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Naturalismus (Bildende Kunst)
Der Naturalismus in der Kunst ist eine Strömung von circa 1870 bis 1890, ist aber als Epochenbegriff in der Bildenden Kunst weniger scharf als in der …
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Kernidee und Abgrenzung
Der Naturalismus in der Bildenden Kunst bezeichnet zum einen eine Kunstrichtung von circa 1870 bis 1890, zum anderen allgemein eine Darstellungsweise, die unabhängig von einer bestimmten Epoche vorkommen kann. Als Epochenbegriff ist er in der Bildenden Kunst weniger scharf abgegrenzt als in der Literatur.
Naturalismus bildet die sichtbare, gegenständliche Wirklichkeit ab und verzichtet auf abstrakte Ideen. Er nutzt dabei den Realismus als Mittel, unterscheidet sich aber von ihm: Der Realismus will über das Äußere hinaus zum Wesentlichen oder zur „inneren Wahrheit“ vordringen. Der Naturalismus öffnet sich stärker für Details, für das einfache Leben, für sozial niedrige Milieus sowie für neue soziale und großstädtische Themen. Er strebt nicht nach einer ästhetischen Totalität durch Verknappung oder Reduzierung der Formen, sondern nach genauer Abbildhaftigkeit.
Naturalismus als Epoche
Am Anfang des Naturalismus in Frankreich stand als programmatische Schrift Jules-Antoine Castagnarys Manifest „Philosophie du salon de 1857“ von 1858. Es bezog sich auf Malerei, hatte aber auch großen Einfluss auf die Literatur, besonders auf Émile Zola.
Das Ziel des naturalistischen Künstlers ist eine Abbildung der gegenständlichen Welt, ohne das sozial Niedrige und das einfache Leben auszuklammern. Äußere Richtigkeit garantiert dabei nicht automatisch innere Wahrheit. Deshalb war der bildnerische Naturalismus des 19. Jahrhunderts, ähnlich wie der literarische Naturalismus, oft mit sozialem Engagement verbunden.
Die Begriffe Naturalismus und Realismus lassen sich in diesem Zusammenhang nicht präzise voneinander trennen. Realismus kann bedeuten, dass eine Kunst trotz sozialem Engagement noch stärker mit der Romantik verbunden bleibt. Naturalismus kann auch bedeuten, dass Freilichtmalerei gegenüber Ateliermalerei bevorzugt wird. Gustave Courbet spielte seit der Mitte des 19. Jahrhunderts in dieser kunsttheoretischen Auseinandersetzung eine wichtige Rolle als Wegbereiter.
Deutsche Vertreter naturalistischer Malerei der 1880er Jahre, etwa Hans Herrmann und Max Liebermann, tendierten bereits zum impressionistischen Luminarismus. Damit ist eine Darstellungsweise gemeint, die Lichtflecken und Lichtbündel betont. Der Artikel verbindet diese Entwicklung mit James Clerk Maxwells Identifizierung des elektromagnetischen Wellencharakters des Lichts 1864, Albert A. Michelsons experimentellen Messungen der Lichtgeschwindigkeit 1878 und Ernst Machs Schrift „Die Mechanik in ihrer Entwicklung“ von 1883.
Naturalistische Darstellungsweise
Unabhängig von der Epoche spricht die Kunstgeschichte von einer Tendenz zum Naturalismus oder von einer naturalistischen Darstellungsweise, wenn Künstler eine nicht idealisierende Abbildhaftigkeit anstreben. „Nicht idealisierend“ bedeutet hier, dass die Darstellung die Wirklichkeit nicht verschönert oder nach einem Ideal umformt. Beispiele nennt der Artikel in spätmittelalterlichen Handschriften und Tapisserien, in der altniederländischen Malerei sowie bei einigen Malern des 19. Jahrhunderts, die anders als der Realismus keine gesellschaftlichen Positionen mit ihrer Kunst beziehen wollten.
Max Deri widerspricht der Auffassung, naturalistische Malerei sei eine positivistische Kunstform, die nur die „äußere Natur“ darstelle und auf Psychologie verzichte. Nach ihm konnten die besten Vertreter, etwa Rembrandt oder Wilhelm Leibl, auch die „innere Natur“ sichtbar machen.
Jost Hermand definiert Naturalismus noch weiter: Jeder Naturalismus sei eine bewusste Reaktion gegen eine stagnierende oder formal erstarrte Kunstentwicklung, die von einer herrschenden Schicht getragen werde. Der Naturalismus versuche dem die „Formlosigkeit der unbeschränkten Wahrheit“ entgegenzusetzen. Er richte sich gegen akademische Konventionen, Klassizismus, Manierismus und gegen künstlerische sowie gesellschaftliche Autoritäten. Beispiele sind der Naturalismus des 15. Jahrhunderts gegen spätgotischen Prunk, der flämische und niederländische Naturalismus des 17. Jahrhunderts mit Darstellungen niederer Stände, die naturalistische Opposition des 18. Jahrhunderts gegen das Rokoko und der Naturalismus der 1880er Jahre gegen das Prunkbedürfnis der Gründerzeit, gegen kulissenhaften „Renaissancismus“ und „Salonstaffage“.
