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Avantgarde
Beispiele für musikalische Avantgarden sind die Musik des Expressionismus, Impressionismus, die Zwölftonmusik, später die Serielle Musik, die Aleatorische Musik …
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Grundidee und Bedeutung
Avantgarde bezeichnet politische und künstlerische Bewegungen, meist des 20. Jahrhunderts, die sich an der Idee des Fortschritts orientieren und besonders radikal gegen bestehende politische Verhältnisse oder geltende ästhetische Normen auftreten. Allgemein meint Avantgarde eine Gruppe von Vorkämpfern oder Vorreitern einer geistigen Entwicklung oder einer Zielvorstellung.
Im weiteren Sinn wird dem so Bezeichneten eine Vorreiterrolle zugeschrieben. Avantgardisten sind Personen, die neue, wegweisende Entwicklungen anstoßen. Der Begriff wird außerhalb seines militärischen Ursprungs vor allem für politische, kulturelle oder künstlerische Bewegungen verwendet, die ausgetretene Pfade verlassen. Häufig gehören solche Bewegungen nicht zu den vorherrschenden gesellschaftlichen und ökonomischen Machteliten.
Politische Avantgarde
In der Politik wurde der Begriff besonders durch revolutionäre Parteien und Bewegungen wichtig. Lenin und später der Marxismus-Leninismus verstanden die kommunistische Partei als „Avantgarde der Arbeiterklasse“. Schon Marx schrieb im Manifest der Kommunistischen Partei, die Kommunisten seien „der entschiedenste, immer weitertreibende Teil der Arbeiterparteien aller Länder“ und hätten theoretisch Einsicht in Bedingungen, Verlauf und Ergebnisse der proletarischen Bewegung voraus. Zugleich betonte Marx, dass die Kommunisten Teil des Proletariats selbst seien und dass die proletarische Bewegung die selbständige Bewegung der großen Mehrheit im Interesse der großen Mehrheit sei.
Lenin formulierte dagegen einen Führungsanspruch der Avantgarde vor dem übrigen Proletariat. Nach ihm müsse die Avantgarde revolutionäre Ideen von außen an die Arbeiter herantragen, weil die Arbeiterklasse aus eigener Kraft nur ein „trade-unionistisches“, also gewerkschaftliches Bewusstsein hervorbringen könne. Diese Auffassung trug wesentlich dazu bei, die Diktatur der Partei über die Arbeiter zu rechtfertigen. Als politische Avantgarde revolutionärer Bewegungen galten auch kommunistische Matrosen, die in der russischen Oktoberrevolution 1917 und in der deutschen Novemberrevolution 1918 eine vorwärtstreibende Rolle spielten.
Künstlerische Avantgarde
In der bildenden Kunst bezeichnet Avantgarde vor allem Bewegungen des beginnenden 20. Jahrhunderts und ist eng mit Moderne und moderner Kunst verbunden. Viele dieser Bewegungen wollten nicht nur Kunstwerke schaffen oder Wirklichkeit abbilden, sondern die Kunst in die Lebenspraxis hinein aufheben. Damit ist gemeint, dass Kunst stärker in gesellschaftliches Leben, Politik und Alltag eingreifen sollte.
Typisch war besonders zu Beginn des 20. Jahrhunderts die enge Verbindung von Kunst und Politik. Künstlerinnen und Künstler verfolgten politische, gesellschaftliche und pädagogische Ziele. Beispiele sind die russische Avantgarde, die zunächst von den Bolschewiki gefördert wurde, der italienische Futurismus mit seiner Nähe zum Faschismus sowie der mexikanische Muralismo der 1920er Jahre, der Kunst und politische Agitation verband. Auch Bewegungen wie Kubismus, Konstruktivismus, Suprematismus, Dadaismus, Surrealismus, Expressionismus, Minimal Art, Pop Art, Fluxus, Happening und Konzeptkunst werden zur Avantgarde gerechnet, waren aber nicht immer stark politisiert.
Im Deutschen Reich wurde avantgardistische Kunst ab 1933 von den Nationalsozialisten als „entartete Kunst“ bekämpft. Künstler, die sich nicht der gleichgeschalteten „Deutschen Kunst“ anpassten, wurden verfolgt, flohen oder gingen ins Exil. Moderne Kunstwerke wurden beschlagnahmt, teilweise zerstört oder versteigert; jüdische Künstler, die Deutschland nicht rechtzeitig verlassen konnten, wurden im Holocaust ermordet. Nach 1945 erholte sich die deutsche Kunstlandschaft langsam. In der Bundesrepublik schlossen Künstler mit informeller Malerei an Tachismus, Abstrakten Expressionismus und Action Painting an; in den 1960er Jahren und während der 68er-Bewegung wurde die deutsche Kunstentwicklung für Europa und die USA wichtiger.
Mit der Postmoderne wurde das Avantgardekonzept schwieriger. Während frühere Avantgarden oft beanspruchten, den neuesten und gültigen Stand der Kunst zu vertreten, existierten später verschiedene Richtungen nebeneinander und vermischten sich. Deshalb verlor das Wort „Avantgarde“ für Gegenwartskunst an Eindeutigkeit; häufiger spricht man von zeitgenössischer Kunst.
