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Realismus (Internationale Beziehungen)
Die sechs Prinzipien des klassischen Realismus · Existenz objektiver sozialer Gesetze in der Politik · Macht und Interesse als Prinzipien des Politischen · Das …
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Begriff und Bedeutung
Der Realismus, oft auch Klassischer Realismus genannt, ist eine Denkschule der Internationalen Beziehungen. Er untersucht, wie Macht im internationalen System beschaffen und verteilt ist. Sein zentraler Gedanke lautet: Das wichtigste Ziel eines Staates ist das eigene Überleben. Dieses soll am ehesten gesichert werden, wenn der Staat mächtiger ist als mögliche Gegner.
Damit steht der Realismus dem überwiegend optimistischen Idealismus gegenüber. Er begründete die Internationalen Beziehungen als systematische Sozialwissenschaft und Forschungsgegenstand. Spätere Theorien knüpften häufig verändernd an ihn an, besonders der Neorealismus, oder entstanden aus seiner Ablehnung.
Entstehung und Weiterentwicklung
In den 1930er Jahren stellten Wissenschaftler wie Frederick Sherwood Dunn, Frederick L. Schuman, Georg Schwarzenberger und Nicholas J. Spykman den damaligen Konsens in Frage, den spätere Realisten abwertend „Idealismus“ nannten. Während die Internationalen Beziehungen nach dem Ersten Weltkrieg vor allem nach Wegen zu einer friedlichen Weltordnung suchten, betonten sie Machtbeziehungen in einem „Gemeinwesen in Abwesenheit einer Autorität“.
Edward Hallett Carr veröffentlichte 1939 The Twenty Years Crisis. Hans Morgenthau legte 1948 mit Politics Among Nations (deutsch: Macht und Frieden) einen systematischen Gegenentwurf zum Idealismus vor und bezeichnete ihn als Realismus. Carr, Morgenthau und andere begründeten ihre Kritik anthropologisch: Sie hielten den Idealismus für unvereinbar mit einer menschlichen Natur, die nach Macht strebe. Sie bezogen sich dabei besonders auf Thukydides, Thomas Hobbes und Niccolò Machiavelli. Wegen dieses Rückgriffs und der langen Dominanz dieser Ansätze wird diese Richtung Klassischer Realismus genannt.
Kenneth Waltz kritisierte die anthropologische Erklärung als unzureichend. In Man, the State and War von 1953 erklärte er Kriege vor allem durch das Fehlen einer Hierarchie in der internationalen Politik; die These lehnt sich an Rousseaus Fragment De l’etat de guerre an. In Theory of International Politics von 1979 beschrieb Waltz die anarchische Struktur des internationalen Systems als Ursache einer Logik der Selbsthilfe. Dieser systemische und stark mikroökonomisch geprägte Ansatz heißt Neorealismus oder struktureller Realismus.
Im Neorealismus unterscheiden Autoren offensive und defensive Realisten. John J. Mearsheimer vertritt etwa in The Tragedy of Great Power Politics (2001) den offensiven Realismus: Ein Staat sei erst relativ sicher, wenn er das internationale System hegemonial dominiert. Defensive Realisten wie Waltz und Stephen M. Walt halten dieses Streben nach Hegemonie dagegen für zu riskant und zu weit vom unmittelbaren Überleben im Staatensystem entfernt. Auch Henry Kissinger (1923–2023) wird der realistischen Schule zugerechnet.
Grundannahmen über Staaten und Macht
Der Realismus beruht auf zwei Grundannahmen. Erstens werden Staaten als monolithische Blöcke betrachtet; diese Black-Box-Theorie blendet die Innenpolitik bei der Erklärung von Außenpolitik aus. Menschen seien zugleich in Widersprüche zwischen Norm und Realität sowie zwischen schöpferischen und zerstörerischen Möglichkeiten der Freiheit eingebunden. Daraus entstehe Angst; aus Angst folge der Versuch, durch Machterwerb Sicherheit zu gewinnen.
Das Staatensystem ist offen und multipolar, also durch mehrere Machtzentren geprägt. Es gibt keine zentrale Entscheidungs- oder Sanktionsinstanz. Souveräne Nationalstaaten befinden sich deshalb in einem dauerhaften Überlebenskampf; ihre Außenpolitik wird ausschließlich durch diesen Kampf bestimmt.
Zweitens ist das internationale System anarchisch: Es kann keine dauerhaften übergeordneten Machtstrukturen ausbilden. Staaten streben daher nach Macht, weil sie ihr Überleben am besten sichern können, wenn sie stärker sind als mögliche Gegner. Für die Machtposition zählen vor allem Größe, bei einigen Autoren auch die territoriale Beschaffenheit, Wirtschaftskraft und militärische Kraft. Macht gilt auf internationaler Ebene als Nullsummenspiel: Ein Machtgewinn einer Seite entspricht einem Machtverlust einer anderen.
Der Realismus bietet außerdem eine politische Ethik. Ihre minimalistischen Prinzipien betonen die Fähigkeit von Gesellschaften zur Selbstentwicklung und bewerten teleologische politische Praktiken, also Politik, die auf ein vorgegebenes Endziel ausgerichtet ist, als gefährlich.
Morgenthaus sechs Prinzipien
Hans Morgenthau formulierte ab der zweiten Auflage von Politics Among Nations sechs Prinzipien des politischen Realismus:
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Politik und Gesellschaft folgen objektiven sozialen Gesetzen, deren Wurzeln in der Natur des Menschen liegen. Politischer Erfolg setzt voraus, diese Gesetze zu verstehen. Theorie untersucht Tatsachen und gibt ihnen durch Vernunft Sinn.
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Interesse, verstanden als Macht, ist der Leitbegriff zum Verständnis der internationalen und historisch-politischen Wirklichkeit. Er verbindet Vernunft mit Tatsachen.
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Das als Macht definierte nationale Interesse ist für Realisten eine objektive Kategorie von universeller Gültigkeit. Es bleibt unabhängig von Zeit und Ort, muss aber stets unter den aktuellen politischen Umständen ausgelegt werden. Staaten können dabei etwa militärische, bisweilen barbarische Eroberungspolitik oder eine aufgeklärte Ordnungspolitik anstreben.
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Eine universale Moral lässt sich in der komplexen internationalen Politik nur begrenzt anwenden. Staaten können nicht wie Einzelpersonen nach Moral handeln; Staatsmänner können sich nicht auf Vertrauen, Treue und Ehrlichkeit verlassen. Politisches Handeln hat dennoch moralische Bedeutung, doch moralische Ziele müssen realistisch verfolgt werden, weil sie sonst das Gegenteil des Beabsichtigten bewirken können.
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Nationale Moral ist von universaler Moral zu unterscheiden. Besonders schweres politisches Unrecht liegt vor, wenn Nationen ihren eigenen Moralbegriff als universell ausgeben. Da moralische Ansprüche oft vorgeschoben sein können, sollen zunächst die dahinterliegenden Interessen untersucht und erst danach die Folgen der Politik bewertet werden.
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Die politische Sphäre ist autonom. Ihre Gesetzmäßigkeiten sollen mit derselben methodischen Strenge untersucht werden, mit der Ökonomen wirtschaftliche Gesetzmäßigkeiten untersuchen; dabei hat Politik Vorrang vor Ökonomie.
Realismus in Deutschland
In Deutschland bemühen sich Carlo Masala, Werner Link und Christian Hacke um eine empirische Anwendung des Realismus. Gottfried-Karl Kindermann, Alexander Siedschlag und Christoph Rohde erweitern Morgenthaus monovariablen Ansatz durch revisionsoffene Analysekategorien.
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