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Neorealismus (Internationale Beziehungen)
Der Neorealismus ist eine einflussreiche politikwissenschaftliche Theorie der Internationalen Beziehungen. Gemäß dieser Theorie sind die internationalen …
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Grundidee und Einordnung
Der Neorealismus ist eine einflussreiche Theorie der Internationalen Beziehungen. Er erklärt internationale Politik vor allem durch Sicherheitsinteressen, Selbsterhaltung und die Struktur des internationalen Systems. Weil keine übergeordnete Instanz wie eine Weltregierung Regeln für alle Staaten durchsetzen kann, herrscht Anarchie: Staaten sind unsicher über die Absichten anderer und müssen stets mit dem schlimmsten Konfliktfall, dem Krieg, rechnen.
Damit steht die Theorie in der Tradition des Klassischen Realismus. Dieser begründet Kriege jedoch mit der menschlichen Natur und dem Streben nach Macht. Im Neorealismus ist das Überleben des Staates das zentrale Motiv. Er untersucht nicht vor allem die Innenpolitik oder einzelne außenpolitische Entscheidungen von Staaten. Stattdessen leitet er aus der Struktur des internationalen Systems ab, wie Staaten handeln. Deshalb heißt er auch Struktureller Realismus; die Betrachtung von Staateninnerem als Hauptursache wird durch ein Reduktionismus-Verbot ausgeschlossen. Als Hauptvertreter gilt Kenneth Waltz, der 1979 mit Theory of International Politics die Grundlagen schuf.
Entstehung im Ost-West-Konflikt
Der Klassische Realismus war durch die Zwischenkriegszeit und den Zweiten Weltkrieg geprägt. Der Neorealismus entstand dagegen im Zusammenhang mit dem Ost-West-Konflikt. Als sich die Sowjetunion und die USA in den 1970er-Jahren annäherten, erklärte der traditionelle Realismus die zunehmende Kooperation weniger gut als etwa Interdependenztheorie oder Weltsystem-Theorie.
Die Entspannung endete mit der Sowjetischen Intervention in Afghanistan. Die Iranische Revolution schwächte zudem den befriedenden Einfluss der USA, und die Ölpreiskrise stellte ihre ökonomische Vormachtstellung infrage. Waltz veröffentlichte sein Werk in dieser Phase des „relativen Niedergangs der USA in der Weltwirtschaft“. Richard Ashley bezeichnete die dadurch begründete Theorie 1984 erstmals als Neorealismus.
Waltz: Struktur, Macht und Selbsthilfe
Waltz fragt erstens, weshalb Staaten trotz unterschiedlicher Verfassungssysteme und Ideologien außenpolitisch ähnlich handeln. Zweitens fragt er, warum manche geschichtlichen Phasen mehr Kriege aufweisen als andere, obwohl auch diese von hohen Spannungen geprägt sein können.
Für Waltz besteht das internationale System aus Staaten als Einheiten (units) und einer davon getrennten Struktur (structure). Die Struktur setzt Staaten zwar voraus, entzieht sich aber ihrer Kontrolle und beeinflusst ihr Verhalten eigenständig. Staaten gelten als einheitliche, homogene und rationale Akteure; ihr „Innenleben“ ist für die Theorie nicht entscheidend. Ihre wichtigste Präferenz ist das Überleben, also der Erhalt ihrer staatlichen und geografischen Integrität. Außenpolitik folgt der Zweck-Mittel-Rationalität: Staaten wählen Mittel, die ihre Ziele möglichst wirksam erreichen. Da Aggression, Expansion und feindliche Absichten anderer stets möglich sind, bleibt Sicherheit vorrangig.
Der für die Analyse entscheidende Unterschied zwischen Staaten ist ihr Machtpotenzial. Daraus ergeben sich drei Systemtypen:
- unipolar: ein besonders mächtiger Staat, der Hegemon;
- bipolar: zwei besonders mächtige Staaten, etwa im Ost-West-Konflikt;
- multipolar: mehr als zwei besonders mächtige Staaten.
In der Anarchie verfolgen Staaten Selbsthilfe. Sie versuchen Machtungleichgewichte durch balancing auszugleichen, entweder durch eigene Aufrüstung oder durch Bündnisse. Bündnisse sind aus neorealistischer Sicht die einzige freiwillige Zusammenarbeit auf internationaler Ebene; überstaatliche Institutionen haben keine besondere Bedeutung. Darüber hinaus ist nur hegemonial indizierte Kooperation denkbar: Der Hegemon drängt andere Staaten zur Zusammenarbeit, übernimmt den Großteil der gemeinsamen Kosten und ihren militärischen Schutz.
