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Thomas Hobbes
Inhaltsverzeichnis · 1 Leben und Wirken · 2 Lehren. 2.1 Naturwissenschaft und Mathematik; 2.2 Erkenntnistheorie; 2.3 Ethik; 2.4 Staatskunde; 2.5 Religion · 3 Werke.
Inhalt5 Abschnitte
Person und Bedeutung
Thomas Hobbes (5. April 1588–4. Dezember 1679) war ein englischer Mathematiker, Philosoph und Staatstheoretiker. Bekannt wurde er vor allem durch Leviathan von 1651. Darin erklärt er, weshalb Menschen einen Staat gründen und ihre Macht auf einen Souverän übertragen. Zusammen mit John Locke und Jean-Jacques Rousseau zählt er zu den wichtigsten Theoretikern des Gesellschaftsvertrags.
Hobbes’ Denken wurde stark von den politischen und religiösen Konflikten im England des 17. Jahrhunderts geprägt. Besonders wichtig war für ihn die Angst vor Gewalt und Bürgerkrieg. Seine Philosophie sollte systematisch drei Bereiche verbinden: die Lehre vom Körper in De Corpore, die Lehre vom Menschen in De Homine und die Lehre vom Menschen in der Gesellschaft in De Cive.
Leben im Zeitalter des Bürgerkriegs
Hobbes wurde 1588 in Westport beziehungsweise Malmesbury in Wiltshire geboren. Von 1603 bis 1607 studierte er in Oxford vor allem Logik und Physik. Seine Ausbildung vermittelte ihm genaue Kenntnisse des Griechischen und Lateinischen; die mittelalterlich-aristotelische Universitätsphilosophie lehnte er jedoch entschieden ab. Nach seinem Bachelor-Abschluss wurde er 1608 Hauslehrer bei der Adelsfamilie Cavendish, mit der er fast sein gesamtes weiteres Leben verbunden blieb.
Seine Tätigkeit als Hauslehrer ermöglichte ihm ausgedehnte Europareisen und Kontakte zu führenden Denkern. Zeitweise arbeitete er als Sekretär für Francis Bacon, den Begründer des englischen Empirismus. Auf seinen Reisen begegnete er unter anderem Galileo Galilei, René Descartes, Marin Mersenne und Pierre Gassendi.
Die Spannungen zwischen König und Parlament, gesellschaftlichen Gruppen und verschiedenen Glaubensrichtungen verschärften sich in England zunehmend. Weil Hobbes sich für den König und gegen das Unterhaus eingesetzt hatte, floh er 1640 nach Frankreich. Der gescheiterte Versuch Karls I., 1642 führende Gegner im Unterhaus festzunehmen, löste den Bürgerkrieg zwischen Krone und Parlament aus. In De Cive und später im Leviathan verteidigte Hobbes eine starke souveräne Gewalt als Mittel gegen den Bürgerkrieg.
Nach der Hinrichtung Karls I. und der Errichtung der Republik vertrat Hobbes die Gültigkeit jeder tatsächlich souveränen Regierung. Zugleich ließen ihn sein Materialismus und seine Kritik an der katholischen Kirche eine Verfolgung in Frankreich befürchten. Er kehrte deshalb 1651 nach England zurück und arrangierte sich mit der Regierung Oliver Cromwells. Der Leviathan wurde wegen seines angeblich atheistischen und häretischen Charakters heftig angegriffen. Auch nach der Wiederherstellung des Königtums 1660 drohten ihm Verfahren wegen Häresie; einflussreiche Freunde und die Sympathie Karls II. schützten ihn jedoch.
Hobbes verbrachte seine letzten Jahre unter gesicherten Verhältnissen bei der Familie Cavendish. Behemoth, seine 1668 verfasste Darstellung des Bürgerkriegs, erhielt zunächst keine Druckerlaubnis und erschien erst nach seinem Tod. Hobbes starb 1679 im für seine Zeit ungewöhnlich hohen Alter von 91 Jahren in Hardwick Hall in Derbyshire.
