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Neuer Atheismus
Als Neuer Atheismus wird eine atheistische Bewegung des 21. Jahrhunderts bezeichnet, die ein humanistisches und naturalistisches Weltbild vertritt.
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Kernmerkmale und Bedeutung
Der Neue Atheismus ist eine atheistische Bewegung des 21. Jahrhunderts. Sie vertritt ein humanistisches und naturalistisches Weltbild. Naturalismus bezeichnet hier die Auffassung, dass die Welt ohne Rückgriff auf Übernatürliches erklärt werden soll; Humanismus stellt den Menschen, Vernunft, Aufklärung und Menschenrechte in den Mittelpunkt.
Die Bewegung entstand im Wesentlichen als Gegenbewegung zum religiösen Fundamentalismus. Breite Aufmerksamkeit erhielt sie durch mehrere populäre Bücher, die religiöse Argumente als häufig irrational kritisieren und eine von Vernunft und Verstand geprägte Gesellschaft fordern. Zentrale Vertreter sind Richard Dawkins, Christopher Hitchens, Sam Harris und Daniel Dennett. Die Bewegung wurde zunächst im englischen Sprachraum bekannt und verbreitete sich anschließend unter diesem Begriff auch in anderen Ländern, darunter Deutschland.
Eine einheitliche Definition in Abgrenzung zu klassischem Atheismus und anderer Religionskritik gibt es nicht. Als typische Unterscheidungsmerkmale werden konsequent naturalistische Argumentation, eine schärfere oder aggressivere Religionskritik und das Auftreten als breiter gesellschaftlicher Trend genannt. Der Begriff bezieht sich besonders auf das trendartige Erscheinen mehrerer atheistischer Bücher in Millionenauflage sowie auf die medienwirksame Auseinandersetzung ihrer Autoren mit religiösen Vertretern.
Entstehung des Begriffs und zentrale Vertreter
Zunächst bezeichnete „Neue Atheisten“ vor allem die Autoren populärer Bücher des beginnenden 21. Jahrhunderts, darunter Sam Harris, Richard Dawkins, Daniel Dennett und Christopher Hitchens. Die Bezeichnung entstand aus journalistischen Kommentaren und Buchkritiken. Erstmals wurde sie 2006 in Gary Wolfs Artikel „The Church of the Non-Believers“ im Magazin Wired verwendet, ohne genauer definiert zu werden.
Andrew Brown unternahm einen frühen Definitionsversuch. Er verstand unter „Neuen Atheisten“ populäre säkulare Autoren, die Religion und Glauben für destruktive Kulturkräfte hielten, und ordnete ihnen gemeinsame Kernthesen zu. Diese Fremdbeschreibung stimmt jedoch nicht vollständig mit der Selbstdefinition der Betroffenen überein. Brown gilt außerdem als einer der entschiedensten Kritiker des Neuen Atheismus.
2007 trafen Dawkins, Hitchens, Harris und Dennett zu einer Diskussionsrunde zusammen. Das später als Video verbreitete Gespräch erhielt den Titel „The Four Horsemen“. Die Bezeichnung spielt auf die vier apokalyptischen Reiter an; deshalb werden die vier Autoren auch „The Four Horsemen of the Non-Apocalypse“ („Die vier nicht-apokalyptischen Reiter“) genannt.
Definitionen und Hauptthesen
Eine häufig verwendete Definition beschreibt den Neuen Atheismus als Bezeichnung für weltliche Denker, die religiösen Glauben und den Glauben an Götter für „gefährlich und zerstörerisch“ halten, weil beides im Wesentlichen irrational sei und Irrationalität sowie anti-wissenschaftliches Denken fördere.
Nach einer Definition der GBS-Stuttgart formuliert diese Bewegung ihre Kritik klar und deutlich, teilweise polemisch oder satirisch. Nun äußerten sich ausdrücklich Naturwissenschaftler und nicht mehr hauptsächlich Philosophen. Auch „moderate“ Religiosität werde abgelehnt, weil sie irrationales Denken in der Gesellschaft verbreite. Religion und Wissenschaft seien unvereinbar: Die wissenschaftliche Methode des kritischen Überprüfens stehe dem blinden Glauben an religiöse Dogmen entgegen. Glaube ohne Belege verdiene keinen Respekt. Die Neuen Atheisten seien naturalistische Humanisten und nähmen an, dass eine vernünftigere Gesellschaft ohne den Glauben an Übernatürliches auch eine bessere Gesellschaft sei.
Gary Wolf fasste eine besonders scharfe Position so zusammen: Die Neuen Atheisten verurteilten nicht nur den Gottesglauben, sondern auch den Respekt vor diesem Glauben. Religion sei für sie nicht nur falsch, sondern ein Übel.
Richard Dawkins argumentiert, ein göttliches Wesen, das in irgendeiner Weise mit dem Weltgeschehen interagiere, betrete damit naturwissenschaftliches Terrain und stehe zu naturwissenschaftlichen Erklärungen in Konkurrenz. Fragen, die von der Naturwissenschaft prinzipiell nicht beantwortet werden können, seien nach dieser Auffassung auch der Theologie nicht zugänglich. Weitere Autoren deuteten Religion als Folge bestimmter biologischer oder hirnphysiologischer Mechanismen: Pascal Boyer erklärte 2004 in „Und Mensch schuf Gott“ die Entstehung von Vorstellungen übernatürlicher Akteure mit einem Wahrnehmungsverarbeitungsmodul. Andreas Kilian deutete Religion 2010 als biologisch selektierte nicht-logische Argumentationsebene, die individuellen Egoismus rechtfertigen könne. Thomas Grüter wies 2010 auf Elemente magischen Denkens in Religionen hin.
