. Kommunisten und andere Verfolgte wurden inhaftiert; Christian Heuck und Rudolf Timm wurden Anfang 1934 im Polizeigefängnis ermordet. Jüdische Einwohner wurden entrechtet, beraubt und während der Reichspogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 misshandelt. Die verbliebenen jüdischen Einwohner wurden 1941 nach Riga deportiert und später ermordet. Die Adler & Oppenheimer AG wurde 1940/41 „arisiert“. Im Krieg erlitt Neumünster acht alliierte Luftangriffe und wurde zu 20 bis 30 Prozent zerstört. Am 3. Mai 1945 übergab sich die zur „Offenen Stadt“ erklärte Stadt kampflos britischen Truppen.

Nach Kriegsende richteten die Briten in Gadeland ein Internierungslager für mutmaßliche NS-Funktionäre ein, in dem im Herbst 1945 etwa 11.000 Menschen festgehalten wurden. Zugleich kamen zahlreiche Flüchtlinge und Vertriebene: 1947 gehörten 16.375 der 66.945 Einwohner zu diesen Gruppen. Ab 1950 entstand auf einem Teil des früheren Flugplatzes die Böcklersiedlung mit 800 Wohnungen. Der Niedergang der traditionellen Industrien setzte in den 1960er Jahren ein; die Lederproduktion verschwand bis Ende der 1960er Jahre, die Tuchindustrie bis 1992. Mit der Räumung der Kasernen zwischen 1994 und 2003 endete Neumünsters Geschichte als Garnisonsstadt.

Bevölkerung, Religion und Politik

Die Einwohnerzahl stieg vor allem durch Industrialisierung, Eingemeindungen und Fluchtbewegungen. Von etwa 2.600 Einwohnern im Jahr 1803 wuchs Neumünster auf rund 27.000 im Jahr 1900 und 54.094 im Jahr 1939. Nach dem Zweiten Weltkrieg erhöhte sich die Zahl durch Flüchtlinge und Vertriebene auf 66.185 im Oktober 1946. Ihren historischen Höchststand erreichte sie 1972 mit 86.745 Einwohnern. Eingemeindet wurden 1938 Brachenfeld, Wittorf sowie Teile Gadelands und Tungendorfs; 1970 folgten Einfeld, Gadeland und Tungendorf-Dorf.

Nach dem Zensus 2011 waren 49,7 % der Einwohner evangelisch und 6,5 % römisch-katholisch. Im Mai 2022 betrugen die Anteile 38,4 % beziehungsweise 5,7 %; 55,9 % waren konfessionslos, gehörten einer anderen Glaubensgemeinschaft an oder machten keine Angabe. Neben zahlreichen evangelisch-lutherischen und katholischen Gemeinden bestehen unter anderem baptistische, neuapostolische, pfingstkirchliche und weitere christliche Gemeinschaften. Zum islamischen Leben gehören eine alevitische Gemeinde, die DITIB-Gemeinde, die Islamische Gemeinde mit der Fatih-Moschee und die Merkezefendi-Moschee.

Die Ratsversammlung ist die kommunale Volksvertretung und wird alle fünf Jahre gewählt. Bei der Wahl vom 14. Mai 2023 betrug die Wahlbeteiligung 40,0 %. Die 56 Sitze verteilten sich auf CDU 17, SPD 14, Grüne 7, FDP 4, AfD 3, Heimat Neumünster 3, Bürger NMS 3, BfB 2 sowie Linke, Offene Liste und Basis mit jeweils einem Sitz. Oberbürgermeister ist seit dem 1. September 2021 Tobias Bergmann, zunächst SPD-Mitglied, inzwischen parteilos. Der seit 1950 bestehende Stadtpräsident führt den Vorsitz in der Ratsversammlung und repräsentiert sie.

Das Wappen zeigt in Rot eine silberne Fabrikanlage mit fünf Schloten, darunter einen silbernen Schwan mit goldener Halskrone und darüber ein silbernes Nesselblatt. Es verweist besonders auf Neumünsters industrielle Vergangenheit. Städtepartnerschaften bestehen mit Gravesham seit 1980, Koszalin und Parchim seit 1990 sowie Giżycko seit 2000.