Körper, Wahrnehmung und Wille
Hobbes vertritt eine materialistische und mechanistische Philosophie. Materialismus bedeutet hier, dass nur Körper und ihre Bewegungen wirklich sind. Keine Bewegung entsteht aus sich selbst: Ein Körper wird stets durch einen anderen Körper bewegt. Diese Grundannahme entwickelt Hobbes besonders in De Corpore von 1655. Er wandte sie auch auf Licht, Optik und das Vakuum an. Licht stellte er sich als Bewegung materieartiger Impulse vor.
Die euklidische Geometrie galt ihm als Vorbild exakter Wissenschaft. Nach dem mos geometricus, also einer an geometrischen Beweisen orientierten Methode, wollte er auch seine Philosophie aus klaren Grundsätzen ableiten. Seine eigenen mathematischen Arbeiten, darunter ein vorgeschlagenes Verfahren zur Quadratur des Kreises, konnten sich allerdings nicht durchsetzen.
In De Homine von 1658 und bereits im Leviathan überträgt Hobbes die Körperlehre auf die menschliche Erkenntnis. Äußere Körper üben Druck auf die Sinnesorgane aus und erzeugen dadurch Sinneswahrnehmungen. Aus diesen entstehen „Einbildungen“ oder Imaginationen, die weitere Vorgänge wie Denken, Verstehen und Erinnern auslösen. Gedanken können geordnet sein, etwa bei der Suche nach Ursachen, oder ungeordnet wie beim Träumen.
Auch ohne neue Sinneseindrücke können die einmal angestoßenen psychischen Vorgänge weiterlaufen. Ihre letzte Ursache bleibt aber eine frühere Bewegung von außen. Wirklich sind Hobbes zufolge nur die Bewegungen, nicht die dadurch im Bewusstsein erzeugten Eigenschaften. Was Menschen als Eigenschaften der Dinge wahrnehmen, erscheint ihnen daher lediglich so. Die Wahrnehmung liefert keine gesicherte Erkenntnis über die Außenwelt. Descartes’ Einwand, Gottes Güte garantiere dennoch weitgehend zuverlässige Wahrnehmungen, akzeptierte Hobbes nicht.
Weil auch Bewusstseinsinhalte vollständig durch vorhergehende körperliche Bewegungen verursacht werden, verneint Hobbes die Willensfreiheit. Er vertritt damit einen Determinismus: Menschliches Wollen und Handeln stehen in einem durch Ursachen bestimmten Zusammenhang.
Moral und Gesellschaftsvertrag
Hobbes lehnt ein für alle Menschen unabhängig von ihren Interessen geltendes höchstes Gut ab. Gut nennt jeder Mensch nach den Elements of Law das, was ihm gefällt und Vergnügen bereitet; schlecht nennt er das, was ihm missfällt. Weil Menschen körperlich verschieden beschaffen sind, unterscheiden sich auch ihre Urteile über Gut und Böse. Ein ἀγαθὸν ἁπλῶς, also ein schlechthin Gutes, gibt es für Hobbes nicht. Diese Position wird als moralischer Relativismus bezeichnet.
Einen moralischen Minimalkonsens nimmt Hobbes dennoch an: Jeder Mensch besitzt ein Naturrecht auf Selbsterhaltung und darf sich gegen Angriffe verteidigen. Daraus folgt als Naturgesetz die Verpflichtung, niemanden zu verletzen. Im Naturzustand, also in einer gedachten Lage ohne übergeordnete Staatsgewalt, muss jedoch jeder selbst beurteilen, was zu seiner Verteidigung notwendig ist. Diese Auffassung war umstritten. Konflikte, die über den Minimalkonsens hinausgehen, können nach Hobbes nur durch eine übergeordnete Instanz verbindlich entschieden werden.
