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Werkimmanente Interpretation
Die werkimmanente Interpretation, oft als Werkimmanenz abgekürzt, ist eine methodische Richtung der Literaturwissenschaft, die in den 1950er und 1960er …
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Kernidee und Bedeutung
Die werkimmanente Interpretation, oft kurz Werkimmanenz genannt, ist eine methodische Richtung der Literaturwissenschaft. Sie war besonders in den 1950er und 1960er Jahren prägend. Ihr Grundgedanke ist, Literatur vor allem als „sprachliches Kunstwerk als solches“ zu betrachten. Das einzelne Werk soll also möglichst aus sich selbst heraus verstanden werden, ohne politische, gesellschaftliche oder geschichtliche Zusammenhänge stark einzubeziehen.
Diese Methode wirkte nicht nur auf Literaturtheorie und wissenschaftliche Textinterpretation, sondern beeinflusst auch den Schulunterricht bis heute. Wichtig ist sie deshalb, weil sie eine bestimmte Art des Interpretierens stark gemacht hat: Man achtet auf Sprache, Aufbau, Form, Gattung und innere Zusammenhänge eines Textes.
Entstehung nach 1945
Die Entstehung der werkimmanenten Interpretation hängt mit der deutschen Nachkriegszeit zusammen. Viele führende Germanisten dieser Zeit hatten sehr unterschiedliche Rollen in der Zeit von 1933 bis 1945: Einige waren bekennende Nationalsozialisten, zum Beispiel „Hans Schwerte“, Heinz Kindermann und Erich Trunz; andere waren Mitläufer wie Wolfgang Kayser; wieder andere standen außerhalb und konnten Kontinuität verkörpern, etwa der Schweizer Emil Staiger; hinzu kamen Exilanten wie Richard Alewyn.
Gemeinsam war ihnen nach den Erfahrungen des Nationalsozialismus der Wunsch, politische, gesellschaftliche und geschichtliche Aspekte aus der Beschäftigung mit Literatur auszuklammern. Stattdessen wurde die Konzentration auf das einzelne Kunstwerk betont. Auch Kunsthistoriker vertraten die Auffassung, das Kunstwerk sei autonom, also in gewissem Sinn unabhängig von seinem gesellschaftlichen Rahmen zu betrachten.
Formen der Werkimmanenz
Die werkimmanente Interpretation trat nicht in nur einer festen Form auf, sondern hatte verschiedene Ausprägungen. Das Spektrum reichte von Editionswissenschaft, also der wissenschaftlichen Herausgabe und Sicherung von Texten, bis zu großen literatur- und kunstgeschichtlichen Projekten.
Beispiele aus dem Artikel sind Erich Trunz mit der Hamburger Goethe-Ausgabe, Wolfgang Kayser mit einer sachlich zergliedernden Poetik in „Das sprachliche Kunstwerk“, Emil Staiger mit konservativ-humanistischen Studien, Heinz Kindermann mit dem ästhetikgeschichtlichen Großprojekt „Theatergeschichte Europas“ sowie Benno von Wiese mit gattungsgeschichtlichen Arbeiten und Interpretations-Sammelbänden.
Richard Alewyn wird als besonderer Fall genannt: Er entwickelte ein „exegetisches, zeigendes, nachzeichnendes Vermögen“ in „zuchtvoller Virtuosität“, griff dabei aber auch sozialgeschichtliche Ansätze auf. Diese wurden in den 1960er Jahren wichtig.
Kritik und neue Ansätze
Seit den späten 1950er Jahren wurde die werkimmanente Interpretation zunehmend kritisiert. Ein zentraler Kritikpunkt war, dass sie dazu neige, autoritäre Setzungen nicht zu hinterfragen, sondern eher zu übernehmen oder zu verehren. Gemeint sind zum Beispiel Epochenbegriffe, ein normatives Sprachverständnis oder die beherrschende Stellung des Autors.
Eine neue Generation von Germanisten entwickelte daraufhin andere methodische Ansätze. Diese konzentrierten sich stärker auf sachlich-analytische Untersuchungen von Text- und Gattungsstrukturen. Als Wegbereiter einer textimmanenten Analyse im strengen Sinn nennt der Artikel Eberhard Lämmert, Käte Hamburger und Franz Karl Stanzel.
Folgen für die Literaturwissenschaft
Rückblickend gilt die werkimmanente Interpretation als Übergangsphase. Sie steht zwischen einer stark ideologisch gefärbten Germanistik aus Kaiserreich, Weimarer Republik und „Drittem Reich“ und einer modernen wissenschaftlichen Textanalyse, die von der Linguistik beeinflusst war und strukturalistisch arbeitete. Strukturalistische Textanalyse bedeutet hier: Texte werden stärker nach ihren inneren Strukturen, sprachlichen Formen und Regeln untersucht.
Seit etwa 1970 verschob sich die Aufmerksamkeit wieder stärker auf das, was die immanente Betrachtung zuvor ausgeblendet hatte: sozialgeschichtliche und mediengeschichtliche Umstände. Damit rückten also gesellschaftliche Bedingungen, historische Zusammenhänge und Medienformen wieder stärker in den Blick.