Neben den vier international bekannt gewordenen Autoren traten in Europa unter anderem Piergiorgio Odifreddi, Michel Onfray und Michael Schmidt-Salomon hervor. Für den deutschen Sprachraum werden außerdem Peter Sloterdijk, Philipp Möller, Karlheinz Deschner, Carsten Frerk, Joachim Kahl und Herbert Schnädelbach genannt. Ihre Positionen weichen teilweise deutlich voneinander ab. Deschner stellte in einer „Kriminalgeschichte des Christentums“ zahlreiche Verbrechen von Kirchenvertretern zusammen. Schnädelbach kritisierte am 11. Mai 2000 die Mea-culpa-Erklärung von Johannes Paul II., verteidigte als „frommer Atheist“ die Aufklärung der Theologie und warnte vor einer naturwissenschaftlichen Verengung des neuen Atheismus.
Ursachen und politische Einordnung
Nick Spencer erklärt das Aufblühen des Neuen Atheismus mit einer historischen Reaktion auf die lange christliche Dominanz in Europa. Für Großbritannien und die USA sieht er einen besonderen Auslöser darin, dass Religion entgegen säkularisierungstheoretischen Erwartungen wieder eine wichtige Rolle im politischen Geschehen erlangte. Seine paradoxe Schlussfolgerung lautet: „we should expect to hear more about atheism in the future for the simple reason that God is back.“
Stephen LeDrew untersuchte die Ursachen der neuen atheistischen Bewegung in Nordamerika. Er hält die Säkularismusthese eher für ein ideologisches Produkt als für eine empirisch belegte Tatsache. Der Neue Atheismus könne deshalb als Versuch verstanden werden, den Erfolg des Säkularismus doch noch zu fördern. LeDrew sieht ihn als Reaktion auf Immigration, Multikulturalismus und religiöse Anpassung. Seiner Einschätzung nach ist er ein „säkularer Fundamentalismus“, eine „moderne utopische Ideologie“ und im Kern politisch.
LeDrew beschreibt außerdem eine Entwicklung des Atheismus: Durch die Auseinandersetzung mit der Evolutionstheorie sei er von der bloßen Verneinung religiösen Glaubens zu einer Bejahung des Liberalismus, der wissenschaftlichen Rationalität sowie der Legitimität und Methodik moderner Wissenschaft geworden. Damit erscheine er nicht mehr nur als Religionskritik, sondern als umfassenderes ideologisches System mit zahlreichen aus der Aufklärung entwickelten Prinzipien.
Victor J. Stenger verortet den Ursprung im fortdauernden Konflikt mit konservativen Christen in den USA, die entgegen der Evolutionstheorie eine kreationistische Schöpfungslehre im Schulunterricht etablieren möchten. Nach der „Buskampagne“ entstand der Neue Atheismus als entschiedene Gegenwehr gegen einen neuen religiösen Fundamentalismus, insbesondere gegen Evangelikale, Kreationisten und Islamisten, die zuvor die öffentliche Wahrnehmung mit ihren Themen bestimmt hätten.
Kritik, Organisationen und Zeitschriften
Ulrich Berner kritisiert die „willkürliche Verwendung“ und „inhaltliche Unschärfe“ der Begriffe „Neuer Atheismus“ und „Neue Atheisten“. Michael Schmidt-Salomon hält den Begriff für überholt und plädiert für einen thematisch breiteren „neuen Humanismus“.
Alister McGrath führt das Aufblühen des Neuen Atheismus auf die Enttäuschung über das Scheitern der Säkularisierungsthese zurück, nach der Religiosität langfristig an Bedeutung verlieren sollte. Damit erklärt er auch das teilweise konfrontative Vokabular. Er sieht Parallelen zwischen Neuem Atheismus und religiösem Fundamentalismus und bezeichnet das aggressive Auftreten mancher Atheismusvertreter als „Kreuzzug“ gegen Religion. Ulrich Körtner kritisierte 2013 die Atheistische Religionsgesellschaft in Österreich als Vertreterin eines Neuen Atheismus, der das Menschenrecht auf Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit infrage stelle und deshalb „freiheitsgefährdend“ sei. Ein Präsidiumsmitglied der Gesellschaft wies diese Kritik 2019 zurück.
Steven Poole kam 2019 aus der späteren Entwicklung insbesondere von Dawkins und Harris zu dem Schluss, der Neue Atheismus sei für einige seiner Vertreter vor allem ein Subgenre des rechten Backlash gegen „Political Correctness“ gewesen. Émile P. Torres kritisierte 2021, der Neue Atheismus sei inzwischen im Rechtsextremismus und im Intellectual Dark Web aufgegangen, und griff seine Vertreter persönlich scharf an.
Zu den im Artikel genannten neuatheistischen oder humanistischen Organisationen gehören Brights, der Humanistische Verband Deutschlands, der Humanistische Verband Österreich und die Giordano Bruno Stiftung. Ihre Ziele reichen vom weltanschaulichen Leben ohne Übernatürliches über die Förderung von Rationalität, Aufklärung und Humanismus bis zur Durchsetzung von Menschenrechten, der Trennung von Staat und Religion, der Abschaffung religiöser Privilegien und der Förderung des evolutionären Humanismus.
Mit dem öffentlichen Interesse am Neuen Atheismus entstanden oder verbreiteten sich Zeitschriften wie American Atheist Press, Free Inquiry, The Freethinker, Freethought Today, The Humanist, The New Humanist, Reason, The Secular Humanist Bulletin, Skeptic, Skeptical Inquirer und The Skeptic.