Der Naturzustand ist von Furcht, Ruhmsucht und Unsicherheit geprägt. Weil Menschen um Besitz und Ansehen kämpfen und keine gemeinsame Macht sie begrenzt, droht ein „Krieg aller gegen alle“ (bellum omnium contra omnes). Diesen Zustand überwinden sie durch einen Gesellschaftsvertrag. Alle übertragen freiwillig und unwiderruflich ihr Recht auf Selbstbestimmung und Selbstverteidigung auf einen Souverän. Dieser schützt sie im Gegenzug voreinander und erzwingt durch die Furcht vor Strafe den Frieden.
Rechtlich wird der Vertrag zugunsten des künftigen Souveräns geschlossen; der Souverän selbst ist kein Vertragspartner. Deshalb besitzen die Untertanen ihm gegenüber weder ein Kündigungs- noch ein Widerstandsrecht. Sein Sturz gilt als Hochverrat. Wird er dennoch gestürzt und ersetzt, schließen die künftigen Untertanen einen neuen „Vertrag zu Gunsten Dritter“.
Hobbes stand im englischen Bürgerkrieg der royalistischen und absolutistischen Seite nahe. Seine Theorie ist aber nicht auf einen König beschränkt: Er verteidigt die ungeteilte Macht jedes Souveräns und lässt ausdrücklich auch ein souveränes Parlament zu. Daher ist die bloße Bezeichnung als „Theoretiker des Absolutismus“ verkürzt. Entscheidend ist für ihn nicht die Staatsform, sondern eine höchste Gewalt, die Sicherheit herstellt und verbindliche Entscheidungen trifft.
Religion und zentrale Schriften
Hobbes wendet seine Erkenntniskritik auch auf Gott an und nimmt insofern eine agnostische Position ein: Menschen können Gott nicht durch Wahrnehmung erkennen. Da er die Welt als geschlossenen Zusammenhang von Ursachen auffasst, nimmt er zwar eine erste, selbst unbewegte Ursache an; diese müsse aber nicht notwendig Gott sein. Obwohl ihm häufig Atheismus vorgeworfen wurde, vertrat er eher deistische Positionen und trennte streng zwischen Glauben und Wissen.
Religion und Christentum lehnte Hobbes nicht ab, erklärte sie aber zu Angelegenheiten des Glaubens. Als verbindlichen Kern der biblischen Überlieferung betrachtete er, dass Jesus der Messias sei und die Menschheit durch seinen Kreuzestod erlöst habe. Zugleich bezweifelte er, dass Mose alleiniger Verfasser des Pentateuchs, also der Tora, gewesen sei.
Die Religion ordnete Hobbes seiner Staatslehre unter. Der Staat sollte auch in religiösen Fragen entscheiden und eine einheitliche Staatskirche sichern. Hobbes kritisierte deshalb sowohl das Papsttum als eine außerhalb des Nationalstaats stehende Institution als auch die verschiedenen englischen Sekten. Im Leviathan übertrug er selbst die verbindliche Auslegung von Glaubensfragen auf den absoluten Staat und seinen Herrscher. Die biblischen Bündnisse nutzte er als Grundlage für die Vorstellung eines rationalen und rechtlich geordneten Gemeinwesens.
Zu den Hauptschriften gehören The Elements of Law, Natural and Politic von 1640, De Cive von 1642 und Leviathan von 1651. Seine philosophische Trilogie Elementa Philosophiae besteht systematisch aus De Corpore von 1655, De Homine von 1658 und dem bereits früher erschienenen De Cive. Behemoth, eine Geschichte der Ursachen und Vorgänge des englischen Bürgerkriegs von 1640 bis 1662, entstand um 1668 und erschien 1681 postum. Hobbes veröffentlichte außerdem Arbeiten zur Optik, Physik und Mathematik sowie englische Übersetzungen des Thukydides und Homers. Bedeutende spätere Sammlungen sind die von William Molesworth 1839–1845 herausgegebenen lateinischen und englischen Werkausgaben sowie die seit 1983 erscheinende, noch nicht abgeschlossene Clarendon Edition.