Kultur, Natur und Freizeit

Das Museum Tuch + Technik stellt die Stadt- und Textilgeschichte anhand noch funktionsfähiger Großmaschinen dar. Die Villa Wachholtz und der Gerisch-Skulpturenpark zeigen wechselnde Kunstausstellungen und mehr als 20 zeitgenössische Skulpturen. Das Künstlerhaus Stadttöpferei vergibt seit 1987 Wohn- und Arbeitsstipendien an internationale Keramikkünstler. Der frühere Lokschuppen wird als Kultur- und Eisenbahnstandort restauriert.

Das Theater in der Stadthalle bietet 570 Plätze und zeigt Schauspiel, Musiktheater, Konzerte, Ballett, Kabarett und Filme. Bedeutende Bauwerke sind die klassizistische Vicelinkirche von 1834, die Anscharkirche von 1912, die katholische St.-Maria-St.-Vicelin-Kirche von 1893, das neugotische Rathaus von 1900, das Caspar-von-Saldern-Haus und der 48 m hohe Wasserturm von 1900. An die Opfer des Nationalsozialismus erinnern ein Gedenkstein und 27 Stolpersteine. Das Bürgerkunstwerk „Die 19“ stellt auf 19 Metallplatten die 19 Grundrechte des Grundgesetzes dar.

Zu den wichtigsten Naturräumen gehören Rencks Park, Stadtpark und Stadtwald sowie die Ufer von Schwale und Stör. Der 168 Hektar große Einfelder See dient dem Baden, Wandern, Segeln und Surfen. Das 521 Hektar große Dosenmoor ist das größte und am besten erhaltene Hochmoor Schleswig-Holsteins. Das 13 Hektar große Westufer des Einfelder Sees mit Röhricht und Bruchwald steht ebenfalls unter Naturschutz. Im 24 Hektar großen Tierpark leben etwa 700 Tiere, darunter Eisbären und Pinguine.

Neumünster besitzt 58 Sportvereine und -verbände. Der Einfelder See ermöglicht Kanu-, Ruder- und Segelsport; der Flugplatz wird für Motor- und Segelflug genutzt. In den Holstenhallen finden internationale Spring- und Dressurreitturniere wie das CSI Neumünster statt. Wegen zahlreicher Pferdesportveranstaltungen gilt Neumünster als „Pferdestadt“ und wurde 2002, 2012 und 2014 als pferdefreundliche Gemeinde ausgezeichnet. Das größte Stadtfest ist die seit 1974 veranstaltete Holstenköste, die jährlich mehr als 200.000 Besucher anzieht. Weitere regelmäßige Veranstaltungen sind unter anderem Kunstflecken, Weinköste, Stoffköste, Schlemmerköste und der Adventsmarkt.

Wirtschaft, Energie und Verkehr

Neumünsters Wirtschaft war lange von Tuch- und Lederindustrie geprägt und ist heute breiter aufgestellt. Zu den Branchen gehören Maschinen- und Apparatebau, Elektronik, Softwareentwicklung, Metallverarbeitung, Kunststoff- und Teppichindustrie, Recycling, Logistik sowie Groß- und Einzelhandel. 2020 betrug das Bruttoinlandsprodukt innerhalb der Stadtgrenzen 3,569 Milliarden Euro beziehungsweise 44.583 Euro je Einwohner. Rund 54.100 Personen waren erwerbstätig. Große Arbeitgeber sind unter anderem das Friedrich-Ebert-Krankenhaus, Edeka Nord, Oerlikon Neumag, Danfoss Power Solutions, die Stadtwerke und das Ausbesserungswerk der Deutschen Bahn mit 600 Beschäftigten. Bedeutende Einkaufsstandorte sind die Innenstadt, die Holsten-Galerie und das Designer Outlet mit etwa 120 Geschäften auf 20.000 m² Verkaufsfläche.