Nach Hermand ist Naturalismus nicht eigentlich stilbildend. Er ist eher ein kritischer, oft aggressiver, zynischer oder mitleidender Impuls, der das bloß Natürliche über ästhetische Wertfragen stellt. Daraus können karikaturhafte „groteske Zerrbilder der bisherigen Ideale“ entstehen. Zugleich sieht Hermand darin eine Grenze des Naturalismus: Sein aggressiver Impuls erschöpfe sich oft nach wenigen Jahren, werde zu bloßem Abspiegeln der Dinge oder kehre zu den „Formkräften der Tradition“ zurück.
Georg Schmidts Definition
Der Kunsthistoriker Georg Schmidt versuchte nach dem Zweiten Weltkrieg, den bildnerischen Naturalismus von sozialen und weltanschaulichen Fragen zu lösen. Seine Definition ist stärker zeitunabhängig. Für Schmidt geht es dem Naturalismus nicht um „Wahrheit“, sondern um „Richtigkeit“.
Diese Richtigkeit beschreibt er mit drei Illusionen und drei Richtigkeiten. Die drei Illusionen sind Räumlichkeit, Körperlichkeit und Stofflichkeit. Räumlichkeit entsteht etwa durch Zentralperspektive, Farbperspektive, Luftperspektive und Schlagschatten. Körperlichkeit wird durch Linearperspektive und Schattenmodellierung erzeugt. Stofflichkeit meint die korrekte Darstellung von Stoffen und Materialien, also eine haptisch wirkende Oberflächenbeschaffenheit durch Lichtreflexion.
Die drei Richtigkeiten sind zeichnerische, anatomische und farbliche Richtigkeit. Zeichnerische Richtigkeit betrifft den Schärfegrad des Auges. Anatomische Richtigkeit meint die korrekte Einzel- und Gesamtform. Farbliche Richtigkeit umfasst die Gegenstands- oder Lokalfarbe bei neutralem Licht sowie die Erscheinungsfarbe, also die Farbe, wie sie unter bestimmten Lichtbedingungen erscheint.
Naturalismus, Realismus und Idealismus
Schmidt grenzt Naturalismus außerdem von Realismus und Idealismus ab. Naturalismus strebt wertfrei nach „äußerer Richtigkeit“, also nach dem möglichst perfekten Abbild. Realismus strebt nach „innerer Wahrheit“, also nach dem Wesentlichen und nach Erkenntnis der Wirklichkeit. Idealismus zielt auf „Erhöhung der Wirklichkeit“, zum Beispiel auf die Verklärung einer mythologischen Szene.
Schmidt unterscheidet mehrere Kombinationen: „Realistischer Naturalismus“ umfasst bei ihm unter anderem die griechische Klassik, italienische Kunst des 14. und 15. Jahrhunderts sowie deutsche und niederländische Kunst des 15. Jahrhunderts. „Realistischer Antinaturalismus“ bedeutet den Abbau einzelner naturalistischer Elemente; als Beispiele nennt der Artikel das Spätwerk Rembrandt van Rijns, Vincent van Gogh, Paul Klee und Pablo Picasso. „Idealistischer Antinaturalismus“ wird mit Maya, Inka sowie archaischer, frühchristlicher und byzantinischer Kunst verbunden. Beim „Idealismus“ ordnen sich Effekte und Details der idealistischen Darstellung unter, etwa bei Johann Wilhelm Schirmer und August Weber.
Künstler und Beispiele
Als bedeutender Vertreter des italienischen malerischen Naturalismus wird Francesco Filippini (1853–1895) genannt. Er gilt im Artikel außerdem als einer der wichtigsten Erneuerer der Landschaftsmalerei in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Sein Werk entstand unabhängig vom französischen Impressionismus und verbindet kompositorische Strenge, direkte Beobachtung und eine ethisch-soziale Dimension. Aus seiner künstlerischen Vision ging der sogenannte „Filippinismus“ hervor, der von der Kunstkritik als italienische Variante des modernen Naturalismus definiert wurde. Filippinis Einfluss reichte bis in die spätere italienische Malerei und inspirierte Künstler wie Umberto Boccioni in dessen vorfuturistischer Phase.
Der Artikel nennt außerdem zahlreiche Künstler des Naturalismus beziehungsweise aus dem Umfeld des Naturalismus am Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts. Dazu gehören unter anderem Gustave Courbet (1819–1877), Constantin Meunier (1831–1905), Eugen Bracht (1842–1921), Max Liebermann (1847–1935), Jules Bastien-Lepage (1848–1884), Jean-François Raffaëlli (1850–1924), Hans Herrmann (1858–1942), Marie Bashkirtseff (1860–1884) und Gari Melchers (1860–1932). Genannte Werkbeispiele im Artikel sind „Heidelandschaft bei Neu Zittau (bei Berlin)“ von Eugen Bracht aus dem Jahr 1884, „Der bittere Trank“ von Adriaen Brouwer und „Der kleine eingeschlafene Hausierer“ von Jules Bastien-Lepage aus dem Jahr 1882.