Literatur, Theater, Musik und Film
In der Literatur entwickelten sich mit dem Ersten Weltkrieg avantgardistische Bewegungen, die ihre Arbeiten zunehmend als sozialkritische und provokative Protestkunst verstanden. In Europa setzten sie sich in Inhalt, Stil, Technik oder Form von herrschenden literarischen Strömungen ab, etwa durch Lautgedichte, Collagen und Zufallsgedichte. Zu ihnen zählen Surrealismus, Dadaismus, Expressionismus, Scapigliatura und Futurismus. Viele Künstler orientierten sich in ihrem radikalen Erneuerungswillen am italienischen Faschismus oder an der Oktoberrevolution. In Lateinamerika verstanden sich in den 1920er Jahren Indigenismo, besonders in Mexiko, sowie Andinismo beziehungsweise Indigenismo andino, besonders in Peru, Bolivien und Ecuador, als politisch-literarische Avantgarden. Sie wollten Rechte, Kultur, Bilderwelt und Sprache indigener Gruppen stärken.
Im Theater verbindet sich Avantgarde mit der Brechung von Illusionen, einer leereren Bühne und dem Ausbruch aus darstellerischen Konventionen. Häufig geht es um radikales politisches Engagement oder eine radikale Abwendung von realistischer Darstellung. Viele Strömungen wandten sich von Psychologie und Innerlichkeit ab. Dadaismus und Surrealismus veränderten Theatertexte, Regisseure und Theoretiker wie Edward Gordon Craig, Wsewolod Meyerhold, Erwin Piscator und Bertolt Brecht prägten neue Formen von Schauspiel, Technik und Bühnenwirkung. Auch Bühnenbild, Kostüm, Tanz und Bewegung wurden erneuert, etwa durch Oskar Schlemmers Triadisches Ballett und den Ausdruckstanz.
In der Musik gelten seit der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert avantgardistische Stilrichtungen der E-Musik oft als Neue Musik. Gemeinsam ist ihnen der Bruch mit traditionellen Hörgewohnheiten, etwa durch Dissonanzen, unregelmäßige Rhythmen, Atonalität und Polytonalität. Genannt werden unter anderem Expressionismus, Impressionismus, Zwölftonmusik, Serielle Musik, Aleatorische Musik, Klangkomposition, Minimal Music und Musique concrète. Nach 1945 entstanden auch außerhalb der E-Musik avantgardistische Formen wie Free Jazz, frei improvisierte Musik, Industrial und Noise.
Der Avantgardefilm entstand schon früh in der Kinogeschichte und war eng mit bildender Kunst verbunden. Filme gingen etwa aus Futurismus, Dadaismus, Konstruktivismus und Surrealismus hervor. Nach dem Zweiten Weltkrieg gab der günstige 16-mm-Film neue Impulse. Der Avantgardefilm bezog sich zunehmend auf sein eigenes Medium, etwa im Materialfilm, Expanded Cinema und Found Footage. Der Begriff bleibt wichtig, um diese Filmformen von kommerziellen und anderen künstlerischen Filmformen abzugrenzen; die nahezu synonyme Verwendung von Experimentalfilm kann jedoch verwirrend sein.
Merkmale künstlerischer Avantgarden
Trotz großer Unterschiede zwischen bildender Kunst, Literatur, Musik, Theater und Film lassen sich gemeinsame Merkmale erkennen: Avantgardistische Kunst ist oft bewusst provokant, betont innovativ und stark selbstreflexiv.
Provokation bedeutet, dass Avantgarden gezielt das Ungewohnte und Neue suchen. Besonders Ende des 19. Jahrhunderts und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wollten sie häufig das Bildungsbürgertum schockieren. Ein frühes Beispiel ist Baudelaires Gedichtsammlung Die Blumen des Bösen, weil sie hässliches großstädtisches Leben als Stoff für Lyrik zuließ. Dadaismus provozierte mit Nonsens-Literatur, der Wiener Aktionismus griff den „guten Geschmack“ durch extreme Performances an.
Innovation ist für Avantgarden ein Grundprinzip. Was zuerst ungewöhnlich wirkt, kann sich etablieren, vom Mainstream aufgenommen werden und vertraut erscheinen. Deshalb entwickelten Avantgarden ein Muster ständiger Überbietung: Immer neue formale Innovationen galten als notwendig.
Selbstreflexivität bedeutet, dass Kunst über sich selbst nachdenkt. Viele Avantgarden waren theoretisch stark begründet und wurden von Kommentaren begleitet. Dadurch stellten sie immer wieder Fragen danach, was überhaupt als Kunst gelten kann, warum etwas Kunst ist und welchen Sinn Kunst hat.
Kritik am Begriff
Der Begriff Avantgarde wurde auch kritisiert. Charles Baudelaire wandte sich früh gegen die Übernahme militärischer Begriffe in die Literatur. Für ihn passte es nicht zusammen, dass Vertreter eines radikalen Freiheitsbegriffs sich auf eine militärische Struktur beziehen, die mit Unterwerfung und Gewalt verbunden ist.
Am Ende des 20. Jahrhunderts gerieten der Begriff und die damit verbundenen Vorstellungen stärker in die Kritik. Die Idee, dass bestimmte Personen oder Gruppen im Fortschritt „voranschreiten“ und der Mainstream folgen müsse, wurde zunehmend angezweifelt. Gründe dafür waren das zeitweilige Versiegen künstlerischer Avantgardebewegungen und das Scheitern vieler politischer revolutionärer Bewegungen. Auch die Postmoderne wandte sich bewusst vom Avantgardekonzept ab und kritisierte seinen Führungsanspruch als autoritär. Stattdessen wurde das pluralistische Nebeneinander verschiedener Entwicklungen und Bewegungen höher bewertet.