Das Kraftwerk Neumünster nutzt Restmüll und Erdgas, erzeugt Strom sowie Fernwärme und besitzt eine elektrische Nettoleistung von 58 MW. 2023 erfolgte die Umstellung von Kohle auf Erdgas. Die Stadtwerke wollen ihren Treibhausgasausstoß gegenüber 2021 bis 2035 um 90 % senken. Geplant sind unter anderem eine Großwärmepumpe und ein saisonaler Erdbeckenspeicher. Ein angekündigtes Wasserstoffprojekt soll eine Elektrolysekapazität von 50 MW besitzen und jährlich bis zu 5.000 t grünen Wasserstoff produzieren.

Neumünster ist ein wichtiger Verkehrsknoten an der Autobahn A7 und den Bundesstraßen 205 und 430. Sechs Eisenbahnstrecken treffen hier zusammen. Der Hauptbahnhof wird von ICE-, EC-, IC- und Regionalzügen bedient; weitere Stationen sind Neumünster Süd, Stadtwald und Einfeld. Verbindungen bestehen unter anderem nach Hamburg, Kiel, Flensburg, Bad Oldesloe, Heide und Büsum. Für die stillgelegte Strecke nach Ascheberg wird eine Reaktivierung empfohlen, deren Finanzierung jedoch ungeklärt ist.

Der Stadtverkehr besteht aus Buslinien und dem Ridepooling-Angebot „Hin&Wech“, bei dem Fahrten bedarfsgesteuert gebündelt werden. Sonn- und feiertags ersetzt dieser Shuttledienst seit August 2022 den klassischen Linienverkehr. Wegen des flachen Geländes bestehen gute Voraussetzungen für den Radverkehr; 2018 wurden 24 % der innerstädtischen Wege mit dem Rad zurückgelegt. Die Stadt verfolgt das Ziel, ihre Mobilität bis 2035 klimaneutral zu gestalten und eine „15-Minuten-Stadt“ zu werden, in der wichtige Ziele in kurzer Zeit erreichbar sind.

Bildung und öffentliche Einrichtungen

Neumünster verfügt über Förderzentren, Grundschulen, Gemeinschaftsschulen, vier Gymnasien und mehrere berufsbildende Schulen. Die Holstenschule, 1842 gegründet, ist das älteste Gymnasium der Stadt. Zu den großen Berufsbildungszentren gehören die Walther-Lehmkuhl-Schule, die Elly-Heuss-Knapp-Schule und die Theodor-Litt-Schule. Hinzu kommen unter anderem eine Fachschule für Lebensmitteltechnik, eine Schule für Pflegeberufe, eine Volkshochschule mit Sternwarte, eine Musikschule und eine Stadtbücherei.

Seit dem Sommersemester 2023 bietet die Hochschule für Angewandte Wissenschaften Kiel gemeinsam mit dem Friedrich-Ebert-Krankenhaus in Neumünster den dualen Studiengang Pflege an. Weitere medizinische Studienangebote und ein Fachbereich Gesundheit sind geplant. Die Steinbeis Business Academy bietet zusammen mit dem Lebensmittelinstitut KIN den Bachelorstudiengang „Business Development Food Products“ an.

Das Friedrich-Ebert-Krankenhaus besitzt 640 Betten und ist akademisches Lehrkrankenhaus der Universitäten Kiel und Hamburg sowie das größte Lehrkrankenhaus Schleswig-Holsteins. Weitere öffentliche Einrichtungen sind das Amtsgericht, das Arbeitsgericht, die Justizvollzugsanstalt mit 454 Haftplätzen, das Landeslabor Schleswig-Holstein sowie Landesämter für soziale Dienste und für Zuwanderung und Flüchtlinge. Im Gefahrenabwehrzentrum werden Kräfte des Katastrophenschutzes gebündelt; auf dem Gelände entsteht ein Blaulicht-Campus mit Einrichtungen für Zoll und Technisches Hilfswerk.

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