Bipolare Systeme gelten als am wenigsten kriegsanfällig, weil sich eine kriegshemmende Machtbalance am leichtesten herstellen lässt; der Kalte Krieg ist das empirische Beispiel. Multipolare Systeme sind problematischer, weil Staaten sich von vielen anderen bedroht sehen können. Im unipolaren System bedroht der Hegemon die übrigen Staaten, die daher Gegenbündnisse bilden können. Das widerspricht den Interessen des Hegemons und erhöht die Wahrscheinlichkeit kriegerischer Konflikte.
Offensiver Neorealismus nach Mearsheimer
John J. Mearsheimer nennt seinen Ansatz „offensiver Realismus“. Seine Annahmen erinnern an den Klassischen Realismus, werden jedoch aus systemischen Faktoren abgeleitet; daher zählt der Ansatz zum Neorealismus. Mearsheimer widerspricht Waltz' Vorstellung, Staaten strebten vor allem nach Machtbalance.
Nach Mearsheimer streben Staaten wegen der Unsicherheit über andere Staaten so lange nach Macht, bis sie eine Hegemonie erreichen oder dabei scheitern. Bei erreichter Hegemonie endet das Machtstreben, weil der Selbsthilfeimpuls nicht mehr wichtig ist. Entscheidend sind für ihn allein die Großmächte. Kleine Staaten können sich einer Macht anschließen, die dem entstehenden regionalen Hegemon entgegentreten kann, oder abwarten, bis ein Nachbarstaat eine gegnerische Koalition bildet.
Schwächen, Zielkonflikte und Kritik
Als zentrale methodische Schwäche gilt, dass der Neorealismus die innere Verfasstheit von Staaten bei der Erklärung von Handlungsmotiven und Präferenzen vollständig vernachlässigt. Dies führt zu empirischen Schwachstellen. Spätere Vertreter bezogen deshalb verstärkt subsystemische Faktoren ein. Dadurch entstand die Frage, ob Autoren noch (Neo-)Realisten sind, wenn ihre Annahmen den Grundlagen von Waltz widersprechen. Trotzdem besitzt die Theorie praktische Bedeutung, weil eine (neo-)realistische Weltsicht viele Außen- und Verteidigungsministerien prägt.
Ein praktischer Zielkonflikt liegt zwischen Autonomie und Einfluss. Autonomie kann auf militärischer und wirtschaftlicher Dominanz sowie der Beherrschung externer Ressourcen beruhen. Einfluss kann dagegen durch Diplomatie, Entwicklungszusammenarbeit und friedliche multilaterale Strategien gewonnen werden. Freiwillige einseitige oder wechselseitige Abhängigkeiten können die Autonomie mindern und sind je nach geopolitischer und wirtschaftlicher Lage unterschiedlich riskant. Deutschland setzte von 1990 bis 2022 eher auf Einfluss als auf Autonomie, weil seine Politik die Sicherheitslage als günstig einschätzte; dies wird als „Machtvergessenheit“ Deutschlands bezeichnet.
Carlo Masala betont die Erklärungskraft des Neorealismus nach 1990. Neorealistische Autoren hätten wegen des fehlenden globalen Gegengewichts früh eine unilateralistische Wende der US-Außenpolitik erwartet; Waltz habe außerdem eine Gegenmachtbildung gegen die amerikanische Übermacht vorhergesehen. Aktivitäten von al-Qaida und anderen Terrorgruppen in Verbindung mit bestimmten Staaten könnten als rationaler Versuch solcher Gegenmachtbildung verstanden werden.
Adam Tooze kritisiert, anknüpfend an Matthew Specter, eine ideengeschichtliche Herleitung des offensiven Neorealismus aus sozialdarwinistischem geopolitischem Denken des Imperialismus und dessen moralischem Relativismus, unter anderem bei Karl Haushofer und Carl Schmitt. Tooze hält diese Herleitung für verengt, verweist auf Mearsheimers Imperialismuskritik und sieht zudem Bezüge zu Edward Hallett Carr, Goldsworthy Lowes Dickinson und Charles Beard. Er schreibt Mearsheimers Sichtweise zugleich einen Einblick in internationale Vorgänge zu und hält sie im außenpolitischen US-Establishment für weit verbreitet. Den Kriegseintritt Russlands 2022 bewertet er jedoch selbst unter realistischen Voraussetzungen nicht als sinnvoll: Politische Ziele und Mittel müssten vernünftig bestimmt werden; Krieg dürfe nicht als logische, selbstverständliche Reaktion auf gegebene Umstände normalisiert werden.